Vor 90 Jahren – Machtübertragung an die NSDAP

30. Januar 2023

Pressemitteilung der VVN-BdA Wuppertal vom 30. Januar 2023

In Wuppertal wird der 90. Jahrestag der Machtübertragung an die NSDAP mit zahlreichen Veranstaltungen begangen.

Geschildert und damit gedacht werden der entsetzlichen Ereignisse in unserer Stadt unmittelbar nach dem 30. Januar, der Verfolgungen („Barmer Blutsonntag“) und Tötungen der politischen Gegner (Ermordung von Oswald Laufer), und schliesslich der systematischen Unterdrückung durch die Errichtung des Konzentrationslagers Kemna.

Und gedacht wird dem ersten antisemitischen Mord in Wuppertal an Alfred Meyer. Er wurde entführt und gefoltert. Seine Leiche wurde in der Bevertalsperre gefunden, eingenäht in einen Sack.

Die Verheerungen, die der Faschismus an der Macht in der jüdischen Community in Elberfeld unmittelbar nach dem 30. Januar anrichtete, wird in zwei Predigten vom April 1933 von Joseph Norden sichtbar, dem Rabbinerder Synagoge Elberfelds in der Genügsamkeitstraße.

Zu den ersten Bücherverbrennungen des faschistischen Deutschland zählen die gleichzeitigen in Elberfeld und Barmen am 1. April 1933. Alle Schüler:innen der höheren Schulen beider Stadtteile zogen, angeführt von ihren Lehrer:innen und mit selbstgebastelten Hetzplakaten ausgestattet, in Sternmärschen in die Ortszentren und verbrannten die in Bollerwagen mitgeführten Bücher.

Während in Elberfeld eine Gedenktafel an diesen frühen Schritt in Richtung des Mordes an den Jüd:innen erinnert, wird am Wuppertaler Rathaus in Barmen gerade die zivilgesellschaftliche Initiative für einen angemessenen Gedenkort ausgebremst und behindert. Obwohl das Konzept als auch die Finanzierung der Gedenktafel durch Private gesichert sind.

Doch nicht nur Pogrom und politischer Mord dürfen die Sicht auf den weltgeschichtlichen 30. Januar 1933 bestimmen. Nicht nur Wahlen und politische Auseinandersetzung haben den Faschismus an die Macht gebracht. Ohne die Unterstützung weiter Teile der einflussreichsten Männer der Wirtschaft hätte die NSDAP nicht zur schlagkräftigen Partei mit der Bürgerkriegsarmee SA werden können, und ohne die Entscheidungen dieser Männer wäre Hitler nicht die Regierung übertragen worden.

Diebstahl und Ausbeutung, Unterdrückung und Expansion, all dem sind im Faschismus keine Grenzen mehr gesetzt. Immer weiter radikalisieren sich das politische und das ökonomische Handeln, zunächst durch die Aufrüstung und Militarisierung der Gesellschaft, dann mit dem Angriff auf Polen, dem Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Europas grösstes Chemieunternehmen, die IG Farben, hat sowohl die Aufrüstung vorangetrieben, als auch in den besetzten Ländern geraubt. Und dann errichtet die IG Farben in Auschwitz- Monowitz ein eigenes Konzentrationslager, zur chemischen Produktion für den Krieg, die Arbeitssklaven werden gemietet von der SS. Diese vielen Menschen werden vernichtet durch Arbeit.

Die IG Farben war das Lebenswerk von Carl Duisberg, geboren in Barmen und als Chemiker seit Beginn des Jahrhunderts erster Mann bei Bayer in Elberfeld. Schon im Ersten Weltkrieg hat er die Giftgaserforschung und – produktion vorangetrieben, den Menschenraub durch Zwangsarbeit etabliert und den unbeschränkten U-Boot-Krieg gefordert. Als Mitglied der rechten Deutschen Vaterlandspartei stellte er die radikale Position in der Kriegszieldebatte und war eng mit Ludendorff verbandelt.

Nach 20 Jahren konnte er schliesslich seine Pläne für einen Zusammenschluss aller grossen deutschen Chemieunternehmen 1925 umsetzen, und Europas aggessiven Chemiegiganten IG Farben schaffen.

Und so liegen die Wurzeln von Monowitz bei uns in Wuppertal – deshalb fordert die VVN-BdA Wuppertal heute, am 30. Januar 2023, die städtischen Institutionen, die Parteien, die Organisationen, die Initiativen und Vereine auf, die Ausstellung des Fritz-Bauer-Instituts Frankfurt über Monowitz nach Elberfeld zu holen.

https://www.fritz-bauer-institut.de/ausstellungen/die-ig-farben-und-das-konzentrationslager-buna-monowitz

Wie lange noch die „Mohrenstraße“ in Wuppertal?

20. Januar 2023

Erst kamen die Pfeffersäcke – Rezension zu „Deutschland, deine Kolonien“

Von Sebastian Schröder

„Deutsch-Südwestafrika sollte zur Blaupause eines Rassestaates werden mit einer deutschen Führungsschicht an der Spitze und einem Heer rechtloser schwarzer Arbeiterinnen und Arbeiter.“ [Hoffmann, in: Schnurr/Patalong 115]So Ruth Hoffmann im 2022 erschienenen Buch „Deutschland, deine Kolonien“ – Geschichte und Gegenwart einer verdrängten Zeit, herausgegeben von Eva-Maria Schnurr und Frank Patalong.

Bereits 2021 als Zeitschrift in der Reihe „SPIEGEL GESCHICHTE“ herausgegeben, schreiben hier 18 Journalist:innen und Wissenschaftler:innen über den deutschen Kolonialismus. Das populärwissenschaftliche Buch gibt einen Überblick über alle kolonialen Anläufe seit dem 16. Jahrhundert. Es enthält eine zeitgenössische Landkarte aller Kolonien des Kaiserreiches im Buchrücken, in einem Kompendium werden die 9 Gebiete deutscher Besetzung in Kurzfassung beschrieben mittels zentraler gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und historischer Kategorien. Die Durchdringung der Opferländer und die Intensität der Unterwerfung werden sichtbar. Eine Zeittafel reiht die Ereignisse von 1528 bis 1945 auf. Die Chronik und das Kompendium machen das Buch zu einem wichtigen Beitrag für das Verständnis der historischen Tatsachen, die in der Öffentlichkeit der BRD kaum präsent sind. Das Buch schafft auch Grundlagen für die Diskussion um die Singularität des Holocaust, für die Beurteilung des „Neuen Historikerstreites“ zwischen Postkolonialismus-Studien einerseits und Holocaustforschung auf der anderen Seite.

Deutschland, deine Kolonien“

Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die vom Kaiserreich besetzten Gebiete ihre grösste Ausdehnung in Afrika, im Pazifik und in China und waren fest in der Hand der deutschen Wirtschaft, der Verwaltung und des Militärs. Aber schon seit Beginn der Neuzeit waren Deutsche an kolonialer Ausbeutung und Bereicherung beteiligt.

Die Handelsfamilie der Welser aus Augsburg scheiterte zwar 1528 bei der Etablierung eigener Stützpunkte in Venezuela und bei der Suche nach Gold und Bodenschätzen, konnte aber in den Sklavenhandel einsteigen. Im 17. und 18. Jahrhundert waren es Kaufleute aus Bremen und Hamburg, die unter dänischer Flagge im Dreieckshandel reich wurden. Die Dimension des Handels mit Menschen aus Afrika wird sichtbar an der Zahl der „Kammermohren“ [vgl. Klawitter , in: Schnurr/Patalong 44 f.]: die Existenz von mehr als 200 dieser schwarzen Sklaven an deutschen Höfen und Herrenhäusern ist mittlerweile belegt.

Grösster Händler wurde das Kurfürstentum Brandenburg, Keimzelle des Staates Preußen: „Mittels der 1682 gegründeten „Brandenburgisch-Afrikanischen Compagnie“ wurden in den folgenden Jahrzehnten etwa 30 000 Afrikaner in die Karibik verschleppt. (…) An der Menschenhandelskompgnie beteiligte sich auch das Kurfürstentum Köln.“ [Klawitter, in: Schnurr/Patalong 41]

Handelsstützpunkte und christliche Missionsgesellschaften markierten im deutschen Namen während des 18. und 19 Jahrhunderts Gebiete, auf die mit der Gründung des deutschen Nationalstaates ab 1871 zugegriffen wird: Kamerun, Togo, Samoa, Neuguinea.

Umfassend und gründlich wird 1884 auf der Kongo-Konferenz in Berlin zwischen den Kolonialmächten die Aufteilung „freier Gegenden“ verhandelt und Deutschlands Imperium entsteht. Direkte Herrschaft wird nun ausgeübt am Golf von Guinea (Togo), in Namibia (Deutsch-Südwest), Zentralafrika (Kamerun), Tansania-Ruanda-Burundi-Mosambik (Deutsch-Ostafrika), Pazifik (Deutsch-Neuguinea). Wenig später kommen noch Polynesien (Deutsch-Samoa) und in China Hankou, Tientsin und Kiautschou dazu.

Das Buch zeigt in vielen Artikeln offen die Praxis kolonialer Unterdrückung. Berüchtigt war die sexuelle Ausbeutung junger Frauen, etwa durch Carl Peters in Ostafrika: „Neben etlichen anderen ließ Peters die junge afrikanische Frau Jagodia, mit der er ein sexuelles Verhältnis unterhielt, und seinen einheimischen Diener Mabruk aufhängen.“ [Klußmann, in: Schnurr/Patalong 52 f.]

Die exzessive Anwendung der Prügelstrafe wurde in den deutschen Kolonien etabliert und von noch extremeren Verbrechen wird vielfach berichtet: „Besonders Gouverneur Jesko von Puttkamer presste seine Kolonie [Kamerun] ab 1895 brachial aus. Angeblich „herrenloses Land“ wurde per kaiserlicher Verordnung in deutsches „Kronland“ umgewandelt.

Die Deutschen beschränkten den Besitz afrikanischer Familien auf höchstens zwei Hektar. Sie rissen Häuser entschädigungslos nieder, legten Dörfer zusammen, um größere Landflächen zu schaffen, und zogen die Douala zur Zwangsarbeit ein. Wer aufbegehrte, wurde in Ketten gelegt oder ausgepeitscht.

Puttkamers Mann fürs Grobe war der Offizier Hans Dominik. Er organisierte „Strafexpeditionen“, bei denen Kinder ertränkt wurden, und ließ sich abgeschlagene Köpfe Aufständischer vor die Füße legen.“ [Gunkel, in: Schnurr/Patalong 142 f.]

