»Dann sollte er nicht kandidieren«

24. September 2020

Junge Welt vom 25.September 2020 – Wuppertal: Kritik am gemeinsamen OB-Kandidaten von Grünen und CDU wegen der Verbindung zum rechten Publizisten Tichy. Gespräch mit Sebastian Schröder

Henning von Stoltzenberg

An diesem Sonntag stehen in NRW mehrere Stichwahlen an. Auf dem Posten des Wuppertaler Oberbürgermeisters will Uwe Schneidewind, nominiert von Bündnis 90/Die Grünen und der CDU, den SPD-Amtsinhaber ablösen. Warum fordern Sie von dem Wirtschaftswissenschaftler eine klare Abgrenzung nach rechts?

Schneidewind hat im Heft »Klimaschutz und Marktwirtschaft« in der Veröffentlichungsreihe »Wohlstand für alle« der »Ludwig-Erhard-Stiftung« einen Beitrag plaziert. Dagegen gab es schon am Tag des Erscheinens am 30. Juni von verschiedenen Leuten Kritik, denn die Stiftung wird bislang noch von Roland Tichy geleitet. Er ist der vielleicht bekannteste rechte Journalist Deutschlands, Herausgeber von »Tichys Einblick« und hat Verbindungen zum konservativen Entscheidermillieu der BRD. In »Tichys Einblick« schreiben Leute wie Thilo Sarrazin und Hans-Georg Maaßen. In besagter Broschüre haben auch mehrere Autoren Beiträge veröffentlicht, die der AfD nahestehen. Von einigen wird »Fridays for Future« scharf angegriffen. Es sind nicht alle Autoren – es ist übrigens nur eine Frau darunter – stramm rechts, aber durch das Framing handelt es sich um eine strukturell reaktionäre Broschüre. Sie sollte übrigens als Beilage in überregionalen Tageszeitungen kostenlos unter die Leute gebracht werden, wie Schneidewind in seiner Mail an die VVN mitgeteilt hat.

Mittlerweile hat sich Schneidewind von Tichy distanziert. Das reicht allerdings nicht aus, wenn sein Text weiterhin den rechten Herausgebern zur Verfügung steht und der Name Schneidewind als liberales Feigenblatt benutzt werden kann. Wir haben ihn zweimal aufgefordert, seinen Artikel zurückzuziehen, dies macht er wohl nicht. Auf unsere zweite Nachricht hat er nicht mehr persönlich geantwortet.

Wieso überrascht es Sie, dass ein bürgerlicher Ökonom wenig Berührungsängste nach rechts hat? Hat es dafür in der Gesellschaft nicht schon ausreichend Beispiele gegeben?

Die VVN prangert Verbindungen nach rechts grundsätzlich an. Gerade weil in Deutschland viele Bürgerliche schon immer von rechts fasziniert oder selbst Teil der Rechten waren, ist der Kontakt von Schneidewind zu Tichy nichts Besonderes. Da er aber liberale Positionen vertritt, sollte er nicht in einem solchen Umfeld publizieren. Damit stößt er die vielen antifaschistisch orientierten und engagierten Menschen in Wuppertal vor den Kopf, und dann sollte er nicht als Oberbürgermeister der Stadt kandidieren.

Wie verhalten sich die Grünen in der Angelegenheit? Zeigt die Ökopartei zumindest verbal mehr Skrupel als die CDU?

Seit 2018 bilden CDU und Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat von Wuppertal eine Koalition, die aber keine Mehrheit hat. Zur Durchsetzung ihres Kandidaten für einen wichtigen Dezernentenposten haben sie Anfang 2019 zunächst eine geheime Abstimmung beantragt, um dann mit den zwei Stimmen von »Pro Wuppertal« ihren Mann zu etablieren. Die sogenannte Bürgerbewegung »Pro Wuppertal« ist extrem rechts. Ein solcher Vorgang hat sich im Februar 2020 trotz Gegenwindes von Antifaschisten wiederholt. Die fortschrittlichen Wuppertalerinnen und Wuppertaler sind deshalb sehr sensibel, was die Verbindungen von »Schwarz-Grün« zu »Braun« angeht. Im neuen Stadtrat haben CDU und Grüne wieder keine Mehrheit. Nun besteht für die kommenden fünf Jahre die Gefahr, dass beide Parteien auf die fünf Stimmen der AfD zurückgreifen, um Abstimmungen für sich zu entscheiden.

Wie positionieren sich andere Parteien und Initiativen in der Sache?

Unterstützt wurde die VVN Wuppertal umgehend von der Linkspartei und deren Oberbürgermeisterkandidaten Bernhard Sander, der unsere Pressemitteilung sofort auf seiner Kampagnenseite veröffentlicht hat. Nach der ersten Abstimmung mit den Rechten 2019 hat es eine breite Debatte in den antifaschistischen und linken Zusammenhängen gegeben, und alle haben sich entsetzt gezeigt. In der Folge konnte die VVN das Thema auch in breiten bürgerlichen Kreisen bekannt machen.

Sebastian Schröder ist Sprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) in Wuppertal

https://www.jungewelt.de/artikel/387055.liberales-feigenblatt-dann-sollte-er-nicht-kandidieren.html

Rede auf der Gedenkveranstaltung am 15. September 2020, Friedhof Norrenberg

21. September 2020

Von Dirk Krüger, Kreissprecher der VVN-BdA Wuppertal

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie in jedem Jahr wurde meine Organisation, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), auch in diesem Jahr zu dieser wichtigen Mahn- und Gedenkveranstaltung als Redner eingeladen.

Dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken!

Bedanken möchten wir uns aber besonders für die unendlich wichtige Erinnerungsarbeit, die die Organisatoren in jedem Jahr leisten – und das bereits seit vielen Jahren!

Auch die VVN hat sich seit ihrer Gründung 1945 zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an die Verbrechen des Faschismus immer und immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und zum aktiven Handeln zu motivieren.

Das könnte der Grund sein, warum es ernstzunehmende und gefährliche Aktivitäten gibt, der VVN die Gemeinnützigkeit abzuerkennen.

Dagegen gibt es viel Proteste und Solidarität, die uns ermuntern und stärken.

Was viele vielleicht gar nicht wissen – und deswegen wollen wir heute darauf hinweisen -: wir haben – heute muss ich sagen, wir hatten – in Wuppertal eine „Kommission für eine Kultur des Erinnerns“ – so der offizielle Titel. Darin sind (waren) wichtige Mandatsträger (gemeint sich Ratsmitglieder) und weitere bekannte Wuppertaler Persönlichkeiten vereint.

