Aus dem Archiv: Rede zum 8. März 2016

7. März 2022

Von Sebastian Schröder, VVN-BdA Wuppertal

Sehr geehrte Damen und Herren,

Die Lebensläufe mutiger widerständiger Frauen sehen wir hier vor uns und werden ihre Arbeit und ihren Kampf, die sie auch für uns geleistet haben und in dem einige ihr Leben verloren haben, gleich näher kennenlernen.

Zwei Wuppertalerinnen könnten ebenfalls in dieser Ausstellung geehrt werden: Cläre Quast, verwitwete Muth, geborene Riedesel ,geboren 1902 und Waltraud Blass, geborene Ebbinghaus.

Die Textilarbeiterin und Gewerkschafterin Cläre Muth und ihr Mann Willi Muth sind schon vor 1933 antifaschistisch in Wuppertal aktiv, als Mitglieder der KPD sind sie oft in Auseinandersetzungen mit den faschistischen SA-Banden verwickelt.

Die Bedrohung, Verschleppung und Ermordung von Antifaschistinnen und Antifaschisten erreicht im Sommer 1933 in Wuppertal einen Höhepunkt: das KZ Kemna wird errichtet, als eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland.

Cläre und Willi organisieren trotzdem unter ständiger Gefahr den Widerstand in den Betrieben und bauen mit großem Erfolg freie Gewerkschaften auf. Cläre nutzt ihre Kontakte zu den Elberfelder Textilarbeiterinnen um antifaschistische Informationen zu verbreiten, Mut zu machen und Aktionen zu initiieren.

Im Januar 1935 wird Willi verhaftet und noch im Polizeigefängnis in der Von-der Heydt-Gasse grausam ermordet. Cläre wird versteckt und kann schließlich im März nach Amsterdam entkommen.

Die Gestapo hat über 1200 Menschen im Bergischen festgenommen, der massive Widerstand in der Region sollte gebrochen werden. Mit Verhaftung, Folter und Mord verbreiten die Nazis Angst und Schrecken, ab Ende 1935 beginnen die Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse.

Albert Norden schreibt 1936: „Die Frauen geben an Kraft der antifaschistischen Gesinnung und Tat den Männern nichts nach. 658 der Angeklagten sind verheiratet. 658 Frauen stehen an den Besuchstagen vor dem Gefängnis, um das, was sie sich selbst vom Munde absparen, ihren Männern zu bringen. Die Herren Staatsanwälte und Gestapo-Kommandeure können diese Liebe, diese Solidarität nicht begreifen, weil sie selbst einer solchen nicht fähig sind. Sie haben die Frauen verhaftet und tagelangen Verhören unterziehen lassen, um zu erfahren, woher das Geld stamme. Sie sind nicht auf ihre Kosten gekommen.“

Cläre gründet mit anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten in Amsterdam auf breiter Basis das Wuppertal-Komitee, das unter ihrer Mitwirkung eine wirksame Solidaritätsarbeit entfaltet: Aufklärung der internationalen Öffentlichkeit über Verbrechen und Folter, materielle Hilfe für Verfolgte und Angehörige, Anklage der Täter. Delegationen von Gewerkschaftern aus Holland und Frankreich reisen zu den Prozessen nach Wuppertal.

Seit 1936 lebt Cläre in Paris, wird von Deutschland 1937 ausgebürgert und arbeitet von Frankreich aus für eine gewerkschaftliche Organisierung der deutschen Textilarbeiterinnen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird sie verhaftet, kann aber 1941 nach Mexiko entkommen.

Sie bleibt eine wichtige Zeitzeugin und berichtet über die schrecklichen Ereignisse in Wuppertal bis sie 1984 in Berlin stirbt.

Die Ronsdorferin Waltraud Blass, geboren 1920, ist die Tochter von Hugo und Hildegard Ebbinghaus und wächst ebenso wie Cläre Muth in einer klassenbewußten und engagierten Familie auf. Trotz Verschleppung des Vaters in die Kemna und zweijähriger Haft des Bruders Egon schon zu Beginn der Naziherrschaft beteiligen sich die Familienmitglieder ab 1941 erneut im Widerstand. Anfang 1943 werden zunächst die Eltern verhaftet, einige Wochen später sperren die Nazis Waltraud in das Wuppertaler Polizeigefängnis. Gegen Jahresende wird sie in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert. Dort muss sie unter grausamsten Bedingungen weiter auf ihren Prozess warten und wird zur Zwangsarbeit bei Siemens in der Rüstungsproduktion eingesetzt.

Gegen dieses Unrecht -erlitten durch die Firma Siemens- strebt sie im Jahr 1990 einen Musterprozess an. Die Klage wird von den deutschen Gerichten zweimal abgewiesen. Die Ausbeutung der KZ-Häftlinge durch Zwangsarbeit wird in der Bundesrepublik nicht als fundamentales Verbrechen betrachtet. Waltraud berichtet unermüdlich vor jungen Leuten über die Naziherrschaft, über Ravensbrück und engagiert sich in der VVN-BdA gegen alte und neue Nazis, für Frieden und eine solidarische Gesellschaft. 2009 ist sie gestorben.

Heute am internationalen Frauentag fordern wir ein würdiges Gedenken für diese beiden Widerstandskämpferinnen!

Wir fordern heute eine Cläre-Quast-Straße und eine Waltraud -Blass Straße in Wuppertal!

Denn erinnern und ehren bedeutet die Namen nennen und die Geschichte zu kennen.

Damit diese heldenhaften Frauen niemals vergessen werden.

Ich danke Ihnen.

Die Waffen nieder! Erklärung der VVN-BdA zum Überfall auf die Ukraine

24. Februar 2022

Am heutigen Tag haben russische Truppen den offenen Krieg gegen die Ukraine begonnen.

In den letzten Wochen hatte die Russische Föderation unter Ausnutzung einer großen militärischen Übermacht und unter dem Deckmantel falscher historischer Herleitungen nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 die Souveränität der Ukraine in Frage gestellt und mit der völkerrechtswidrigen Anerkennung der sogenannten „Volksrepubliken“ im Donbass und die Übernahme ihrer weitergehenden territorialen Ansprüche verbunden mit dem Einmarsch russischer regulärer Truppen schwerwiegend gebrochen. Dies bedeutete den Abbruch langjähriger diplomatischer Bemühungen zur Lösung von Bürgerkrieg und Grenzkonflikt. Nun ist die Russische Föderation vollständig zur nackten Gewaltpolitik übergegangen.

Die VVN-BdA verurteilt diese Entscheidungen der Duma und des russischen Präsidenten, die weiteres großes Leid über das ukrainische und das russische Volk bringen werden, auf das Schärfste.

Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielschichtig und reichen bis in die Phase der Auflösung der Sowjetunion und des Überganges von der bipolaren Blockkonfrontation zu einem Europa indem zahlreiche Staaten teils konfrontativ, teils kooperierend um Macht und Einfluss ringen, zurück.

In allen Staaten Osteuropas wurden „nationale Identitäten“ mithilfe nationalistischer und rechtsgerichteter Ideologien konstruiert, vielfach mit Rückgriff auf die ideologischen Verwüstungen, die die Jahre des nazistischen Krieges, der Okkupation und der Kollaboration angerichtet haben.

Die reale Macht und der gesellschaftliche Reichtum fielen weitgehend in die Hände von Kleptokraten, Geheimdienstlern und Militärs. Das neue Russland, das aus diesen Auflösungserscheinungen schwach, aber überwiegend gewaltlos hervor ging, wurde dabei von Anfang an von den USA und Westeuropa mit Geringschätzung bedacht. Bestrebungen mittelosteuropäischer Staaten nach wirtschaftlicher und militärischer Integration in EU und NATO wurden von den großen EU-Mächten, darunter auch Deutschland, gefördert. Dies wurde von der Russischen Föderation als Bruch von Versprechungen und Akte der Aggression interpretiert.

Besonderer Austragungsort dieser Konfrontation ist die Ukraine. Prowestliche, u. A. von Deutschland unterstützte Kräfte, aber auch auf die Traditionen des ukrainischen Nationalsozialismus zurückreichende Organisationen kämpfen mit prorussischen. Die schiere Existenz des souveränen ukrainischen Staates wird vom russischen Präsidenten mit Rückgriff auf falsche bis missbräuchlich verwendete historische Analogien immer deutlicher negiert.

Anfang der 2010er Jahre kam es zu einer folgenreichen Kehrtwende der russischen Außen- und Sicherheitspolitik, aber auch der Innenpolitik. Seitdem werden die demokratischen Strukturen immer weiter ausgehöhlt, während gleichzeitig ein umfangreiches Rüstungs- und Militärprogramm Russland zur militärische Großmacht hat werden lassen, das aber auf demographisch und wirtschaftlich schwachen Füßen dasteht.

Diese Politik führt zum Gegenteil dessen was sie erreichen soll. Russland ist heute wirtschaftlich, kulturell und politisch stärker isoliert denn je. Antirussische Ressentiments und Ideologien im Baltikum, in Polen und der Ukraine haben stark zugenommen .Auch nach einem vordergründig erfolgreichen Krieg würde Russland ärmer und schwächer dastehen denn je.

Die lautstärksten Freunde findet die Politik Russlands in Deutschland gerade in diesen Tagen bei der AfD, Reichsbürgern und anderen extrem rechten Gruppierungen, die im Putin-Regime ein Modell für Deutschland sehen.

Einen langfristigen Frieden in Europa wird es nur geben, wenn Großmachtstreben, Nationalismus, Chauvinismus und Autoritarismus in allen Ländern überwunden werden. Wirtschaftliche Kooperation und kultureller Austausch auf Augenhöhe zwischen großen und kleinen Staaten können die Wunden der Geschichte heilen. Deutschland als Nachfolgestaat des NS-Regimes trägt dafür eine besonders große Verantwortung.