Gegen den legitimen Widerstand der Bevölkerung in „Deutsch-Südwest“, angeführt vom charismatischen Nama Hendrik Witbooi, wurde ab 1904 die ganze Kraft militärischer Mittel angewendet, systematisch und mit dem offen ausgesprochenen Zieles der Vernichtung der Herero und Nama. Völkermord als deutsche Strategie des Generalleutnant Lothar von Trotha bedeutete den Tod aller Indigenen durch Verdursten in der Wüste.

Ein weiterer Artikel beschreibt die skrupellosen Menschenversuche von Robert Koch bei der Bekämpfung der Schlafkrankheit. Er scheiterte bei der Suche eines wirksamen Medikamentes, und viele Menschen sind an den von ihm verursachten Vergiftungen gestorben. [Grolle, in: Schnurr/Patalong 158 ff.]

Dem Rassismus in Deutschland sollte mit den „Menschenzoos“ eine volkstümliche Basis gegeben werden. Zunächst wurden Indigene als Attraktion von Geschäftemachern, in Deutschland von Carl Hagenbeck, vorgeführt. 1896 errichtete der wilhelminische Staat in Berlin die „1. Deutsche Colonial-Ausstellung“: „Auf größerem Areal als die Weltausstellungen in Paris und London präsentierten 3750 Aussteller auf 917 000 Quadratmetern, was sie zu bieten hatten: Das Gewerbe zeigte die Früchte kolonialer Aktivitäten, während Nachbauten kolonialer Szenerien für die damals so gefragte „Exotik“sorgten. Allein „Kairo“ brachte es inklusive Pyramidenattrappen auf 36 000 Quadratmeter; 400 Menschen, nicht alle von ihnen tatsächlich aus dem arabischen Raum, belebten diese Kulisse.“ [Patalong, in: Schnurr/Patalong 81]

Als pseudowissenschaftliche Rechtfertigung des Rassismus entstand die „Völkerkunde“, direkter Vorläufer der mörderischen „Rassenkunde“, die im Faschismus zu so viel Unheil geführt hat. [vgl. Patalong, in: Schnurr/Patalong 121]

Die deutschen Kolonien wurden nach der Niederlage im 1. Weltkrieg 1919 an Frankreich und England abgetreten, in der Weimarer Republik standen sich starke Pro-Kolonialkräfte und schwache antikoloniale Kräfte gegenüber.

Die Nazis versuchten zwar ab 1933, die Verfechter:innen eines neuen deutschen Kolonialismus zu gewinnen, haben aber eine andere strategische Ausrichtung: die Eroberung des „Ostens“, den Vernichtungs- und Raubkrieg gegen die Sowjetunion. So bleiben koloniale Initiativen unbedeutend und das Thema spielt lediglich in der Goebbels-Propaganda eine Rolle. 1943 wird das „Kolonialpolitische Amt“ aufgelöst.

Abgeschlossen wird das Buch mit einem Blick in das Namibia der Gegenwart. [vgl. March, in: Schnurr/Patalong 200 ff.] „Wir wollen nur Gerechtigkeit“, diese Forderung ist nicht erfüllt. Die viefältigen Schwierigkeiten des Gedenkens verhindern die Wiedergutmachung des Unrechtes ebenso wie die geringen Entschädigungen für die Herero. Die BRD entzieht sich bis heute ihrer Verantwortung für die deutsche Geschichte.

Anmerkungen zu „Deutschland, deine Kolonien“

Während die aggressive Expansion des Handelskapitals beschrieben wird und so gezeigt werden kann, wie die Handelsprofite im Dreieckshandel durch den Transport und Verkauf von Menschen aus Afrika als Slaven realisiert wurden, fehlen im Buch Hinweise auf die zentralen ökonomischen Veränderungen in den grossen Nationen ab den 1870er Jahren. Ausgelöst durch die rasante Entwicklung der Produktivkräfte kam es nach Rudolf Hilferding zur Verschmelzung des Industrie- und des Bankkapitals zum Finanzkapital. Diese Monopolisierung zeigte sich als Konzentration und Zentralisation. Es geht um die „Geschichtsperiode von 1875 – 1914, die durch eine neuartige Expansion der europäischen Großmächte, der USA und später auch Japans gekennzeichnet war und schließlich in den Ersten Weltkrieg einmündete. Das besondere Ziel dieser Expansion war die Beherrschung überseeischer Warenmärkte und Kapitalanlagesphären und der gewaltsame Erwerb von Territorien in Übersee, von Kolonien.“ (Heininger, in: Bellamy/Heininger 1)

Dies war der Kern des klassischen Imperialismus und der bestimmende Grund für die Konkurrenz zwischen den Kolonialmächten. Die Aggression nach aussen benötigte Aufrüstung und Militarismus, und führte zu einem radikalisierten und verstetigtem Nationalismus. Gesteigerter Nationalismus forderte wiederum Aufrüstung und Konfrontation.

Jan Friedmann sieht dagegen den Kolonialismus „von unten“ wachsen: „Kolonialträumereien und Rassismus (…) entstanden lokal vor Ort – und fanden Rückhalt in der gesamten Gesellschaft. So ergriff die Sehnsucht nach imperialer Größe im Kaiserreich breite Schichten der Bevölkerung. Kaufleute und Angestellte, Großstädter und Landbewohner, Honoratioren und Handwerker begeisterten sich für die koloniale Idee.“ [Friedmann, in: Schnurr/Patalong 59]

Diese Erklärung ist ungenau, denn hier vermischt der Autor die spätere Phase der Verbreiterung der Kolonialbewegung mit dem Beginn der Werbung für den Kolonialismus. Eckard Conze beschreibt in „Schatten des Kaiserreichs“ die Wechselwirkungen zwischen dem Druck einer fordernden Minderheit und dem nachgebenden Staat: „Fortdauernde Wirkung gewann die Bismarck`sche Kolonialpolitik auch dadurch, dass sie entscheidend zum Wachstum und zur Radikalisierung der deutschen Kolonialverbände beitrug. Die ersten dieser in den späten 1870er und frühen 1880er Jahren gegründeten Organisationen waren nicht besonders mitgliederstark. Das änderte sich mit der Gründung des „Deutschen Kolonialvereins“ (1882) und der Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ (1884) (…) Der Nationalismus dieser Mitglieder (…) fand in der Idee überseeischer Expansion neue Nahrung. Aus dem deutschen Anspruch auf den Status einer „Weltmacht“ speisten sich Forderungen nach einem Kolonialreich und damit nach einer global ausgreifenden imperialen Politik. Die kolonialen Erwerbungen der Jahre 1884 und 1885 hatten das Tor zu einer solchen Politik aufgestossen.“ [Conze: 181 f.]

Der Kolonialismus in der deutschen Gesellschaft des Kaiserreiches war ausserdem nur ein Betätigungsfeld aus dem Kreis vieler wirkmächtiger pressure groups, die alle reaktionäre Ziele verfolgten: „Der Bund der Landwirte war nicht der einzige nationalistische Agitationsverband, der sich vordergründig ein bestimmtes Interessse auf die Fahne geschrieben hatte – den Schutz der Landwirtschaft, den Flottenbau, die Heeresrüstung oder den deutschen Kolonialismus -, darüber hinaus und ganz allgemein aber einen radikalen Nationalismus vertrat.“ [Conze: 148]

Ab 1903 stand der „Alldeutsche Verband“, mit dem sich die rechteste Fraktion der Herrschenden die einflussreichste Lobby-Organisation in Deutschland geschaffen hatte, im Zentrum der Aktivitäten.

Die Kriegervereine, in denen sich überall in Deutschland die Veteranen und ehemaligen Soldaten organisierten, stellten unten die „Massenbasis für den gesellschaftlichen Militarismus“. [Conze: 152]

Dem Argument, dass der ursächliche Rückhalt für den Kolonialismus aus der gesamten Bevölkerung stamme, hält Conze entgegen: „Nicht die Unterschicht war Träger dieses radikalen Nationalismus, sondern die bürgerliche und kleinbürgerliche Mittelschicht, darunter zahllose Akademiker.“ [Conze: 148]

Es stimmt, mit dem Wilhelmismus wurde der Kolonialismus ein breit akzeptiertes Projekt.

Aber diese Begeisterung wurde – mit viel Ausdauer und Professionalität – gemacht und hat sich dann als Teil des sich immer weiter radikalisierenden Nationalismus entfaltet. Angelegt war die nationale Aggressivität aber schon mit der Reichsgründung 1871, denn es „entstand ein Reichsnationalismus, der machtstaatlich aufgeladen , nach außen konfrontativ und nach innen immer weniger liberal war.“ [Conze: 139] Erst haben die Multiplikator:innen getrommelt, die Vielen folgten später.

„Auch in der Mission waren Deutsche tätig, schon bevor es das formale deutsche Kolonialreich gab. (…) Die Mission bereitete der kolonialen Landnahme den Boden – vor Ort, aber auch weil sie Akzeptanz des Kolonialismus in der deutschen Gesellschaft erhöhte.“ Darauf weist der Historiker Sebastian Conrad im Interview hin (Conrad, in: Schnurr/Patalong: 28).

Erstaunlich ist deshalb, dass die christlichen Missionen lediglich anhand eines Artikel von Kokou Azamede über die Diskriminierung afrikanischer Missionare bei ihrer „Ausbildung“ in Deutschland bei der Norddeutschen Mission erwähnt werden [vgl. Azamede, in: Schnurr/Patalong 68 ff.].

Nur in der Zeittafel finden wir die vier grossen protestantischen Missionen aufgeführt: Dänisch-Englisch-Hallesche Mission, Rheinische Missionsgesellschaft, Norddeutsche Mission, Evangelisch-Lutherische Mission; daneben gab es noch viele kleinere Missionen.

Unter dem Deckmantel religiöser Sendung betrieben die Missionare eifriges und systematisches Sammeln von Herrschaftswissen (geographisch, sozial, ethnographisch, ökonomisch). Als unverzichtbare intellektuelle Vorhut schufen sie so die technische und ideologische Basis der späteren kolonialen Besetzung.

Die Rheinische Mission etwa war ein Zusammenschluss der Missionsvereine Elberfeld, Barmen und Köln im Jahr 1828. Unmittelbar nach der Gründung wurde im südlichen Afrika die erste Station „Wupperthal“ eröffnet. 1913 betrieb die Rheinische Mission 117 Stationen und 683 Filialen, aktiv waren „in Übersee“ 207 Missionare mit 154 Ehefrauen. [vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinische_Missionsgesellschaft]

Seit 1971 ist die Rheinische Mission in der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) aufgegangen, immer noch mit Sitz in Wuppertal, mit einem Museum auf der Hardt mit einem grossen ethnologischen Bestand. Vor knapp 200 Jahren fingen die Missionäre an, zu sammeln und nach Wuppertal zu bringen…

Götz Aly nennt die Unterdrückung durch die Deutschen im Pazifik den „blinden Fleck in der kolonialgeschichtlichen Debatte“. Und dies ist auch eine augenfällige Lücke des Buches.