Unbekannt ist, warum diese Kommission nicht zu den Unterzeichnern und Aufrufern für diese Veranstaltung gehört. Vielleicht ändert sich das mit dem neuen Stadtrat.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

In diesem Jahr konnte aus den bekannten Gründen die Gedenkveranstaltung nicht am 8. Mai durchgeführt werden. Darauf wurde schon hingewiesen.

Ich denke, der Ausweichtermin 15. September wurde mit Bedacht gewählt, denn an diesem 15. September im Jahr 1935, also heute vor genau 85 Jahren, wurden auf dem NSDAP „Parteitag der Freiheit“ – wie es zynisch hieß – die Nürnberger Rassegesetze verabschiedet.

Das Gesetz mit dem Namen „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wurde von den Nazis kurz und zynisch „Blutschutzgesetz“ genannt.

Dem vorausgegangen war bereits am 7. April 1933 das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ mit dem „nichtarische Beamte“ entlassen wurden. Es folgten die Künstler, und mit dem „Reichsbürgergesetz“ die Notare, Hebammen, Apotheker und viele andere Berufsgruppen.

Diese Erinnerungsarbeit ist und bleibt wichtig, denn die Erinnerung hat einen mächtigen Feind: Das Vergessen!

Deswegen haben auch viele Historiker, die sich mit dem Thema Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigt haben, solche Überschriften gewählt: „Nach 1945: Vergessene Opfer, vergessene Lager“ oder „Vergessene Opfer – Zwangsarbeit im Nationalsozialismus“.

Ich möchte noch einmal das ganze Ausmaß dieses Nazi-Verbrechens in Erinnerung rufen.

In Deutschland wurde die NS-Zwangsarbeit – trotz ihrer Verurteilung in den Nürnberger Kriegsverbrecher Prozessen – seitens der Politik und der Gerichte jahrzehntelang als übliche Begleiterscheinung von Krieg und Besatzung bezeichnet und damit zugleich bagatellisiert, nicht aber als Nazi-Verbrechen anerkannt.

Dabei war bereits früh klar: Über acht Millionen Zwangsarbeiter aus 20 europäischen Ländern lebten und schufteten in über 30.000 Lagern in Deutschland. Ein Drittel von ihnen waren Frauen und Mädchen. 85 % der Frauen, die manchmal auch Kinder mitbrachen oder im Lager gebaren, kamen aus der Sowjetunion und Polen. Aus der Sowjetunion wurden 1942 pro Woche 40.000 Menschen von der Straße weg verschleppt.

Nicht nur bei Daimler-Benz arbeiteten sogar neunjährige russische Jungen. Nach der Einberufung fast aller deutschen Männer in die Wehrmacht war die Aufrechterhaltung gewisser Produktions- und Lebensstandards nur mit der massenhaften Ausbeutung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern möglich.

Sie stellten z.B. bei der AEG fast 60 % der Belegschaft.

Nur mit ihnen wurden die landwirtschaftliche Versorgung der Bevölkerung und die Rüstungsproduktion aufrechterhalten. Aber auch Religionsgemeinschaften und Stadtverwaltungen bedienten sich der billigen Arbeit der Zwangsarbeiter.

Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter der Nazis für den Arbeitseinsatz, erklärte 1944 offen: „Von fünf Millionen Arbeitern, die nach Deutschland gekommen sind, sind keine 200.000 freiwillig gekommen.“

Die deutschen „Herrenmenschen“ betrieben die systematische Unterwerfung der (Zitat) „rassisch minderwertigen osteuropäischen Arbeitsvölker“.

Für sie war deren Arbeit eine willkommene Beute des rassistischen Vernichtungskrieges.

Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion (sogenannte Ostarbeiter) waren zudem durch diskriminierende Sondererlasse besonders wehrlos der Willkür der Gestapo ausgeliefert. Sie durften Ihre Lager nur zur Arbeit verlassen und mussten entsprechende Kennzeichen auf der Brust tragen.

Alle Zwangsarbeiterinnen wurden besonders streng überwacht durch einen rassistisch-bürokratischen Kontrollapparat aus Wehrmacht, Arbeitsamt, Werkschutz, SS und Gestapo.

Viele Frauen litten unter zusätzlichen Verbrechen wie Vergewaltigung und Zwangssterilisierung.

Am schlimmsten war das Schicksal der jüdischen Zwangsarbeiterinnen in den zahlreichen KZ-Außenlagern.

Aber auch das gehört zu dieser Bilanz.

Anders als die Vernichtungslager lagen die Zwangsarbeiterbaracken direkt vor den Haustüren und Fenstern der deutschen Bevölkerung.

Selbst meine Schule, die Grundschule Schützenstraße beherbergte eine Zwangsarbeiterunterkunft.

Auf ihren langen täglichen Wegen zu Arbeit durch Stadtteile und Dörfer waren die Fremden ebenso unübersehbar wie auf den Feldern und in den Fabriken.

Keiner konnte sich nach 1945 rausreden…ich habe das nicht gewusst.

Der Historiker Ulrich Herbert schreibt: „Die Diskriminierung der Arbeiter aus Osteuropa wurde ebenso als gegeben hingenommen wie die Kolonnen halbverhungerter Menschen, die täglich durch die Straßen der Städte in die Fabriken marschierten…eben das aber machte das Funktionieren des nationalsozialistischen Arbeitseinsatze aus: dass die Praktizierung des Rassismus zur täglichen Gewohnheit, zum Alltag wurde.“

Ich habe dieses Zitat des Historikers Ulrich Herbert bewusst gewählt, denn die Gräber an denen wir uns heute versammelt haben, sind auch eine Dokumentation dieser Aussagen. Das, was der Historiker formuliert hat, muss auch für das inhumane Geschehen in unserer Stadt als zutreffend hingenommen werden.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

der ehemaligen Bundespräsident Weizäcker hat einmal sinngemäß gesagt: Die Erinnerung an Ereignisse in der Vergangenheit, ja, selbst deren Transport in die Gegenwart macht keinen Sinn, wenn daraus nicht Handlungen für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft erwachsen.

Darauf weist auch der Aufruf zu unserer heutigen Veranstaltung hin!

Die Auschwitzüberlebende Esther Bejarano fordert: Die Erinnerung an die Vergangenheit muss zum Kampf für eine Gegenwart und Zukunft ohne Krieg und Faschismus werden. Sonst macht die Erinnerung keinen Sinn.

Wenn diese Veranstaltung am 8. Mai stattgefunden hätte, hätten wir es da gesagt. Nun wollen wir es heute sagen. Esther Bejarano hat am 8. Mai gefordert, dass dieser Tag der Befreiung vom Faschismus auch in unserem Land zu einem offiziellen nationalen Feiertag wird! Eine entsprechende Petition wurde inzwischen von vielen Menschen unterzeichnet. Wir sollten diese Initiative nach Kräften unterstützen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wenn wir über das nachdenken, was in Gegenwart und Zukunft zum wichtigen Thema unseres Kampfes werden muss, dann sehe ich das.