Cornelia Kerth, Florian Gutsche
Bundesvorsitzende

Für Presseanfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Kontakt: Hannah Geiger  (Pressereferentin VVN-BdA), presse@vvn-bda.de, Mobil +49 (0)178 2785958

Aktuelles immer auf: www.vvn-bda.de und unseren Social-Media-Kanälen.
 VVN-BdA      @VVNBdA  @vvn_bda
Merchandise, Broschüren, Flyer und Co. in unserem Online-Shop: https://shop.vvn-bda.de/

Aus dem Archiv: Rede zum 8. Mai 2014

24. Februar 2022

Von Sebastian Schröder VVN-BdA Wuppertal – Kreissprecher

Sehr geehrte Damen und Herren

Wir stehen hier an den Gräbern der Kriegsgefangenen, an den Gräbern der sowjetischen und polnischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die aus ihrer Heimat verschleppt, und dann in Wuppertal ausgebeutet und ermordet wurden. Sie wurden Opfer von Faschismus und Krieg.

Auch heute droht der Welt Gefahr durch Faschismus und Krieg. Die Kriegsgefahr in der Ukraine wächst von Tag zu Tag.

Die Regierung der Ukraine hätte im Februar ohne die Hilfe von faschistischen paramilitärischen Gruppen und Parteien nicht gestürzt werden können.

Seit langem werden die Größe, die Militanz und die historischen Wurzeln der faschistischen Akteure verschwiegen oder verharmlost. So fordern etwa Geistes- und Sozialwissenschaftler der Heinrich-Böll-Stiftung ein Redeverbot: es wird Kritikern geraten, die „Aufmerksamkeit auf vertrautere, unkomplizierte und weniger ambivalente Themen [zu] lenken“.

Trotz dieses Zensurversuches wird die VVN-BdA über den Faschismus in der Ukraine sprechen, wir sind dazu verpflichtet, hier an den Gräbern der durch deutsche Faschisten Ermordeten.

Im sogenannten Rechten Sektor sind der Großteil der bewaffneten Aktivisten organisiert. Der prawi sektor hat sich unter anderem aus der Organisation Ukrainischer Nationalisten OUN gebildet und der Ukrainischen Nationalversammlung mit der paramilitärischen Gruppe Ukrainische Nationale Selbstverteidigung UNA-UNSO.

Als Partei agiert Swoboda seit 1990 zunächst als Sozial-Nationale Partei in der ukrainischen Politik und unterhält ebenfalls einen bewaffneten Verband.

Die zahlreichen Angriffe auf politische Gegner, etwa auf Mitglieder und Gebäude der Kommunistischen Partei, auf Abgeordnete der Werchowna Rada oder eine Rundfunkanstalt, haben die immer schwerer bewaffneten Gruppen des Rechten Sektors und von Swoboda begangen. Es wurden ihnen trotzdem Polizeiaufgaben übertragen.

An diese faschistischen Gruppen wurden wichtige politische Ämter in der neuen Regierung vergeben: Olexandr Sitsch von Swoboda ist stellvertretender Ministerpräsident, das Landwirtschaftsministerium und das Ministerium für Ökologie und natürliche Ressourcen sind ebenso an Swoboda vergeben wie des Amt des Generalstaatsanwalts. Sekretär des Sicherheits- und Verteidigungsrats ist Andrij Parubi -Mitbegründer der Sozial-Nationalen Partei, sein Stellvertreter ist Dmitro Jarosch vom Rechten Sektor.

Zur deutschen NPD hat Swoboda freundschaftliche Verbindungen: Swoboda war im Mai 2013 zur sächsischen NPD eingeladen. Die „Denkfabrik“ von Swoboda trägt den Namen „Joseph-Goebbels-Forschungszentrum für Politik“.

Aus Respekt vor den Ermordeten werde ich das bekannte Zitat des Swoboda-Fraktionsvorsitzenden Tjagnibok von 2004 über jüdische und russische Menschen hier nicht verlesen; es ist an Menschenverachtung nicht zu überbieten.

Seit ihrer Gründung 1929 war die OUN, die heute den Rechten Sektor beherrscht, orientiert am Vorbild des italienischen Faschismus. Gefördert wurde die OUN von Nazideutschland. Die Politik war geprägt vom Rassismus gegenüber Polen, Russen und Juden. Die Ermordung von politischen Gegnern gehörte ebenfalls zum Mittel ihrer terroristischen Politik. Das Ziel der Vertreibung aller nichtukrainischen Bevölkerungsteile führte im Zweiten Weltkrieg zu systematischen Massakern an der polnischen und jüdischen Bevölkerung auf dem Gebiet der Westukraine.

Vor allem seit der Präsidentschaft von Wiktor Juschtschenko im Jahr 2005 wurden die tragenden faschistischen Elemente in der Ideologie und der Politik der OUN verschleiert, verschwiegen und umgeschrieben. So wurde dem langjährigen radikalen OUN-Vorsitzendem und Nazi-Kollaborateur aus der Zeit des Weltkriegs ,Stepan Bandera 2010 der Titel „Held der Ukraine“ verliehen.

Wir sind entsetzt über die Hofierung dieser offen faschistischen Organisationen durch westliche Politiker -auch durch Bundesaußenminister Steinmeier.

Wir sind entsetzt über die kontinuierliche Verharmlosung dieser Strukturen als nationalistisch, rechtspopulistisch oder ethnonationalistisch.

Wir sind entsetzt darüber, dass EU-Gelder direkt in die Stützung dieser mit offenen Faschisten besetzten Regierung fliessen.

Wir sind entsetzt über die anhaltenden Verbrechen durch die sogenannte Nationalgarde in der Stadt Slowjansk. Die Nationalgarde wurde aus den faschistischen Kampfverbänden des Rechten Sektors und von Swoboda gebildet.

Wir sind entsetzt über den Angriff auf das Haus der Gewerkschaft in Odessa durch nicht uniformierte Faschisten mit über 40 Toten. Sie sind erstickt, verbrannt oder in den Tod gesprungen.

Heute geht in Europa wieder Gewalt und Kriegsgefahr von Faschisten aus!

Wir fordern unsere Wuppertaler Bundestagsabgeordneten Jürgen Hardt, Manfred Zöllmer und Peter Hintze auf:

Setzen Sie sich dafür ein diese schändliche Zusammenarbeit mit Rechtem Sektor und Swoboda unverzüglich zu beenden!

Wir wollen keine Unterstützung von Faschisten durch unsere Regierung!

Die Toten mahnen uns!

Ein literarisches Mahnmal

9. Januar 2022

Von Sebastian Schröder

Zur Novelle »Dunkelnacht« von Kirsten Boie

»Wollten ihre Männer nicht gehen lassen, die Weiber!« sagt der Dritte. Die Fleissner Agathe auch nicht! Sie ist schwanger, hat sie gesagt, wir dürfen ihn ihr nicht nehmen! Die Männer lachen.

»Ja mei, da mussten s’ halt mitkommen, die Weiber«, sagt der Führer der Jagdgruppe. »Das nenn ich Liebe!« ruft irgendwer und hebt sein Glas. »Jetzt hängen s’ gemeinsam.«

Faschismus bedeutet unerbittliche und maßlose Gewalt. Diese Gewalt in einem Jugendbuch zu zeigen hat sich Kirsten Boie, die bekannteste und erfolgreichste Kinderbuchautorin im deutschsprachigen Raum (u. a. »Die Kinder vom Möwenweg«, »Ritter Trenk«, »Sommerby«), zur Aufgabe gemacht.

Kirsten Boie hat mit »Dunkelnacht« ein erschütterndes Buch zur Penzberger Mordnacht am 28. April 1945 geschrieben. Drei fiktive Jugendliche führen die Lesenden als Zeug:innen des Geschehens durch die Ereignisse. Marie, Schorsch und Gustl sind über ihre Eltern mit den Akteur:innen verbunden. Mit Ausnahme der drei Jugendlichen ist das gesamte Geschehen verbürgt, so hat es sich im oberbayerischen Penzberg 48 Stunden vor der Befreiung durch die US-Armee abgespielt.

Drei Rundfunksender besetzt

In der Nacht vom 27. auf den 28. April besetzte die antifaschistische »Freiheitsaktion Bayern« drei Rundfunksender und forderte über Radio die Bevölkerung auf, die durch den »Nero-Befehl« angeordnete Zerstörung von Fabriken und Infrastruktur zu verhindern, den Faschist:innen die Macht zu entreißen und den Krieg zu beenden.

In Penzberg setzt nun Hans Rummer, SPD-Bürgermeister bis 1933, mit vertrauten Männern aus der Arbeiter:innenbewegung gewaltlos den Nazibürgermeister ab. Die unmittelbaren Maßnahmen der freien Administration sind der Schutz des Bergwerkes und die sichere Ausfahrt der Frühschicht, die Befreiung und der Schutz der sowjetischen und französischen Zwangsarbeiter und die Einberufung einer demokratischen Versammlung für alle.

Der in die »Alpenfestung« fliehende Truppenteil der Wehrmacht lässt Rummer zunächst gewähren, setzt die Demokraten im Laufe des Tages dann aber doch fest und erwirkt beim Münchner Gauleiter den Hinrichtungsbefehl. Sieben Antifaschisten, darunter Hans Rummer, werden am frühen Abend des 28. April von der Wehrmacht erschossen, gleichzeitig wird die Werwolf-Gruppe des prominenten Naziliteraten Hans Zöberlein nach Penzberg beordert. In der Nacht wüten circa einhundert Faschisten in Zivilkleidung, vermummt und betrunken, aber systematisch in Penzberg. Nach Zurufen Ortskundiger werden Listen von Antifaschist:innen erstellt, und das Suchen und Zerstören beginnt. Mit Schildern um den Hals werden neun Menschen in der Ortsmitte an Balkonen und Bäumen erhängt, darunter zwei Frauen, eine war schwanger.

US-Armee befreit Penzberg

Angeleitet von der Werwolf-Gruppe funktioniert ein letztes Mal die Zusammenarbeit von NSDAP, SS, Volkssturm, Polizei, Stadtwache unter dem Schutz der Wehrmacht. Am 30. April zieht die US-Armee in Penzberg ein.