Leider findet sich in „Deutschland, deine Kolonien“ zur pazifischen Region nur ein Interview mit dem Linguisten Peter Maitz über die Reste einer aus der Kolonialzeit stammenden veränderten deutschen Sprache [Saltzwedel, in: Schnurr/Patalong: 155 ff.]

Dabei gibt es mit dem Luf-Boot aus „Deutsch-Neuguinea“ im Humboldt-Forum ein imposantes Ausstellungsstück, anhand dessen die koloniale Unterdrückung ganz konkret gezeigt werden könnte. Könnte, aber nicht wird. Aly: „(…) plädiere ich dafür, zunächst einmal zu den Schauobjekten die jeweilige koloniale Geschichte zu erzählen. (…) Sie sollen sich ehrlich machen.“

[https://www.spiegel.de/kultur/deutscher-kolonialismus-in-der-suedsee-historiker-goetz-aly-ueber-die-zerstoerung-eines-paradieses-a-a4e4c3b8-b142-4b88-a5dd-749a1a9465fa]

Immer noch wird ein fairer Tausch beim Kauf des Bootes durch einen Deutschen behauptet, die Frage nach einer Forderung der Restitution ist in der Schwebe, und das Boot bleibt in Berlin eingemauert. Wirklich eingemauert, nicht sinnbildlich, denn 2018 wurde dieser Teil des Gebäudes um das schon platzierte Ausstellungsstück fertiggstellt.

Es ist Anspruch der Herausgeber:innen, den Opfern damals und den heute Forschenden aus den ehemaligen Kolonien eine Stimme zu geben:

Mit David Simo kommt ein Wissenschaftler der Universität Yaounde, Kamerun, zu Wort. Er vertritt allerdings reaktionäre Postionen, wie sie im globalen Norden nur in chauvinistischen Kreisen gepflegt werden. Er spricht sich gegen weitere Entschädigungen aus und gegen die Rückgabe geraubter Kunstschätze [Simo, in: Schnurr/Patalong: 37 f.]

Kokou Azamede schreibt über die systematische Diskriminierung afrikanischer Missionare bei ihrer „Ausbildung“ in Deutschland bei der Norddeutschen Mission. Der Autor nimmt die Perspektive des Blickes der Indigenen ein und zeigt so das eindeutige rassistische Innenverhältnis der Missionen.

Die Zeitzeugeninterviews des Projektes „Recollections of the German Period in Cameroon“ von Kum’a Ndumbe III lassen die Lesenden die authentischen historischen Stimmen hören. In den 1980er Jahren wurde mit den „letzten noch lebenden Zeugen der Kolonialzeit“ [Bohr, in: Schnurr/Patalong: 168] gesprochen und es wird sichtbar, wie überwältigend die Herrschaft der Deutschen war: „Deutsch galt plötzlich als Amtssprache. Wer nicht in der Lage war, sich auf Deutsch zu artikulieren, wurde nicht gehört. (…) Die Afrikaner, die ein Geschäft betrieben, durften unter den deutschen Kolonialherren nicht mehr eigenverantwortlich Handel treiben. Sie mussten als Angestellte in deutschen Läden fungieren und waren abhängig von den deutschen Kaufleuten.“ [Kum’a Ndumbe III, in: Schnurr/Patalong: 175]

Felix Bohr befragt Kum’a Ndumbe III zu den Voraussetzungen, der Entstehung, der Durchführung und dem Stand des Projektes heute.

Bisher konnten 30 Bände der Interviews gar nicht bearbeitet werden, von den bereits verlegten Bänden sind nur drei auf Deutsch erschienen, obwohl die Herausgabe in der Täter:innensprache das Wichtigste wäre!

Ein Hinweis auf die reale Ungleichheit in der Wissenschaft: über die Forschenden David Simo und Kokozu Azamede gibt es keinen Wikipedia-Eintrag!

Die aus dem Kolonialismus stammende Diskriminierung im öffentlichen Raum durch Denkmäler und Strassennamen besteht fast überall weiter. So ist es etwa in Wuppertal immer noch nicht gelungen, den abwertenden Namen „Mohren“-Strasse zu ändern!

Literatur:

Azamede, Kokou: „Wir waren bloß wie Tiere“ in: Schnurr/Patalong 2022

Bohr, Felix: „Die Weißen waren Monster“, in: Schnurr/Patalong 2022

Conze, Eckard (2020): Schatten des Kaiserreichs – Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe, München

Friedmann, Jan: Der Wahn vom Herrenvolk, in: Schnurr/Patalong 2022

Grolle, Johann: Menschenversuche im Paradies, in: Schnurr/Patalong 2022

Gunkel, Christoph: Der Prozess, in: Schnurr/Patalong 2022

Heininger, Horst: Geschichte der Imperialismustheorie (bis 1945), in: Foster, John Bellamy / Heininger, Horst (2002): Geschichte der Imperialismus- und Monopoltheorien, Supplement der Zeitschrift Sozialismus, Hamburg

Hoffmann, Ruth, in: Schnurr/Patalong 2022

Klawitter, Nils: Sklavenhändler zur Untermiete, in: Schnurr/Patalong 2022

Klawitter, Nils: Wie Deutsche die Sklaverei finanzierten, in: Schnurr/Patalong 2022

March, Leonie: „Wir wollen nur Gerechtigkeit“, in: Schnurr/Patalong 2022

Patalong, Frank: Menschenzoo, in: Schnurr/Patalong 2022

Patalong, Frank: Vermessen, in: Schnurr/Patalong 2022

Schnurr, Eva-Maria / Patalong, Frank (Hg.) (2022): „Deutschland, deine Kolonien“ – Geschiche und Gegenwart einer verdrängten Zeit, München

„Die ganze deutsche Gesellschaft profitierte von der Ausbeutung“. Ein Interview von Uwe Klußmann und Eva-Maria Schnurr, in: Schnurr/Patalong 2022

„Du wid get wo?“ Ein Interview von Johannes Saltzwedel, in: Schnurr/Patalong 2022

Die Suche nach Zeugen – Ein Interview von Felix Bohr, in: Schnurr/Patalong 2022

„Die Deutschen zerstörten ein Paradies – und behaupten bis heute das Gegenteil“ Ein Interview von Felix Bohr und Ulrike Knöfel

[https://www.spiegel.de/kultur/deutscher-kolonialismus-in-der-suedsee-historiker-goetz-aly-ueber-die-zerstoerung-eines-paradieses-a-a4e4c3b8-b142-4b88-a5dd-749a1a9465fa]

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»Konfusion« in der Debatte

16. Januar 2023

Historiker streiten – nicht alle. Sammelband versucht Argumente nachzuvollziehen

»Konflikte und polemische Debatten überall: das Humboldt-Forum und koloniale Beutekunst; die Umbenennung der M-Straße; einhundertfünfzig Jahre Deutsches Kaiserreich; Achille Mbembe, Holocaust und Kolonialismus, die Deutschen mit ›Nazihintergrund‹ und nicht zu vergessen die Machenschaften der Hohenzollern. So unterschiedlich die Debatten im Einzelnen sind, immer wird dabei die Deutung der NS-Zeit oder des Kolonialismus mitverhandelt; häufiger sogar beides.« So beschreibt der Historiker Sebastian Conrad im Buch »Historiker streiten« den Hintergrund der Debatte um die Einzigartigkeit des Holocaust; hier sind vorwiegend Beiträge einer Tagung im Einstein-Forum in Potsdam vom Oktober 2021 veröffentlicht.

Die unter dem Begriff »Zweiter Historikerstreit« (und auch in der antifa-November-/Dezemberausgabe verschiedentlich sichtbar) geführte Debatte, dreht sich im wesentlichen um den Aufsatz »Der Katechismus der Deutschen« von Dirk Moses. Im Sammelband führt Moses nochmals seine provokanten Thesen aus, mit Erläuterungen der Vorgeschichte und der späteren Diskussion. Michael Wildt konstatiert »Konfusion« in der Debatte, aber das Buch ermöglicht es den Lesenden mit einigem Aufwand, die Argumente beider Seiten des Neuen Historikerstreites nachzuvollziehen.

Hier kann nicht auf die vielen Autor:innen und ihre verschiedenen Zugänge zur Diskussion um die Bewertungen des Verhältnisses von Holocaust und Kolonialgewalt eingegangen werden, deshalb nur kurz: Mario Keßler widmet sich der Forschung zum Kolonialismus in der DDR, und kann zeigen, dass die Ergebnisse bis heute Gültigkeit haben. Auch Susan Neiman und Ingo Schulze bekräftigen diese Wahrnehmung. Die Herausgeberin Susan Neiman bezieht im Vorwort einen grundsätzlichen Standpunkt in der Diskussion, gegen die Singularitätsthese: »Für Universalisten, ob jüdisch, schwarz oder sonst was, ist eine solche Opferkonkurrenz mehr als unsinnig: Es schwächt die Solidarität, die wir brauchen, um gemeinsam gegen alle Formen des Rassismus zu kämpfen.«

Die Alten in der VVN-BdA waren schon immer Universalist:innen. Kurt Goldstein hat 2007 in der Petition »Shalom 5767« gegen den Libanon-Krieg legitime Kritik an der israelischen Politik formuliert: »Israel ist aber auch ein Land, das nicht mehr Rechte als jedes andere Land hat. Ein Land, das in besonderem Maße an die Einhaltung der Menschenrechte gebunden ist, weil seine Existenz an eben diese Menschenrechte geknüpft ist.« Peter Gingold hat sich für Mumia Abu-Jamal eingesetzt, den in einem rassistischen Prozess zum Tode verurteilten linken Journalisten, der seit 1981 in den USA inhaftiert ist. Dank seines Wortes wurde Mumia 2002 zum Ehrenmitglied in unserer Vereinigung. Der offene Brief an die Minister Fischer und Scharping 1999 gegen die Bombardierung Serbiens steht ebenfalls in dieser universalistischen Tradition der VVN-BdA. Und auch Esther Bejarano prangerte die Probleme der Gegenwart im »Appell an die Jugend« von 1997 an: »1945 war es für uns unvorstellbar, dass Ihr, die Nachgeborenen, erneut konfrontiert sein würdet mit Nazismus, Rassismus, einem wieder auflebenden Nationalismus und Militarismus. Und nun noch die ungeheure Massenarbeitslosigkeit, die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, die katastrophale Zerstörung der Umwelt. Immer mehr junge Menschen leben in Zukunftsängsten. Lasst Euch nicht wegnehmen, was Ihr noch an demokratischen und sozialen Errungenschaften vorfindet. Lasst sie nicht weiter abbauen! Von keinem Regierenden sind sie Euch geschenkt worden: Es sind vor allem die Errungenschaften des antifaschistischen Widerstandes, der Niederringung des Nazifaschismus. Verteidigt, was Ihr noch habt, verteidigt es mit Klauen und Zähnen!«

Im vorliegenden Buch fehlt der Beitrag »A German History of Namibia or a Namibian History of Germany?« der simbabwisch-amerikanischen Soziologin Zoé Samudzi, den sie auf der Tagung im Einstein-Forum gehalten hat. Das Thema ihres Vortrages waren die unzureichenden Entschädigungen der deutschen Regierung für den Genozid an den Herero und Nama von 1905/1906 in der Kolonie »Deutsch-Südwest«. Und sie beschrieb, wie die Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht bis heute als Traumata über die Generationen weiter wirken. Sie wollte den Betroffenen, den Indigenen, auf dieser Veranstaltung in Deutschland eine Stimme geben. Erst über die sozialen Medien hat sie erfahren, dass ihr Beitrag nicht im Buch enthalten ist. Die Herausgeber:innen Susan Neiman und Michael Wildt haben – ebenfalls über Twitter – den Ausschluss aus dem Sammelband im Nachhinein damit gerechtfertigt, dass der Vortrag eben nicht zum Motto der Konferenz gepasst hätte. Wenn dies wirklich der Maßstab gewesen wäre für die Aufnahme in das Buch, dann hätte eine ganze Reihe von Artikeln, die jetzt enthalten sind, noch viel eher draußen bleiben müssen!

