Erich Fried: Gründe

3. Juli 2021

„Weil das alles nicht hilft

Sie tun ja doch was sie wollen

Weil ich mir nicht nochmals

die Finger verbrennen will

Weil man nur lachen wird:

Auf dich haben sie gewartet

Und warum immer ich?

Keiner wird es mir danken

Weil da niemand mehr durchsieht

sondern höchstens noch mehr kaputtgeht

Weil jedes Schlechte

vielleicht auch sein Gutes hat

Weil es Sache des Standpunktes ist

und überhaupt wem soll man glauben?

Weil auch bei den andern nur

mit Wasser gekocht wird

Weil ich das lieber

Berufeneren überlasse

Weil man nie weiß

wie einem das schaden kann

Weil sich die Mühe nicht lohnt

weil sie alle das gar nicht wert sind“

Das sind Todesursachen

zu schreiben auf unsere Gräber

die nicht mehr gegraben werden

wenn das die Ursachen sind

aus: Erich Fried; und Vietnam und – Einundvierzig Gedichte, mit einer Chronik; Berlin 1966

80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion

20. Juni 2021

Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 22. Juni 1941 – Auszüge

(…) Was nun folgte, was am 22. Juni 1941 begann, war die Entfesselung von Hass und Gewalt, die Radikalisierung eines Krieges hin zum Wahn totaler Vernichtung. Vom ersten Tage an war der deutsche Feldzug getrieben von Hass: von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion.

Die diesen Krieg führten, töteten auf jede erdenkliche Weise, mit einer nie dagewesenen Brutalität und Grausamkeit. Die ihn zu verantworten hatten, die sich in ihrem nationalistischen Wahn gar noch auf deutsche Kultur und Zivilisation beriefen, auf Goethe und Schiller, Bach und Beethoven, sie schändeten alle Zivilisation, alle Grundsätze der Humanität und des Rechts. Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion war eine mörderische Barbarei.

So schwer es uns fallen mag: Daran müssen wir erinnern! Und wann, wenn nicht an solchen Jahrestagen? Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen – diese Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung, und der Welt ein Mahnmal.

Hunderttausende sowjetische Soldaten sind schon in den ersten Monaten des Krieges, im Sommer 1941, gefallen, verhungert, erschossen worden.

Unmittelbar mit dem Vormarsch der deutschen Truppen begann auch die Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder durch Erschießungskommandos des SD, der SS und ihrer Hilfstruppen.

Hundertausende Zivilisten in der Ukraine, in Belarus, in den baltischen Staaten und in Russland wurden Opfer von Bombenangriffen, wurden als Partisanen unerbittlich gejagt und ermordet. Städte wurden zerstört, Dörfer niedergebrannt. Auf alten Fotografien ragen nur noch verkohlte steinerne Kamine aus einer verwüsteten Landschaft.

Es werden am Ende 27 Millionen Tote sein, die die Völker der Sowjetunion zu beklagen hatten. 27 Millionen Menschen hat das nationalsozialistische Deutschland getötet, ermordet, erschlagen, verhungern lassen, durch Zwangsarbeit zu Tode gebracht. 14 Millionen von ihnen waren Zivilisten.

Niemand hatte in diesem Krieg mehr Opfer zu beklagen als die Völker der damaligen Sowjetunion. Und doch sind diese Millionen nicht so tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, wie ihr Leid, und unsere Verantwortung, es fordern.

Dieser Krieg war ein Verbrechen – ein monströser, verbrecherischer Angriffs- und Vernichtungskrieg. Wer heute an seine Schauplätze geht, wer Menschen begegnet ist, die von diesem Krieg heimgesucht wurden, der wird an den 22. Juni 1941 erinnert – auch ohne Gedenktag und Mahnmal.

Spuren dieses Krieges finden sich in alten Menschen, die ihn als Kinder erlebten, und in den jüngeren, in ihren Enkeln und Urenkeln. Man findet sie von der Weißmeerküste im Norden bis zur Krim im Süden, von den Ostsee-Dünen im Westen bis Wolgograd im Osten. Es sind Zeichen des Krieges, Zeichen der Zerstörung, Zeichen des Verlustes.

Zurück blieben Massengräber – „Brudergräber“, wie man auf Belarusisch, Ukrainisch und Russisch sagt.

Das Morden ging in der Etappe weiter. Der Wehrmachtssoldat Paul Hohn, stationiert im belarusischen Berasino, notiert am 31. Januar 1942 in seinem Tagebuch: „Es ist 15 Uhr. Seit einer Stunde werden alle noch hier wohnenden Juden, 962 Personen, Frauen, Greise und Kinder erschossen. […]. Endlich. Ein Kommando von 20 Stapos vollzieht die Aktion. 2 Mann schießen immer in Abwechslung. Die Juden gehen im Gänsemarsch […] durch den Schnee […] zur Grube, in die sie hintereinander hineinsteigen und der Reihe nach im Liegen erschossen werden. […] So wird die Pest ausgerottet. Vom Fenster meiner Arbeitsstelle ist das Ghetto auf 500 m zu sehen und Schreie und Schüsse gut wahrnehmbar. Schade, dass ich nicht dabei [bin].“

Jeder Krieg bringt Verheerung, Tod und Leid. Doch dieser Krieg war anders.

Es war deutsche Barbarei. Er hat Millionen Menschenleben gekostet, er hat den Kontinent verwüstet, und er hat – in seiner Folge – die Welt über Jahrzehnte geteilt.

(…) Schauen wir überhaupt dorthin, in den viel zu unbekannten Osten unseres Kontinents?

Wer in Deutschland kennt Malyj Trostenez bei Minsk, wo zwischen 1942 und 1944 mindestens 60.000 Menschen ermordet worden sind? Oder das Dörfchen Chatyn, das im Sommer 1943 dem Erdboden gleichgemacht, und sämtliche Einwohner getötet wurden – die Hälfte von ihnen Kinder? Wer weiß von Korjukiwka in der Nordukraine, wo innerhalb von zwei Tagen 6.700 Männer, Frauen und Kinder der größten und brutalsten Strafaktion des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fielen?

Wer kennt die Stadt Rshew, unweit von Moskau, wo die Rote Armee in einer nicht enden wollenden Schlacht – allein dort – mehr als eine Million Tote und Verwundete zu beklagen hatte?

Wer kennt das Städtchen Mizocz, vor dessen Toren die jüdischen Bewohner an einem einzigen Tag erschossen wurden, am 14. Oktober 1942? Nur noch fünf Fotografien des deutschen Gendarmen Gustav Hille erinnern an den Ort des Verbrechens, der heute eine sanfte, hügelige Wiesenlandschaft ist.

„Stille und Schweigen liegen über den Toten, die unter den eingestürzten, von Gras überwucherten Heimstätten begraben sind. Die Stille ist schlimmer als Tränen und Flüche.“So schreibt Wasili Grossman im Herbst 1943.

Doch über der Stille kann man sie hören: die Geschichten der Überlebenden, der sowjetischen Kriegsgefangenen, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der vertriebenen und um ihr Hab und Gut beraubten Zivilisten, der Rotarmisten, die die Wehrmacht zurückdrängen und bezwingen sollten. (…)

Ja, dieser Krieg wirft einen langen Schatten, und in diesem Schatten stehen wir bis heute.

In einem Brief an seine Frau schreibt Helmuth James Graf von Moltke, der im August 1941 in der Völkerrechtsabteilung im Oberkommando der Wehrmacht arbeitet, „die Nachrichten aus dem Osten sind wieder schrecklich.“[…]„Hekatomben von Leichen“liegen„auf unseren Schultern“. Immer wieder höre man Nachrichten von Gefangenen- und Judentransporten, von denen nur zwanzig Prozent ankämen. Immer wieder höre man, dass in Gefangenenlagern Hunger herrsche, Typhus und andere Mangelepidemien.

Der Krieg, von dem von Moltke berichtet hat, ließ jedes menschliche Maß hinter sich. Aber es waren Menschen, die ihn erdacht und vollstreckt haben. Es waren Deutsche.

Und so hinterlässt er uns – Generation um Generation aufs Neue – die quälende Frage: Wie konnte es dazu kommen? Was haben unsere Vorfahren gewusst? Was haben sie getan?