Im Handeln der Täter in diesen Stunden gab es immer wieder die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden, immer die Freiheiten, die Morde zu verhindern. Die Verantwortlichen des Naziregimes haben diese Möglichkeiten nicht genutzt, sie haben entweder die Eskalation vorangetrieben, haben zögernd mitgemacht oder sind passiv geblieben. Nach der Befreiung gehen die Prozesse den in der BRD üblichen Weg von Revision und Freispruch oder Haftverschonung. Mit Schutzbehauptungen und Lügen vertauschen die Angeklagten Opfer und Täter, stellen sich als reine Befehlsempfänger dar.

Überall, in jedem Stadtviertel, in den kleinsten Orten gab es unzählige faschistische Verbrechen, zunächst nur in Deutschland, später im ganzen besetzten Europa. Stellvertretend beschreibt Kirsten Boie die Verbrechen in Penzberg. Sie hilft dem Gedenken, der Trauer und vor allem der Mahnung mit ihrer Stimme. »Sechzehn Ermordete und kein einziger Mörder. Das soll man verstehen«, schreibt Boie im Nachwort. Ihr kommt das große Verdienst zu, die schrecklichen Ereignisse für junge Menschen in »Dunkelnacht« in die Gegenwart zu holen. Helfen wir mit, dass »Dunkelnacht« in den Kanon der Schulbuchlektüre aufgenommen wird.

Miserable Tradition

14. November 2021

Viele Gründe gegen die Aufführung der »Feuerzangenbowle«

Von Sebastian Schröder

Die meisten kennen Heinz Rühmann in »Die Feuerzangenbowle« als schusselig-sympathische Figur Pfeiffer. Die Komödie spielt im Kaiserreich und handelt von einem Erwachsenen, der wieder in die Schule zurückkehrt, und den daraus entstehenden Verwicklungen. Wir kennen die Figur Pfeiffer, weil der Film seit 1969 regelmäßig im Ersten und den dritten Programmen der ARD ausgestrahlt wird, vorzugsweise in der Weihnachtszeit und um Silvester. Die ARD begründet dies auch heute damit, dass es »ein deutscher Filmklassiker« sei, »der sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut«.

Gedreht 1943, uraufgeführt im Januar 1944 – jetzt erklärt sich das unbestimmte ungute Gefühl, das sich beim Schauen einstellt. Natürlich wurde kein Film im Faschismus ohne Hintergedanken gemacht, auch die scheinbar harmlosen Filme haben ihre Funktion in der NS-Propaganda erfüllt.

Dieser Film von 1944 verklärt die Vergangenheit des wilhelminischen Obrigkeitsstaates und transportiert unterschwellig Elemente der NS-Ideologie wie »Rasse« oder Gehorsam. Damit verfolgt er das Programm des Faschismus und steht im Gegensatz zu unseren zentralen demokratischen Werten wie Vielfalt und Toleranz. Noch wichtiger war allerdings die Funktion des Films in der Kulturpolitik von Propagandaminister Goebbels: »Die Feuerzangenbowle« war ein attraktives Mittel, um viele Menschen im Kino von Krieg und Diktatur abzulenken, und dadurch auch unverzichtbarer Teil der »Durchhalte«-Propaganda des Naziregimes.

Wir kennen Heinz Rühmann, seine Stimme mit seiner sich einprägenden Art zu sprechen vor allem aus der »Feuerzangenbowle«. Goebbels hat Rühmann verehrt und ihn vielfältig eingebunden, Rühmann war einer der bestbezahlten und bekanntesten Schauspieler und hat sich bei Hitler und Göring persönlich für die Aufführung des Films eingesetzt. Als Regisseur hat er 1940 den jährlichen »Geburtagsfilm« für Goebbels gedreht – zu dessen vollster Zufriedenheit. 1944 wird Rühmann auf die »Liste der Gottbegnadeten« gesetzt, ein Privileg nur für die im Faschismus Bekanntesten und Wichtigsten aus Kunst und Kultur. Rühmann war Nutznießer und Stütze des Regimes. Auf der anderen Seite der Tod eines Menschen: Der Autor des von Kindern im Film vorgetragenen Kanons »Der Frühling liebt das Flötenspiel doch auch auf der Posaune«, Erich Knauf, wurde am 2. Mai 1944 wegen »defätistischer Äußerungen« im Zuchthaus Brandenburg enthauptet.

Seit Beginn der Ausstrahlung des Films wird in der Bundesrepublik die Debatte um die Geschichte und die Bedeutung des Films geführt. Die künstliche Popularität der »Feuerzangenbowle« ist bis heute ein wichtiger Teil der Verharmlosung des deutschen Faschismus. Rühmann war Superstar sowohl im Faschismus als auch in der Bundesrepublik. Er verkörpert die Einstellung des »es war ja alles nicht so schlimm«.

Aber es ist noch viel schlimmer: Die Rechte für jede öffentliche Aufführung liegen seit den siebziger Jahren bei Cornelia Meyer zur Heyde aus Münster. Sie entscheidet, ob, in welchem Kontext und wo der Film außerhalb der Öffentlich-Rechtlichen gezeigt werden darf, und erhält dafür eine Lizenzgebühr. Meyer zur Heyde war im Vorstand der AfD Münster und ist im rechten Hayek-Club Münsterland aktiv. Sie erlaubt ausschließlich Aufführungen zu unterhaltenden Zwecken. In kritische Diskussionen eingebettete Aufführungen untersagt sie immer.

Das Festhalten der ARD an regelmäßigen Ausstrahlungen führt direkt zu Lizenzgewinnen von Frau Meyer zur Heyde, denn »Die Feuerzangenbowle« bleibt präsent und bekannt. Die ARD hat die Fernsehtradition »Feuerzangenbowle« geschaffen – die ARD soll diese miserable Tradition endlich beenden. Die Kreisvereinigungen Wuppertal und Münster der VVN-BdA treten der Aufführung des Films in Kinos, Universitäten etc. entgegen und informieren die Öffentlichkeit vor der Aufführung über die Hintergründe und die Nutznießer.

In Damme/Niedersachsen wird »Feuerzangenbowle« am 13. Dezember im Kunst + Kulturkreis Damme vorgeführt, am 11. Dezember in Fürstenwalde/Spree durch das Jugendbildungswerk Berlin-Brandenburg. Auf unsere Hinweise und Aufforderungen zur Diskussion haben beide Institutionen bisher nicht reagiert. Wir lehnen ab, wofür der Film steht: die Verharmlosung und Normalisierung des deutschen Faschismus nach dem 8. Mai 1945. Wir fragen die Fans des Films, welche Gründe für die Ausstrahlung sprechen. 1994 hat Georg Seeßlen gesagt: »›Die Feuerzangenbowle‹ ist weder ein ›guter‹ noch ein ›böser‹ Film. Dieser Film ist, leider, auch kein unschuldiger.«

Rede zum 1. September / 8. Mai 2021 auf dem Friedhof Norrenberg

2. September 2021

Von Sebastian Schröder, VVN-BdA Wuppertal

Sehr geehrte Damen und Herren

Wir haben uns an den Gräbern der polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern versammelt. Sie wurden wie tausende andere nach Wuppertal verschleppt, und ihr Lebensweg endete hier, in der Fremde, ausgebeutet, gequält und schliesslich direkt oder indirekt ermordet.

Wir gedenken heute sowohl des Kriegsbeginns als auch des Kriegsendes.

Nicht nur die Hoffnung des 8. Mai 1945, sondern auch Angst, Entsetzen und Verzweiflung des 1. September 1939 sehen wir heute.

Damals wie heute gilt: Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus!

Wir stehen an den Gräbern der Verschleppten und fragen:

Wurden die antifaschistischen Hoffnungen des 8. Mai 1945 erfüllt?

Wurden die unzähligen Verbrechen gesühnt, die seit dem 30. Januar 1933 durch den Faschimus an der Macht begangen wurden?

Leider haben sich die Hoffnungen auf Gerechtigkeit und Bestrafung der Täter nicht erfüllt, wie die Geschichte der Bundesrepublik und auch Wuppertals zeigt. Viele der Täter haben weiter die faschistische Ideologie verbreitet und die alten Netzwerke erhalten, modernisiert und ausgebaut.

Wir nennen Generalleutnant Theodor Tolsdorff, der ab 1947 hier in Heckinghausen gelebt hat.

1909 in Ostpreußen als Sohn einer Gutsbesitzerfamilie geboren, wurde Tolsdorff im Faschismus Soldat in der 1. Ostpreußische Infanteriedivision. Dies war eine populäre Armeegliederung, 1935 hervorgegangen aus der Reichswehr und dem klassischen preußischen Militarismus. Die 1. Ostpreußische Infanteriedivision ist das zentrale Symbol für die Schaffung der faschistischen Wehrmacht, Symbol der Aufrüstung und der Wiedereinführung der Wehrpflicht. Alles diente dem Ziel des Krieges Deutschlands gegen seine Nachbarn. 1934, noch vor der offiziellen Schaffung der Wehrmacht, wurde sogar ein moderner Lehr- und Propagandafilm über die 1. Ostpreußische Infanteriedivision gedreht. Die Division war das Aushängeschild der neuen Wehrmacht, das Zeichen der Kontinuität von Preußen, Kaiserreich und NS-Staat. Auch Wilhelm Prinz von Preußen, einer der Söhne von Exkaiser Wilhelm der 2. war hier Soldat.

Die Division beteiligte sich 1939 am Angriff auf Polen. 1939/1940 war sie für 6 Monate in Wuppertal stationiert, in Wartestellung für den Einsatz in Frankreich. So auch Theodor Tolsdorff, der hier seine zukünftige Ehefrau kennenlernte.

Diese Befehlshaber der 1. Ostpreußischen Infanteriedivision waren an Kriegsverbrechen beteiligt:

Generalfeldmarschall Georg von Küchler war im Dezember 1941 in der Sowjetunion verantwortlich für die Ermordung von 230 psychisch kranken Frauen in der Anstalt Maskarewkaj Pustin und wurde hierfür im Nürnberger OKW-Prozess durch die Alliierten verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass er auch die Ermordung weiterer 1200 psychisch kranker Menschen in Nikolskoje Ende 1941 befohlen hatte.