Der verletzende Ausschluss einer bekannten wissenschaftlichen Stimme aus dem Süden durch die wissenschaftliche Community des ehemaligen kolonialen Aggressors im Jahr 2022 – vielleicht ist dies der alarmierendste und bedrückendste Aspekt des Buches.

„nachts, wenn die Gestapo schellte…“

8. Januar 2023

Nachwort von Sebastian Schröder (2018)

„Der weitverbreiteste Ruf in der Stadt im Tal ist in diesen Tagen das befreiende „Nie wieder“!“

Mit diesem Satz endet am 12. März 1968 die große Artikelserie „Nachts wenn die Gestapo schellte…“ von Klaus und Doris Jann über den Wuppertaler Widerstand in der NeuenRheinZeitung (NRZ).

Das Jahr 1968 – In der Bundesrepublik heißt das Kampf gegen die Notstandsgesetze, gegen den Vietnamkrieg, gegen die aggressiven Kampagnen der BILD-Zeitung.

Trotz der Ermordung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, trotz des Attentats auf Rudi Dutschke herrscht Aufbruchstimmung, die autoritären Verhältnisse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft werden nicht mehr ohne Widerspruch hingenommen.

23 Jahre nach der Befreiung fragen die jungen Menschen nach den Verbrechen der eigenen Eltern, der ganzen Generation im deutschen Faschismus. Diese Auseinandersetzungen um die Schuld der Älteren werden häufig unmittelbar geführt.

Deshalb steht 1968 in Westdeutschland auch für kämpferischen Antifaschismus. Es gibt breiten Widerstand gegen die offen neofaschistische NPD. Globke, Oberländer, Lübke und Kiesinger sind die bekanntesten Schreibtischtäter der Bundesrepublik – sie stehen stellvertretend für tausende Faschisten in allen Bereichen der Gesellschaft, die ihre Karrieren trotz Blut an den Fingern ungehindert fortgesetzt haben und das politische Leben und auch das Klima in der BRD prägen.

Professor Dr. Theodor Oberländer war allerdings nicht nur Schreibtischmörder, sondern ganz nah bei den von ihm befohlenen Verbrechen. Als politischer Führungsoffizier des Bataillons „Nachtigall“ war er mitverantwortlich für die Ermordung tausender Menschen Anfang Juli 1941 in Lwow. Filip Friedmann berichtet: „Es begann mit einer Jagd auf jüdische Männer in den Straßen. Dann wurden die Wohnungen der Opfer durchsucht. Man verschleppte Männer, ganze Familien, auch mit Kindern. Etwa zwei bis drei Tage nach dem ´Blitzpogrom´ begann eine neue Aktion. Etwa 2000 Juden schleppte man auf den Hof der Pelczynska 59, wo sich damals der Sitz der Gestapo befand. Hier wurden gegenüber den unglücklichen Menschen zwei Tage lang die allerschlimmsten Torturen sadistischen und perversen Charakters angewandt. Rund 1400 Mann, die diese Torturen durchhielten, verschleppte man in den Biloborski-Wald bei Lwow, wo sie erschossen wurden.“

An vielen Orten bilden sich lokale antifaschistische Initiativen, etwa in Bielefeld. Der Inhaber des Oetker-Konzerns, Rudolf-August Oetker, hatte seit 1959 den Bau einer Kunsthalle vorangetrieben, die den Namen des unumschränkten Firmenchefs (seines Stiefvaters) tragen sollte: Richard Kaselowsky. Dieser hatte als SS-Gruppenführer, als Mitglied der NSDAP und vor allem des „Freundeskreises Reichsführer SS“ den Oetker-Konzern zum „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ gemacht. Vielfältig wurden Aufrüstung und Raubkrieg unterstützt durch „Dr. Oetker“ und natürlich stieg der Profit. 1968 setzen sich die BürgerInnen der Stadt gegen den Namenspatron Kaselowsky zur Wehr; der feierlichen Eröffnung wird mit Offenen Briefen, Demonstrationen und Teach-ins entgegengetreten, und so muss die Einweihung der Kunsthalle abgesagt werden.

Trotzdem wird die Halle erst 1998 umbenannt, nach drei Jahrzehnten des Ringens.

In Wuppertal werden seit Oktober 1967 die Greueltaten Wuppertaler Polizisten im Bialystock-Prozess angeklagt. Die grausame Ermordung von über 2000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern Ende Juni 1941 im weißrussischen Bialystock wird mühsam aufgedeckt, die Täter sind allesamt angesehene Bürger der Stadt.

Beispielhaft sei ein weiterer angesehener Bürger erwähnt: Professor Dr. Hans-Bernhard von Grünberg, NSDAP-Mitglied seit 1931, bis 1944 Rektor der Universität Königsberg und als Staatswissenschaftler in weiteren faschistischen Organisationen und Funktionen tätig. Nach 1945 war er im Vorstand der Deutschen Reichspartei, einer Vorläuferpartei der NPD. Die Gründung der NPD im Jahr 1964 wurde maßgeblich in Wuppertal-Vohwinkel vorbereitet durch den ideologischen Vordenker Hans-Bernhard von Grünberg.

Klaus und Doris Jann berichten dagegen über die Menschen des Widerstands, über diejenigen WuppertalerInnen, die sich den faschistischen Tätern entgegengestellt haben.

Nicht zuschauend und scheinbar neutral, sondern Stellung ergreifend an der Seite der HitlergegnerInnen fordern sie die LeserInnen auch in ihrer Zeit zum antifaschistischen Handeln auf.

Klaus und Doris Jann zeigen, dass es während der 12 Jahre der Naziherrschaft immer Widerstand gegen die Diktatur gab. Trotz Haft, Folter, Ermordung, Zerstörung der Familie konnten die FaschistInnen die Opposition nicht besiegen. Es haben immer wieder mutige Menschen ihr Leben riskiert im Kampf gegen den Faschismus in Wuppertal. Sie sind heute Vorbilder.

Willi Spicher, von 1963 bis 1978 Vorsitzender der VVN Wuppertal, berichtet über die Folter: „Das erste „Verhör“ werde ich nie vergessen. Die Gestapoleute brachten mich ins „Jägerschlößchen“. Sie stießen mich in einen Raum, in dem eine Pritsche stand, voller Blut und Kot. Einige SS-Leute kamen, zwangen mich, meine Kleider auszuziehen. Einer höhnte mit freundlicher Grimasse: „Du wirst hier genauso verrecken wie dein Freund Giersiepen! Du hast es in der Hand. Du kannst es gut haben und kommst raus. Also …?!“ Karl Giersiepen aus Remscheid kannte ich gut. Ihn haben sie im „Jägerschlößchen“ erschlagen.

Sie hielten mich auf der Pritsche fest. Ein großer, schwerer SS-Mann setzte sich auf meinen Bauch, so daß ich fast keine Luft mehr bekam. Und plötzlich schlugen sie mit Lederpeitschen und einem Knüppel auf mich ein. Noch heute höre ich das Sausen und Klatschen der Peitschen. Immer wieder verdränge ich das. Doch manchmal bricht die Erinnerung einfach durch, läßt sich nicht zurückhalten.

Um mich fertigzumachen, hielten sie einige Male bei der Fahrt vom „Jägerschlößchen“ zum Gefängnis auf einer Rheinbrücke an, zerrten mich aus dem Wagen und drohten, wenn ich jetzt nicht endlich aussagen würde, wollten sie mich in den Rhein werfen. Es war ja Dezember. So ging das in Abständen mehrere Wochen lang. Allmählich war ich ziemlich kaputt. Da habe ich versucht, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Als mich die Gefängnisaufseher fanden, wurde ich nach Wuppertal in eine Krankenhauszelle verlegt. So entkam ich der Folter erst einmal. Ich wog damals noch etwa 100 Pfund.“

„Nachts wenn die Gestapo schellte…“ erschien 23 Jahre nach dem 8. Mai 1945, die Zeit des deutschen Faschismus war 1968 überall offen oder versteckt präsent. 2018 begehen wir den 73. Jahrestag der Befreiung, und auch jetzt müssen wir uns den Gespenstern der Vergangenheit entgegenstellen. Mit der AfD haben die Deutschnationalen, die Völkischen eine Partei etabliert, die den Rassismus, den Hass gegen Minderheiten propagiert und auf mehr Ungleichheit zwischen den Menschen abzielt.

Sie wollen ein anderes Land; wir sehen die Gefahr.

Ernst Köchly, Arbeitskollege des ermordeten Gewerkschafters Fritz Senger bei den Stadtwerken, schreibt in seinem Leserbrief: „Vielfach dieselben Kräfte in Wirtschaft und Politik, gleiche oder ähnliche Ursachen, die weite Teile des Volkes in Existenzangst halten, verbunden mit einer Aufrüstung von nicht erlebter Vernichtungskraft, stoßen in der Bundesrepublik auf eine Bevölkerung, die durch die Schuld der Herrschenden und der öffentlichen Meinungsbildner in den letzten 20 Jahren noch keineswegs immer gegen Verführungskünste neuer Rattenfänger immun geworden ist.

Von besonderer Bedeutung ist es, heute den Faschismus in den Anfängen zu erkennen und die Kräfte, die ihn fördern und unterstützen, aufzudecken und bloßzustellen. Die Lehren der Vergangenheit gerade in dieser Hinsicht sollten uns helfen, diesmal rechtzeitig eine starke und erfolgversprechende Abwehrfront zu schaffen.