Nichts, was damals weit im Osten geschah, geschah zufällig. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, des SD, der Waffen-SS und ihrer Helfer bahnten sich nicht planlos und brandschatzend ihren Weg. Sie folgten dem Vernichtungswahn und den mörderischen Plänen, die im Reichssicherheitshauptamt und in den zuständigen Reichsministerien erarbeitet worden sind. Und sie folgten der Wehrmacht, deutschen Soldaten, die zuvor schon die Bevölkerung beraubt, drangsaliert oder als vermeintliche Partisanen getötet hatte. Der verbrecherische Angriffskrieg trug die Uniform der Wehrmacht. An seinen Grausamkeiten hatten auch Soldaten der Wehrmacht teil. Lange, zu lange haben wir Deutsche gebraucht, uns diese Tatsache einzugestehen.

Die Pläne, denen die deutschen Soldaten folgten, hießen „Generalplan Ost“, „Hunger- oder Backe-Plan“, und erhoben Unmenschlichkeit zum Prinzip. Es waren Pläne, die das Ausbeuten und Aushungern von Menschen, ihre Vertreibung, Versklavung und schließlich ihre Vernichtung zum Ziel hatten.

Beamte im Reichssicherheitshauptamt planten mit zynischer Sorgfalt die Vernichtung. Sie planten einen Krieg, der die gesamte sowjetische Bevölkerung – die gesamte sowjetische Bevölkerung – zum Gegner erklärte: vom Neugeborenen bis zum Greis. Dieser Gegner sollte nicht nur militärisch geschlagen werden. Er sollte den Krieg, der ihm aufgezwungen wurde, selbst bezahlen, mit seinem Leben, seinem Besitz, mit allem, was seine Existenz ausmachte. Der gesamte europäische Teil der Sowjetunion, ganze Landstriche der heutigen Ukraine und Belarus‘, sollten – ich zitiere aus den Befehlen – „gesäubert“ werden, und vorbereitet für eine deutsche Kolonisierung. Millionenstädte wie Leningrad, das heutige Sankt Petersburg, Moskau oder Kiew sollten dem Erdboden gleichgemacht werden.

Auch die sowjetischen Kriegsgefangenen sah man nicht als Gefangene. Sie waren keine Kameraden – in dieser Sicht. Sie wurden ihres Menschseins beraubt – entmenschlicht. Die Wehrmacht, die die Verantwortung für die Gefangenen trug, hatte nicht die Absicht, sie zu ernähren, sie „durchzufüttern“, wie es damals hieß. Und die deutsche Generalität widersprach Hitlers Absicht nicht, die Wehrmacht zu Vollstreckern dieses Verbrechens zu machen. „Nichtarbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern.“ So angeordnet vom Generalquartiermeister des deutschen Heeres im November 1941.

(…)

In der Ausstellung, die wir heute hier eröffnen, kann man ein scheinbar harmloses Foto sehen. Es zeigt hunderte Bäume, die in den Himmel ragen. Bei genauem Hinsehen erkennt man: Es sind Bäume ohne Blätter, ohne Zweige, ohne Rinde. Sowjetische Kriegsgefangene haben sie mit bloßen Händen von den Stämmen gekratzt, um nicht den Hungertod zu sterben. Das Foto vermittelt uns eine Ahnung vom Grauen dieser Lager. Es stammt aus Schloss Holte-Stukenbrock in Ostwestfalen. Auch ein Ort dieser Verbrechen, nur eben nicht weit im Osten, sondern keine Stunde von meinem Heimatort entfernt – von dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, und wo ich in meiner Schulzeit auch nichts erfahren habe über das, was weniger als zwei Jahrzehnte vorher dort geschehen war.

(…)

Doch die Verbrechen, die von Deutschen in diesem Krieg begangen wurden, lasten auf uns. Auf den Nachkommen der Opfer ebenso wie auf uns, der heutigen Generation. Bis heute. Es lastet auf uns, dass es unsere Väter, Großväter, Urgroßväter sind, die diesen Krieg geführt, die an diesen Verbrechen beteiligt waren. Es lastet auf uns, dass zu viele Täter, die schwerste Schuld auf sich geladen hatten, nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Es lastet auf uns, dass wir den Opfern im Osten unseres Kontinents viel zu lange Anerkennung, auch Anerkennung durch Erinnerung, verwehrten.

(…)

Wer Licht in diese Erinnerungsschatten bringen will, der muss keine weite Strecke zurücklegen – sie finden sich vor unserer Haustür. Es sind nicht nur die ehemaligen Kriegsgefangenenlager wie Stukenbrock in Westfalen oder Sandbostel in Niedersachsen, das ich vor wenigen Tagen besucht habe. Es gibt in Deutschland über 3.500 Grabstätten sowjetischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener. Das Museum Karlshorst hat all diese Orte zusammengetragen und eine Landkarte erarbeitet. So wie die Gedenkstätten des Zweiten Weltkrieges im Westen besucht werden, so würde ich mir wünschen, dass junge Menschen auch die vergessenen Orte im Osten unseres Kontinents aufsuchen. Das wäre ein so wichtiger Beitrag für gemeinsames Erinnern.

Niemandem fällt es leicht, sich die Schrecken der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen, natürlich nicht. Aber verdrängte Erinnerung, nicht eingestandene Schuld wird niemals leichter, im Gegenteil, sie wird zu einer immer schwereren Last.

Wir sollten uns erinnern, nicht, um heutige und künftige Generationen mit einer Schuld zu belasten, die nicht die ihre ist, sondern um unserer selbst willen. Wir sollten erinnern, um zu verstehen, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt. Nur wer die Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart lesen lernt, nur der wird zu einer Zukunft beitragen können, die Kriege vermeidet, Gewaltherrschaft ablehnt und ein friedliches Zusammenleben in Freiheit ermöglicht.

Und deshalb sollten wir wissen, dass Orte wie Mizocz, Babyn Jar und Korjukiwka in der Ukraine, wie Rshew in Russland, wie Malyj Trostenez und Chatyn in Belarus, dass diese vergessenen Orte auch Orte deutscher Geschichte sind.

Dass nach allem, was geschehen ist, Deutsche heute von den Menschen in Belarus, in der Ukraine oder Russland – gerade an diesen Orten – gastfreundlich empfangen werden, dass sie willkommen sind, dass man ihnen warmherzig begegnet – das ist nicht weniger als ein Wunder.

(…)

Meine Bitte ist: Machen wir uns an diesem Tag, an dem wir an Abermillionen Tote erinnern, auch gegenwärtig, wie kostbar die Versöhnung ist, die über den Gräbern gewachsen ist.

Aus dem Geschenk der Versöhnung erwächst für Deutschland große Verantwortung. Wir wollen und wir müssen alles tun, um Völkerrecht und territoriale Integrität auf diesem Kontinent zu schützen, und für den Frieden mit und zwischen den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zu arbeiten.

(…)

Ich mache mir große Sorgen, dass die leidvolle Geschichte, an die wir heute erinnern, selbst mehr und mehr zur Quelle von Entfremdung wird. Wenn der Blick zurück auf eine einzige, nationale Perspektive verengt wird, wenn der Austausch über unterschiedliche Perspektiven der Erinnerung zum Erliegen kommt oder er verweigert wird, dann wird Geschichtsschreibung zum Instrument neuer Konflikte, zum Gegenstand neuer Ressentiments. Und deshalb bleibt meine Überzeugung: Geschichte darf nicht zur Waffe werden!

Denn uns eint doch dies: Wir erinnern nicht mit dem Rücken zur Zukunft, sondern wir erinnern mit dem Blick nach vorn, mit dem klaren und lauten Ruf: Nie wieder ein solcher Krieg! Ich weiß, dass ich diesen Ruf mit vielen, vielen Menschen in Polen und den baltischen Staaten, in der Ukraine, in Belarus und in Russland teile, in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. An Sie, an die Bürgerinnen und Bürger all der Länder, die unter dem deutschen Vernichtungskrieg gelitten haben, richte ich heute mein Wort:

Lassen Sie und lassen wir nicht zu, dass wir einander von neuem als Feinde begegnen; dass wir den Menschen im Anderen nicht mehr erkennen. Lassen wir nicht zu, dass die das letzte Wort haben, die der nationalen Überheblichkeit, der Verachtung, der Feindschaft, der Entfremdung das Wort reden. Die Erinnerung soll uns einander näherbringen. Sie darf uns nicht von Neuem entzweien.