Generalleutnant Ernst-Anton von Krosigk war beteiligt an den Planungen des Massakers von Kamenez-Podolsk, bei dem im August 1941 23.600 jüdische Menschen ermordet wurden.

Und Theodor Tolsdorff: Die Nazi-Propaganda hatte ihn zum prominenten Kriegshelden aufgebaut und ihm den Namen „Löwe von Wilna“ verpasst. Er ist eine Figur von Joseph Goebbels, der sogenannte „tolle Tolsdorff“. Er war der jüngste kommandierende General des Herres, einer von nur 27 Soldaten mit dem Orden „Ritterkreuz – Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten“, verliehen durch Hitler persönlich.

Theodor Tolsdorff tötete am 3. Mai 1945 in der Nähe von Traunstein in Bayern Franz Holzhey, nur zwei Stunden bevor die US-Armee den Ort befreite. Holzhey hatte zum Schutz des Krankenhauses vor amerikanisches Beschuss ein Rot-Kreuz-Schild aufgestellt. Tolsdorff wollte Holzhey als Strafe dafür hinrichten lassen, doch das Erschießungskommando der Wehrmacht verweigerte den Befehl, so dass Tolsdorff den Gefangenen selbst erschoss.

Nach der Befreiung bleibt der prominente Offizier Tolsdorff 2 Jahre in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und zieht dann nach Wuppertal, in die Heimatstadt seiner Ehefrau und ihrer Familie.

1952 wird Tolsdorff in seiner Wohnung wegen der Ermordung von Franz Holzhey verhaftet. Drei Prozesse werden in Traunstein in Bayern geführt, nach der Verurteilung 1954 folgen 1958 Teilamnestie und 1960 schliesslich Revision und Freispruch. Juristisch Winkelzüge konstruieren Tolsdorffs Unschuld. Im ersten und aufsehenerregenden Prozess stellt sich General Kesselring als Zeuge auf die Seite Tolsdorffs. Antifaschistische Proteste begleiten die Verfahren in Traunstein und müssen den Freispruch als weiteres Nachkriegsunrecht der BRD hinnehmen. Der „tolle Tolsdorff“ bleibt frei und ist rehabilitiert.

Er nutzt die Zeit, wird Mitglied im Bundesvorstand der reaktionären Ostpreußischen Landsmannschaft, erhält als höchste Auszeichnung des Vertriebenenverbandes 1977 das sogenannte Preußenschild, und pflegt in diesem Milieu sein Image als Haudegen und aufrechter Soldat.

Und Tolsdorff organisiert und führt die Kameradschaft der ehemaligen Soldaten der 1. Ostpreußischen Infanteriedivision an, die sich regelmäßig in Wuppertal trifft.

Bei seiner Beerdigung 1978 auf dem Friedhof an der Heckinghauser Straße sind nicht nur hohe Funktionäre der Ostpreußischen Landsmannschaft zugegen, sondern auch Günther Pape ist dort. Der Generalmajor der Bundeswehr war wie Tolsdorff Wehrmachtsgeneral und Propaganda-Held, einer von Goebbels‘ berühmten jungen Generalen der Wehrmacht. Auf dem Foto der Ordensverleihung durch Hitler 1943 stehen Tolsdorff und Pape nebeneinander. Sie sind auf dem gleichen Foto! Natürlich wird vom BRD-Verteidigungsministerium ein Kranz zu Ehren des Verstorbenen niedergelegt.

Am Arrenberg hat die Familie Von der Heydt 1913 ein nationalistisches Denkmal gestiftet, anlässlich der 100-jährigen Wiederkehr der sogenannten Völkerschlacht von Leipzig. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde, vor allem für die Jugend, ein Hass- und Kriegsort etabliert. 1914 wurde hier der Ehrenfriedhof für die Elberfelder Soldaten angelegt. Die Königshöhe wurde zum Wallfahrtsort der Deutschnationalen, Völkischen und Faschisten. Es ist verbürgt, dass bereits 1924 dort ein Aufmarsch der SA stattgefunden hat.

Und genau hier hat im September 1959 die Kameradschaft der 1. Otpreußischen Infanteriedivision einen Gedenkstein zu ihren eigenen Ehren errichtet. Warum Wuppertal? Weil sie hier 1939 bis 1940 viele Monate für die sogenannte Ausbildungszeit in Nächstebreck einquartiert waren, und weil Wuppertal Wohnort von Tolsdorff ist, des Stars der Division.

Es gibt ein eigenes Festprogramm: Ein Vertreter der Stadt spricht, das Musikkorps der Bundeswehr spielt „Ich hat einen Kameraden“ und das Deutschlandlied. In den Reden wird die reaktionäre Agenda der Vertriebenen präsentiert. Hochrangige Divisionsangehörige schildern ihr eigenes Verhalten im Krieg als ehrenwert und untadelig mit den Worten „entsagungsvolle Pflichterfüllung für Volk und Heimat“. Bis tief in die Nacht feiern die Soldaten. Von 1951 bis 1970 finden nun fast jährlich Treffen der gut organisierten Kameradschaft in Wuppertal statt. Seit 1960 am Stein mit Kranzniederlegungen, und auch in kleinem Kreis, etwa am 14. Mai 1977.

Bis in unsere Zeit wird Tolsdorff verehrt und der Stein als Versammlungsort genutzt.

In der neurechten Preußischen Allgemeinen Zeitung, sie ist verbunden mit den Vertriebenenverbänden, wird zum 100. Geburtstag Tolsdorffs im Jahr 2009 erneut der Mythos des ehrlichen ostpreußischen Haudegens bemüht. Und auch Franz Holzhey wird wieder verleumdnet. Der Mann, dem Tolsdorff aus nächster Nähe in den Kopf geschossen hat, wird als „fahnenflüchtiger Offizier“ bezeichnet, der „unter Missbrauch der Rot-Kreuz-Flagge Kontakt zum Feind“ aufgenommen habe. Der Autor jubelt über den „Freispruch erster Klasse“, unterlegt mit einem Propagandafoto von Tolsdorff aus dem zeitungseigenen Archiv.

Und im November 2009 werden Kränze am Arrenberg niedergelegt, von der Frauenarbeitsgemeinschaft Wuppertal im Bund der Vertriebenen, dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr und den Kameradschaften der 1. Ostpreußischen Infanteriedivision. Der sogenannte Kameraden- und Freundeskreis besteht weiterhin. Ob es Ansprachen gab und gefeiert wurde, ist nicht bekannt.

„Der Vergangenheit – der Zukunft“ heisst drohend die Inschrift am Arrenberg

Wir sagen nein!

Nein zu diesem rechten Kult!

Nein zur rechten Wallfahrtsstätte am Arrenberg!

Wir wollen keinen Hass, wir wollen Zukunft, wir wollen Frieden!

Wir möchten alle Menschen, Organisationen und Institutionen einladen zum Projekt Baum des Friedens.

Lassen Sie uns gemeinsam bis zum 8. Mai 2025 einen neuen Mahn- und Gedenkort in Wuppertal schaffen, wie es ihn schon in so vielen Städten und Gemeinden gibt.

Schaffen wir in Wuppertal einen Ort, der unseren Willen zum friedlichen und solidarischen Miteinander zeigt.

Wir möchten die Bürger*innen, die Zivilgesellschaft, die Institutionen, den Oberbürgermeister und die demokratischen Parteien aufrufen:

Lassen Sie uns auch in unserer Stadt einen Friedensbaum pflanzen.

Erich Fried: Gründe

3. Juli 2021

„Weil das alles nicht hilft

Sie tun ja doch was sie wollen

Weil ich mir nicht nochmals

die Finger verbrennen will

Weil man nur lachen wird:

Auf dich haben sie gewartet

Und warum immer ich?

Keiner wird es mir danken

Weil da niemand mehr durchsieht

sondern höchstens noch mehr kaputtgeht

Weil jedes Schlechte

vielleicht auch sein Gutes hat

Weil es Sache des Standpunktes ist

und überhaupt wem soll man glauben?

Weil auch bei den andern nur

mit Wasser gekocht wird

Weil ich das lieber

Berufeneren überlasse

Weil man nie weiß

wie einem das schaden kann

Weil sich die Mühe nicht lohnt

weil sie alle das gar nicht wert sind“

Das sind Todesursachen

zu schreiben auf unsere Gräber

die nicht mehr gegraben werden

wenn das die Ursachen sind

aus: Erich Fried; und Vietnam und – Einundvierzig Gedichte, mit einer Chronik; Berlin 1966

80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion

20. Juni 2021

Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 22. Juni 1941 – Auszüge

(…) Was nun folgte, was am 22. Juni 1941 begann, war die Entfesselung von Hass und Gewalt, die Radikalisierung eines Krieges hin zum Wahn totaler Vernichtung. Vom ersten Tage an war der deutsche Feldzug getrieben von Hass: von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion.

Die diesen Krieg führten, töteten auf jede erdenkliche Weise, mit einer nie dagewesenen Brutalität und Grausamkeit. Die ihn zu verantworten hatten, die sich in ihrem nationalistischen Wahn gar noch auf deutsche Kultur und Zivilisation beriefen, auf Goethe und Schiller, Bach und Beethoven, sie schändeten alle Zivilisation, alle Grundsätze der Humanität und des Rechts. Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion war eine mörderische Barbarei.

So schwer es uns fallen mag: Daran müssen wir erinnern! Und wann, wenn nicht an solchen Jahrestagen? Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen – diese Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung, und der Welt ein Mahnmal.

Hunderttausende sowjetische Soldaten sind schon in den ersten Monaten des Krieges, im Sommer 1941, gefallen, verhungert, erschossen worden.

Unmittelbar mit dem Vormarsch der deutschen Truppen begann auch die Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder durch Erschießungskommandos des SD, der SS und ihrer Hilfstruppen.

Hundertausende Zivilisten in der Ukraine, in Belarus, in den baltischen Staaten und in Russland wurden Opfer von Bombenangriffen, wurden als Partisanen unerbittlich gejagt und ermordet. Städte wurden zerstört, Dörfer niedergebrannt. Auf alten Fotografien ragen nur noch verkohlte steinerne Kamine aus einer verwüsteten Landschaft.