Das wurde mir auch besonders deutlich und bewußt, als in der Serie das furchtbare Schicksal meines früheren Betriebs- und Gewerkschaftskollegen Fritz Senger geschildert wurde.“

Wir gedenken der Toten, wir ehren die Überlebenden und bekräftigen für die Zukunft:

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

Bibliografie

CheSchahShit – Die sechziger Jahre zwischen Cocktail und Molotow. Ein Bilderlesebuch, Hamburg, 1986

Finger, Jürgen; Keller, Sven; Wirsching, Andreas: Dr. Oetker und der Nationalsozialismus. Geschichte eines Familienunternehmens 1933 – 1945, München, 2013

Frei, Norbert: 1968 – Jugendrevolte und globaler Protest, München, 2017, aktualisierte und erweiterte Neuausgabe

Kühnl, Reinhard; Rilling, Reiner; Sager, Christine: Die NPD. Struktur, Ideologie und Funktion einer neofaschistischen Partei, Frankfurt am Main, 1969

Norden, Albert: Die Wahrheit über Oberländer; in: ders.: Die Nation und wir; ausgewählte Aufsätze und Reden 1933-1964, Band 2, Berlin, 1965; Seite 177 ff.

Okroy, Michael: „…mit Lust und Liebe als anständiger Deutscher Polizeidienst versehen.“ Der Wuppertaler Bialystock-Prozess 1967/68 – Ermittlung gegen Polizisten wegen Massenmord; in: Okroy, Michael; Schrader, Ulrike (Hg.): Der 30. Januar 1933 – Ein Datum und seine Folgen, Wuppertal, 2004

Podewin, Norbert (Hrsg.): Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Berlin (West), Reprint der Ausgabe 1968 (3. Auflage), Berlin, 2002

VVN-BdA Wuppertal: In der Zelle zum Abgeordneten gewählt – Willi Spicher. Nach Interviews und Gesprächen bearbeitet von Klaus Himmelstein, Wuppertal, 1981

Pressemitteilung zum 9. November 1938

9. November 2022

VVN-BdA Wuppertal

Heute, am 9. November 2022, gedenken wir der schrecklichen Pogromnächte 1938, in denen überall in Deutschland und Österreich jüdische Menschen angegriffen wurden, auf der Strasse und in ihrem Zuhause. Wohnungen, Geschäfte, Synagogen und Betstuben wurden gestürmt, zerstört und ausgeraubt.

Weit über tausend Menschen wurden ermordet, 20-000 bis 30.000 Männer in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt.

In einer zentral angeordeten Aktion wurden die Synagogen erst verwüstet und dann angezündet.

Auch in den Synagogen in Elberfeld und Barmen und in den Kapellen der jüdischen Friedhöfe am Weinberg und der Hugostrasse wurde Feuer gelegt.

„In der Elberfelder und Barmer Innenstadt wurden Schaufenster eingeschlagen, Ladenlokale demoliert und Auslagen geplündert. So etwa das Schuhgeschäft Emil Rosendahl und die Textilhandlung Wolf & Heimann in der Berliner Straße. Vor dem Bettenhaus Alsberg lagen Kissenbezüge und Federn verstreut. Die Herzogstraße und die heutige Friedrich-Ebert-Straße waren mit zerstrümmerten Gegenständen aus jüdischen Geschäften übersät.

Ganze Wohnungseinrichtungen wurden auf die Straße geworfen – beispielsweise aus dem Fenster eines Hauses in der Grünstraße ein Klavier. In der Elberfelder Wortmannstraße zündeten SA-Leute das Auto einmes jüdischen Mitbürgers an. Nicht nur in ihren Wohnungen, auch auf offener Straße wurden die Juden mißhandelt – unter den Augen der Polizei.“ Zitiert aus Kurt Schnöring: Auschwitz begann in Wuppertal

Das Erinnern daran kann nicht nur ein historisches Gedenken sein, sondern es muss auch Bedeutung in der Gegenwart und Bedeutung für die Zukunft haben.

Deshalb macht die VVN-BdA Wuppertal auf eine unmittelbar bevorstehende antisemitische Provokation in unserer Stadt durch die Kabarettistin Lisa Eckhart aufmerksam.

Am 13. November wird sie mit ihrem Programm „Der Vorteil des Lasters“ in der Stadthalle auftreten.

In diesem Programm finden sich als Scherz getarnte antisemitische Aussagen. Diese „Witze“ sind nicht, wie von ihren Fans behauptet, entlarvend und zuspitzend, sondern eindeutig bejahend.

Die Antidiskriminierungsberatung und Intervention bei Antisemitismus und Rasissmus ADIRA (Dortmund) sagt dazu: „Insofern wird deutlich, dass sich die Kabarettistin unter dem Deckmantel der Satire immer wieder antisemitischer Stereotype bedient. Auch wenn Humor ein Mittel sein kann, um Antisemitismuszu thematisieren, so wird dies von Lisa Eckhart ins Gegenteil verkehrt.“

Und Philip Peyman Engel schreibt:“ sie ergeht sich, … genüsslich in judenfeindlichen Pointen, ohne jegliche ironische oder andere künstlerische Brechung. Sie reproduziert judenfeindliche Bilder, die in unserer Gesellschaft ohnehin schon massenhaft zirkulieren, und trägt zu ihrer Verbreitung bei.“

Es ist schon zum zweiten Mal seit 2018, dass Eckhart sich der Verbreitung von Vorurteilen schuldig macht. Die aktuelle antisemitische Äusserung wurde genau heute vor einem Jahr, am Jahrestag des Gedenkens an die Pogromnacht, von ihr öffentlich vorgetragen.

In Dortmund wurde deshalb im Dezember 2021 von ADIRA gegen den damals geplanten Auftritt Stellung bezogen.

Wir wissen natürlich, dass unsere Kritik wieder antisemitisch gedeutet werden wird. In der Welt der Rechten heisst es: „Jetzt zeigen die Antifaschist:innen, dass sie Teil der Verschwörung gegen die freie Meinungsäusserung sind.“

Das stimmt nicht. Wir widersprechen, weil wir wissen, dass Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen ist! Gerade heute am 9. November, erinnern wir daran!

Die VVN-BdA Wuppertal wendet sich gegen den Auftritt von Lisa Eckhart in Wuppertal.

Genau hinschauen

8. November 2022

Von Sebastian Schröder

Worin liegt die Einzigartigkeit des Holocaust

In welchem Verhältnis steht der Holocaust zu anderen historischen Verbrechen, zu kolonialen Völkermorden? Ist die Ermordung der europäischen Juden einzigartig, oder ist dies ein Genozid, der der kolonialen Logik folgt? Darum geht es im sogenannten Neuen Historikerstreit; 2021 stehen sich postkoloniale Theorie und Holocaustforschung unversöhnlich gegenüber. Die Bedeutung der Ereignisse und deren Aufarbeitung bzw. Nichtaufarbeitung, ihre Rolle in der Gegenwart und Schlussfolgerungen daraus für Politik und Zukunft sind umkämpft.

Der schmale Sammelband enthält Beiträge von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher und Dan Diner. Alle beziehen sich auf den Artikel »Katechismus der Deutschen« des Genozidforschers Dirk Moses. Die prominenten Fachhistoriker:innen präsentieren – im Widerspruch zu Moses – zentrale Argumente der Singularitätsthese.

Die christliche Tradition der Stigmatisierung jüdischer Menschen transformiert sich am Ende des 19. Jahrhunderts, um schließlich im Faschismus den Tod aller Juden systematisch zu organisieren. Darin liegt die Einzigartigkeit des Holocaust begründet. Das Verhältnis zu Israel könne vor diesem Hintergrund nach Meinung der Autor:innen nur uneingeschränkt solidarisch sein.

Die Geschichte der Erinnerungskultur der BRD rekonstruiert Norbert Frei in »Deutsche Vergangenheit und postkoloniale Katechese«. Ausgangspunkt seines Textes ist die Rede von Bundespräsident Theodor Heuss zur Eröffnung der Gedenkstätte Bergen-Belsen 1952. Hier bekennt sich Heuss an mehreren Stellen zur Verantwortung der Deutschen, redet von Grausamkeit der Verbrechen, von Schwere der Schuld und Scham angesichts der Gewalt, vor allem gegenüber jüdischen Menschen. Doch es gibt eine seltsame Leerstelle bei Frei. Die Rede »Das Mahnmal« von Heuss liegt in »Ernte der Zeit – Eine Auswahl aus seinen Schriften« und einem weiteren Buch vor. Frei gibt als Literatur jedoch nur die amtliche Veröffentlichung des Presse- und Informationsamtes von 1952 an. Dieser Artikel ist nahezu unmöglich als Quelle erhältlich. Warum? Vielleicht, weil Heuss nicht nur die deutsche Schuld thematisiert, sondern auch sagt, was in seinen Augen zur Ermordung der Juden geführt hat, nämlich »sozioökonomische Konkurrenzgefühle«. Und in klarer zivilisationskritischer Manier führt er in gestelzten Worten aus, dass sich der Holocaust nur zufällig in Deutschland ereignet hat: »Und dies ist unsere Scham, dass sich solches im Raum der Volksgeschichte vollzog.« Es gilt: die Debatte nicht schematisch betrachten, sondern bei jedem Beitrag genau hinschauen!

Nicht das ganze Bild

10. September 2022

Von Sebastian Schröder

Ein populäres Buch über die Organisation Consul – mit Leerstellen

Novemberrevolution 1918: »Mit dem Monarchen verschwand ein System von Hierarchien aus Deutschland, das alle verinnerlicht hatten, vom Adeligen und Offizier bis zum Angestellten, Arbeiter und Dienstboten. Millionen hatten sich für diese Ordnung in den Schützengräben und in der Heimat aufgeopfert, um sie nun in ein paar novemberklammen Tagen zergehen zu sehen.«

Nah an Motiven und Milieu der Terroristen

Das ist der Ausgangspunkt von Florian Hubers Buch über die Ermordung von Matthias Erzberger sowie Walther Rathenau und über die Täter aus der sogenannten Organisation Consul. Dabei schafft es Huber, die Lesenden sehr nahe an die Terroristen heranzuführen, an ihre Motive, an ihr Milieu und an die politischen Geschehnisse.