Wir werden immer häufiger Zeugen einer gefährlichen Rechtsentwicklung in unserem Land. Die Vorgänge vor einigen Tagen in Berlin haben es erneut gezeigt. Nun ist die AFD mit 6% Prozent in den Wuppertaler Stadtrat gewählt worden. Das ist eine Schande für unsere Stadt! Eine der Aufgaben für die Zukunft muss sein, dass wir alle gemeinsam gegen die Rechtsentwicklung, gegen alle Formen des Neofaschismus kämpfen. Wenn die Erinnerung hier heute an den Gräbern der Zwangsarbeiter einen Sinn machen soll, dann ist es die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Rechtsentwicklung.

Ein weiteres Thema unseres Kampfes in der Zukunft muss der Kampf gegen den Rassismus sein, der sich nicht nur in den USA zeigt. Auch in unserem Land haben wir es immer wieder mit dem Alltagsrassismus zu tun, der öffentlich von den davon betroffenen Menschen geschildert wird. Erinnern möchte ich an die Auseinandersetzung um die Umbenennung der „Mohrenstraße“, die ja von der Bezirksvertretung verschoben worden ist. Das sollte nicht auf die lange Bank geschoben, sondern rasch erledigt werden.

Vor ein paar Tagen wurde im Fernsehsender arte ein Dokumentarfilm zur Geschichte des Rassismus gezeigt. Es war einfach erschütternd zu sehen, was Menschen Menschen antun können. Wir sollten prüfen, ob man diesen Film nicht besorgen und den Bewohnern der „Mohrenstraße“ und in Jugendeinrichtungen zeigen kann.

Ein ganz wichtiges Thema für die Zukunft ist und bleibt der Kampf um Frieden, um Abrüstung statt Aufrüstung, um den Stopp des Exports von Kriegswaffen. Wir müssen weiter dafür eintreten, dass die US-amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland verschwinden. Das waren die wichtigsten Themen am 1. September, dem internationalen Antikriegstag, die auch auf einer Veranstaltung hier in unserer Stadt im Zentrum standen.

Abschließen möchte ich mit einem kleinen Mut machenden Bericht. 100 Musiker des bundesweiten Netzwerks „Lebenslaute“ haben vor ein paar Tagen in der Ortschaft Unterlüß das dortige Werk des Rheinmetall-Rüstungs-Konzerns blockiert. Sie konnten die vier Haupttore gewaltfrei und effektiv für mehrere Stunden mit musikalischen Konzerten unpassierbar machen und mit den Arbeitern diskutieren. Im Anschluss an die musikalischen Blockaden besuchten die Musiker das ehemalige Außenlager Tannenberg und legten für die in dem Lager ermordeten jüdischen Zwangsarbeiterinnen, die für den Rüstungskonzern Rheinmetall schuften mussten, Blumen nieder. Es wurde die Forderung an Rheinmetall und die Gemeinde nach einer würdigen Gedenkstätte zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter und die an ihnen begangenen Verbrechen erhoben.

Damit schließt sich der Kreis zu unserer heutigen Veranstaltung: Für ein friedliches und solidarisches Miteinander!

Vielen Dank für ihre Geduld und Aufmerksamkeit!

Es kommt auf das Verhalten jeder/s Einzelnen an, Herr Schneidewind

11. September 2020

Presseerklärung der VVN-BdA Wuppertal vom 10. September 2020

Die VVN-BdA Wuppertal fordert Herrn Professor Schneidewind, den gemeinsamen Oberbürgermeisterkandidaten von CDU und Grünen, zu einer energischen und sichtbaren Aktion auf, um das Vertrauen in seine Politik und in die Politik der Partei Bündnis90/Die Grünen Wuppertal wiederherzustellen.

In der Publikation „Wohlstand für alle – Klimaschutz und Marktwirtschaft“ der „Ludwig-Erhard-Stiftung“, geleitet von Roland Tichy, ist Professor Schneidewind mit einem Artikel vertreten.

Es schreiben hier auch bekannte Intellektuelle mit Nähe zur AfD :

Professor Dietrich Murswiek: „Der Ratgeber der AfD“ https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-11/afd-gutachten-dietrich-murswiek-parteispenden

Roger Köppel „Ich meine es nicht böse“ – Interview mit B. Höcke

https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2019-48/titelgeschichte/ich-meine-es-nicht-bose-die-weltwoche-ausgabe-48-2019.html

https://www.woz.ch/-a2f0

Dr. Klaus-Rüdiger Mai, hofiert von den „Christen in der AfD“

https://www.chrafd.de/index.php/184-das-mass-ist-randvoll

Professor Wolfgang Ockenfels, im Kuratorium der „Desiderius-Erasmus-Stiftung“

https://www.katholisch.de/artikel/18367-dominikaner-distanzieren-sich-von-wolfgang-ockenfels

Professor Schneidewind und wenige andere sind in dieser Veröffentlichung der „Ludwig-Erhard-Stiftung“ das liberale Feigenblatt. Seine politische Distanzierung vom Herausgeber Tichy ist nicht glaubhaft, wenn sie nicht zum sofortigen Abbruch jeder Kooperation mit Tichy führt.

Wie steht Herr Schneidewind zu den Aktivitäten und Äußerungen von Murswiek, Köppel, Mai und Ockenfels ?

Volker Weiß, Historiker mit dem Schwerpunkt Neue Rechte, schreibt: „Gegenwärtig schwinden die Berührungsängste der Mitte mit dem rechten Rand und Teile des Bürgertums bewegen sich zurück in eine Konstellation, die sie in den liberalen Nachkriegsjahrzehnten verlassen haben.“ Er warnt uns: „Die Synthese zwischen Bildungselite und liberaler Demokratie, von der die bundesrepublikanische Geisteslandschaft seit den 60er Jahren (…) bestimmt wurde, ist nicht naturgegeben. Sie kann auch enden.“ (Volker Weiß, Nachwort; in Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, Frankfurt/Main, 5. Auflage 2019)

Die Wuppertaler*innen stehen in der Tradition des Widerstandes gegen den Faschismus; mutige Frauen und Männer aus dieser Stadt haben alles riskiert. Linke, liberale und konservative Menschen, christliche Menschen, Menschen aus allen Schichten haben im Großen und im Kleinen die Geschichte des anderen Deutschland geschrieben.

Dies ist unser antifaschistisches Erbe, und dies werden wir verteidigen.

Im Kampf gegen Rechts kommt es auf das Verhalten jeder/s Einzelnen an. Darüber hinaus trägt Herr Professor Schneidewind als Oberbürgermeisterkandidat unserer Stadt eine herausragende Verantwortung.