Es werden am Ende 27 Millionen Tote sein, die die Völker der Sowjetunion zu beklagen hatten. 27 Millionen Menschen hat das nationalsozialistische Deutschland getötet, ermordet, erschlagen, verhungern lassen, durch Zwangsarbeit zu Tode gebracht. 14 Millionen von ihnen waren Zivilisten.

Niemand hatte in diesem Krieg mehr Opfer zu beklagen als die Völker der damaligen Sowjetunion. Und doch sind diese Millionen nicht so tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, wie ihr Leid, und unsere Verantwortung, es fordern.

Dieser Krieg war ein Verbrechen – ein monströser, verbrecherischer Angriffs- und Vernichtungskrieg. Wer heute an seine Schauplätze geht, wer Menschen begegnet ist, die von diesem Krieg heimgesucht wurden, der wird an den 22. Juni 1941 erinnert – auch ohne Gedenktag und Mahnmal.

Spuren dieses Krieges finden sich in alten Menschen, die ihn als Kinder erlebten, und in den jüngeren, in ihren Enkeln und Urenkeln. Man findet sie von der Weißmeerküste im Norden bis zur Krim im Süden, von den Ostsee-Dünen im Westen bis Wolgograd im Osten. Es sind Zeichen des Krieges, Zeichen der Zerstörung, Zeichen des Verlustes.

Zurück blieben Massengräber – „Brudergräber“, wie man auf Belarusisch, Ukrainisch und Russisch sagt.

Das Morden ging in der Etappe weiter. Der Wehrmachtssoldat Paul Hohn, stationiert im belarusischen Berasino, notiert am 31. Januar 1942 in seinem Tagebuch: „Es ist 15 Uhr. Seit einer Stunde werden alle noch hier wohnenden Juden, 962 Personen, Frauen, Greise und Kinder erschossen. […]. Endlich. Ein Kommando von 20 Stapos vollzieht die Aktion. 2 Mann schießen immer in Abwechslung. Die Juden gehen im Gänsemarsch […] durch den Schnee […] zur Grube, in die sie hintereinander hineinsteigen und der Reihe nach im Liegen erschossen werden. […] So wird die Pest ausgerottet. Vom Fenster meiner Arbeitsstelle ist das Ghetto auf 500 m zu sehen und Schreie und Schüsse gut wahrnehmbar. Schade, dass ich nicht dabei [bin].“

Jeder Krieg bringt Verheerung, Tod und Leid. Doch dieser Krieg war anders.

Es war deutsche Barbarei. Er hat Millionen Menschenleben gekostet, er hat den Kontinent verwüstet, und er hat – in seiner Folge – die Welt über Jahrzehnte geteilt.

(…) Schauen wir überhaupt dorthin, in den viel zu unbekannten Osten unseres Kontinents?

Wer in Deutschland kennt Malyj Trostenez bei Minsk, wo zwischen 1942 und 1944 mindestens 60.000 Menschen ermordet worden sind? Oder das Dörfchen Chatyn, das im Sommer 1943 dem Erdboden gleichgemacht, und sämtliche Einwohner getötet wurden – die Hälfte von ihnen Kinder? Wer weiß von Korjukiwka in der Nordukraine, wo innerhalb von zwei Tagen 6.700 Männer, Frauen und Kinder der größten und brutalsten Strafaktion des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fielen?

Wer kennt die Stadt Rshew, unweit von Moskau, wo die Rote Armee in einer nicht enden wollenden Schlacht – allein dort – mehr als eine Million Tote und Verwundete zu beklagen hatte?

Wer kennt das Städtchen Mizocz, vor dessen Toren die jüdischen Bewohner an einem einzigen Tag erschossen wurden, am 14. Oktober 1942? Nur noch fünf Fotografien des deutschen Gendarmen Gustav Hille erinnern an den Ort des Verbrechens, der heute eine sanfte, hügelige Wiesenlandschaft ist.

„Stille und Schweigen liegen über den Toten, die unter den eingestürzten, von Gras überwucherten Heimstätten begraben sind. Die Stille ist schlimmer als Tränen und Flüche.“So schreibt Wasili Grossman im Herbst 1943.

Doch über der Stille kann man sie hören: die Geschichten der Überlebenden, der sowjetischen Kriegsgefangenen, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der vertriebenen und um ihr Hab und Gut beraubten Zivilisten, der Rotarmisten, die die Wehrmacht zurückdrängen und bezwingen sollten. (…)

Ja, dieser Krieg wirft einen langen Schatten, und in diesem Schatten stehen wir bis heute.

In einem Brief an seine Frau schreibt Helmuth James Graf von Moltke, der im August 1941 in der Völkerrechtsabteilung im Oberkommando der Wehrmacht arbeitet, „die Nachrichten aus dem Osten sind wieder schrecklich.“[…]„Hekatomben von Leichen“liegen„auf unseren Schultern“. Immer wieder höre man Nachrichten von Gefangenen- und Judentransporten, von denen nur zwanzig Prozent ankämen. Immer wieder höre man, dass in Gefangenenlagern Hunger herrsche, Typhus und andere Mangelepidemien.

Der Krieg, von dem von Moltke berichtet hat, ließ jedes menschliche Maß hinter sich. Aber es waren Menschen, die ihn erdacht und vollstreckt haben. Es waren Deutsche.

Und so hinterlässt er uns – Generation um Generation aufs Neue – die quälende Frage: Wie konnte es dazu kommen? Was haben unsere Vorfahren gewusst? Was haben sie getan?

Nichts, was damals weit im Osten geschah, geschah zufällig. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, des SD, der Waffen-SS und ihrer Helfer bahnten sich nicht planlos und brandschatzend ihren Weg. Sie folgten dem Vernichtungswahn und den mörderischen Plänen, die im Reichssicherheitshauptamt und in den zuständigen Reichsministerien erarbeitet worden sind. Und sie folgten der Wehrmacht, deutschen Soldaten, die zuvor schon die Bevölkerung beraubt, drangsaliert oder als vermeintliche Partisanen getötet hatte. Der verbrecherische Angriffskrieg trug die Uniform der Wehrmacht. An seinen Grausamkeiten hatten auch Soldaten der Wehrmacht teil. Lange, zu lange haben wir Deutsche gebraucht, uns diese Tatsache einzugestehen.

Die Pläne, denen die deutschen Soldaten folgten, hießen „Generalplan Ost“, „Hunger- oder Backe-Plan“, und erhoben Unmenschlichkeit zum Prinzip. Es waren Pläne, die das Ausbeuten und Aushungern von Menschen, ihre Vertreibung, Versklavung und schließlich ihre Vernichtung zum Ziel hatten.

Beamte im Reichssicherheitshauptamt planten mit zynischer Sorgfalt die Vernichtung. Sie planten einen Krieg, der die gesamte sowjetische Bevölkerung – die gesamte sowjetische Bevölkerung – zum Gegner erklärte: vom Neugeborenen bis zum Greis. Dieser Gegner sollte nicht nur militärisch geschlagen werden. Er sollte den Krieg, der ihm aufgezwungen wurde, selbst bezahlen, mit seinem Leben, seinem Besitz, mit allem, was seine Existenz ausmachte. Der gesamte europäische Teil der Sowjetunion, ganze Landstriche der heutigen Ukraine und Belarus‘, sollten – ich zitiere aus den Befehlen – „gesäubert“ werden, und vorbereitet für eine deutsche Kolonisierung. Millionenstädte wie Leningrad, das heutige Sankt Petersburg, Moskau oder Kiew sollten dem Erdboden gleichgemacht werden.

Auch die sowjetischen Kriegsgefangenen sah man nicht als Gefangene. Sie waren keine Kameraden – in dieser Sicht. Sie wurden ihres Menschseins beraubt – entmenschlicht. Die Wehrmacht, die die Verantwortung für die Gefangenen trug, hatte nicht die Absicht, sie zu ernähren, sie „durchzufüttern“, wie es damals hieß. Und die deutsche Generalität widersprach Hitlers Absicht nicht, die Wehrmacht zu Vollstreckern dieses Verbrechens zu machen. „Nichtarbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern.“ So angeordnet vom Generalquartiermeister des deutschen Heeres im November 1941.

(…)

In der Ausstellung, die wir heute hier eröffnen, kann man ein scheinbar harmloses Foto sehen. Es zeigt hunderte Bäume, die in den Himmel ragen. Bei genauem Hinsehen erkennt man: Es sind Bäume ohne Blätter, ohne Zweige, ohne Rinde. Sowjetische Kriegsgefangene haben sie mit bloßen Händen von den Stämmen gekratzt, um nicht den Hungertod zu sterben. Das Foto vermittelt uns eine Ahnung vom Grauen dieser Lager. Es stammt aus Schloss Holte-Stukenbrock in Ostwestfalen. Auch ein Ort dieser Verbrechen, nur eben nicht weit im Osten, sondern keine Stunde von meinem Heimatort entfernt – von dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, und wo ich in meiner Schulzeit auch nichts erfahren habe über das, was weniger als zwei Jahrzehnte vorher dort geschehen war.

(…)

Doch die Verbrechen, die von Deutschen in diesem Krieg begangen wurden, lasten auf uns. Auf den Nachkommen der Opfer ebenso wie auf uns, der heutigen Generation. Bis heute. Es lastet auf uns, dass es unsere Väter, Großväter, Urgroßväter sind, die diesen Krieg geführt, die an diesen Verbrechen beteiligt waren. Es lastet auf uns, dass zu viele Täter, die schwerste Schuld auf sich geladen hatten, nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Es lastet auf uns, dass wir den Opfern im Osten unseres Kontinents viel zu lange Anerkennung, auch Anerkennung durch Erinnerung, verwehrten.

(…)

Wer Licht in diese Erinnerungsschatten bringen will, der muss keine weite Strecke zurücklegen – sie finden sich vor unserer Haustür. Es sind nicht nur die ehemaligen Kriegsgefangenenlager wie Stukenbrock in Westfalen oder Sandbostel in Niedersachsen, das ich vor wenigen Tagen besucht habe. Es gibt in Deutschland über 3.500 Grabstätten sowjetischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener. Das Museum Karlshorst hat all diese Orte zusammengetragen und eine Landkarte erarbeitet. So wie die Gedenkstätten des Zweiten Weltkrieges im Westen besucht werden, so würde ich mir wünschen, dass junge Menschen auch die vergessenen Orte im Osten unseres Kontinents aufsuchen. Das wäre ein so wichtiger Beitrag für gemeinsames Erinnern.