Im Mittelpunkt der rechten Terrorserie, in der bis 1922 schon 354 (bewiesene) Morde begangen wurden, steht der Marineoffizier Hermann Ehrhardt. Er gründete 1919 das nach ihm benannte Freikorps, eine von circa 350 Söldnergruppen im Dienst des Staates. Von der Regierung befehligt, zerschlug dieses Freikorps mit maßloser Gewalt die Münchner Räterepublik. 1920 war Ehrhardt der dritte Verschwörer im Kapp-Lüttwitz-Putsch und konnte nach dem Scheitern problemlos nach München entkommen. Dort wurde er von Polizeipräsident Pöner in der antirepublikanischen »Ordnungszelle Bayern« vor Verfolgung geschützt. Mit falscher Identität leitete er die paramilitärische Struktur »Organisation Consul«, getarnt als »Holzverwertungsgesellschaft«. »Bis zum Spätsommer 1921 hatte die Organisation Consul mit ihren Regionalablegern ein Netz von mindestens 5.000, internen Gerüchten zufolge bis zu 25.000 wartenden Kämpfern über das deutsche Reich ausgespannt.« Rekrutiert wurde die rechte Geheimarmee in der Unmenge an reaktionären Vereinen, Zusammenschlüssen und Organisationen, etwa dem berüchtigten »Alldeutschen Verband«. Huber verfolgt die Wege von Friedrich Wilhelm Heinz und Ernst von Salomon, die als Intellektuelle ihre Taten später glorifiziert haben.

Auf der politischen Ebene war Karl Helfferich zentral als führender Politiker der Deutschnationalen Volkspartei im Parlament. Er inszenierte 1919 für und mit Hindenburg und Ludendorff die Dolchstoßlegende, und hetzte systematisch gegen Matthias Erzberger, Philipp Scheidemann und Walther Rathenau.

Die politische Schuld für die Attentate auf diese drei Politiker wurde damals und wird heute eindeutig bei Helfferich gesehen. Durchgeführt haben Terroristen der Organisation Consul die Anschläge, auf Befehl von Ehrhardt. Die Rechten einte der Hass auf die Republik und offener Antisemitismus. »Im Sommer 1922 zählt Walther Rathenau zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Weimarer Republik.« Er hatte als Außenminister mit dem Rapallo-Vertrag die Annäherung an die Sowjetunion initiiert: »Verführer, Verderber, Verräter, Verweser, Zersetzer. Die Anfeindungen, die Walther Rathenau (…) auf sich gezogen hat, sei es wegen seiner jüdischen Herkunft, seiner Ansichten oder seiner widerspruchsvollen Persönlichkeit, haben ihn (…) begleitet.« Nach der Ermordung Rathenaus setzte Reichskanzler Joseph Wirth im Reichstag, getragen vom Entsetzen und der Empörung der Bürger:innen, das Republikschutzgesetz durch und verkündete: »Der Feind steht rechts!« Kurzzeitig schützt die Republik ihre demokratische Verfasstheit. Im spektakulären Prozess 1922 wurden acht Angeklagte verurteilt, aber Hermann Erhardt als Auftraggeber wurde nicht belangt. Und 1924, in einem Prozess zur Aufklärung der Ermordung Erzbergers, stand die Justiz wieder ganz auf der Seite der Terroristen: »Die juristische Aufarbeitung der Terrorserie war mit der höchstrichterlichen Feststellung abgetan, dass es eine Mordorganisation Consul wohl nie gegeben habe.«

Radikalisierung konservativer Politik

»Rache der Verlierer« ist inhaltlich und stilistisch stark in der Schilderung der Ereignisse, zeigt aber nicht das ganze Bild. Ohne die Vorgeschichte der Rechten im Kaiserreich ist der Terror von rechts nicht verständlich. Spätestens mit der Gründung der Konservativen Partei in den 1890er-Jahren und der Formierung von rechten Massenverbänden hatte sich die konservative Politik radikalisiert. Und dann passt die Charakterisierung der Terroristen als Verlierer nicht mehr, denn sie verfolgten die jahrzehntelang herrschende Erzählung des Kaiserreiches einfach weiter, protestantisch, deutschnational und autoritär.

Alle waren nach 1922 noch verstärkt im rechten Milieu aktiv, so war Ernst von Salomon in der sogenannten Landvolkbewegung an einem Anschlag auf den Reichstag 1929 beteiligt. Sie halfen tatkräftig, den Faschismus in Deutschland durchzusetzen. Und nach 1945 konnten die Terroristen unbehelligt in der BRD leben, Friedrich Wilhelm Heinz als Werbefachmann in Frankfurt am Main, von Salomon als Autor und Intellektueller. Der Mörder von Walther Rathenau schrieb 1951 mit »Der Fragebogen« den ersten Bestseller, die Rechtfertigung seiner Taten. Das Buch wird bis heute unverändert bei Rowohlt verlegt.

„Gemeinsam gegen Nazis im löchrigen Schafspelz und für eine breite solidarische Bewegung gegen Energie- und Klimakrise“

30. August 2022

– Rede auf der Demonstration am 28.8. 2022

Liebe Antifaschist:innen

Mein Name ist Sebastian Schröder, ich bin Kreissprecher der VVN-BdA Wuppertal.

Dahinten demonstriert die Gruppen „NRW erwacht“ und „Wuppertal erwacht“. Schon im April haben sie zusammen mit dem sogenannten Corona-Report Wuppertal eine Veranstaltung als Impfgegner:innen und Coronaleugner:innen abgehalten. Auch für heute wurde gemeinsam mobilisiert.

Die Veranstalter:innen sind eindeutig rechts. Im Mobi-Video für April findet sich folgende rechte Inszenierung: der Marsch zu Trommeln im Fackelzug, die Uniformierung durch Maskierung und schwarze Kleidung, viel Feuer und Rauch, die Drohung durch Maskierung, düstere Musik und irgendetwas Unverständliches mit Walhalla. Natürlich wird auch die „Verurteilung der Verantwortlichen“ gefordert. „Free Michael Ballweg“, „Widerstand“ und der Verschwörungswahn vom „Great Reset“ sind ebenfalls Parolen.

Alle Querdenker-Themen sind auf der Facebook-Seite „Corona Report Wuppertal – Bergisches Land“ gepostet.

Und in der Telegram-Gruppe von „Corona-Report Wuppertal“ wird regelmässig offene Nazi-Propaganda verbreitet!

Die ökonomischen und sozialen Forderungen von „NRW erwacht“ und „Wuppertal erwacht“für heute lauten: bezahlbare Energie, Steuersenkungen, keine Rentenbesteuerung, Stopp der Inflation und Stützen der heimischen Wirtschaft.

Sie folgen damit der aktuellen Strategie der gesamten Rechten von Kubitschek und Höcke bis AfD, die gesellschaftliche Krise zu instrumentalisieren. Beim „Compact“ Sommerfest gestern in Stößen wurde das von Elsässer nochmals bekräftigt.

Aber wir wissen aus Erfahrung, dass Rechte nie die Interessen der Arbeitenden und der Armen vertreten!

In der AfD war der bürgerliche Flügel in der Tradition von Lucke schon immer wirtschaftsfreundlich und neoliberal. Lob des Reichtums als sogenannte Leistung und offener Hass auf die Armen und auf die Gewerkschaften sind Teil des AfD-Sozialdarwinismus. H. Beucker aus Wuppertal vertritt diese Position im Landtag in NRW als AfD-Abgeordneter.

Mindestens ebenso stark ist der völkische Flügel um B. Höcke. Diese Fraktion verbreitet scheinbar kapitalismuskritische Parolen und steht damit in der Tradition der NSDAP.

Die Fokussierung auf soziale Probleme und Ungerechtigkeiten dient aber nur dazu, die eigenen Ziele durchzusetzen.

Wenn die Rechten soziale Forderungen aufgreifen, dann lügen sie!

Es geht nie um mehr Gleichheit und Gerechtigkeit, sondern um die Zerstörung der Demokratie. Es geht um die Bedrohung, Kontrolle und Unschädlichmachung der politischen Gegner.innen, es geht um die rassistische Unterdrückung von Minderheiten und aller anderen maginalisierten Gruppen. Das Ziel ist die Erlangung der Herrschaft, um sich zu bereichern. Mit der Unterdrückung nach innen gehen Aggression und schliesslich Krieg nach aussen einher.

Wir wissen aus unserer schmerzhaften historischen Erfahrung was passiert, wenn die völkischen Rechten an die Macht kommen.

Die NSDAP verbietet die Gewerkschaften, inhaftiert und ermordet die Aktiven der Arbeiter:innenbewegung, senkt die Löhne, gibt den Unternehmern diktatorische Freiheiten, ermöglicht den Diebstahl jüdischen Eigentums durch „Arisierung“ und entfacht einen beispiellosen Raub- und Vernichtungskrieg.

In Wuppertal, Stadt der Arbeiter:innenbewegung, und des Antifaschismus, war die Unterdrückung extrem. Weltberühmt geworden sind die Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse, in denen Hunderte Männer und Frauen von Sondergerichten wegen ihres sozialen Engagements verurteilt wurden. So viele andere wurden verfolgt und erschlagen, in der Kemna, in der von der Heydt-Gasse, im Polizeipräsidium in Unterbarmen, auf den Strassen.

Wenn die Rechten soziale Forderungen aufgreifen, dann lügen sie!

Die rechte Welle hat hier zur Zeit an Kraft verloren. Im Moment stagniert ihr Einfluss und die Rechte wächst nicht mehr. Trotzdem ist die Gefahr gross.

Anders ist es in den USA: dort überschlagen sich die Ereignisse, sogar US-Präsident Biden warnte vorgestern vor einem „halben Faschismus“.

Die Diskriminierung von Black and Persons of Colour im Alltag und im Wahlrecht, die Diskriminierung aller Frauen durch die Kriminalisierung von Abtreibungen, der Angriff auf die Rechte der LGBTQIA*-Menschen, die Ausserkraftsetzung der Demokratie über scheinbar unwichtige Veränderungen im Wahlgesetz, immer aggressivere Pro-Waffen-Gesetze geschieht gerade im Zusammenspiel des Obersten Gerichtshofes mit den grossen reaktionären Medienunternehmen.

Die „Make America Great Again“ Bewegung wird vom Bündnis aus alt-right Rechten und der religiösen Rechten getragen, die stark von den Evangelikalen geprägt sind. Nationalismus, Fundamentalismus und die Vorstellung der weissen Überlegenheit (white supremacy) sind die wichtigsten Teile der MAGA-Ideologie. Biden hat gesagt: „Es ist nicht nur Trump, es ist die gesamte Philosophie.(…) Es ist wie halber Faschismus.“ In den USA ist die Rechte stark wie nie und versucht, die bestehenden demokratischen Institutionen in ein auoritäres System zu verändern.

[Annika Brockschmidt: Amerikas Gotteskrieger – Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet, 2021, Hamburg, 2. Auflage]

So soll es hier nicht werden. Wir sagen nein, wenn der legitime Protest in der gesellschaftlichen Krise von den Rechten instrumentalisiert werden soll!

Wenn die Rechten soziale Forderungen aufgreifen, dann lügen sie!

Immer gab es in Wuppertal antifaschistischen Widerstand. Darauf sind wir stolz, das ist unsere Verpflichtung! Deshalb sind wir heute hier.

Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen!

Albert Norden – Das spanische Drama

10. Juli 2022

17. Juli 1936 – Putsch der Generale gegen die Spanische Republik

Sie reden vom Abendland und meinen – Erz

Vor den Kulissen des blutigen spanischen Geschehens ergingen sich die faschistischen Führer, allen voran die Herren des „Dritten Reiches“, in tönenden Reden über die Wahrung der heiligsten Güter.

Hinter den Kulissen feilschten sie um Erz.

Vor den Kulissen trug Hitler, wie Goebbels auf dem Naziparteitag im September 1936 sagte, „die Fahne der Kultur, der Menschheit und der Zivilisation für Europa und die Kultur des Abendlandes“.

Hinter den Kulissen erwies sich diese Fahne als blutbeschmiertes Piratenbanners eines Räubers, der auf Zivilisation und Kultur, auf Abendland und Menschheit pfiff, um als getreuer Eckart der Interessen des deutschen Finanzkapitals aufzutreten.

Vor den Kulissen wurde, wenn man dem offiziellen SS-Organ, „Das Schwarze Korps“, vom 8. Juni 1939 glauben wollte, „an den spanischen Fronten die abendländische Kultur verteidigt“.

Hinter den Kulissen redeten die faschistischen Hierarchien die weniger erhabene Sprache der Zahlen und Dividenden, stritten sie verbissen um den Anteil an dem, was dem spanischen Volk gestohlen wurde.

Vor den Kulissen pries man Franco als Held und Roland des 20. Jahrhunderts.

Hinter den Kulissen setzte man ihm die Pistole auf die Brust, um ihn zur schnelleren Auslieferung der spanischen Rohstoffquellen zu zwingen.

Vor den Kulissen gaben sich die Herren des „Dritten Reiches“ als die selbstlosen Helfer des „nationalen“ Spanien aus.

Hinter den Kulissen pochten diese Shylocks der Neuzeit auf ihren Schein und heischten Zahlung mit Zins und Zinseszins für jedes Geschütz, für jedes Flugzeug, für jeden Mann.

Vor den Kulissen tobte der mörderische Krieg zwischen dem Weltfaschismus und dem spanischen Volk.

Hinter den Kulissen tobte ein zweiter Krieg: der erbitterte Kampf unter den faschistischen Gaunern um die Beute.

Schon frühzeitig hatten die deutschen Trusts im Wirtschaftsleben Spaniens eine bedeutende Rolle erobert. Das gilt besonders für den IG-Farben-Konzern, der eine monopolartige Position in der Herstellung von Farbstoffen in Spanien einnahm, für die beiden deutschen Elektrizitätstrusts AEG und Siemens, die große Fabriken zur Herstellung von elektrotechnischen Apparaten in Spanien besaßen, für Krupp mit Erz-, Stahl- und Eiseninteressen in Nordspanien und engen Verbindungen mit spanischen Schiffsbaufirmen, für die Hannoverschen Contiwerke mit zwei großen Fabriken zur Herstellung von Auto- und Gummireifen in Madrid, für die beiden Giganten der deutschen Hochfinanz, die Deutsche und die Dresdner Bank, die über ihre Filialen in Spanien nicht nur die dortigen, sondern auch große Geschäfte mit Südamerika abwickelten.

Kaum war Hitler zur Macht gekommen, da stellten die deutschen Trusts aus dem Bestand ihrer Angestellten das ganze Korps der Ortsgruppen- und Gauführung der Nazipartei in Spanien sowie fast alle dort postierten Gestapobeamten. In jeder Naziortsgruppe in Spanien – und es gab dort eine sehr große etwa 15 000 Deutsche umfassende Kolonie – wurden die jeweils zwei führenden Funktionäre, oft aber auch mehr, von den deutschen Firmen bezahlt. Es gab keinen Ortsgruppenleiter, der nicht sein volles Gehalt entweder von IG-Farben oder von Siemens und AEG oder einer der deutschen Großbanken bezog.

Diese Leute (…) waren also die politischen Exponenten des deutschen Finanzkapitals in Spanien, deren besondere Aufgabe darin bestand, mit den reaktionären Gruppierungen in den Parteien und der Armee beständigen Kontakt zu halten und die faschistischen Treibereien zu fördern, die seit der Abschaffung der Monarchie 1931 das Land periodisch erschütterten.

Die Himmlersche Geheime Staatspolizei (Gestapo) operierte in Spanien unter der harmlosen Bezeichnung „Hafendienst“, der sich übrigens keineswegs auf die spanischen Häfen beschränkte. Am 20. Juli 1936, als der faschistische Militäraufstand in Madrid und Barcelona niedergeschlagen worden war, wurden im Verlauf von Haussuchungen an den Sitzen der Landesgruppe der Nazipartei und ihrer Nebenorganisationen Materialien gefunden, aus denen hervorgeht, daß sämtliche 50 Hafendienstleiter der Gestapo von deutschen Firmen angestellt und voll bezahlt worden waren. Ihr erster Chef, Karl Cords, war ein höherer Angestellter des Siemens-Konzerns, der auch den Landesgruppenführer der Nazis für Spanien, Walter Zuchristian, stellte und finanzierte. Dieser „Hafendienst“ befaßte sich mit allem, von der Anwerbung spanischer Politiker und anderer Agenten bis zur Überwachung des Schiffsverkehrs, von der Bespitzelung politischer Gegner bis zum Menschenraub.

(…)

Spaniens Erdschätze lockten schon die Eroberer des Altertums und den größten Wucherer der beginnenden Neuzeit, Jakob Fugger, diesen Finanzier von Päpsten und Kaisern, dessen gefürstete Augsburger Nachkommen in der CDU Konrad Adenauers eine Rolle spielen. Neben Kupfer, Quecksilber und Schwefelkies haben Spaniens Erze stets das deutsche Finanzkapital magnetisch angezogen. Denn Erz muß zur Kohle kommen, wenn Eisen und Stahl entstehen soll. Die Kohlefeuerung muß das Erz umschmelzen, damit Maschinen, Werkzeuge und Waffen produziert werden können.

(…) Als seit Mitte der zwanziger Jahre dem deutschen Imperialismus die Schwingen wieder zu wachsen begannen und seine extremsten Vertreter 1933 die politische Macht antraten, da richteten sie ihre gierigen Blicke vor allem auch auf die hocheisenhaltigen (..) Erze Spaniens und Spanisch-Marokkos, und die Aufrüstung und Remilitarisierung des „Dritten Reiches“ voranzutreiben. Sie hätten das Erz im friedlichen Austausch einhandeln können. Aber das Finanzkapital will herrschen, und darum trachteten die deutschen Finanzkapitalisten nach dem Monopolbesitz der spanischen Erzgruben (…).

Freilich, solange eine souveräne spanische demokratische Regierung existierte, blieben solche Pläne auf dem Papier. Darum betrieb der Hitlerfaschismus den Sturz der rechtmäßigen spanischen Regierung. (…)

Der raffgierige Göring nahm die Sache persönlich in die Hand. (…)

Eine Woche später erfolgte in Burgos, dem Sitz Francos, die Unterzeichnung eines Protokolls, das mit den Worten schließt: „Die spanische Nationalregierung wird die Gründung von spanischen Gesellschaften für die Erschließung und wirtschaftliche Nutzung von Bodenschätzen und sonstigen Rohstoffen und für andere wirtschaftliche Zwecke unter Beteiligung deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Firmen erleichtern.“

Dieser Geheimvertrag trägt die Unterschrift von Francos Außenminister Jordana und deutscherseits von General Faupel und eines Mannes, der auf den sinnigen Namen Wucher hört.

Mit diesem Protokoll in der Tasche suchten die deutschen Imperialisten Franco abzuknöpfen, was nur eben möglich war, und die englische Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.

(…)

Die Dinge spitzen sich zwischen Nazis und Frankisten beträchtlich zu. Göring (…) schrie nach „Sicherstellung der deutschen Kriegsbeute … Herr von Jagwitz solle sich unverzüglich nach Salamanca begeben und dem General Franco `die Pistole auf die Brust setzen`.“

So war das also! In Spanien wurden die Militärfaschisten gegen das Volk bewaffnet und gehetzt, dort starben Hunderttausende, damit die Göring, Krupp und Konsorten billigst zu ihren Rohstoffen kamen. Wir führen Krieg, sagten sich die Görings, und trieben auch viele Hunderte Deutsche in den Schlachtentod. Darum her mit dem Profit, her mit der Beute! Erz für Blut! Auch die vornehmen Aristokraten des Auswärtigen Amtes, der Minister von Neurath und sein Schwiegersohn, Staatssekretär von Mackensen, vergaßen ihre Kinderstube, ließen alle Zurückhaltung fallen und wurden pampig. Neurath schickte am 30. November 1937 ein Geheimtelegramm an den deutschen Botschafter bei Franco:

„Im besondern müssen wir darauf bestehen, daß der Hauptanteil der Erz- und Eisenausbeute aus den Gruben von Bilbao und Asturien uns vorbehalten bleibt und daß des weiteren eine uneingeschränkte Konzession für den Schrottankauf gegeben wird … Eine Begünstigung Englands … werden wir keinesfalls hinnehmen. Sollte General Franco ausweichend antworten … so bitte ich, ihm unmißverständlich zu erklären, daß wir uns in diesem Fall leider gezwungen sehen würden, auch unsererseits unsere Haltung gegenüber nationaler spanischer Regierung … zu überprüfen.“

Drei Tage später telegrafiert Mackensen an den deutschen Botschafter, um ihm mitzuteilen, daß „der Generaloberst (Göring – A. N.) zu den letzten Konsequenzen entschlossen sei, wenn nicht der Generalissimus (Franco – A. N.) unsere Interessen in absolut klarer Form sicherstelle.“

So geht das noch ein ganzes Jahr lang hin und her. In der Öffentlichkeit behängt man sich gegenseitig mit Großkreuzen, Adlersternen und anderen Orden. Untereinander betragen sich die Herrschaften als das, was sie waren und sind: Räuber, die einander nicht über den Weg trauen. (…)

Die Helden des republikanischen Spaniens hatten im Sommer 1938 den Angriff von 20 faschistischen Divisionen zur Eroberung Kataloniens in erbitterten Kämpfen zurückgeschlagen und waren ihrerseits trotz außerordentlicher Waffenunterlegenheit zum Angriff übergegangen, wobei sie in einer kühnen Operation den Ebro überschritten. Monatelang verteidigten sie erfolgreich den Brückenkopf. Wieder einmal schlug Franco in Berlin und Rom Alarm und flehte um neue Flugzeuggeschwader, Artilleriebatterien, Tanks und Soldaten. Das betrachteten die deutschen Faschistenführer als eine großartige Gelegenheit zur Erpressung. In „Geheimer Reichssache“ wandte sich das Reichswirtschaftsministerium am 18. Oktober 1938 an das Auswärtige Amt:

„Betrifft: Neue Materialanforderungen der nationalspanischen Regierung. Gegenwärtig wird die Frage der Lieferung neuer größerer Materialmengen nach Nationalspanien geprüft. In diesem Zusammenhang weise ich auf folgende zur Zeit noch schwebenden Fragen hin, die einer baldigen endgültigen Klärung bedürfen: (.) Endgültige Sicherung der deutschen Bergwerks- und Minenrechte in Nationalspanien.“ (…)

Nun begann ein erbauliches Hin und Her. Waffenbitten der spanischen Faschistenführer wechselten wochenlang mit kühlen Erklärungen der deutschen Faschistenführer, erst einmal die Bergwerkskonzessionen herauszurücken, bevor man die Großmaterialforderung Francos wohlwollend prüfen werde. Dieser suchte sich mit Teilkonzessionen aus der Affäre zu ziehen. Aber das nutze ihm nichts. Den spanischen Faschisten brannte das Feuer der Republikaner auf den Nägeln. Sie konnten nicht mehr warten. Am 21. November 1938 erschien Francos Botschafter in Berlin bei dem Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes, Woermann, und überbrachte im die schriftliche Zusage der Franco-Regierung, wonach das Aktienkapital der obengenannten Gesellschaften entweder ganz oder in großer Mehrheit in deutschen Händen konzentriert werden könne und damit die 80 baskischen Bergwerke und diejenigen von Spanisch-Marokko in den Besitz des deutschen Finanzkapitals übergingen. Triumphierend konnte Hitlers Botschafter bei Franco nach Berlin berichten:

„Wir haben unseren Willen durchgesetzt.“

Jetzt gingen im Eiltempo und ununterbrochenem Strom massive Waffenlieferungen der Hitlerfaschisten nach Spanien mit dem Ergebnis, daß am 23. Dezember 1938 300 000 italienische Legionäre, deutsche Faschisten und Franco-Soldaten mit 20facher Luftwaffenüberlegenheit, 30facher Artillerie- und 35facher Panzerüberlegenheit gegen 120 000 republikanische Soldaten vorstießen, von denen nur jeder Dritte ein Gewehr hatte.

Wir nannten eben den Unterstaatssekretär Ernst Woermann. Als in London 1937 das Nichteinmischungskomitee tagte, da taten in seinen Sitzungen Ribbentrop, Fürst von Bismarck – heute ein prominenter CDU-Politiker Bonns – und der damalige Botschaftsrat Woermann als Vertreter der Hitlerregierung auf. Munter leugnete Woermann mit seinen Kumpanen die Verschickung von Hitlereinheiten nach Franco-Spanien, er, dessen Vetter Kurt Woermann als Vorstandsmitglied und späterer Aufsichtsrat der Hamburger Woermann Linie AG selber an der Abfertigung der Dampfer teilnahm, die seit Ende Juli 1936 Hitlers Kanonen und das Kanonenfutter, Flugzeuge und Panzer nach Spanien brachten und auf der Rückfahrt die Beute an Bord nahmen und mit der Beute auch das, was sie kostete. Denn neben dem Erz standen die Särge, und in den Särgen lagen junge deutsche Männer, gefallen als Flieger und Kanoniere und Panzerbesatzungen, die ersten Toten des zweiten Weltkrieges. Und aus dem Erz wurden neue Waffen, deren Träger, für den Überfall auf andere Länder mißbraucht, zu Millionen starben, ohn` Ruhm und Ehr, verscharrt unter allen Himmelsstrichen, und ihr vergossenes Blut mehrte den Besitz der herrschenden Kriegsgewinnler Deutschlands.

Die Woermann-Reederei meldete in den Geschäftsberichten während des Spanienkrieges, daß „die Ausnutzung des Schiffsraums hundertprozentig befriedigend war“. (…) Die 6 Handelsschiffe, die während es Interventionskrieges in Spanien gestohlen und in die Woermann-Flotte eingereiht wurden, hüllte die Firma in schamhaftes Schweigen.

Der Botschaftsrat Woermann aber, dessen Familie an dem von ihm geleugneten Interventionskrieg so prächtig verdiente und den Transport der Todeskandidaten wie der Toten in eine Gewinnquelle verwandelte – dieser Woermann machte dank seiner im Nichteinmischungskomitee an den Tag gelegten Unverfrorenheit Karriere: Hitler beförderte ihn schließlich zum Unterstaatssekretär. Eine so blutschmutzige Ehe gingen Völkermord und kommerziell-politisches Geschäft im Hitlerfaschismus ein! Seine Untaten im zweiten Weltkrieg brachten Woermann im Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozeß eine siebenjährige Gefängnisstrafe wegen Verbrechens gegen den Frieden und gegen die Menschlichkeit ein. Aber die amerikanische Regierung ließ ihn schon wenige Monate nach der Verurteilung wieder frei. Denn der Staatssekretär Woermann hatte ja schließlich „nur“ 52 000 slowakische Juden vernichten lassen und in ein Hitlersches Satellitenland nach dem anderen die Befehle zur Abfertigung von Todestransporten nach dem Osten ausgeschickt. Das verdient nach den Sittlichkeitsmaßstäben des heutigen Washingtons keine Strafe.

Albert Norden: Das spanische Drama, erweiterte und überarbeitete Ausgabe der Broschüre „Die spanische Tragödie, Berlin 1961, Seite 29 ff.

Nazi-Milliardäre – Reich, rechts, mächtig

7. Juli 2022

Zu David De Jongs Buch „Braune Erben“

Von Sebastian Schröder

BMW, Mercedes-Benz, Porsche, Allianz, Oetker; wie sind diese deutschen Weltkonzerne groß geworden?

Die vier reichsten Männer in der BRD waren 1970 Friedrich Flick, August von Finck, Herbert Quandt und Rudolf-August Oetker. Den entscheidenden Teil ihrer enormen Vermögen konnten sie ab 1933 erwerben, in der Stahl- und Rüstungsindustrie, bei Versicherungen und Banken und in der Lebensmittelindustrie.

Der langsame Aufstieg dieser Familienclans in den zwanziger Jahren, der rasante Weg in die höchsten Machtpositionen im deutschen Faschismus, das kurze Straucheln nach dem 8. Mai 1945, die spektakuläre Rückkehr an die Spitze seit den fünfziger Jahren und die heutige Debatte um die Nazi-Milliardäre sind das Thema des Buches des niederländischen Wirtschaftsjournalisten David De Jong.

Die Konzernchefs teilten nach dem Ende des Kaiserreiches die republikfeindlichen und reaktionären politischen Vorstellungen des deutschnationalen Milieus. Das erleichterte die bewusste Annäherung an Hitler und die NSDAP mit sehr grossen Spenden und regelmässigen Treffen ab 1930.

Für alle sichtbar wurde dieses Zusammengehen durch die Heirat von Goebbels und Magda Quandt, zuvor Ehefrau Günter Quandts, dem Besitzer der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) und der AFA-Werke (später Varta). Auf dem Buchumschlag der deutschsprachigen Ausgabe von „Braune Erben“ ist ein Foto der faschistischen Prominentenfamilie: Josef und Magda Goebbels mit dem Quandt-Sohn Harald.

Nach der von ihnen mit vorangetriebenen Zerstörung der Weimarer Republik 1933 haben Quandt, Flick, Finck, Porsche und Kaselowsky (Oetker) 12 Jahre lang immer schneller an der Aufrüstung und der „Arisierung“ verdient. Alle waren Mitglieder in Himmlers „Freundeskreis Reichsführer SS“ und der NSDAP.

Im Zweiten Weltkrieg kam es zum systematischen Einsatz von Zwangsarbeiter:innen. Skrupellos haben sie die vielen Verschleppten ausgebeutet, allein bei Quandt mussten 57500 Menschen arbeiten. „Mindestens 403 Menschen starben in Günther Quandts (.) AFA-Werk.“ Eingesperrt in Lager, gefährdet durch Arbeit, Unfälle, Hunger und Krankheit, von Ermordung bedroht, wurden viele Zwangsarbeiter:innen schliesslich auf die Todesmärsche geschickt. Die 1016 Toten des grausamen Verbrechens in Gardelegen kamen aus einem der AFA-Werke. Sie wurden lebend in der Feldscheune verbrannt.

Nach der Befreiung musste sich nur Friedrich Flick vor Gericht verantworten, die Taten der anderen Unternehmer blieben ungesühnt, geschützt durch die alten Netzwerke und Persilscheine.

Die mit Zwangsarbeit erweiterten und modernisierten Fabriken waren die Grundlage der „Wirtschaftswunder“ genannten Restauration in der BRD der fünfziger Jahre.

Alle Wirtschaftsbosse kehrten an die Spitzen der Firmen zurück und setzten ihre Geschäfte erfolgreich fort. Keiner gestand die Beteiligung am Faschismus ein, niemand distanzierte sich, und sogar die rechte Ideologie und neofaschistische Politiker wurden von August von Finck weiter unterstützt.

Die Stärke des „erzählenden Sachbuches“ von David De Jong sind die Kapitel über die Nachkriegszeit, die BRD, und vor allem der letzte Teil über das Verhalten der Milliardärsfamilien gegenüber der eigenen NS-Geschichte bis heute. De Jong schildert, dass auch die Familie Reimann ihren Reichtum einem Nazi-Vorfahren verdankt. Während Reimanns, die reichsten Deutschen, den Weg der Aufklärung und Wiedergutmachung eingeschlagen haben, verharren die anderen Familien in Schuldabwehr durch Verleugnung und Relativierung.

Die zentrale Schwäche des Buches ist seine Unvollständigkeit, dadurch entsteht ein schiefes Bild des deutschen Faschismus. Der Autor fokussiert sich auf wenige Personen, und entscheidende Akteure fehlen, so Carl Duisberg und die Chemieindustrie. Ohne die IG Farben bleibt etwa die Übertragung der Macht am 30. Januar 1933 unverständlich. Während Schacht, Thyssen, Krupp, Schmitt zumindest erwähnt werden, heisst es nur „Manager des Chemiekonglomerats IG Farben und des Kaligiganten Wintershall“…

Gleichzeitig verliert sich De Jong stellenweise in Klatsch und Tratsch zu Hitler, Goebbels, Magda und Günther Quandt.

Überhaupt wird Quandt sehr nachsichtig geschildert: „Obwohl er zum größten Waffenproduzenten des „Dritten Reichs“ geworden war, wollte Günther Quandt keinen Krieg.“

Und eine naheliegende Frage: Warum wurde der englische Originaltitel „Nazi Billionaires“ nicht einfach übersetzt? „Nazi-Milliardäre“ trifft es doch viel besser als „Braune Erben“!

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