Wir möchten unsere Positionen vom 30. Juni nochmals bekräftigen.

Herr Schneidewind, beziehen Sie unmissverständlich Position gegen die rechten Ansichten Herrn Tichys!

Ziehen Sie ihren Beitrag zurück; lassen Sie die weitere Veröffentlichung durch die „Ludwig-Erhardt-Stiftung“ sperren.

Machen Sie auf diesem Weg deutlich, dass Sie die Kontakte zu den Rechten abbrechen!

https://www.wuppertaler-rundschau.de/wahl/kritik-an-wuppertaler-ob-kandidat-schneidewind-wegen-veroeffentlichung_aid-52141011

Tichy knickt ein – Versuch die VVN-BdA mundtot zu machen gescheitert

9. September 2020

Pressemitteilung vom 9. September 2020

In einer auf ihrer Homepage veröffentlichten Pressemeldung vom 30.6.2020 hatte die VVN-BdA Wuppertal den Oberbürgermeisterkandidaten von CDU und Bündnis90/Die Grünen Uwe Schneidewind aufgefordert „unmissverständlich Position gegen die rechten Ansichten“ des Herrn Tichy zu beziehen. Hintergrund war ein Aufsatz Schneidewinds in einer Publikation in der von Roland Tichy geleiteten „Ludwig-Erhardt-Stiftung“ gewesen.

In diesem Zusammenhang hatte die VVN-BdA auf einen Konflikt zwischen dem CDU-Politiker Friedrich Merz und Tichy Bezug genommen. Merz hatte es 2018 abgelehnt einen von der Stiftung ausgelobten Preis entgegen zu nehmen, offenbar weil ihm die Positionen von Tichy, insbesondere verbreitet durch das Online-Projekt „Tichys Einblick“, zu rechts sind.

Berichtet wurde in der Pressemeldung über eine Aussage von Merz, die u.a. vom Handelsblatt und der Süddeutschen Zeitung kolportiert wurde, nach der Merz „nicht mit dem Vorsitzenden der Stiftung auf einer Bühne auftreten wolle“.

(hier zitiert nach Handelsblatt: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/populismus-vorwurf-eklat-in-der-ludwig-erhard-stiftung-friedrich-merz-lehnt-preis-ab/22798842.html?ticket=ST-3629754-5ImTZQv3ejetYsdmF5nD-ap2)

Roland Tichys Einblick GmbH ging daraufhin juristisch gegen die Bundesvereinigung der VVN-BdA vor, die sie für den Text der Wuppertaler Kreisvereinigung presserechtlich verantwortlich machte. Sie erwirkte beim Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung nach der unter Androhung eines Ordnungsgeldes bis zu 250.000 € oder einer Ordnungshaft von „insgesamt höchstens 2 Jahren“ die Weiterverbreitung dieses Zitates zu unterbleiben habe.

Dieses aggressive, die Pressefreiheit in Frage stellende Verhalten hat nun zu einem krachenden Eigentor geführt. Tichy ließ, nachdem die Bundesvereinigung juristische Gegenpositionen einzunehmen begann, die Einstweilige Verfügung zurücknehmen, vorgeblich um „etwaige Debatten über die lediglich mittelbare Störerschaft ihrer verfassungsfeindlichen Mandantin entbehrlich zu machen.“

Einer gerichtlichen Auseinandersetzung über den tatsächlichen Inhalt ist Tichy damit aus dem Weg gegangen. Solche juristischen Vorgänge sind teuer, Tichy darf die Kosten des Verfahrens nun tragen und muss außerdem damit leben, dass die Welt wissen darf, dass nicht jedermann mit ihm auf der Bühne stehen mag.

Heinrich Heine: Das ist mein Patriotismus

5. September 2020

Deutschland – Ein Wintermärchen; aus dem Vorwort, 17. September 1844

Wir sind im Herzen gewappnet gegen das Mißfallen dieser heldenmütigen Lakaien in schwarz-rot-goldner Livree. Ich höre schon ihre Bierstimmen: du lästerst sogar unserer Farben, Verächter des Vaterlandes, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein abtreten willst! Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr als eine müßige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarz-rot-goldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr. Wegen diese Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exile verlebt, und wegen dieser Liebe kehre ich wieder zurück ins Exil, vielleicht für immer, jedenfalls ohne zu flennen oder eine schiefmäulige Duldergrimasse zu schneiden.

Ich bin der Freund der Franzosen, wie ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernünftig und gut sind (…)

Das ist mein Patriotismus.

(…) Den entschiedensten Widerspruch werde ich zu achten wissen, wenn er aus einer Überzeugung hervorgeht. Selbst der rohesten Feindseligkeit will ich alsdann geduldig verzeihen; ich will sogar der Dummheit Rede stehen, wenn sie nur ehrlich gemeint ist. Meine ganze schweigende Verachtung widme ich hingegen dem gesinnungslosen Wichte, der aus leidiger Scheelsucht oder unsauberer Privatgiftigkeit meinen guten Leumund in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen sucht, und dabei die Maske des Patriotismus (…) benutzt.“

Heinrich Heine: Deutschland – Ein Wintermärchen, Heines Werke in fünf Bänden, zweiter Band, Berlin und Weimar, 1978, Seite 90 f.

Keine Freunde der Schwarzen

1. September 2020

Von Mumia Abu-Jamal

In einer Situation, in der die beiden großen politischen Parteien der Vereinigten Staaten von Amerika um die nächste US-Präsidentschaft streiten, steht mehr auf dem Spiel als nur die Demokratie. Das schwarze Amerika steht vor Entscheidungen, die weniger klar sind als derzeit dargestellt. Denn der amtierende US-Präsident Donald Trump erscheint in diesem politischen Theater als »Buhmann« und ultimatives Schreckgespenst für alle Schwarzen – als Rassist. Umgekehrt wird seinem Erzfeind Joseph Biden die Rolle des angeblichen »Freundes der Schwarzen« zugeschrieben. Und das vor allem wegen seiner früheren Rolle als Vize von Barack Obama, dem ersten schwarzen Präsidenten der USA. William Shakespeare hat in seiner Komödie »Wie es euch gefällt« den passenden Satz dazu geprägt: »Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frau’n und Männer sind bloße Spieler.«

Als Biden in den 1990er Jahren als Senator des US-Bundesstaats Delaware die schmierige Karrierestange der Politik erklomm, opferte er seinem Ehrgeiz die Zukunft Zehntausender Minderjähriger. Als Vorsitzender des US-Justizausschusses befürwortete er Gesetzesverschärfungen der Regierung von William Clinton, durch die diese Kids lebenslang in Gefängnisse für Erwachsene gesperrt wurden. Die meisten von ihnen waren schwarz und braun. Der Mann, der jetzt mit seiner Empathie für Schwarze als Kandidat für das Präsidentenamt wirbt, war damals ein kaltschnäuziger Politiker, der Kinder und Jugendliche dazu verdammte, auf ewig in einer Gefängniszelle zu verschwinden. Deshalb ist es ratsam, die beiden Anwärter für das Präsidentenamt mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Beide müssen sich die Frage gefallen lassen, ob für sie schwarze Leben wirklich zählen.