Niemandem fällt es leicht, sich die Schrecken der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen, natürlich nicht. Aber verdrängte Erinnerung, nicht eingestandene Schuld wird niemals leichter, im Gegenteil, sie wird zu einer immer schwereren Last.

Wir sollten uns erinnern, nicht, um heutige und künftige Generationen mit einer Schuld zu belasten, die nicht die ihre ist, sondern um unserer selbst willen. Wir sollten erinnern, um zu verstehen, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt. Nur wer die Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart lesen lernt, nur der wird zu einer Zukunft beitragen können, die Kriege vermeidet, Gewaltherrschaft ablehnt und ein friedliches Zusammenleben in Freiheit ermöglicht.

Und deshalb sollten wir wissen, dass Orte wie Mizocz, Babyn Jar und Korjukiwka in der Ukraine, wie Rshew in Russland, wie Malyj Trostenez und Chatyn in Belarus, dass diese vergessenen Orte auch Orte deutscher Geschichte sind.

Dass nach allem, was geschehen ist, Deutsche heute von den Menschen in Belarus, in der Ukraine oder Russland – gerade an diesen Orten – gastfreundlich empfangen werden, dass sie willkommen sind, dass man ihnen warmherzig begegnet – das ist nicht weniger als ein Wunder.

(…)

Meine Bitte ist: Machen wir uns an diesem Tag, an dem wir an Abermillionen Tote erinnern, auch gegenwärtig, wie kostbar die Versöhnung ist, die über den Gräbern gewachsen ist.

Aus dem Geschenk der Versöhnung erwächst für Deutschland große Verantwortung. Wir wollen und wir müssen alles tun, um Völkerrecht und territoriale Integrität auf diesem Kontinent zu schützen, und für den Frieden mit und zwischen den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zu arbeiten.

(…)

Ich mache mir große Sorgen, dass die leidvolle Geschichte, an die wir heute erinnern, selbst mehr und mehr zur Quelle von Entfremdung wird. Wenn der Blick zurück auf eine einzige, nationale Perspektive verengt wird, wenn der Austausch über unterschiedliche Perspektiven der Erinnerung zum Erliegen kommt oder er verweigert wird, dann wird Geschichtsschreibung zum Instrument neuer Konflikte, zum Gegenstand neuer Ressentiments. Und deshalb bleibt meine Überzeugung: Geschichte darf nicht zur Waffe werden!

Denn uns eint doch dies: Wir erinnern nicht mit dem Rücken zur Zukunft, sondern wir erinnern mit dem Blick nach vorn, mit dem klaren und lauten Ruf: Nie wieder ein solcher Krieg! Ich weiß, dass ich diesen Ruf mit vielen, vielen Menschen in Polen und den baltischen Staaten, in der Ukraine, in Belarus und in Russland teile, in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. An Sie, an die Bürgerinnen und Bürger all der Länder, die unter dem deutschen Vernichtungskrieg gelitten haben, richte ich heute mein Wort:

Lassen Sie und lassen wir nicht zu, dass wir einander von neuem als Feinde begegnen; dass wir den Menschen im Anderen nicht mehr erkennen. Lassen wir nicht zu, dass die das letzte Wort haben, die der nationalen Überheblichkeit, der Verachtung, der Feindschaft, der Entfremdung das Wort reden. Die Erinnerung soll uns einander näherbringen. Sie darf uns nicht von Neuem entzweien.

(…)

Bei allen politischen Differenzen, bei allem notwendigen Streit über Freiheit und Demokratie und Sicherheit muss Platz sein für Erinnerung. (…)

Erinnerung an Vergangenes heilt nicht die Wunden, die in der Gegenwart geschlagen werden – aber die Gegenwart tilgt auch niemals die Vergangenheit. So oder so lebt Vergangenes in uns fort: entweder als verdrängte Geschichte, oder als eine Geschichte, die wir annehmen. Zu lange haben wir Deutsche das mit Blick auf die Verbrechen im Osten unseres Kontinents nicht getan. Es ist an der Zeit, das nachzuholen.

(…) Wir sind hier, um an 27 Millionen Tote zu erinnern – an 14 Millionen zivile Opfer.

Wir sind hier, um an den ungeheuren Beitrag der Frauen und Männer zu erinnern, die in den Reihen der Roten Armee gegen Nazideutschland gekämpft haben.

Wir blicken auf ihren Mut und ihre Entschlossenheit; auf die Millionen, die gemeinsam mit den amerikanischen, britischen und französischen Alliierten und vielen anderen ihr Leben eingesetzt und viele von ihnen verloren haben, für die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Ich bezeuge meinen tiefen Respekt für ihren Kampf gegen – wie Yehuda Bauer schreibt –„das schlimmste Regime, das diesen Planeten je geschändet hat“.

Ich verneige mich in Trauer vor den ukrainischen, belarusischen und russischen Opfern – vor allen Opfern der ehemaligen Sowjetunion.

Arbeiten wir für eine andere, für eine bessere Zukunft. Es liegt in unser aller Hände.

https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2021/06/210618-D-Russ-Museum-Karlshorst.html

Barbarische Anthropologie

18. Mai 2021

Jürgen Heiser in junge Welt vom 17. Mai 2021

In den USA sorgen menschliche Überreste für Aufsehen, die für Onlinekurse der Princeton University als Schauobjekte dienen sollten. Sie stammen von zwei minderjährigen Opfern der Bombardierung einer schwarzen Gemeinschaft in Philadelphia 1985

Ein Fall von Missbrauch der sterblichen Überreste ermordeter afroamerikanischer Kinder als Anschauungsobjekte der universitären Forschung und Lehre an US-Elitehochschulen fällt wie ein Schatten des gesellschaftlichen Erbes der Sklaverei auf die vorgeblich »moderne« Anthro­pologie. Ein Ereignis, an das zuletzt genau vor einem Jahr in dieser Zeitung erinnert wurde, ging dem voraus und wirkt wie ein Schemen aus der Frühgeschichte des in den USA virulenten rassistischen Wahns. »Der 13. Mai steht in diesem Jahr für den 35. Jahrestag des abscheulichen Massakers in der Osage Avenue in Südwestphiladelphia«, schrieb jW-Kolumnist Mumia Abu-Jamal. »Militärisch ausgerüstete Polizeitruppen warfen damals aus einem Helikopter eine Brandbombe auf ein Reihenhaus, das unter Nachbarn als das ›Move-Haus‹ bekannt war.«¹ Die Nachricht vom »Massaker am 13. Mai 1985« habe »die Nation erschüttert«, so Abu-Jamal, und sei »buchstäblich um die ganze Welt« gegangen.

Es war die unbegreifliche Aktion sogenannter Gesetzeshüter, die mit staatsterroristischen Methoden am Muttertag 1985 ein Wohngebiet zur »Free-Fire Zone« erklärten, um gegen eine als »Sekte« diskriminierte Gruppe von Menschen mit einer alternativen Lebensform vorzugehen. Bei diesem Angriff verlor nicht nur die Move-Gemeinschaft ihr Haus samt aller Habe, sondern die ganze afroamerikanische Nachbarschaft wurde obdachlos. 250 Menschen einer gewachsenen Gemeinschaft, vorwiegend Werktätige, Angestellte und Handwerker, die sich ein Zuhause geschaffen hatten, wurden zu Vertriebenen im eigenen Stadtteil. Sie mussten in Notunterkünfte evakuiert werden, weil zwei Straßenzüge mit 61 Gebäuden der Feuerwalze zum Opfer fielen, die der Bombenabwurf ausgelöst hatte.

Bei den vorwiegend aus Holz gebauten Reihenhäusern hatten die vom Move-Haus übergreifenden Flammen leichtes Spiel. Rund hundert weitere Häuser des Stadtteils Cobbs Creek wurden beschädigt, und die verantwortlichen Behördenvertreter sahen seelenruhig zu. Die alarmierte Feuerwehr wurde auf Befehl der Polizeiführung über eine Stunde lang daran gehindert, die Brandherde zu bekämpfen. Angeblich bestand Lebensgefahr für jeden, der den Block betreten und sich dem Move-Haus nähern würde. Tatsächlich in Lebensgefahr waren die dreizehn Kinder und Erwachsenen, die mit ihren Haustieren im attackierten Wohnhaus lebten. Ihr einziger Widerstand bestand darin, sich zu verbarrikadieren, weil sie nicht schon wieder die Polizei durch ihr Zuhause trampeln und es demolieren lassen wollten.

Tödliche Amtshilfe

Der Abwurf der Zweikilobombe eines Spezialsprengstoffs, den die US-Bundespolizei FBI der lokalen Polizei in Amtshilfe zur Verfügung gestellt hatte, war der Höhepunkt einer fast zwanzigstündigen Belagerung, deren Anlass nach amtlichen Angaben bloß »Beschwerden über Lärmbelästigungen« gewesen waren. Dieser Begründung widersprach Ramona Africa, eine der beiden Überlebenden des 13. Mai 1985, in einem Interview mit dem US-Nachrichtensender Democracy now. Der Überfall auf ihr Haus habe nicht »wegen Beschwerden von Nachbarn« stattgefunden. »Dieser Staat hat sich nie um Schwarze gekümmert, die sich über ihre Nachbarn beschwerten«. Der wahre Grund: »Sie bombardierten uns wegen unseres beharrlichen Kampfes für unsere Familienmitglieder, bekannt als die ›Move 9‹, die seit nunmehr zweiunddreißig Jahren unschuldig im Gefängnis sitzen«, so Africa im Mai 2010.