(…)

Bei allen politischen Differenzen, bei allem notwendigen Streit über Freiheit und Demokratie und Sicherheit muss Platz sein für Erinnerung. (…)

Erinnerung an Vergangenes heilt nicht die Wunden, die in der Gegenwart geschlagen werden – aber die Gegenwart tilgt auch niemals die Vergangenheit. So oder so lebt Vergangenes in uns fort: entweder als verdrängte Geschichte, oder als eine Geschichte, die wir annehmen. Zu lange haben wir Deutsche das mit Blick auf die Verbrechen im Osten unseres Kontinents nicht getan. Es ist an der Zeit, das nachzuholen.

(…) Wir sind hier, um an 27 Millionen Tote zu erinnern – an 14 Millionen zivile Opfer.

Wir sind hier, um an den ungeheuren Beitrag der Frauen und Männer zu erinnern, die in den Reihen der Roten Armee gegen Nazideutschland gekämpft haben.

Wir blicken auf ihren Mut und ihre Entschlossenheit; auf die Millionen, die gemeinsam mit den amerikanischen, britischen und französischen Alliierten und vielen anderen ihr Leben eingesetzt und viele von ihnen verloren haben, für die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Ich bezeuge meinen tiefen Respekt für ihren Kampf gegen – wie Yehuda Bauer schreibt –„das schlimmste Regime, das diesen Planeten je geschändet hat“.

Ich verneige mich in Trauer vor den ukrainischen, belarusischen und russischen Opfern – vor allen Opfern der ehemaligen Sowjetunion.

Arbeiten wir für eine andere, für eine bessere Zukunft. Es liegt in unser aller Hände.

https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2021/06/210618-D-Russ-Museum-Karlshorst.html

Barbarische Anthropologie

18. Mai 2021

Jürgen Heiser in junge Welt vom 17. Mai 2021

In den USA sorgen menschliche Überreste für Aufsehen, die für Onlinekurse der Princeton University als Schauobjekte dienen sollten. Sie stammen von zwei minderjährigen Opfern der Bombardierung einer schwarzen Gemeinschaft in Philadelphia 1985

Ein Fall von Missbrauch der sterblichen Überreste ermordeter afroamerikanischer Kinder als Anschauungsobjekte der universitären Forschung und Lehre an US-Elitehochschulen fällt wie ein Schatten des gesellschaftlichen Erbes der Sklaverei auf die vorgeblich »moderne« Anthro­pologie. Ein Ereignis, an das zuletzt genau vor einem Jahr in dieser Zeitung erinnert wurde, ging dem voraus und wirkt wie ein Schemen aus der Frühgeschichte des in den USA virulenten rassistischen Wahns. »Der 13. Mai steht in diesem Jahr für den 35. Jahrestag des abscheulichen Massakers in der Osage Avenue in Südwestphiladelphia«, schrieb jW-Kolumnist Mumia Abu-Jamal. »Militärisch ausgerüstete Polizeitruppen warfen damals aus einem Helikopter eine Brandbombe auf ein Reihenhaus, das unter Nachbarn als das ›Move-Haus‹ bekannt war.«¹ Die Nachricht vom »Massaker am 13. Mai 1985« habe »die Nation erschüttert«, so Abu-Jamal, und sei »buchstäblich um die ganze Welt« gegangen.

Es war die unbegreifliche Aktion sogenannter Gesetzeshüter, die mit staatsterroristischen Methoden am Muttertag 1985 ein Wohngebiet zur »Free-Fire Zone« erklärten, um gegen eine als »Sekte« diskriminierte Gruppe von Menschen mit einer alternativen Lebensform vorzugehen. Bei diesem Angriff verlor nicht nur die Move-Gemeinschaft ihr Haus samt aller Habe, sondern die ganze afroamerikanische Nachbarschaft wurde obdachlos. 250 Menschen einer gewachsenen Gemeinschaft, vorwiegend Werktätige, Angestellte und Handwerker, die sich ein Zuhause geschaffen hatten, wurden zu Vertriebenen im eigenen Stadtteil. Sie mussten in Notunterkünfte evakuiert werden, weil zwei Straßenzüge mit 61 Gebäuden der Feuerwalze zum Opfer fielen, die der Bombenabwurf ausgelöst hatte.

Bei den vorwiegend aus Holz gebauten Reihenhäusern hatten die vom Move-Haus übergreifenden Flammen leichtes Spiel. Rund hundert weitere Häuser des Stadtteils Cobbs Creek wurden beschädigt, und die verantwortlichen Behördenvertreter sahen seelenruhig zu. Die alarmierte Feuerwehr wurde auf Befehl der Polizeiführung über eine Stunde lang daran gehindert, die Brandherde zu bekämpfen. Angeblich bestand Lebensgefahr für jeden, der den Block betreten und sich dem Move-Haus nähern würde. Tatsächlich in Lebensgefahr waren die dreizehn Kinder und Erwachsenen, die mit ihren Haustieren im attackierten Wohnhaus lebten. Ihr einziger Widerstand bestand darin, sich zu verbarrikadieren, weil sie nicht schon wieder die Polizei durch ihr Zuhause trampeln und es demolieren lassen wollten.

Tödliche Amtshilfe

Der Abwurf der Zweikilobombe eines Spezialsprengstoffs, den die US-Bundespolizei FBI der lokalen Polizei in Amtshilfe zur Verfügung gestellt hatte, war der Höhepunkt einer fast zwanzigstündigen Belagerung, deren Anlass nach amtlichen Angaben bloß »Beschwerden über Lärmbelästigungen« gewesen waren. Dieser Begründung widersprach Ramona Africa, eine der beiden Überlebenden des 13. Mai 1985, in einem Interview mit dem US-Nachrichtensender Democracy now. Der Überfall auf ihr Haus habe nicht »wegen Beschwerden von Nachbarn« stattgefunden. »Dieser Staat hat sich nie um Schwarze gekümmert, die sich über ihre Nachbarn beschwerten«. Der wahre Grund: »Sie bombardierten uns wegen unseres beharrlichen Kampfes für unsere Familienmitglieder, bekannt als die ›Move 9‹, die seit nunmehr zweiunddreißig Jahren unschuldig im Gefängnis sitzen«, so Africa im Mai 2010.

Move hatte immer schon schlechte Erfahrungen mit dem Staatsapparat gemacht. So im früheren Move-Haus im Stadtteil Powelton Village von Philadelphia am 8. August 1978, als die Gemeinschaft ebenfalls von einer Polizeiübermacht unter Sperrfeuer genommen wurde, um sie aus dem Haus zu vertreiben. Bei dem Angriff starb einer der Polizisten. Die Move-Mitglieder sagten aus, von ihnen sei kein Schuss abgegeben worden. Der Beamte könne nur Opfer des »Friendly Fire« seiner Kollegen gewesen sein. Trotzdem wurden neun Männer und Frauen, bekannt geworden als die »Move 9«, zu je 30 bis 100 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dass die damals schon mehr als sechs Jahre andauernde Haft sich noch als jahrzehntelanges Martyrium der Inhaftierten hinziehen würde, konnten die Bewohner des neuen Move-Hauses in der Osage Avenue im Mai 1985 noch nicht ahnen, aber der gegen sie gerichtete Terror von 1978 war ausschlaggebend für ihren Widerstand. Den sollte zunächst Tränengas brechen, dann eine wahre Sintflut von vier Wasserkanonen sie aus dem Haus schwemmen. Als nächste Eskalationsstufe kam ein 90minütiges »Feuer frei!« der Polizei mit amtlich bestätigten rund 10.000 Schüssen, die auf das Wohnhaus abgegeben wurden.

Schließlich wurde zu einem bevorzugten Mittel aus dem US-Arsenal kolonialer Kriegführung gegriffen: das durch den Hubschrauberangriff um exakt 17 Uhr 27 ausgelöste Höllenfeuer. Ramona Africa erinnerte sich: »Ohne irgendeine Ankündigung oder Warnung warfen sie diese Bombe auf das Dach unseres Hauses.« Nun blieb ihnen die Zwangslage, »entweder zu ersticken, lebendig verbrannt oder erschossen zu werden«, sagte Ramona Africa. Die Polizei habe ihre Hilferufe gehört, trotzdem wurden sie »immer wieder in das lodernde Inferno zurückgedrängt«, weil »um uns herum überall Kugeln einschlugen«.

Ramona Africa rettete das Kind Birdie und sich selbst und rannte ins Freie. Sie nahm an, die anderen wären ihr gefolgt. Bis ihr klar wurde: Sie waren im Haus umgekommen. Sechs Männer und Frauen sowie fünf Kinder im Alter zwischen sieben und 14 Jahren lagen tot in der rauchenden Asche. Die Africa Family, die an diesem Ort ihren naturbewussten und antirassistischen Gegenentwurf zur herrschenden US-Gesellschaft leben wollte, war fast vollständig ausgelöscht worden.²

In Pappschachteln verpackt

Im April 2021 erfuhr die entsetzte Öffentlichkeit der schwarzen Bevölkerung von Philadelphia, was der Basisaktivist Abdul-Aliy Muhammad eher zufällig herausgefunden hatte: Knochen von zwei der 1985 im Move-Haus getöteten Kinder, nämlich Delisha und Tree Africa, existieren noch. Mit bürgerlichem Namen hießen die beiden Delicia Phillips (12) und Katricia Dotson (14, »Tree« war ihr Spitzname). Beide trugen wie alle Move-Mitglieder den gemeinsamen Nachnamen Africa. Was Muhammad bereits am 21. April in einem Kommentar der Tageszeitung Philadelphia Inquirer kundgetan hatte, war die Tatsache, dass Teile der sterblichen Überreste von Tree und Delisha ohne Wissen ihrer Angehörigen jahrzehntelang, in Pappschachteln verpackt, abwechselnd in Archiven zweier US-Universitäten befunden hatten: in der Princeton University und der University of Pennsylvania und dem ihr untergeordneten Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology, kurz Penn Museum genannt.

Zur Enthüllung kam es, als die Stadt Philadelphia für das Frühjahr 2021 ihren ersten offiziellen Gedenktag für den Bombenanschlag von 1985 vorbereitete. Im Rahmen einer Gedenkfeier sollte umgesetzt werden, was der Stadtrat im vergangenen Jahr mit seiner formellen Bitte um Entschuldigung für das »unermessliche und anhaltende Leid, das durch die Bombardierung verursacht wurde«, angekündigt hatte.

Auch die britische Zeitung The Guardian wusste am 23. April zu berichten, es habe sich herausgestellt, dass die sterblichen Überreste der Kinder »in den vergangenen 36 Jahren in den anthropologischen Sammlungen der Universitäten von Pennsylvania und Princeton aufbewahrt wurden«. Die Hochschulen hätten »die stark verbrannten Fragmente aufbewahrt und seit 2019 ohne Erlaubnis der noch lebenden Eltern der Verstorbenen zu Lehrzwecken eingesetzt«.

Einige der Knochen wurden als Anschauungsobjekte für Fallstudien in einem Onlinekurs verwendet, der im Namen der Princeton University angeboten und von der Onlinestudienplattform »Coursera« betreut wurde. Der Kurs »Real Bones: Adventures in Forensic Anthropology« (etwa: »Echte Knochen: Abenteuer in der forensischen Anthropologie«) konzentrierte sich auf Fälle von »Lost Personhood«, im Kursangebot folgendermaßen erklärt: »Die forensische Anthropologie befasst sich mit medizinisch-juristischen Fällen, in denen menschliche Überreste nicht mehr einer Person zugeordnet werden können (ein Individuum kann aufgrund von Zersetzung oder Zerstörung einzigartiger persönlicher Merkmale nicht identifiziert werden).«³

Der Lehrplan für den ab 19. April 2021 angesetzten sechswöchigen Einführungskurs sah für die erste Woche vor, in »das Feld der forensischen Anthro­pologie mit einer Fallstudie über die Bombardierung der Move-Gemeinschaft« einzuführen. »Viele der menschlichen Überreste waren verbrannt, und somit ging die ›Personalität‹ verloren«, so die Kursbeschreibung. Die Einführung sei »mehr als nur eine Fallstudie der forensischen Anthropologie«. Denn: »Es gab sehr ernste Fragen über die sozialen und politischen Folgen der Ereignisse, die zu dem Angriff auf die Nachbarschaft in Philadelphia und in deren Ergebnis zu einer Konfrontation mit den Strafverfolgungsbehörden führten.« Das scheinbar vorhandene Problembewusstsein über die Vernichtung der Move Family und ihrer Wohnstatt hielt Kursleiterin Janet Monge, Kuratorin des Penn Museums, indes nicht davon ab, Knochen der Move-Kinder beruflich auszubeuten.

In einem online geposteten Video zum Kurs hält Monge, Gastprofessorin der Princeton University, einen Hüftknochen in die Kamera, von dem inzwischen sicher ist, dass er von der 14jährigen Tree Africa stammt. Dazu führt Monge aus: »Dies ist einer dieser Fälle, in denen das Material etwas Fleisch aufweist, was in der forensischen Anthropologie nicht ungewöhnlich ist. Die Knochen sind verbrannt, aber im vorliegenden Fall ist tatsächlich etwas Weichgewebe übriggeblieben. Es ist also eine ziemlich komplizierte Geschichte.« Und Monge weiter: Der »Oberschenkelknochen« sei »mit viel weniger Gewebe verbunden«, sei aber, »wie wir sagen würden, saftig«, sähe »glitschig« aus, würde jedoch »nicht wirklich schlecht« riechen, aber »irgendwie fettig, wie bei einem älteren Fett«.

Nach Bekanntwerden des Skandals wurde der Onlinekurs sofort eingestellt und die im Februar von Monge angefertigten Videoaufnahmen gelöscht.⁴ Als die Mütter und die übrigen Angehörigen aus der Africa Family von der Ungeheuerlichkeit erfuhren, mussten sie erkennen, dass die sterblichen Überreste der Toten vom 13. Mai 1985 nie wirklich vollständig geborgen worden waren. »Ich kannte Tree und Delisha sehr gut«, erklärte der heute Anfang 40jährige Mike Africa Jr. am 27. April im Gespräch mit Democracy Now. Er war sechs Jahre alt und befand sich bei seinen Großeltern, als die beiden starben. Sie seien alle drei »ungewöhnliche Waisenkinder« gewesen, da ihre Eltern zu den »Move 9« gehörten und seit mehr als sechs Jahren im Gefängnis saßen. Nun zu wissen, wie heute mit Teilen ihrer sterblichen Überreste umgegangen wird, bringe all den Horror, der sich mit dem 13. Mai verbinde, »wieder ganz nah. Gerade an einem weiteren Jahrestag, an dem wir immer an unsere Familie denken«, sagte Mike Africa Jr. Das sei »einfach niederschmetternd«.

Aus Gräbern gestohlen

In der schwarzen Bevölkerung Philadelphias wurden spontan Protest und Widerstand gegen den offenkundig gewordenen Skandal organisiert. Am 28. April 2021 zog eine Demonstration durch Philadelphia zum Penn Museum. »Move-Kinder verdienen es, in Frieden zu ruhen«, stand auf dem Transparent an der Spitze des Zuges zu lesen. Auf der Kundgebung vor dem Museum prangerte der Liedermacher YahNé Ndgo im Namen von »Black Lives Matter Philadelphia« die »Schändung der sterblichen Überreste zweier junger schwarzer Move-Familienmitglieder durch die University of Pennsylvania« an, wie Workers World online berichtete. Ndgo forderte, die Menschenwürde schwarzer Menschen müsse geachtet und »die Körper schwarzer und brauner Menschen« dürften »niemals als Studienobjekte missbraucht« werden. »Wir sind Menschen, und jedes unserer Leben zählt!«

Mike Africa Jr., Sohn der »Move 9«-Mitglieder Debbie und Mike Africa, blickte zurück auf die Zeit, als der Gerichtsmediziner und Mitarbeiter 1985 nach dem Brand im Move-Haus die Leichen in der Pathologie ungekühlt der Verwesung preisgaben. »Das war so ungeheuerlich, dass sie gefeuert wurden«, so Africa Jr. Danach seien die forensischen Anthropologen vom Penn Museum mit der Aufgabe der Identifizierung betreut worden, weil von ihnen ein »ethischeres Verhalten« erwartet wurde. Doch, so Africa Jr., »das sind genau die Monster, über die wir heute sprechen«. Gemeint sind der inzwischen im Ruhestand befindliche forensische Anthropologe Alan Mann und seine damalige Doktorandin Janet Monge, die nun in ihrem Video anhand des Hüftknochens von Tree Africa beschreiben, »dass meine Schwester einen Knochenbruch erlitt, als wahrscheinlich ein schwerer Balken auf sie gestürzt« sei.

Whistleblower Abdul Aliy Muhammad erklärte auf der Kundgebung, er und andere Gleichgesinnte hätten bereits vor zwei Jahren entdeckt, dass im Archiv des Penn Museums Gebeine von 53 Sklaven aus dem kolonialen Kuba lagern. Im vergangenen Jahr erfuhren sie dann, »dass dort auch 14 Schädel von Schwarzen lagern, die aus Gräbern gestohlen worden waren«, so Muhammad zur Menge. »Das ist ekelhaft, das ist widerlich!« Unter den 400 Protestierenden auf der Kundgebung waren auch Studierende und Lehrkräfte der University of Pennsylvania, die zwei Tage zuvor durch eine Pressekonferenz der Move-Organisation aufgerüttelt worden waren.

Eugenik und weiße Vorherrschaft

Am 28. April reagierten die Gesellschaften der »Association of Black Anthropologists« (ABA), der »Society of Black Archaeologists« (SBA) und des »Black in Bioanthropology Collective« (BiBA) mit einer gemeinsamen Erklärung.⁵ Sie verurteilten die Vorgänge um den Bombenabwurf im Jahr 1985 ebenso wie das Verhalten der beiden forensischen Anthropologen Alan Mann und Janet Monge, die Gebeine der Move-Kinder »in ihrem persönlichen Besitz zu behalten und zwischen dem Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology und der Princeton University hin und her zu schieben«. Als Monge den Coursera-Kurs im April anbot, hätten sich etwa 5.000 Studierende angemeldet. »Sie wurden jedoch im unklaren darüber gelassen, dass die Angehörigen weder über die Existenz der Gebeine informiert waren, noch je versucht worden war, sie ihnen zurückgegeben«, so die drei Gesellschaften.

ABA, SBA und BiBA erklärten weiter, sie seien »sich der barbarischen Geschichte der Anthropologie schmerzlich bewusst, besonders wenn es um Populationen von Völkern afrikanischer Abstammung« gehe. Ihre Disziplin sei immer wieder mobilisiert worden, »um Eugenik und das Denken weißer Vorherrschaft zu legitimieren und Sklaverei und Kolonialismus zu rechtfertigen«. Ihnen sei auch bewusst, »dass ethnographische Museen, wie das Penn Museum of Archaeology and Anthropology (das die Sammlung des berüchtigten Rassisten Samuel Morton beherbergt), die akademische Begründung für die Institutionalisierung von Rassismus in anthropologischen Lehrbüchern, Kursen und Lehrplänen unterstützt haben«.

Wegen dieser Geschichte des Rassismus in der Anthropologie sähen es ABA, SBA und BiBA als ihre Aufgabe, dem zu begegnen, »indem wir als Organisationen aufs Schärfste die Universitäten von Pennsylvania und Princeton zusammen mit den Professoren Alan Mann und Janet Monge für ihren erschreckenden Umgang mit den Gebeinen von Tree und Delisha Africa und für die unfassbare Herzlosigkeit und Respektlosigkeit gegenüber der Africa Family verurteilen«. Atemberaubend sei die »ethische Gleichgültigkeit, die alle Beteiligten dabei an den Tag gelegt haben«, aber auch »die Tatsache, dass diese Einrichtungen die Knochen schwarzer Kinder, die bei einem staatlichen Terroranschlag ermordet wurden«, für ihre Zwecke und auch finanziell verwerteten. Eine Tatsache, »die angesichts des in den letzten Jahren geschärften öffentlichen Bewusstseins für brutale Morde an schwarzen Kindern und Jugendlichen durch die Polizei um so schmerzhafter« sei.

Abschließend unterstützten sie die öffentlich in einer Petition von Mike Africa Jr. erhobenen Forderungen: die »sofortige Rückgabe der Gebeine von Delisha Africa und Tree Africa« sowie eine »Bitte um Entschuldigung der Universitäten von Pennsylvania und Princeton und des Penn Museum an die Move Family und die schwarze Gemeinde von Philadelphia für dieses rassistische und abscheuliche Verhalten«.⁶

Da die angesprochenen Institutionen bislang nur »Reuebekundungen« von sich gegeben hätten, müsse mehr geschehen. »Wir fordern deshalb, dass die American Anthropological Association sich umgehend darum bemüht, die Rückführung der Gebeine der Kinder der Africa Family sowie anderer sterblicher Überreste, die in zahlreichen anthropologischen Museen und Abteilungen im ganzen Land aufbewahrt werden, zu fördern.« Dazu gehörten unter anderem die zahlreichen sterblichen Überreste von Völkern afrikanischer Abstammung. Zu diesem Zweck fordern ABA, SBA und BiBA zudem »ein nationales Prüfungsverfahren bezüglich aller Bestände menschlicher Knochen in Museums- und Universitätssammlungen«. Es sei zwingend notwendig, diese Informationen öffentlich zu machen, »damit die Nachkommen die Souveränität über die sterblichen Überreste ihrer Vorfahren zurückfordern können«. Für den diesjährigen Gedenktag »des staatlich sanktionierten Bombenanschlags vom 13. Mai« baten die Verfasser der Erklärung die Öffentlichkeit um Solidarität mit den Familien und Freunden von Move, und die Unterstützung der »Forderung von Move nach Freiheit für Mumia Abu-Jamal und alle politischen Gefangenen!«

Die Erklärung ist ein Beleg dafür, dass der Skandal um den Missbrauch der Knochen der Move-Kinder in den USA eine Debatte befeuert, die in den letzten Jahren durch rassistische Polizeigewalt und die Infragestellung des sytemischen Rassismus der Gesellschaft forciert wurde. Durch die Kritik der Bewegung Black Lives Matter manifestierte sich nicht nur die selbstbewusste Feststellung, dass »schwarze Leben zählen«. Mehr und mehr kam auch die Frage auf: Was geschieht eigentlich mit unseren Toten? In diesem Zusammenhang entbrennt die Auseinandersetzung vor allem um den Umgang mit den Gebeinen versklavter Menschen in Museumssammlungen. Das Penn Museum hatte für die Zurschaustellung und Einlagerung von mehr als tausend Totenschädeln seiner »Samuel Morton Cranial Collection« um Entschuldigung gebeten. Die Sammlung war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengestellt und von ihrem Begründer zur Untermauerung von Theorien weißer Überlegenheit missbraucht worden.

Wachgerufen von der im Sommer 2020 erfolgten Entfernung der Morton Collection aus der öffentlichen Ausstellung im Penn Museum und als Beitrag zur Diskussion über Rassismus und antirassistische Arbeit sowie mit Blick darauf, »wie die Anthropologie historisch zu Strukturen der Ungleichheit beigetragen hat«, begann die Fachzeitschrift History of Anthropology Review im Februar 2021 eine neue Serie mit Essays über »das Erbe des wissenschaftlichen Rassismus in Museen«.

Da zeige sich »ein wirklich großes Problem«, zitierte Democracy Now am 30. April den US-Historiker Samuel Redman, Autor des Bandes »Bone Rooms: From Scientific Racism to Human Prehistory in Museums« (etwa: »Knochensäle: Vom wissenschaftlichen Rassismus zur menschlichen Vorgeschichte im Museum«). Darin beschreibt Redman auch die Repatriierung der Gebeine von indigenen Ureinwohnern als Konsequenz des vom US-Kongress 1990 verabschiedeten Bundesgesetzes »Native American Graves Protection and Repatriation Act«. Fälle wie der Missbrauch der Knochen der von Philadelphias Polizei getöteten Kinder seien »entsetzlich und erfordern unsere volle Aufmerksamkeit«. Notwendig sei indes »eine viel umfassendere Antwort auf dieses Problem, die in die Tiefe der Geschichte von Kolonialismus, weißer Vorherrschaft und wissenschaftlichem Rassismus« gehe. Dieses Phänomen setze sich bis in die Gegenwart fort als »Tradition, die wir in ihrer vollen Tragweite noch nicht verstehen«. Er unterstütze deshalb die Erklärung der schwarzen Anthropologen. »Weiße Anthropologen« sollten »aktiv daran arbeiten«, forderte Redman, »die Jahrhunderte der Gewalt und des Traumas, die nichtweiße Bevölkerungsgruppen erleiden mussten, wiedergutzumachen«.

Anmerkungen

1 jW vom 18.05.2020: https://www.jungewelt.de/artikel/378500.nicht-zu-entschuldigen.html.

2 Empfohlen ist dazu eine 60minütige Dokumentation über den 13. Mai 1985 vom TV-Sender WHYY (Philadelphia) unter dem Titel »Bombing of Osage« produziert. Das Video ist online frei verfügbar unter: https://www.pbs.org/video/whyy-specials-bombing-osage-avenue-1986/.

3 https://www.classcentral.com/course/real-bones-forensic-anthropology-21165

4 Das oben beschriebene Video ist jedoch noch im Archiv des Senders Democracy Now zugänglich: https://www.democracynow.org/2021/4/27/philadelphia_move_bombing_human_remains.

5 http://aba.americananthro.org/

6 Eine Petition dazu findet sich hier: https://actionnetwork.org/petitions/move-children-deserve-to-rest-in-peace.

Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. Februar 2021 über den afroamerikanischen Freiheitskämpfer Malcom X.

https://www.jungewelt.de/artikel/402528.forschung-und-rassismus-barbarische-anthropologie.html

Erich Fried: 17. – 22. Mai 1966

17. Mai 2021

Aus Da Nang

wurde fünf Tage hindurch

täglich berichtet:

Gelegentlich einzelne Schüsse

Am sechsten Tag wurde berichtet:

In den Kämpfen der letzten fünf Tage

in Da Nang

bisher etwa tausend Opfer

In: und VIETNAM und – Einundvierzig Gedichte, 1966, Berlin, Seite 23

Sofortige Beendigung der Gewaltspirale im Nahen Osten

14. Mai 2021

Pressemitteilung: Internationale Föderation der Widerstandskämpfer – FIR

Erneut müssen wir erleben, dass im israelisch-palästinensischen Konflikt Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung in erster Linie die Zivilbevölkerung trifft. Begonnen haben die Auseinandersetzungen vor vielen Tagen mit dem Versuch der weiteren Durchsetzung der von den Vereinten Nationen eindeutig verurteilten Siedlungspolitik, die auf eine Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung in Ostjerusalem hinausläuft. Mit der Behauptung von »jüdischen Eigentumsrechten«, die vor 70 Jahren in diesem Gebiet bestanden hätten, wollen nationalistische Siedler palästinensische Bewohner vertreiben. Proteste gegen Zwangsräumungen und Einschränkungen des Besuchs von islamischen Gotteshäusern beantwortete die israelische Regierung mit Repressalien. Nachdem das israelische Militär und andere Sicherheitskräfte die Eskalation in Ostjerusalem über mehrere Tage mit mehreren hundert Verletzten auf seiten der palästinensischen Bevölkerung vorangetrieben hatten, begann die Hamas mit dem Raketenbeschuss auf israelische Städte. Dies wiederum führte zu massivem Bombardement israelischer Luftstreitkräfte auf Gaza, die Zerstörung von ziviler Infrastruktur und anderen Stellungen. Beide militärische Maßnahmen können das Problem nicht lösen. Wir appellieren für sofortige politische Gespräche, um die Bedrohung der Zivilbevölkerung zu beenden.

Es ist erkennbar, dass die Regierung Netanjahu diese Auseinandersetzung eskalieren ließ – und das auf dem Rücken der israelischen und der palästinensischen Zivilbevölkerung. Dass Netanjahu dabei vor allem sein eigenes politisches Überleben im Sinn hat, macht sein Verhalten um so verwerflicher. Nachdem er trotz mehrfacher Neuwahlen nicht in der Lage gewesen ist, eine eigene Regierungsmehrheit im Parlament zu erreichen, will er mit der Zuspitzung der militärischen Lage – wie es der Historiker Moshe Zimmermann klar analysierte – verhindern, dass seine politischen Opponenten, zu denen auch arabische Israelis gehören, sich zu einer politischen Koalition verbinden können.

Gleichzeitig will er damit die Biden-Administration drängen, sich – im Sinne der früheren Trump-Politik – für das Konzept von Jerusalem als israelische Hauptstadt zu positionieren, was eine politische Lösung mit der palästinensischen Seite auf Dauer verhindern würde. Damit ist eine explosive Lage im Nahen Osten entstanden, die nur durch politische Gespräche entspannt werden kann. Denn eines ist klar: Mit diesen Eskalationen wird es keine friedliche Lösung des Konflikts geben – Beobachter haben Sorge vor einer dritten Intifada, die erneut viele hundert Opfer unter allen im Nahen Osten lebenden Menschen fordern würde. Die FIR als »Botschafter des Friedens der Vereinten Nationen« ruft zur Deeskalation unter Beteiligung der UNO auf. Die Hamas muss die Raketenangriffe auf israelische Städte sofort beenden. Die israelische Armee muss die Angriffe auf Gaza sofort stoppen. Und die politisch Verbündeten müssen der israelischen Regierung deutlich machen, dass sie nicht bereit sind, eine militärische Eskalation zu unterstützen, sondern sich für politische Lösungsschritte einsetzen.

www.fir.at

12. Mai 2021

Wir trauern um unseren Kameraden

Peter Oberhaus

5.2.1952 – 20.4.2021

Peter war viele Jahre Mitglied unserer

VVN-BdA Kreisvereinigung Wuppertal.

Er war der unermüdliche aktive Organisator der alljährlich am 8. Mai stattfindenden Gedenkveranstaltung an den Gräbern der Zwangsarbeiterinnen, der Zwangsarbeiter und ihren Kindern auf dem Friedhof Norrenberg.

Seine Arbeit für die VVN-BdA Kreisvereinigung Wuppertal, seine inhaltlichen und organisatorischen Hilfen für die Aktivitäten bleiben dankbar unvergessen.

Sebastian Schröder Dirk Krüger

VVN-BdA Kreisvereinigung Wuppertal

Mauern überwunden

10. Mai 2021

Erster Kontaktbesuch beim politischen US-Gefangenen Mumia Abu-Jamal nach Herzoperation

Noelle Hanrahan in junge Welt vom 10. Mai 2021

Pam Africa sagte mir neulich, wir müssten Mumia besonders »im Auge behalten«. Als ich am Freitag, dem 7. Mai 2021, mittags die Besucherzelle betrat, sagte Mumia: »So einfach kann man also über diese Mauern klettern, Schwester!« Er gluckste. »Wie zum Teufel hast du es geschafft, hier hereinzukommen?« Ich zuckte mit den Schultern und stellte die Gegenfrage: »Seit wann lassen wir uns von Mauern aufhalten?« Wir tauschten einen Highfive-Gruß an der Trennscheibe aus. Dann sagte ich: »Ich habe den Wärter gerade gebeten, sich darum zu kümmern, dass wir jetzt den Kontaktbesuch machen können, der mir gestern von der Anstaltsleiterin genehmigt wurde, weil deine Quarantäne beendet ist.« Mumia antwortete: »Okay, dann lass uns reden, und wenn der Wärter zurückkommt, können wir ja in den anderen Raum umziehen.« Zehn Minuten später war es soweit, mein Kontaktbesuch bei Mumia war bestätigt, und wir konnten ohne die Plexiglastrennscheibe weiterreden. Nach einem Ellbogengruß und einer Umarmung setzten wir uns an einen Tisch im völlig leeren Besuchsbereich im Staatsgefängnis SCI Mahanoy in Pennsylvania.

Zuerst möchte ich betonen, dass Mumia großartig aussieht. Er hat wieder Energie. Er lächelte breit unter seiner Gesichtsmaske. Er lachte und erklärte, er habe eine weitere Chance erhalten zu leben. Er klang genau wie »Tony der Tiger« (das bekannte Maskottchen aus der Werbung für US-Frühstückscerealien, jW), wenn er brüllt: »Ich fühle mich großartig!« Ich kann mir vorstellen, dass es nach Monaten der Herzinsuffizienz gut ist, wieder ein funktionierendes Herz zu haben, und dass es dazu beiträgt, dass Mumia sich wieder stark genug fühlt, die Wiederherstellung seiner Gesundheit in Angriff zu nehmen. Erkrankungen des Herzens können vollständig geheilt werden, auch wenn die richtige Ernährung und ausreichende Bewegung eine große Herausforderung sind in einem Gefängnis, das für seine Totaleinschlüsse der Häftlinge bekannt ist und in dem der strikte Lockdown wegen der Coronapandemie ein volles Jahr dauerte.

Über Mumias Brustbein zieht sich jetzt eine lange, schmale Narbe hin. Sie ist das Ergebnis einer doppelten Bypassoperation am offenen Herzen, die erst wenige Tage zurückliegt. Er ist ein schlanker Mann von etwa 90 Kilogramm bei 1,80 Meter Körpergröße und befindet sich auf dem Weg der Genesung. Mumia erwartet, dass er sehr bald von der Krankenstation in den normalen Zellentrakt verlegt wird.

Mumia lässt durch mich alle wissen, wie sehr er sich bewusst ist, dass die Solidaritätsbewegung dafür gesorgt hat, dass seine Erkrankung ernstgenommen und endlich richtig diagnostiziert wurde. Mumia weiß, dass er nicht überlebt hätte, wenn die Außenwelt nicht ein grelles Scheinwerferlicht auf die Haftbedingungen und den Zugang zu einer angemessenen medizinischen Versorgung geworfen hätte.

Wenn ein Besuch zu Ende geht, dann beginne ich den Prozess des Verabschiedens immer mit dieser Frage an Mumia: »Was willst du?« Mumias Antwort: »Ich will einen Weg finden, zu siegen und um verdammt noch mal endlich hier rauszukommen!«

Text der handschriftlichen Botschaft von Mumia im Besuchsraum des Staatsgefängnisses SCI Mahanoy, geschrieben auf einen Notizblock für seine Unterstützerinnen und Unterstützer: »Ich liebe euch alle! Danke, dass ihr Teil meines Lebens seid! Ich werde von eurer Liebe und Stärke getragen und mein Herz mit Optimismus erfüllt! Bis zur Freiheit! In Liebe, Mumia.«

Noelle Hanrahans Besuchsbericht erschien zuerst online am 7. Mai 2021 im Jamal Journal

https://www.jungewelt.de/artikel/402104.mauern-überwunden.html

8. Mai 1945 – danach

8. Mai 2021

Albert Norden: „Der Eichmann von Bonn“. Aus einer Rede auf der internationalen Pressekonferenz des Ausschusses für Deutsche Einheit in Berlin, 28. Juli 1960

„(…) Die Graue Eminenz von Bonn, der Mann, der all die oben genannten Funktionen bekleidet und faktisch Adenauer vertritt, wenn dieser krank, in Urlaub oder auf Reisen ist, heißt Hans Joseph Maria Globke.

Meine Damen und Herren! Wir behaupten und beweisen heute nicht mehr und nicht weniger, als daß dieser Chef des Bundeskanzleramtes und zweitmächtigster Mann der Adenauer-Regierung identisch ist mit dem Autor der antisemitischen Gesetze und intellektuellem Urheber der Pogrome des Hitlerregimes und daß er bis 5 Minuten nach 12 engster Mitarbeiter Himmlers war.

Globke – Verfasser der Nürnberger Blutgesetze

In dem von Globke verfaßten Kommentar zu Hitlers Nürnberger Judengesetzen vom 15. September 1935 hieß es wörtlich: „Das Judentum ist ein Fremdkörper in allen europäischen Völkern …Deshalb ist die Dissimilation (das heißt das Ausscheiden – A. N-) die einzig mögliche Lösung…Das Judenproblem bedurfte in politischer, wirtschaftlicher und soziologischer Hinsicht einer Lösung für Jahrhunderte…Der völkische Staat muß notwendig ein Führerstaat sein.“

Aus diesen Thesen brich die ganze antisemitische Barbarei des Nazireiches hervor. Hier sind die Gaskammern von Auschwitz ideologisch schon vorweggenommen und die Argumente für die Notwendigkeit der Ausschaltung der Juden frei Haus geliefert. (…)

Im übrigen ist die Tatsache, daß Globke den schädlichen Kommentar zu diesem Gesetz geschrieben hat, nur ein Teil der Wahrheit. Adenauer ist exakt darüber unterrichtet, daß noch tausendmal Schlimmeres auf das Schuldkonto seines vertrauten Ratgebers und Mitregenten kommt. Denn Dr. Globke ist nicht nur der Kommentator – er ist der Verfasser der Nürnberger Blutgesetze und der Verordnungen über die Brandmarkung der jüdischen Bürger. Diese Gesetze, nämlich das „Reichsbürgergesetz“ und das „Blutschutzgesetz“, schufen die Grundlage für die schrecklichen Pogrome der Nazis gegen die rassisch Verfolgten in ganz Europa und bildeten den Ausgangspunkt für ihre spätere Verschleppung in die Konzentrations- und Vernichtungslager. (…)

Mit seinem Nürnberger „Blutschutzgesetz“ verbot Globke nicht nur jede Heirat zwischen sogenannten Deutschblütigen und Fremdrassigen, sondern er stellte auch die Liebe zwischen Mann und Frau unter Ausnahmerecht und Zuchthausdrohung. Nach Tausenden zählen die Zuchthausurteile wegen „Rassenschande“, die Hitlers Sondergerichte mit Globkes Gesetzen fällten, und manch jüdischer Bürger endete wegen seiner Liebesbeziehungen zu einer deutschen Frau auf dem Schafott, das Globke errichten half.

Die von Globke verfaßten Gesetze über Namensänderungen und Personenstandswesen enthielten weitere Paragraphen, mit denen er die Straße pflasterte, auf der die jüdischen Verfolgten später in die Gaskammern der Konzentrationslager getrieben wurden. Die jüdischen Bürger zwang Globke mit diesen Gesetzen zur Führung das zweiten Namens Sara beziehungsweise Israel. Er wußte, welchen Drangsalierungen er sie damit auslieferte, denn er selber schrieb in einem Kommentar 1938, daß „mit der Führung eines jüdischen Namens heute vielfach Nachteile verbunden sind“. (Die deutsche Verwaltung vom 31. Januar 1938, S. 53.)

Das „Reichsbürgergesetz“ schließlich bildete die Magna Charta des Antisemitismus im Reiche Hitlers. Dieses Gesetz, dessen Mitautor Dr. Globke war, schnitt die jüdische Bevölkerung aus dem deutschen Volkskörper heraus und erklärte sie zu artfremdem Ungeziefer. Die meist von Globke persönlich verfaßten 20 Durchführungsverordnungen zu diesen Grundgesetzen des Rassenwahns schränkten die Lebensmöglichkeiten der Juden Schritt um Schritt ein, entkleideten sie aller Rechte, raubten ihnen Beruf und Arbeit, das Vermögen und schließlich das Leben.

Aber Globke war nicht nur einer der Autoren des Gesetzes und des Kommentars, die aus den Juden die Parias des Kontinents machten – er gehörte zu den führenden Teilnehmern der Judenausrottung und der Annexionspolitik des „Dritten Reiches“. Er wurde an allen Brennpunkten des Hitlerschen Eroberungsfeldzuges eingesetzt. (…)

Globke, „J“ und der Judenstern

Eine Teufelei besonderer Art, die auf Globkes persönliches Konto kommt, war die von ihm mit dem Chef der Schweizer Polizei vereinbarte Brandmarkung der Reisepässe von rassisch verfolgten Deutschen durch den Buchstaben „J“: Wohlbemerkt, diese Abmachung wurde am 17. September 1938 getroffen, sieben Wochen vor der sogenannten Kristallnacht. Durch die Kennzeichnung der Pässe der jüdischen Deutschen wurde ihnen der Fluchtweg ins Ausland endgültig versperrt, weil die faschistischen Grenzbehörden in der Regel niemanden durchließen, dessen Paß durch das „J“ gekennzeichnet war. Von Globke persönlich stammte um dieselbe Zeit der Vorschlag, daß nur die nichtjüdischen Deutschen, die in Italien lebten, in ihre Reisepässe den Vermerk „Gültig für die Schweiz“ erhielten. Das geschah unmittelbar, bevor die antisemitische Verfolgung auch in Italien anlief, und Globkes Vorstoß führte dazu, daß die deutschen Staatsbürger jüdischer Abstammung nun nicht mehr aus Italien in die Schweiz flüchten konnten.

Globke geht in die Schmutzgeschichte des Nazistaates ein als der Erfinder des „J“, das die Juden unrettbar in den Mauern des sie mordenden Nazireiches einschloß. Als Heydrich am 1. September 1941 die Verordnung erließ, die alle Juden zwang, den gelben Stern auf ihrer Brust zu tragen, bezog er sich ausdrücklich auf das von Globke ausgearbeitete Nürnberger „Reichsbürgergesetz“.

Welch außerordentliche Rolle der bienenfleißige Globke bei der rassistischen Mordpolitik spielte, geht aus dem Geschäftsverteilungsplan des Reichsinnenministeriums aus dem Jahre 1938 hervor. Dort wird Globke nicht weniger als 21mal als Referent und Koreferent für alle antijüdischen Sach- und Fachgebiete es Frick-Ministeriums genannt, ob es sich um allgemeine Rassenfragen, um Sippenforschung, um „Blutschutzgesetze“ oder um Namensänderungen usw. handelte. (…)

Globke und Eichmann

Zwischen Globke und dem jetzt in Israel inhaftierten Millionenmörder Eichmann herrschte eine perfekte Zusammenarbeit. Globke war der Judenreferent im Innenministerium; Eichmann besetzte die gleiche Funktion im Reichssicherheitshauptamt. Auf der gemeinsamen Basis ihres wütenden Antisemitismus entstand eine natürliche Zusammenarbeit. Der eine sorgte für die Ausdehnung der Nürnberger Gesetze auf Österreich und die Tschechoslowakei; der andere, Eichmann, bildete die Zentralstellen für die Liquidierung der Juden.

Nach dem Überfall auf Polen übernahm Globke im Reichsinnenministerium auch die Verantwortung für die „Umsiedlung der Polen und Juden“. Gleichzeitig übernahm Eichmann im Reichssicherheitshauptamt dieselbe Aufgabe. Man weiß, daß den Eichmann und Globke allein 2900000 polnische Juden zum Opfer fielen.

Schon am 17. August 1938 verfügte ein von Globke geschriebener Erlaß, daß jeder Jude bei der Gestapo gemeldet werden müsse. Damit spielte er den Himmler und Eichmann die Gesamtlisten aller zu vernichtenden Juden in die Hände. Globke bereitete durch seine Gesetze, Verträge und Polizeiverordnungen das Terrain für Eichmann vor. Dieser setzte in die Tat um, was jener ersann. (…)

Der Geist der Erschlagenen und Erschossenen und Vergasten findet keine Ruhe, denn ihr Mörder sitzt nicht im Kerker, sondern im Palais Schaumburg. Der Autor der Hitlerschen Judengesetze und engst Mitarbeiter Himmlers ist Adenauers Mitregent.

Aber wie soll man den Adenauer charakterisieren, der in voller Kenntnis der Verbrechen des Satans ihn zu seinem engsten Ratgeber und faktischen Stellvertreter ernannte?! Was ist das für ein Kanzler, der sich mit den mörderischen Spießgesellen Hitlers und Himmlers vom Schlage Globke und Oberländer umgibt?!“

Norden, Albert: Der Eichmann von Bonn, in: Die Nation und wir, Ausgewählte Aufsätze und Reden 1933-1964, Band 2, 1965, Berlin, Seite 198 ff.

Bundeskongress der VVN-BdA 2021

6. Mai 2021

Federal Congress of the (German anti-fascist organization) VVN-BdA – April 24-25, 2021

Greeting to Mumia Abu-Jamal, honorary member of the VVN-BdA

Friendly congratulations from the VVN-BdA, dear Mumia, on your day of glory!

The delegates of the VVN-BdA congratulate you on your birthday today, April 24, 2021.

We are proud to have you in our ranks since 2002 and wish you daily courage, strength and health.

For you the fight against fascism and racism is a matter of course.

You are an indispensable reporter and chronicler of the USA, and we appreciate you as a scientist and jailhouse lawyer.

You have always been an intellectual activist and internationalist, and we are saddened by your almost 40 years in prison. We hope to be able to support you and also to stand by your side.

The conditions of our struggles are different, but we are united by the same goal, a society without hate, poverty, exploitation and war.

That is what should count today.

The German poet Heinrich Heine put our common dream into words 177 years ago.

A new song, a better song,
My friends will be my aim!
We should, right now on earth,
A kingdom of heaven proclaim.

We wish to be happy, here on earth,
The days of need have gone;
The idle belly must not enjoy
What toiling hands have won.

Enough bread grows here on earth,
For all mankind’s nutrition,
Roses too, myrtles, beauty and joy,
And green peas, in addition.

Yes, green peas for everyone,
As soon as they burst their pods.
To the angels and the sparrows,
We leave Heaven and its Gods.

From “Germany. A Winter’s Tale”; Chapter “Caput I”

(Poem by Heinrich Heine (1797-1856), translated into English by Joseph Massaad;

Source: http://www.heinrich-heine.net/winter/wintereng1.htm)

We send our congratulations and we salute you!

[The End]

Es folgt das deutsche Original:

Bundeskongress der VVN-BdA – 24.-25. April 2021

Grußwort an Mumia Abu-Jamal, Ehrenmitglied der VVN-BdA

Freundschaftliche Glückwünsche von der VVN-BdA, lieber Mumia, an Deinem Ehrentag!

Die Delegierten der VVN-BdA gratulieren Dir heute, am 24. April 2021, zu Deinem Geburtstag.

Wir sind stolz, Dich seit 2002 in unseren Reihen zu wissen, und wünschen Dir täglich Mut, Stärke und Gesundheit.

Für Dich der Kampf gegen den Faschismus und den Rassismus eine Selbstverständlichkeit.

Du bist für uns unverzichtbarer Berichterstatter und Chronist der USA, und wir schätzen Dich als Wissenschaftler und jailhouse lawyer.

Schon immer warst Du intellektueller Aktivist und Internationalist, und Deine fast 40 Jahre währende Haftzeit bestürzt uns und macht uns traurig. Wir hoffen Dich unterstützen zu können und auch zur Seite stehen zu können.

Die Bedingungen unserer Kämpfe sind verschieden, doch uns verbindet dasselbe Ziel, eine Gesellschaft ohne Hass, Armut, Ausbeutung und Krieg.

Das soll heute zählen.

Der deutsche Dichter Heinrich Heine hat unseren gemeinsamen Traum in Worte gefasst, vor 177 Jahren.

„Ein neues Lied, ein besseres Lied,

O Freunde, will ich euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,

Und wollen nicht mehr darben;

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,

was fleißige Hände erwarben.

E wächst hienieden Brot genug

Für alle Menschenkinder,

Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

Den Engeln und den Spatzen.“

Heinrich Heine (1797-1856), Deutschland – Ein Wintermärchen, 1844 (Aus dem Kapitel „Caput I“)

Quelle: http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/caput01.shtml

Wir gratulieren Dir und wir grüßen Dich!

Zum 5. Mai 1921 – 100. Geburtstag Erich Fried

5. Mai 2021

Erich Fried: Tiermarkt/Ankauf

Der Polizeipräsident

in Berlin sucht:

Schäferhundrüden.

Alter ein bis vier Jahre,

mit und ohne

Ahnentafel,

Voraussetzungen: einwandfreies Wesen

rücksichtslose Schärfe

ausgeprägter Verfolgungstrieb

Schußgleichgültig

und

gesund

Überprüfung

am ungeschützten Scheintäter

Hund mit Beißkorb

Gezahlt werden

bis zu

750,- DM

Angebote an:

Der Polizeipräsident

in Berlin W-F 1

1 Berlin 42

Tempelhofer Damm 1-7

Tel. 69 10 91

Apparat

27 61

Strich 64

Diese Anzeige des Polizeipräsidiums erschien im Westberliner „Tagesspiegel“ am 28. Februar und 7 März 1970. 28. Februar: Reißkorb; 7. März: Beißkorb – Wortlaut nicht verändert, nur in Verse geteilt.

In: Gedichte ohne Vaterland, Frankfurt/Main, 5. Auflage 2003, Seite 77

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