Trump wird schon lange von den Medien heftig attackiert, weil sein Verhalten völlig inakzeptabel ist, aber über Bidens Vergangenheit als Gesetzgeber wissen fast nur Journalisten und Wissenschaftler Bescheid. Keiner der beiden Politiker hat also aus seiner Geschichte etwas Positives vorzuweisen, sofern es ihr Verhältnis zu Schwarzen betrifft. Ganz im Gegenteil! Deshalb ist es jetzt die Aufgabe aller in den Bewegungen gegen Rassismus und für Gerechtigkeit und soziale Gleichheit, vor der Wahl für Klarheit zu sorgen und eine bessere Politik für Schwarze zu fordern. Schließlich haben uns die Obama-Jahre gelehrt, dass Hoffnungen und Emotionen allein nicht genug sind.

Übersetzung: Jürgen Heiser

https://www.jungewelt.de/artikel/385345.keine-freunde-der-schwarzen.html

Aus dem Archiv: AfD Wuppertal – Nähe zu Rechtsextremen

31. August 2020

Pressemitteilung der VVN-BdA Wuppertal – 1. Mai 2017

Rechtsextreme AktivistInnen greifen unsere Mina Knallenfalls an!

August 2016: Politgruppe missbraucht die Skulptur der antifaschistischen Künstlerin Ulle Hees für ihre rassistische Hetze! AfD Wuppertal lobt die Aktion und nennt Instrumentalisierung „frech“ und „ironisch“.

Am 27. August 2016 haben Mitglieder der rechtsextremen Gruppe „Ein Prozent“ die bekannte Skulptur Mina Knallenfalls in Wuppertal-Elberfeld zur rassistischen Diffamierung von Geflüchteten und des Islams benutzt.

Die banale Verhüllungsaktion sollte Vorurteile gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen schüren.

http://www.afd-wuppertal.de/neulich-in-wuppertal/#more-955

Prominente neurechte Vordenker und Aktivisten wie Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek leiten die einflussreiche Gruppe „Ein Prozent“ an; mit Begriffen wie „Flüchtlingsinvasion“ und „Asylkatastrophe“ gehören sie zu den Stichwortgebern des Flüchtlings- und islamfeindlichen Diskurses.

Die Internetseite einprozent.de dient als organisatorische Plattform zur Gewinnung und der Vernetzung von rechten AktivistInnen; so werden etwa Berichte von und über Aktionen der sogenannten „Identitären Bewegung“ dort verbreitet. Auch von den wöchentlichen PEGIDA-Demonstrationen wird berichtet. Philip Stein, Leiter der Gruppe, hat am 17. März 2017 auf der PEGIDA-Demo in Dresden gesprochen.

Die Nähe der AfD Wuppertal zur Gruppe „Ein Prozent“ ist unübersehbar. Durch ihr überschwängliches Lob für diese politische Instrumentalisierung der Minna Knallenfalls zeigt die AfD Wuppertal ihre Sympathie für maßlose rassistische Hetze. Es gibt offensichtliche Verbindungen der AfD Wuppertal zu dieser rechten Organisation.

Hände weg von Minna Knallenfalls!

Ulle Hees war Wuppertals bekannteste Bildhauerin. Sie hat mit dem Werk „Ja-Sager / Nein-Sager“ zur Bekennenden Kirche und mit der Arbeit „Das Urteil“ zu den Wuppertaler Gewerkschaftsprozessen herausragende antifaschistische Kunstwerke zur Wuppertaler und zur deutschen Geschichte geschaffen.

Bis zu ihrem Tod 2011 war sie Mitglied der VVN-BdA Wuppertal.

Minna Knallenfalls – die Frau aus dem Volk – steht für Solidarität, nicht für Hass!

Die AfD Wuppertal ist eine rassistische Partei!

Wer diese Partei hofiert oder wählt weiß das!

Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen!

Albert Norden 1953: Haltbare internationale Kunstseidenfäden

23. August 2020

Soviel Inzucht wie unter den Wuppertaler Patriziern findet man selten. Das ist eine Clique von höchst exklusiven Textilherren, deren Urgroßväter noch fortschrittsfreudig den Vorträgen eines jungen Mannes namens Friedrich Engels Beifall spendeten. Freilich, als ihre Arbeiter vor 100 Jahren begannen, dem politischen Patronat der Lohnherren zu entsagen, da huldigten diese sehr schnell einer harten Unternehmerphilosophie, die durch den in Wuppertal einflußreichen Pietismus gewiß nicht gemildert wurde. Und so wuchs an der Hofaue, die von Elberfeld nach Barmen führt, ein Typus heran, der es an konservativer Unnachgiebigkeit mit den Schwerindustriellen im benachbarten Ruhrrevier wohl aufnehmen konnte.

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Albert Norden

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Einer der markantesten Repräsentanten dieses Geschlechts, Abraham Frowein, begründete seinen Reichtum durch die Herstellung von Bändern, Kordeln und Litzen. Von der Firma Frowein und Co. aus, die solch hübsche und nützliche Dinge erzeugte, nahm er seinen Aufstieg, der bald den Spitzenfabrikanten in die Spitzenstellungen der deutschen Industrie führte. Er wurde Vorsitzender der Verbände der Seidenwebereien und der Seidenbandindustrie und stellvertretender Vorsitzender der „Internationalen Seidenvereinigung“. Gleichzeitig betätigte er sich als Verbindungsgeneral der verarbeitenden Industrie zur Schwerindustrie und schuf gemeinsam mit den Kohle-, Stahl-, Eisen- und Chemie-Königen den „Reichsverband der deutschen Industrie“, die zentrale Unternehmerorganisation des Reiches.

Wenn er im Reichsverband den Vorsitz der Kartellstelle übernahm, dann hatte das seinen guten Grund. Frowein – man muß eigentlich im Plural sprechen, denn mit ihm beherrschen andere Mitglieder seiner Familie die Wuppertaler Textilindustrie – spielte im internationalen Kunstseidetrust mit seinen zahlreichen Kartellverträgen keine geringe Rolle. Als Aufsichtsrat von Bemberg, diesem größten Produzenten von Kunstseide und 20 Millionen RM starken Pfeiler des Kunstseidetrusts, „Allgemeine Kunstseide-Union“ (AKU), holte Abraham Frowein seinen Bruder Kurt in den Vorstand, dessen Vorsitz er übernahm. Tochterfabriken entstanden in schneller Reihenfolge in Italien, Amerika, England und Japan, in deren Direktoraten immer wieder der Name Frowein auftaucht.

Unter dem Kaiser war Abraham Frowein kaisertreu. Als Stadtverordneter der Deutschnationalen Volkspartei half er die Republik zu untergraben, machte aber unter ihr keine schlechten Geschäfte, wovon die wachsende Zahl seiner Aufsichtsratsposten zeugte. Seine große Zeit brach mit Hitlers Machtübernahme an. Wenn auch seine Frau auf den verdächtigen Namen Cohnitz hörte, so muß Frowein, dessen Beziehungen zu Goebbels bis in das Jahr 1930 zurückreichen sollen, sich jedenfalls bedeutende Verdienste um die Nazipartei erworben haben, denn er wurde und blieb Präsident der deutschen Gruppe der Internationalen Handelskammer und deren Ehrenpräsident. 1934 berief die Hierarchie des „dritten Reiches“ ihn in die „Akademie für deutsches Recht“, in der er mit dem Blutsäufer Roland Freisler zusammensaß. Man fand Frowein auch im Verwaltungsrat des deutschen Außenhandels und in der Reichsnachrichtenstelle, die nichts anderes als eine Spionageorganisation des „dritten Reiches“ war.

Das Bild wäre nicht vollständig, wenn seine Teilnahme an der Arisierung unerwähnt bliebe. Als der Tietzkonzern seinen jüdischen Eigentümern entrissen wurde, profitierte Frowein davon und nahm im Aufsichtsrat des Unternehmens Platz. Kein Wunder, daß er am 14. Juni 1938 in einer Festrede zum Jubiläum der Firma Frowein den „machtvollen Aufstieg Deutschlands unter Führung Adolf Hitlers“ pries. Im zweiten Weltkrieg gehörte er zum engsten Vertrauten- und Beraterkreis des Munitionsministers Speer, der im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Herr Frowein wurde nicht verurteilt, nicht einmal verhaftet. Im Gegenteil, im Frühjahr 1946 riefen ihn die englischen Behörden auf keinen geringeren Posten als den eines Präsidenten des deutschen Wirtschaftsrates im Westen. Das war allerdings ein wenig zuviel des Guten. Die Affäre wirbelte so viel Staub in der internationalen Öffentlichkeit auf, daß Abraham Frowein, der Nutznießer von Naziherrschaft und Pogromen, diese Stellung eines Wirtschaftsministers wieder aufgeben mußte.

Warum die Engländer gerade auf ihn verfallen waren, das ist bisher nie recht klar geworden. Aber es wird erlaubt sein, auf einige Zusammenhänge hinzuweisen, die geeignet sind, etwas Licht in das Dunkel der internationalen Beziehungen Abraham Froweins zu bringen. Als die Nazitruppen 1940 Holland überfielen und besetzten, geriet auch der internationale Kunstseidetrust zeitweilig unter deutsche Kontrolle. Präsident des Trusts war und ist auch heute noch ein gewisser Fentener van Vlissingen, dessen Beziehungen zu den Nazis im allgemeinen und den Froweins im besonderen so vorzüglich waren, daß er nicht nur auf einem Posten verharren, sondern zusammen mit anderen Wirtschaftsquislingen und holländischen Faschisten im Frühjahr 1941 ein großes Hafenunternehmen in Rotterdam gründen konnte.

Fußnote 1 (Es handelt sich um das Unternehmen „Neederlandsche Havenbedrijf“, an dessen Spitze mit Fentener van Vlissingen die Brüder van Beumingen traten, die seit dem Ende des ersten Weltkrieges die holländischen Unternehmen Krupps leiteten und in den späten zwanziger Jahren versuchten, durch Fabrikation eines angeblichen französisch-belgischen gegen Holland gerichteten Geheimvertrags die Niederlande an die Seite des deutschen Imperialismus zu treiben. Kaum publiziert, wurde der Vertrag als Fälschung entlarvt.)

In den Kreisen der internationalen Hochfinanz schadete das Fentener van Vlissingen offensichtlich nicht; denn schon wenige Monate nach Ende des zweiten Weltkrieges nahm er im Dezember 1945 in New York an den Beratungen das Exekutivkomitees der Internationalen Handelskammer als deren Präsident teil und erneuerte in Reisen nach England die zeitweilig unterbrochenen Beziehungen zum englischen Finanzkapital. Wir glauben zu wissen, daß bei diesen Gelegenheiten der Name Froweins als eines Kandidaten für leitende Wirtschaftspositionen in Westdeutschland auftauchte.

Wenn Herr Frowein trotz dieser Protektion abtreten mußte, so mag das vielleicht mit einer kleinen Affäre zusammenhängen, die für die Erwerbsgierigkeit dieses Millionärs charakteristisch und immer noch nicht bereinigt ist. 1929 war er in den Aufsichtsrat der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken eingetreten und erfuhr von beträchtlichen Defraudationen und Schiebungen der Konzernleitung. Statt sie aufzuklären, ließ er sich von dem Generaldirektor Blüthgen unter Bruch der Statuten ein Jahresfixum von 4500 RM Korruptionsgeld bewilligen. Damit die Summe nicht unter Froweins Namen in den Geschäftsbüchern erschien, wurde sie auf dem beliebten Umweg über eine Filiale an seine Frau geschickt. Dem das Geld auszahlenden Beamten wurde ein Verschwiegenheitseid abgenommen. Herr Frowein ließ denn auch in der Tat Gras über die Steuerflucht des Konzerns wachsen. Wenn Göring und Konsorten den Prozeß, der wegen dieser Delikte angestrengt wurde, niederschlugen, so scheint diese nach dem zweiten Weltkrieg aufgedeckte Affäre Herrn Frowein veranlaßt zu haben, seine Tätigkeit etwas mehr in den Hintergrund zu verlegen. Dort ist er allerdings um so aktiver.

Die kluge Vorsicht seines Bruders Abraham, der zwar alle Praktiken des „dritten Reiches“ mitmachte, sich aber formell außerhalb der Nazipartei hielt, besaß Kurt Frowein nicht. Seit 1930 im Vorstand von Bemberg, trat er 1933 der Nazipartei bei, und es gab kaum eine chauvinistisch-alldeutsche Organisation, die ihn nicht in ihren Reihen sah, ob es der Reichskolonialbund oder der noch berüchtigtere „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ war. Im Oktober 1941 ließ er im „Bemberg-Adler“, der Zeitung des Unternehmens, schreiben:

„Der Betriebsführer trägt die Totalverantwortung für alles, was im Betrieb vorgeht.“

Sehen wir zu, was im Betriebe der Froweins vor sich ging. Durch die ganzen ersten Jahre der Hitlerdiktatur zogen sich die politischen Entlassungen von Arbeitern, und damit die Gestapo auch sofort wisse, wen sie zu verhaften habe, wurde die Kündigung immer mit der schriftlichen Begründung ausgesprochen, daß der Betreffende „sich nicht in unsere nationalsozialistische Betriebsgemeinschaft eingefügt“ habe. Stellen wir ausdrücklich fest, daß diese Entlassungen auf Initiative von Frowein erfolgten und auch von ihm unterschrieben wurden. Es blieb nicht bei Entlassungen In den bekannten Wuppertaler Massenprozessen wanderten Dutzende Bembergarbeiter ins Zuchthaus und KZ, manche auf Nimmerwiedersehen. Herr Frowein war`s zufrieden. Wenn er deutsche Antifaschisten politisch maßregelte und damit der Gestapo auslieferte, dann kann man sich vorstellen, wie er es mit den ausländischen Arbeitssklaven trieb. Uns liegt folgendes Dokument vom 31. Mai 1940 vor:

„Herr Frowein hat von Frau Wiedenroth erfahren, das uns Jüdinnen in jeder gewünschten Anzahl zur Verfügung gestellt werden können. Diese müßten garantiert unter Nachtschicht beschäftigt und – wenn möglich – in Baracken oder möglichst schlechten Wohnungen untergebracht werden. Herr Frowein schlägt 500 Jüdinnen vor.“

Wir werden dieses Zeugnis hochkapitalistischer Rassenpolitik durch keinen Kommentar abschwächen. Nicht besser als mit den jüdischen Arbeitskräften verfuhr man mit den wegen ihrer Billigkeit herbeigeholten Polen und Tschechen. Sie wurden so entsetzlich ausgehungert und angetrieben, daß sie in Massen zusammenbrachen, während andere im deutschen Speisesaal der Firma die Essensabfälle aufsammelten. Es gab – das sei zu ihrer Ehre gesagt – genug deutsche Arbeiter und Arbeiterinnen, die in ihren Kollegen und Kolleginnen von der anderen Nationalität den gleichwertigen Menschen sahen und sich dementsprechend verhielten. Da hatten sie freilich ihre Rechnung ohne Herrn Frowein gemacht, der am 5. Juli 1940 einen Erlaß herausgab und unterschrieb, in dem es heißt:

„Wir haben schon oft genug die Beobachtung gemacht, daß unsere Mädel und Männer sich mit den Tschechen und Polen unterhalten und zusammensetzen, als ob es sich nicht um unsere Feinde handele. Das dürft ihr nicht tun. Wir Deutsche dürfen uns nicht mit unseren Feinden und ehemaligen Feinden auf eine Stufe stellen.“

Dem Wort folgte die Tat, und Herr Frowein hat die Polen, die sich im deutschen Speisesaal aufhielten, nicht nur hinausjagen, sondern auch anzeigen lassen. Er forderte auch die Bestrafung von solchen, die ohne das „P“-Abzeichen angetroffen wurden. Er ließ über polnische Arbeitskräfte schwere Strafen verhängen.

Kurz, Herr Frowein ging mit den ausländischen Arbeitern wie mit Gefangenen um. Durch seine Betriebsleitung ließ er ab 1942 ausländische Arbeiterinnen, bei denen Schwangerschaft festgestellt wurde, wieder abtransportieren, aber erst, nachdem sie das Reisegeld abgearbeitet hatten. 1944 war der Arbeitermangel so groß geworden, daß man nun nicht mehr ans Wegschicken denken konnte, sondern von Betriebs wegen bei Russinnen und Polinnen zwangsweise Abtreibungen vornahm.

Tschechische Arbeiter flohen heimlich in Scharen, und als Herr Frowein sie von den „Protektorats“-Behörden zurückforderte, erhielt er am 19. Januar 1942 ein Schreiben das gewiß nicht nazifeindlichen Leiters des Arbeitsamtes Olmütz, und auch dieser Brief dürfte nicht ohne Interesse sein, wenn einmal internationale Gerichtshöfe sich mit Kurt Frowein beschäftigen sollten:

„Der größte Teil der Vertragsbrüchigen verweigert selbst bei Androhung strengster Strafen die Rückkehr zur Firma I. P. Bemberg AG, Wuppertal, mit der Begründung, daß die Verhältnisse bei dieser Firma unerträglich seien. Fast alle Vertragsbrüchigen beschweren sich über Lohnabzüge, zum Beispiel bei Fernbleiben aus der Arbeit, wenn dieses durch nachgewiesene Erkrankungen erfolgte. Es wurden mir Lohntüten vorgelegt, wonach Strafen von 20 bis 30 RM auf einmal von einem Wochenlohn abgezogen wurden, ohne Rücksicht darauf, daß die Betreffenden im Protektorat Familien haben.“

Es folgen Beschreibungen der unglaublichen Verhältnisse im überfüllten Wohnlager Bembergs mit seinen Wanzen und ungenießbarem Essen und dann die abschließende Feststellung des Arbeitsamtsleiters:

„Bei keiner Firma im Altreich kommen Vertragsbrüche in diesem Ausmaß vor, so daß anzunehmen ist, daß die vorgebrachten Beschwerden wenigstens teilweise berechtigt sind.“

Brechen wir die Schilderung der Praktiken Froweins ab und werfen wir noch einen kurzen Blick auf seine politische Konzeption. Aus der Flut von dokumentarischen Beweisen für seine infame annexionistische Propaganda seien einige Sätze aus seiner Weihnachtsrede 1942 vor der Bemberg-Belegschaft wiedergegeben:

„Großdeutschland zog im September 1939 aus, um das schreiende Unrecht von Danzig und den Wahnsinn des Korridors gutzumachen. Und was wurde daraus? Es wurden nicht nur diese beiden Punkte richtiggestellt, sondern Polen wurde von der Landkarte gestrichen, Dänemark wurde besetzt, Norwegen erobert, Belgien und Holland erobert,Serbien wurde vernichtet, Griechenland wurde erobert, Frankreich wurde besetzt und erobert sowie das halbe europäische Rußland… Das konnten wir erleben… ein jeder von uns muß dem Führer soviel Vertrauen schenken, wie er überhaupt nur geben kann. Wir wollen uns bewußt werden, daß wir den Kampf nur dann siegreich beenden können, wenn wir unentwegt und furchtlos kämpfen.“

Das ging so bis unmittelbar vor Toresschluß. Schließlich ließ Frowein auch Gasmasken und Volksstutzen im Betriebe produzieren, und noch zwei Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen rief er in einem Appell die Belegschaft zur Treue zum „Führer“ auf!

Als 1947 die Düsseldorfer „Freiheit“ die braune Vergangenheit Kurt Froweins in Erinnerung brachte, ging dieser weder in sich noch ins Gefängnis, sondern zum Advokaten, um seine Ankläger mundtot zu machen. Denn wer so haltbare Kunstseidenfäden nach London und New York spinnt wie Kurt Frowein, der in der Leitung der angelsächsischen Filialen von Bemberg saß, darf wohl auf Unterstützung des internationalen Finanzkapitals rechnen, das sich heute in Westdeutschland bemüht, der Bevölkerung dieselben antikommunistischen Flötentöne beizubringen, die ihr seit dem tausendjährigen Reiche recht gut bekannt sind.

Die abendländische Kultur- und Atlantikgemeinschaft, diese feine Umschreibung für die weniger feine Kartellinternationale, findet heute keine flammerenden Apologeten als die Froweins. Der Einheit des gesamten Deutschlands ziehen sie die Einheit mit Mynheer Fentener van Vlissingen vor, der gestern Hitlers Kollaborateur und Schützling war und heute als Aufsichtsratsvorsitzender der AKU Schutzherr der Froweins und Vertrauensmann wichtiger britischer Finanzkapitalisten ist, deren Kapital bei AKU investiert wurde. Jedenfalls besitzt der im holländischen Arnheim beheimatete Kunstseidetrust teils direkt, teils über die in seinem Besitz befindlichen Vereinigten Glanzstoff-Fabriken die Mehrheit des Kapitals von Bemberg, in dessen Aufsichtsrat sich neben den Holländern die Abraham und Kurt Frowein wieder breitmachen.

Wie weit die Intimität zwischen den englischen regierenden Förderern des Nazismus und dem Gesindel um Hitler wieder gediehen ist, dafür zeugt der Eintritt von Helmuth Wohlthat in den Aufsichtsrat der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG, Wuppertal. Jawohl, es handelt sich um denselben Wohlthat, der Ende Juli 1939 als hoher Beamter der Hitler-Regierung in London Chamberlains Angebot einer großen Anleihe und eines regelrechten antisowjetischen Bündnisses mit Hitler in Geheimverhandlungen entgegennahm.

[Eintrag im Braunbuch – Kriegs-und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin, Reprint der dritten, erweiterten Auflage (1968), Berlin, 2002, Hrsg. Dr. Norbert Podewin: „Wohlthat, Helmuth C. H. V o r 1945: Ministerialdirektor; Beauftragter Görings für den „Vierjahresplan“; an der „Arisierung“ des Petschek-Konzerns und anderer jüdischer Unternehmen beteiligt; Mitglied der „Reichszentrale für jüdische Auswanderer“, die 1939 zur Vorbereitung der physischen Vernichtung der Juden gebildet wurde; 1941 als Wirtschaftsbeauftragter nach Japan entsandt n a c h 1945: Vorsitzender des Aufsichtsrates der Raffinerie AG, Duisburg; Aufsichtsratmitglied der Farbenfabrik Bayer AG, Leverkusen; Aufsichtsratmitglied der Commerzbank AG, Düsseldorf, und weiterer Gesellschaften]

Damals hatte er auch in freundschaftlich-profaschistischer Weise mit dem Unterstaatssekretär des Foreign Office, Mister R. A. Butler, zu tun, einem begeisterten Verfechter der Politik der Besänftigung und Beschwichtigung und Befriedung Hitlers. Mister Butler gehört zu den Vorbereitern und und Propagandisten des Münchener Abkommens, für das er auch im Unterhaus stimmte. Heute ist er Finanzminister der konservativen Churchill-Regierung und zertrümmerte zwecks Bezahlung der amerikanischen Aufrüstung die sozialen Errungenschaften des werktätigen englischen Volkes.

Warum wir das hier erzählen? Weil Mister Butler, dessen Schwiegervater, S. Courtauld, den englischen Kunstseidekonzern gründete, selber Hauptdirektor von Courtaulds Ltd. ist. Butlers Konzern aber besitzt gemeinsam mit den Vereinigten Glanzstoff-Fabriken die 20 Millionen Mark schwere Glanzstoff-Courtauld-Fabrik in Köln. Alte Liebe rostet nicht: Herr Wohlthat, ab 1940 Hitlers Bankkommissar für Holland, erfreut sich heute der Wohltaten seiner Freunde vom internationalen Kunstseidering London-Arnheim-Wuppertal und rechtfertigt den Titel, den er als Student der New-Yorker Columbia-Universität erwarb: „Meister der Kunst der politischen Wissenschaften“. Der Meister in der Kunst deutsch-englischer faschistischer Verschwörungen gegen die Sowjetunion hat es sehr weit gebracht: Ende 1951 berufen die IG-Farben-Herren den Wohlthat in den Aufsichtsrat der Farbenfabriken Bayer AG, Leverkusen (300 Millionen Kapital!). Im Frühjahr 1952 findet er auch seinen Weg in den neuen Aufsichtsrat des Mannesmannkonzerns.

Einige Jahre amerikanischer und englischer Okkupation Westdeutschlands genügten, um aus den im Frühjahr 1945 zitternden reichen Wegbahnern und Nutznießern des Naziregimes wieder arrogante Fabrikherren, Arbeiterverächter und aktive Offiziere im Kampf gegen den Fortschritt zu machen. Die großen Zeiten des mit 40 Aufsichtsrats- und Teilhaberposten gesegneten Geschlechts der Froweins sind noch nicht, noch immer nicht vorbei.

Albert Norden: Um die Nation – Beiträge zu Deutschlands Lebensfrage, Seite 360 ff., Berlin 1953, 2., verbesserte und erweiterte Auflage

Erich Fried: Realitätsprinzip

21. Juli 2020

Die Menschen lieben
das heißt die Wirklichkeit hassen.
Wer lieben kann
der kann alles lieben
nur sie nicht

Die Wahrheit lieben?
Vielleicht.
Erkennen kann lieben sein.
Aber nicht die Wirklichkeit:
Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit

Was wäre das
für eine Welt
wenn die Wirklichkeit
diese Wirklichkeit rund um uns
auch die Wahrheit wäre?

Die Welt vor dieser
Wirklichkeit retten wollen.
Die Welt wie sie sein könnte lieben:
Die Wirklichkeit
aberkennen

aus: Es ist was es ist, Berlin, 16. Auflage 2015, Seite 42

Schwarz-Grüne Mehrheit durch die Braunen in Wuppertal – ein Jahr vor dem Thüringen-Putsch

13. Juli 2020

Presseerklärung der VVN-BdA Wuppertal vom 16.2.2020 (Archiv)

Schwarz-Grüne Mehrheit durch die Braunen in Wuppertal – ein Jahr vor dem Thüringen-Putsch weiterlesen »

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