Move hatte immer schon schlechte Erfahrungen mit dem Staatsapparat gemacht. So im früheren Move-Haus im Stadtteil Powelton Village von Philadelphia am 8. August 1978, als die Gemeinschaft ebenfalls von einer Polizeiübermacht unter Sperrfeuer genommen wurde, um sie aus dem Haus zu vertreiben. Bei dem Angriff starb einer der Polizisten. Die Move-Mitglieder sagten aus, von ihnen sei kein Schuss abgegeben worden. Der Beamte könne nur Opfer des »Friendly Fire« seiner Kollegen gewesen sein. Trotzdem wurden neun Männer und Frauen, bekannt geworden als die »Move 9«, zu je 30 bis 100 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dass die damals schon mehr als sechs Jahre andauernde Haft sich noch als jahrzehntelanges Martyrium der Inhaftierten hinziehen würde, konnten die Bewohner des neuen Move-Hauses in der Osage Avenue im Mai 1985 noch nicht ahnen, aber der gegen sie gerichtete Terror von 1978 war ausschlaggebend für ihren Widerstand. Den sollte zunächst Tränengas brechen, dann eine wahre Sintflut von vier Wasserkanonen sie aus dem Haus schwemmen. Als nächste Eskalationsstufe kam ein 90minütiges »Feuer frei!« der Polizei mit amtlich bestätigten rund 10.000 Schüssen, die auf das Wohnhaus abgegeben wurden.

Schließlich wurde zu einem bevorzugten Mittel aus dem US-Arsenal kolonialer Kriegführung gegriffen: das durch den Hubschrauberangriff um exakt 17 Uhr 27 ausgelöste Höllenfeuer. Ramona Africa erinnerte sich: »Ohne irgendeine Ankündigung oder Warnung warfen sie diese Bombe auf das Dach unseres Hauses.« Nun blieb ihnen die Zwangslage, »entweder zu ersticken, lebendig verbrannt oder erschossen zu werden«, sagte Ramona Africa. Die Polizei habe ihre Hilferufe gehört, trotzdem wurden sie »immer wieder in das lodernde Inferno zurückgedrängt«, weil »um uns herum überall Kugeln einschlugen«.

Ramona Africa rettete das Kind Birdie und sich selbst und rannte ins Freie. Sie nahm an, die anderen wären ihr gefolgt. Bis ihr klar wurde: Sie waren im Haus umgekommen. Sechs Männer und Frauen sowie fünf Kinder im Alter zwischen sieben und 14 Jahren lagen tot in der rauchenden Asche. Die Africa Family, die an diesem Ort ihren naturbewussten und antirassistischen Gegenentwurf zur herrschenden US-Gesellschaft leben wollte, war fast vollständig ausgelöscht worden.²

In Pappschachteln verpackt

Im April 2021 erfuhr die entsetzte Öffentlichkeit der schwarzen Bevölkerung von Philadelphia, was der Basisaktivist Abdul-Aliy Muhammad eher zufällig herausgefunden hatte: Knochen von zwei der 1985 im Move-Haus getöteten Kinder, nämlich Delisha und Tree Africa, existieren noch. Mit bürgerlichem Namen hießen die beiden Delicia Phillips (12) und Katricia Dotson (14, »Tree« war ihr Spitzname). Beide trugen wie alle Move-Mitglieder den gemeinsamen Nachnamen Africa. Was Muhammad bereits am 21. April in einem Kommentar der Tageszeitung Philadelphia Inquirer kundgetan hatte, war die Tatsache, dass Teile der sterblichen Überreste von Tree und Delisha ohne Wissen ihrer Angehörigen jahrzehntelang, in Pappschachteln verpackt, abwechselnd in Archiven zweier US-Universitäten befunden hatten: in der Princeton University und der University of Pennsylvania und dem ihr untergeordneten Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology, kurz Penn Museum genannt.

Zur Enthüllung kam es, als die Stadt Philadelphia für das Frühjahr 2021 ihren ersten offiziellen Gedenktag für den Bombenanschlag von 1985 vorbereitete. Im Rahmen einer Gedenkfeier sollte umgesetzt werden, was der Stadtrat im vergangenen Jahr mit seiner formellen Bitte um Entschuldigung für das »unermessliche und anhaltende Leid, das durch die Bombardierung verursacht wurde«, angekündigt hatte.

Auch die britische Zeitung The Guardian wusste am 23. April zu berichten, es habe sich herausgestellt, dass die sterblichen Überreste der Kinder »in den vergangenen 36 Jahren in den anthropologischen Sammlungen der Universitäten von Pennsylvania und Princeton aufbewahrt wurden«. Die Hochschulen hätten »die stark verbrannten Fragmente aufbewahrt und seit 2019 ohne Erlaubnis der noch lebenden Eltern der Verstorbenen zu Lehrzwecken eingesetzt«.

Einige der Knochen wurden als Anschauungsobjekte für Fallstudien in einem Onlinekurs verwendet, der im Namen der Princeton University angeboten und von der Onlinestudienplattform »Coursera« betreut wurde. Der Kurs »Real Bones: Adventures in Forensic Anthropology« (etwa: »Echte Knochen: Abenteuer in der forensischen Anthropologie«) konzentrierte sich auf Fälle von »Lost Personhood«, im Kursangebot folgendermaßen erklärt: »Die forensische Anthropologie befasst sich mit medizinisch-juristischen Fällen, in denen menschliche Überreste nicht mehr einer Person zugeordnet werden können (ein Individuum kann aufgrund von Zersetzung oder Zerstörung einzigartiger persönlicher Merkmale nicht identifiziert werden).«³

Der Lehrplan für den ab 19. April 2021 angesetzten sechswöchigen Einführungskurs sah für die erste Woche vor, in »das Feld der forensischen Anthro­pologie mit einer Fallstudie über die Bombardierung der Move-Gemeinschaft« einzuführen. »Viele der menschlichen Überreste waren verbrannt, und somit ging die ›Personalität‹ verloren«, so die Kursbeschreibung. Die Einführung sei »mehr als nur eine Fallstudie der forensischen Anthropologie«. Denn: »Es gab sehr ernste Fragen über die sozialen und politischen Folgen der Ereignisse, die zu dem Angriff auf die Nachbarschaft in Philadelphia und in deren Ergebnis zu einer Konfrontation mit den Strafverfolgungsbehörden führten.« Das scheinbar vorhandene Problembewusstsein über die Vernichtung der Move Family und ihrer Wohnstatt hielt Kursleiterin Janet Monge, Kuratorin des Penn Museums, indes nicht davon ab, Knochen der Move-Kinder beruflich auszubeuten.

In einem online geposteten Video zum Kurs hält Monge, Gastprofessorin der Princeton University, einen Hüftknochen in die Kamera, von dem inzwischen sicher ist, dass er von der 14jährigen Tree Africa stammt. Dazu führt Monge aus: »Dies ist einer dieser Fälle, in denen das Material etwas Fleisch aufweist, was in der forensischen Anthropologie nicht ungewöhnlich ist. Die Knochen sind verbrannt, aber im vorliegenden Fall ist tatsächlich etwas Weichgewebe übriggeblieben. Es ist also eine ziemlich komplizierte Geschichte.« Und Monge weiter: Der »Oberschenkelknochen« sei »mit viel weniger Gewebe verbunden«, sei aber, »wie wir sagen würden, saftig«, sähe »glitschig« aus, würde jedoch »nicht wirklich schlecht« riechen, aber »irgendwie fettig, wie bei einem älteren Fett«.

Nach Bekanntwerden des Skandals wurde der Onlinekurs sofort eingestellt und die im Februar von Monge angefertigten Videoaufnahmen gelöscht.⁴ Als die Mütter und die übrigen Angehörigen aus der Africa Family von der Ungeheuerlichkeit erfuhren, mussten sie erkennen, dass die sterblichen Überreste der Toten vom 13. Mai 1985 nie wirklich vollständig geborgen worden waren. »Ich kannte Tree und Delisha sehr gut«, erklärte der heute Anfang 40jährige Mike Africa Jr. am 27. April im Gespräch mit Democracy Now. Er war sechs Jahre alt und befand sich bei seinen Großeltern, als die beiden starben. Sie seien alle drei »ungewöhnliche Waisenkinder« gewesen, da ihre Eltern zu den »Move 9« gehörten und seit mehr als sechs Jahren im Gefängnis saßen. Nun zu wissen, wie heute mit Teilen ihrer sterblichen Überreste umgegangen wird, bringe all den Horror, der sich mit dem 13. Mai verbinde, »wieder ganz nah. Gerade an einem weiteren Jahrestag, an dem wir immer an unsere Familie denken«, sagte Mike Africa Jr. Das sei »einfach niederschmetternd«.

Aus Gräbern gestohlen

In der schwarzen Bevölkerung Philadelphias wurden spontan Protest und Widerstand gegen den offenkundig gewordenen Skandal organisiert. Am 28. April 2021 zog eine Demonstration durch Philadelphia zum Penn Museum. »Move-Kinder verdienen es, in Frieden zu ruhen«, stand auf dem Transparent an der Spitze des Zuges zu lesen. Auf der Kundgebung vor dem Museum prangerte der Liedermacher YahNé Ndgo im Namen von »Black Lives Matter Philadelphia« die »Schändung der sterblichen Überreste zweier junger schwarzer Move-Familienmitglieder durch die University of Pennsylvania« an, wie Workers World online berichtete. Ndgo forderte, die Menschenwürde schwarzer Menschen müsse geachtet und »die Körper schwarzer und brauner Menschen« dürften »niemals als Studienobjekte missbraucht« werden. »Wir sind Menschen, und jedes unserer Leben zählt!«

Mike Africa Jr., Sohn der »Move 9«-Mitglieder Debbie und Mike Africa, blickte zurück auf die Zeit, als der Gerichtsmediziner und Mitarbeiter 1985 nach dem Brand im Move-Haus die Leichen in der Pathologie ungekühlt der Verwesung preisgaben. »Das war so ungeheuerlich, dass sie gefeuert wurden«, so Africa Jr. Danach seien die forensischen Anthropologen vom Penn Museum mit der Aufgabe der Identifizierung betreut worden, weil von ihnen ein »ethischeres Verhalten« erwartet wurde. Doch, so Africa Jr., »das sind genau die Monster, über die wir heute sprechen«. Gemeint sind der inzwischen im Ruhestand befindliche forensische Anthropologe Alan Mann und seine damalige Doktorandin Janet Monge, die nun in ihrem Video anhand des Hüftknochens von Tree Africa beschreiben, »dass meine Schwester einen Knochenbruch erlitt, als wahrscheinlich ein schwerer Balken auf sie gestürzt« sei.

Whistleblower Abdul Aliy Muhammad erklärte auf der Kundgebung, er und andere Gleichgesinnte hätten bereits vor zwei Jahren entdeckt, dass im Archiv des Penn Museums Gebeine von 53 Sklaven aus dem kolonialen Kuba lagern. Im vergangenen Jahr erfuhren sie dann, »dass dort auch 14 Schädel von Schwarzen lagern, die aus Gräbern gestohlen worden waren«, so Muhammad zur Menge. »Das ist ekelhaft, das ist widerlich!« Unter den 400 Protestierenden auf der Kundgebung waren auch Studierende und Lehrkräfte der University of Pennsylvania, die zwei Tage zuvor durch eine Pressekonferenz der Move-Organisation aufgerüttelt worden waren.

Eugenik und weiße Vorherrschaft

Am 28. April reagierten die Gesellschaften der »Association of Black Anthropologists« (ABA), der »Society of Black Archaeologists« (SBA) und des »Black in Bioanthropology Collective« (BiBA) mit einer gemeinsamen Erklärung.⁵ Sie verurteilten die Vorgänge um den Bombenabwurf im Jahr 1985 ebenso wie das Verhalten der beiden forensischen Anthropologen Alan Mann und Janet Monge, die Gebeine der Move-Kinder »in ihrem persönlichen Besitz zu behalten und zwischen dem Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology und der Princeton University hin und her zu schieben«. Als Monge den Coursera-Kurs im April anbot, hätten sich etwa 5.000 Studierende angemeldet. »Sie wurden jedoch im unklaren darüber gelassen, dass die Angehörigen weder über die Existenz der Gebeine informiert waren, noch je versucht worden war, sie ihnen zurückgegeben«, so die drei Gesellschaften.

ABA, SBA und BiBA erklärten weiter, sie seien »sich der barbarischen Geschichte der Anthropologie schmerzlich bewusst, besonders wenn es um Populationen von Völkern afrikanischer Abstammung« gehe. Ihre Disziplin sei immer wieder mobilisiert worden, »um Eugenik und das Denken weißer Vorherrschaft zu legitimieren und Sklaverei und Kolonialismus zu rechtfertigen«. Ihnen sei auch bewusst, »dass ethnographische Museen, wie das Penn Museum of Archaeology and Anthropology (das die Sammlung des berüchtigten Rassisten Samuel Morton beherbergt), die akademische Begründung für die Institutionalisierung von Rassismus in anthropologischen Lehrbüchern, Kursen und Lehrplänen unterstützt haben«.

Wegen dieser Geschichte des Rassismus in der Anthropologie sähen es ABA, SBA und BiBA als ihre Aufgabe, dem zu begegnen, »indem wir als Organisationen aufs Schärfste die Universitäten von Pennsylvania und Princeton zusammen mit den Professoren Alan Mann und Janet Monge für ihren erschreckenden Umgang mit den Gebeinen von Tree und Delisha Africa und für die unfassbare Herzlosigkeit und Respektlosigkeit gegenüber der Africa Family verurteilen«. Atemberaubend sei die »ethische Gleichgültigkeit, die alle Beteiligten dabei an den Tag gelegt haben«, aber auch »die Tatsache, dass diese Einrichtungen die Knochen schwarzer Kinder, die bei einem staatlichen Terroranschlag ermordet wurden«, für ihre Zwecke und auch finanziell verwerteten. Eine Tatsache, »die angesichts des in den letzten Jahren geschärften öffentlichen Bewusstseins für brutale Morde an schwarzen Kindern und Jugendlichen durch die Polizei um so schmerzhafter« sei.

Abschließend unterstützten sie die öffentlich in einer Petition von Mike Africa Jr. erhobenen Forderungen: die »sofortige Rückgabe der Gebeine von Delisha Africa und Tree Africa« sowie eine »Bitte um Entschuldigung der Universitäten von Pennsylvania und Princeton und des Penn Museum an die Move Family und die schwarze Gemeinde von Philadelphia für dieses rassistische und abscheuliche Verhalten«.⁶

Da die angesprochenen Institutionen bislang nur »Reuebekundungen« von sich gegeben hätten, müsse mehr geschehen. »Wir fordern deshalb, dass die American Anthropological Association sich umgehend darum bemüht, die Rückführung der Gebeine der Kinder der Africa Family sowie anderer sterblicher Überreste, die in zahlreichen anthropologischen Museen und Abteilungen im ganzen Land aufbewahrt werden, zu fördern.« Dazu gehörten unter anderem die zahlreichen sterblichen Überreste von Völkern afrikanischer Abstammung. Zu diesem Zweck fordern ABA, SBA und BiBA zudem »ein nationales Prüfungsverfahren bezüglich aller Bestände menschlicher Knochen in Museums- und Universitätssammlungen«. Es sei zwingend notwendig, diese Informationen öffentlich zu machen, »damit die Nachkommen die Souveränität über die sterblichen Überreste ihrer Vorfahren zurückfordern können«. Für den diesjährigen Gedenktag »des staatlich sanktionierten Bombenanschlags vom 13. Mai« baten die Verfasser der Erklärung die Öffentlichkeit um Solidarität mit den Familien und Freunden von Move, und die Unterstützung der »Forderung von Move nach Freiheit für Mumia Abu-Jamal und alle politischen Gefangenen!«

Die Erklärung ist ein Beleg dafür, dass der Skandal um den Missbrauch der Knochen der Move-Kinder in den USA eine Debatte befeuert, die in den letzten Jahren durch rassistische Polizeigewalt und die Infragestellung des sytemischen Rassismus der Gesellschaft forciert wurde. Durch die Kritik der Bewegung Black Lives Matter manifestierte sich nicht nur die selbstbewusste Feststellung, dass »schwarze Leben zählen«. Mehr und mehr kam auch die Frage auf: Was geschieht eigentlich mit unseren Toten? In diesem Zusammenhang entbrennt die Auseinandersetzung vor allem um den Umgang mit den Gebeinen versklavter Menschen in Museumssammlungen. Das Penn Museum hatte für die Zurschaustellung und Einlagerung von mehr als tausend Totenschädeln seiner »Samuel Morton Cranial Collection« um Entschuldigung gebeten. Die Sammlung war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengestellt und von ihrem Begründer zur Untermauerung von Theorien weißer Überlegenheit missbraucht worden.

Wachgerufen von der im Sommer 2020 erfolgten Entfernung der Morton Collection aus der öffentlichen Ausstellung im Penn Museum und als Beitrag zur Diskussion über Rassismus und antirassistische Arbeit sowie mit Blick darauf, »wie die Anthropologie historisch zu Strukturen der Ungleichheit beigetragen hat«, begann die Fachzeitschrift History of Anthropology Review im Februar 2021 eine neue Serie mit Essays über »das Erbe des wissenschaftlichen Rassismus in Museen«.

Da zeige sich »ein wirklich großes Problem«, zitierte Democracy Now am 30. April den US-Historiker Samuel Redman, Autor des Bandes »Bone Rooms: From Scientific Racism to Human Prehistory in Museums« (etwa: »Knochensäle: Vom wissenschaftlichen Rassismus zur menschlichen Vorgeschichte im Museum«). Darin beschreibt Redman auch die Repatriierung der Gebeine von indigenen Ureinwohnern als Konsequenz des vom US-Kongress 1990 verabschiedeten Bundesgesetzes »Native American Graves Protection and Repatriation Act«. Fälle wie der Missbrauch der Knochen der von Philadelphias Polizei getöteten Kinder seien »entsetzlich und erfordern unsere volle Aufmerksamkeit«. Notwendig sei indes »eine viel umfassendere Antwort auf dieses Problem, die in die Tiefe der Geschichte von Kolonialismus, weißer Vorherrschaft und wissenschaftlichem Rassismus« gehe. Dieses Phänomen setze sich bis in die Gegenwart fort als »Tradition, die wir in ihrer vollen Tragweite noch nicht verstehen«. Er unterstütze deshalb die Erklärung der schwarzen Anthropologen. »Weiße Anthropologen« sollten »aktiv daran arbeiten«, forderte Redman, »die Jahrhunderte der Gewalt und des Traumas, die nichtweiße Bevölkerungsgruppen erleiden mussten, wiedergutzumachen«.

Anmerkungen

1 jW vom 18.05.2020: https://www.jungewelt.de/artikel/378500.nicht-zu-entschuldigen.html.

2 Empfohlen ist dazu eine 60minütige Dokumentation über den 13. Mai 1985 vom TV-Sender WHYY (Philadelphia) unter dem Titel »Bombing of Osage« produziert. Das Video ist online frei verfügbar unter: https://www.pbs.org/video/whyy-specials-bombing-osage-avenue-1986/.

3 https://www.classcentral.com/course/real-bones-forensic-anthropology-21165

4 Das oben beschriebene Video ist jedoch noch im Archiv des Senders Democracy Now zugänglich: https://www.democracynow.org/2021/4/27/philadelphia_move_bombing_human_remains.

5 http://aba.americananthro.org/

6 Eine Petition dazu findet sich hier: https://actionnetwork.org/petitions/move-children-deserve-to-rest-in-peace.

Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. Februar 2021 über den afroamerikanischen Freiheitskämpfer Malcom X.

https://www.jungewelt.de/artikel/402528.forschung-und-rassismus-barbarische-anthropologie.html

Erich Fried: 17. – 22. Mai 1966

17. Mai 2021

Aus Da Nang

wurde fünf Tage hindurch

täglich berichtet:

Gelegentlich einzelne Schüsse

Am sechsten Tag wurde berichtet:

In den Kämpfen der letzten fünf Tage

in Da Nang

bisher etwa tausend Opfer

In: und VIETNAM und – Einundvierzig Gedichte, 1966, Berlin, Seite 23

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten