»Konfusion« in der Debatte

16. Januar 2023

Historiker streiten – nicht alle. Sammelband versucht Argumente nachzuvollziehen

»Konflikte und polemische Debatten überall: das Humboldt-Forum und koloniale Beutekunst; die Umbenennung der M-Straße; einhundertfünfzig Jahre Deutsches Kaiserreich; Achille Mbembe, Holocaust und Kolonialismus, die Deutschen mit ›Nazihintergrund‹ und nicht zu vergessen die Machenschaften der Hohenzollern. So unterschiedlich die Debatten im Einzelnen sind, immer wird dabei die Deutung der NS-Zeit oder des Kolonialismus mitverhandelt; häufiger sogar beides.« So beschreibt der Historiker Sebastian Conrad im Buch »Historiker streiten« den Hintergrund der Debatte um die Einzigartigkeit des Holocaust; hier sind vorwiegend Beiträge einer Tagung im Einstein-Forum in Potsdam vom Oktober 2021 veröffentlicht.

Die unter dem Begriff »Zweiter Historikerstreit« (und auch in der antifa-November-/Dezemberausgabe verschiedentlich sichtbar) geführte Debatte, dreht sich im wesentlichen um den Aufsatz »Der Katechismus der Deutschen« von Dirk Moses. Im Sammelband führt Moses nochmals seine provokanten Thesen aus, mit Erläuterungen der Vorgeschichte und der späteren Diskussion. Michael Wildt konstatiert »Konfusion« in der Debatte, aber das Buch ermöglicht es den Lesenden mit einigem Aufwand, die Argumente beider Seiten des Neuen Historikerstreites nachzuvollziehen.

Hier kann nicht auf die vielen Autor:innen und ihre verschiedenen Zugänge zur Diskussion um die Bewertungen des Verhältnisses von Holocaust und Kolonialgewalt eingegangen werden, deshalb nur kurz: Mario Keßler widmet sich der Forschung zum Kolonialismus in der DDR, und kann zeigen, dass die Ergebnisse bis heute Gültigkeit haben. Auch Susan Neiman und Ingo Schulze bekräftigen diese Wahrnehmung. Die Herausgeberin Susan Neiman bezieht im Vorwort einen grundsätzlichen Standpunkt in der Diskussion, gegen die Singularitätsthese: »Für Universalisten, ob jüdisch, schwarz oder sonst was, ist eine solche Opferkonkurrenz mehr als unsinnig: Es schwächt die Solidarität, die wir brauchen, um gemeinsam gegen alle Formen des Rassismus zu kämpfen.«

Die Alten in der VVN-BdA waren schon immer Universalist:innen. Kurt Goldstein hat 2007 in der Petition »Shalom 5767« gegen den Libanon-Krieg legitime Kritik an der israelischen Politik formuliert: »Israel ist aber auch ein Land, das nicht mehr Rechte als jedes andere Land hat. Ein Land, das in besonderem Maße an die Einhaltung der Menschenrechte gebunden ist, weil seine Existenz an eben diese Menschenrechte geknüpft ist.« Peter Gingold hat sich für Mumia Abu-Jamal eingesetzt, den in einem rassistischen Prozess zum Tode verurteilten linken Journalisten, der seit 1981 in den USA inhaftiert ist. Dank seines Wortes wurde Mumia 2002 zum Ehrenmitglied in unserer Vereinigung. Der offene Brief an die Minister Fischer und Scharping 1999 gegen die Bombardierung Serbiens steht ebenfalls in dieser universalistischen Tradition der VVN-BdA. Und auch Esther Bejarano prangerte die Probleme der Gegenwart im »Appell an die Jugend« von 1997 an: »1945 war es für uns unvorstellbar, dass Ihr, die Nachgeborenen, erneut konfrontiert sein würdet mit Nazismus, Rassismus, einem wieder auflebenden Nationalismus und Militarismus. Und nun noch die ungeheure Massenarbeitslosigkeit, die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, die katastrophale Zerstörung der Umwelt. Immer mehr junge Menschen leben in Zukunftsängsten. Lasst Euch nicht wegnehmen, was Ihr noch an demokratischen und sozialen Errungenschaften vorfindet. Lasst sie nicht weiter abbauen! Von keinem Regierenden sind sie Euch geschenkt worden: Es sind vor allem die Errungenschaften des antifaschistischen Widerstandes, der Niederringung des Nazifaschismus. Verteidigt, was Ihr noch habt, verteidigt es mit Klauen und Zähnen!«

Im vorliegenden Buch fehlt der Beitrag »A German History of Namibia or a Namibian History of Germany?« der simbabwisch-amerikanischen Soziologin Zoé Samudzi, den sie auf der Tagung im Einstein-Forum gehalten hat. Das Thema ihres Vortrages waren die unzureichenden Entschädigungen der deutschen Regierung für den Genozid an den Herero und Nama von 1905/1906 in der Kolonie »Deutsch-Südwest«. Und sie beschrieb, wie die Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht bis heute als Traumata über die Generationen weiter wirken. Sie wollte den Betroffenen, den Indigenen, auf dieser Veranstaltung in Deutschland eine Stimme geben. Erst über die sozialen Medien hat sie erfahren, dass ihr Beitrag nicht im Buch enthalten ist. Die Herausgeber:innen Susan Neiman und Michael Wildt haben – ebenfalls über Twitter – den Ausschluss aus dem Sammelband im Nachhinein damit gerechtfertigt, dass der Vortrag eben nicht zum Motto der Konferenz gepasst hätte. Wenn dies wirklich der Maßstab gewesen wäre für die Aufnahme in das Buch, dann hätte eine ganze Reihe von Artikeln, die jetzt enthalten sind, noch viel eher draußen bleiben müssen!

Der verletzende Ausschluss einer bekannten wissenschaftlichen Stimme aus dem Süden durch die wissenschaftliche Community des ehemaligen kolonialen Aggressors im Jahr 2022 – vielleicht ist dies der alarmierendste und bedrückendste Aspekt des Buches.

„nachts, wenn die Gestapo schellte…“

8. Januar 2023

Nachwort von Sebastian Schröder (2018)

„Der weitverbreiteste Ruf in der Stadt im Tal ist in diesen Tagen das befreiende „Nie wieder“!“

Mit diesem Satz endet am 12. März 1968 die große Artikelserie „Nachts wenn die Gestapo schellte…“ von Klaus und Doris Jann über den Wuppertaler Widerstand in der NeuenRheinZeitung (NRZ).

Das Jahr 1968 – In der Bundesrepublik heißt das Kampf gegen die Notstandsgesetze, gegen den Vietnamkrieg, gegen die aggressiven Kampagnen der BILD-Zeitung.

Trotz der Ermordung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, trotz des Attentats auf Rudi Dutschke herrscht Aufbruchstimmung, die autoritären Verhältnisse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft werden nicht mehr ohne Widerspruch hingenommen.

23 Jahre nach der Befreiung fragen die jungen Menschen nach den Verbrechen der eigenen Eltern, der ganzen Generation im deutschen Faschismus. Diese Auseinandersetzungen um die Schuld der Älteren werden häufig unmittelbar geführt.

Deshalb steht 1968 in Westdeutschland auch für kämpferischen Antifaschismus. Es gibt breiten Widerstand gegen die offen neofaschistische NPD. Globke, Oberländer, Lübke und Kiesinger sind die bekanntesten Schreibtischtäter der Bundesrepublik – sie stehen stellvertretend für tausende Faschisten in allen Bereichen der Gesellschaft, die ihre Karrieren trotz Blut an den Fingern ungehindert fortgesetzt haben und das politische Leben und auch das Klima in der BRD prägen.

Professor Dr. Theodor Oberländer war allerdings nicht nur Schreibtischmörder, sondern ganz nah bei den von ihm befohlenen Verbrechen. Als politischer Führungsoffizier des Bataillons „Nachtigall“ war er mitverantwortlich für die Ermordung tausender Menschen Anfang Juli 1941 in Lwow. Filip Friedmann berichtet: „Es begann mit einer Jagd auf jüdische Männer in den Straßen. Dann wurden die Wohnungen der Opfer durchsucht. Man verschleppte Männer, ganze Familien, auch mit Kindern. Etwa zwei bis drei Tage nach dem ´Blitzpogrom´ begann eine neue Aktion. Etwa 2000 Juden schleppte man auf den Hof der Pelczynska 59, wo sich damals der Sitz der Gestapo befand. Hier wurden gegenüber den unglücklichen Menschen zwei Tage lang die allerschlimmsten Torturen sadistischen und perversen Charakters angewandt. Rund 1400 Mann, die diese Torturen durchhielten, verschleppte man in den Biloborski-Wald bei Lwow, wo sie erschossen wurden.“

An vielen Orten bilden sich lokale antifaschistische Initiativen, etwa in Bielefeld. Der Inhaber des Oetker-Konzerns, Rudolf-August Oetker, hatte seit 1959 den Bau einer Kunsthalle vorangetrieben, die den Namen des unumschränkten Firmenchefs (seines Stiefvaters) tragen sollte: Richard Kaselowsky. Dieser hatte als SS-Gruppenführer, als Mitglied der NSDAP und vor allem des „Freundeskreises Reichsführer SS“ den Oetker-Konzern zum „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ gemacht. Vielfältig wurden Aufrüstung und Raubkrieg unterstützt durch „Dr. Oetker“ und natürlich stieg der Profit. 1968 setzen sich die BürgerInnen der Stadt gegen den Namenspatron Kaselowsky zur Wehr; der feierlichen Eröffnung wird mit Offenen Briefen, Demonstrationen und Teach-ins entgegengetreten, und so muss die Einweihung der Kunsthalle abgesagt werden.

Trotzdem wird die Halle erst 1998 umbenannt, nach drei Jahrzehnten des Ringens.

In Wuppertal werden seit Oktober 1967 die Greueltaten Wuppertaler Polizisten im Bialystock-Prozess angeklagt. Die grausame Ermordung von über 2000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern Ende Juni 1941 im weißrussischen Bialystock wird mühsam aufgedeckt, die Täter sind allesamt angesehene Bürger der Stadt.

Beispielhaft sei ein weiterer angesehener Bürger erwähnt: Professor Dr. Hans-Bernhard von Grünberg, NSDAP-Mitglied seit 1931, bis 1944 Rektor der Universität Königsberg und als Staatswissenschaftler in weiteren faschistischen Organisationen und Funktionen tätig. Nach 1945 war er im Vorstand der Deutschen Reichspartei, einer Vorläuferpartei der NPD. Die Gründung der NPD im Jahr 1964 wurde maßgeblich in Wuppertal-Vohwinkel vorbereitet durch den ideologischen Vordenker Hans-Bernhard von Grünberg.

Klaus und Doris Jann berichten dagegen über die Menschen des Widerstands, über diejenigen WuppertalerInnen, die sich den faschistischen Tätern entgegengestellt haben.

Nicht zuschauend und scheinbar neutral, sondern Stellung ergreifend an der Seite der HitlergegnerInnen fordern sie die LeserInnen auch in ihrer Zeit zum antifaschistischen Handeln auf.

Klaus und Doris Jann zeigen, dass es während der 12 Jahre der Naziherrschaft immer Widerstand gegen die Diktatur gab. Trotz Haft, Folter, Ermordung, Zerstörung der Familie konnten die FaschistInnen die Opposition nicht besiegen. Es haben immer wieder mutige Menschen ihr Leben riskiert im Kampf gegen den Faschismus in Wuppertal. Sie sind heute Vorbilder.

Willi Spicher, von 1963 bis 1978 Vorsitzender der VVN Wuppertal, berichtet über die Folter: „Das erste „Verhör“ werde ich nie vergessen. Die Gestapoleute brachten mich ins „Jägerschlößchen“. Sie stießen mich in einen Raum, in dem eine Pritsche stand, voller Blut und Kot. Einige SS-Leute kamen, zwangen mich, meine Kleider auszuziehen. Einer höhnte mit freundlicher Grimasse: „Du wirst hier genauso verrecken wie dein Freund Giersiepen! Du hast es in der Hand. Du kannst es gut haben und kommst raus. Also …?!“ Karl Giersiepen aus Remscheid kannte ich gut. Ihn haben sie im „Jägerschlößchen“ erschlagen.

Sie hielten mich auf der Pritsche fest. Ein großer, schwerer SS-Mann setzte sich auf meinen Bauch, so daß ich fast keine Luft mehr bekam. Und plötzlich schlugen sie mit Lederpeitschen und einem Knüppel auf mich ein. Noch heute höre ich das Sausen und Klatschen der Peitschen. Immer wieder verdränge ich das. Doch manchmal bricht die Erinnerung einfach durch, läßt sich nicht zurückhalten.

Um mich fertigzumachen, hielten sie einige Male bei der Fahrt vom „Jägerschlößchen“ zum Gefängnis auf einer Rheinbrücke an, zerrten mich aus dem Wagen und drohten, wenn ich jetzt nicht endlich aussagen würde, wollten sie mich in den Rhein werfen. Es war ja Dezember. So ging das in Abständen mehrere Wochen lang. Allmählich war ich ziemlich kaputt. Da habe ich versucht, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Als mich die Gefängnisaufseher fanden, wurde ich nach Wuppertal in eine Krankenhauszelle verlegt. So entkam ich der Folter erst einmal. Ich wog damals noch etwa 100 Pfund.“

„Nachts wenn die Gestapo schellte…“ erschien 23 Jahre nach dem 8. Mai 1945, die Zeit des deutschen Faschismus war 1968 überall offen oder versteckt präsent. 2018 begehen wir den 73. Jahrestag der Befreiung, und auch jetzt müssen wir uns den Gespenstern der Vergangenheit entgegenstellen. Mit der AfD haben die Deutschnationalen, die Völkischen eine Partei etabliert, die den Rassismus, den Hass gegen Minderheiten propagiert und auf mehr Ungleichheit zwischen den Menschen abzielt.

Sie wollen ein anderes Land; wir sehen die Gefahr.

Ernst Köchly, Arbeitskollege des ermordeten Gewerkschafters Fritz Senger bei den Stadtwerken, schreibt in seinem Leserbrief: „Vielfach dieselben Kräfte in Wirtschaft und Politik, gleiche oder ähnliche Ursachen, die weite Teile des Volkes in Existenzangst halten, verbunden mit einer Aufrüstung von nicht erlebter Vernichtungskraft, stoßen in der Bundesrepublik auf eine Bevölkerung, die durch die Schuld der Herrschenden und der öffentlichen Meinungsbildner in den letzten 20 Jahren noch keineswegs immer gegen Verführungskünste neuer Rattenfänger immun geworden ist.

Von besonderer Bedeutung ist es, heute den Faschismus in den Anfängen zu erkennen und die Kräfte, die ihn fördern und unterstützen, aufzudecken und bloßzustellen. Die Lehren der Vergangenheit gerade in dieser Hinsicht sollten uns helfen, diesmal rechtzeitig eine starke und erfolgversprechende Abwehrfront zu schaffen.

Das wurde mir auch besonders deutlich und bewußt, als in der Serie das furchtbare Schicksal meines früheren Betriebs- und Gewerkschaftskollegen Fritz Senger geschildert wurde.“

Wir gedenken der Toten, wir ehren die Überlebenden und bekräftigen für die Zukunft:

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

Bibliografie

CheSchahShit – Die sechziger Jahre zwischen Cocktail und Molotow. Ein Bilderlesebuch, Hamburg, 1986

Finger, Jürgen; Keller, Sven; Wirsching, Andreas: Dr. Oetker und der Nationalsozialismus. Geschichte eines Familienunternehmens 1933 – 1945, München, 2013

Frei, Norbert: 1968 – Jugendrevolte und globaler Protest, München, 2017, aktualisierte und erweiterte Neuausgabe

Kühnl, Reinhard; Rilling, Reiner; Sager, Christine: Die NPD. Struktur, Ideologie und Funktion einer neofaschistischen Partei, Frankfurt am Main, 1969

Norden, Albert: Die Wahrheit über Oberländer; in: ders.: Die Nation und wir; ausgewählte Aufsätze und Reden 1933-1964, Band 2, Berlin, 1965; Seite 177 ff.

Okroy, Michael: „…mit Lust und Liebe als anständiger Deutscher Polizeidienst versehen.“ Der Wuppertaler Bialystock-Prozess 1967/68 – Ermittlung gegen Polizisten wegen Massenmord; in: Okroy, Michael; Schrader, Ulrike (Hg.): Der 30. Januar 1933 – Ein Datum und seine Folgen, Wuppertal, 2004

Podewin, Norbert (Hrsg.): Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Berlin (West), Reprint der Ausgabe 1968 (3. Auflage), Berlin, 2002

VVN-BdA Wuppertal: In der Zelle zum Abgeordneten gewählt – Willi Spicher. Nach Interviews und Gesprächen bearbeitet von Klaus Himmelstein, Wuppertal, 1981

Pressemitteilung zum 9. November 1938

9. November 2022

VVN-BdA Wuppertal

Heute, am 9. November 2022, gedenken wir der schrecklichen Pogromnächte 1938, in denen überall in Deutschland und Österreich jüdische Menschen angegriffen wurden, auf der Strasse und in ihrem Zuhause. Wohnungen, Geschäfte, Synagogen und Betstuben wurden gestürmt, zerstört und ausgeraubt.

Weit über tausend Menschen wurden ermordet, 20-000 bis 30.000 Männer in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt.

In einer zentral angeordeten Aktion wurden die Synagogen erst verwüstet und dann angezündet.

Auch in den Synagogen in Elberfeld und Barmen und in den Kapellen der jüdischen Friedhöfe am Weinberg und der Hugostrasse wurde Feuer gelegt.

„In der Elberfelder und Barmer Innenstadt wurden Schaufenster eingeschlagen, Ladenlokale demoliert und Auslagen geplündert. So etwa das Schuhgeschäft Emil Rosendahl und die Textilhandlung Wolf & Heimann in der Berliner Straße. Vor dem Bettenhaus Alsberg lagen Kissenbezüge und Federn verstreut. Die Herzogstraße und die heutige Friedrich-Ebert-Straße waren mit zerstrümmerten Gegenständen aus jüdischen Geschäften übersät.

Ganze Wohnungseinrichtungen wurden auf die Straße geworfen – beispielsweise aus dem Fenster eines Hauses in der Grünstraße ein Klavier. In der Elberfelder Wortmannstraße zündeten SA-Leute das Auto einmes jüdischen Mitbürgers an. Nicht nur in ihren Wohnungen, auch auf offener Straße wurden die Juden mißhandelt – unter den Augen der Polizei.“ Zitiert aus Kurt Schnöring: Auschwitz begann in Wuppertal

Das Erinnern daran kann nicht nur ein historisches Gedenken sein, sondern es muss auch Bedeutung in der Gegenwart und Bedeutung für die Zukunft haben.

Deshalb macht die VVN-BdA Wuppertal auf eine unmittelbar bevorstehende antisemitische Provokation in unserer Stadt durch die Kabarettistin Lisa Eckhart aufmerksam.

Am 13. November wird sie mit ihrem Programm „Der Vorteil des Lasters“ in der Stadthalle auftreten.

In diesem Programm finden sich als Scherz getarnte antisemitische Aussagen. Diese „Witze“ sind nicht, wie von ihren Fans behauptet, entlarvend und zuspitzend, sondern eindeutig bejahend.

Die Antidiskriminierungsberatung und Intervention bei Antisemitismus und Rasissmus ADIRA (Dortmund) sagt dazu: „Insofern wird deutlich, dass sich die Kabarettistin unter dem Deckmantel der Satire immer wieder antisemitischer Stereotype bedient. Auch wenn Humor ein Mittel sein kann, um Antisemitismuszu thematisieren, so wird dies von Lisa Eckhart ins Gegenteil verkehrt.“

Und Philip Peyman Engel schreibt:“ sie ergeht sich, … genüsslich in judenfeindlichen Pointen, ohne jegliche ironische oder andere künstlerische Brechung. Sie reproduziert judenfeindliche Bilder, die in unserer Gesellschaft ohnehin schon massenhaft zirkulieren, und trägt zu ihrer Verbreitung bei.“

Es ist schon zum zweiten Mal seit 2018, dass Eckhart sich der Verbreitung von Vorurteilen schuldig macht. Die aktuelle antisemitische Äusserung wurde genau heute vor einem Jahr, am Jahrestag des Gedenkens an die Pogromnacht, von ihr öffentlich vorgetragen.

In Dortmund wurde deshalb im Dezember 2021 von ADIRA gegen den damals geplanten Auftritt Stellung bezogen.

Wir wissen natürlich, dass unsere Kritik wieder antisemitisch gedeutet werden wird. In der Welt der Rechten heisst es: „Jetzt zeigen die Antifaschist:innen, dass sie Teil der Verschwörung gegen die freie Meinungsäusserung sind.“

Das stimmt nicht. Wir widersprechen, weil wir wissen, dass Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen ist! Gerade heute am 9. November, erinnern wir daran!

Die VVN-BdA Wuppertal wendet sich gegen den Auftritt von Lisa Eckhart in Wuppertal.

Genau hinschauen

8. November 2022

Von Sebastian Schröder

Worin liegt die Einzigartigkeit des Holocaust

In welchem Verhältnis steht der Holocaust zu anderen historischen Verbrechen, zu kolonialen Völkermorden? Ist die Ermordung der europäischen Juden einzigartig, oder ist dies ein Genozid, der der kolonialen Logik folgt? Darum geht es im sogenannten Neuen Historikerstreit; 2021 stehen sich postkoloniale Theorie und Holocaustforschung unversöhnlich gegenüber. Die Bedeutung der Ereignisse und deren Aufarbeitung bzw. Nichtaufarbeitung, ihre Rolle in der Gegenwart und Schlussfolgerungen daraus für Politik und Zukunft sind umkämpft.

Der schmale Sammelband enthält Beiträge von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher und Dan Diner. Alle beziehen sich auf den Artikel »Katechismus der Deutschen« des Genozidforschers Dirk Moses. Die prominenten Fachhistoriker:innen präsentieren – im Widerspruch zu Moses – zentrale Argumente der Singularitätsthese.

Die christliche Tradition der Stigmatisierung jüdischer Menschen transformiert sich am Ende des 19. Jahrhunderts, um schließlich im Faschismus den Tod aller Juden systematisch zu organisieren. Darin liegt die Einzigartigkeit des Holocaust begründet. Das Verhältnis zu Israel könne vor diesem Hintergrund nach Meinung der Autor:innen nur uneingeschränkt solidarisch sein.

Die Geschichte der Erinnerungskultur der BRD rekonstruiert Norbert Frei in »Deutsche Vergangenheit und postkoloniale Katechese«. Ausgangspunkt seines Textes ist die Rede von Bundespräsident Theodor Heuss zur Eröffnung der Gedenkstätte Bergen-Belsen 1952. Hier bekennt sich Heuss an mehreren Stellen zur Verantwortung der Deutschen, redet von Grausamkeit der Verbrechen, von Schwere der Schuld und Scham angesichts der Gewalt, vor allem gegenüber jüdischen Menschen. Doch es gibt eine seltsame Leerstelle bei Frei. Die Rede »Das Mahnmal« von Heuss liegt in »Ernte der Zeit – Eine Auswahl aus seinen Schriften« und einem weiteren Buch vor. Frei gibt als Literatur jedoch nur die amtliche Veröffentlichung des Presse- und Informationsamtes von 1952 an. Dieser Artikel ist nahezu unmöglich als Quelle erhältlich. Warum? Vielleicht, weil Heuss nicht nur die deutsche Schuld thematisiert, sondern auch sagt, was in seinen Augen zur Ermordung der Juden geführt hat, nämlich »sozioökonomische Konkurrenzgefühle«. Und in klarer zivilisationskritischer Manier führt er in gestelzten Worten aus, dass sich der Holocaust nur zufällig in Deutschland ereignet hat: »Und dies ist unsere Scham, dass sich solches im Raum der Volksgeschichte vollzog.« Es gilt: die Debatte nicht schematisch betrachten, sondern bei jedem Beitrag genau hinschauen!

Nicht das ganze Bild

10. September 2022

Von Sebastian Schröder

Ein populäres Buch über die Organisation Consul – mit Leerstellen

Novemberrevolution 1918: »Mit dem Monarchen verschwand ein System von Hierarchien aus Deutschland, das alle verinnerlicht hatten, vom Adeligen und Offizier bis zum Angestellten, Arbeiter und Dienstboten. Millionen hatten sich für diese Ordnung in den Schützengräben und in der Heimat aufgeopfert, um sie nun in ein paar novemberklammen Tagen zergehen zu sehen.«

Nah an Motiven und Milieu der Terroristen

Das ist der Ausgangspunkt von Florian Hubers Buch über die Ermordung von Matthias Erzberger sowie Walther Rathenau und über die Täter aus der sogenannten Organisation Consul. Dabei schafft es Huber, die Lesenden sehr nahe an die Terroristen heranzuführen, an ihre Motive, an ihr Milieu und an die politischen Geschehnisse.

Im Mittelpunkt der rechten Terrorserie, in der bis 1922 schon 354 (bewiesene) Morde begangen wurden, steht der Marineoffizier Hermann Ehrhardt. Er gründete 1919 das nach ihm benannte Freikorps, eine von circa 350 Söldnergruppen im Dienst des Staates. Von der Regierung befehligt, zerschlug dieses Freikorps mit maßloser Gewalt die Münchner Räterepublik. 1920 war Ehrhardt der dritte Verschwörer im Kapp-Lüttwitz-Putsch und konnte nach dem Scheitern problemlos nach München entkommen. Dort wurde er von Polizeipräsident Pöner in der antirepublikanischen »Ordnungszelle Bayern« vor Verfolgung geschützt. Mit falscher Identität leitete er die paramilitärische Struktur »Organisation Consul«, getarnt als »Holzverwertungsgesellschaft«. »Bis zum Spätsommer 1921 hatte die Organisation Consul mit ihren Regionalablegern ein Netz von mindestens 5.000, internen Gerüchten zufolge bis zu 25.000 wartenden Kämpfern über das deutsche Reich ausgespannt.« Rekrutiert wurde die rechte Geheimarmee in der Unmenge an reaktionären Vereinen, Zusammenschlüssen und Organisationen, etwa dem berüchtigten »Alldeutschen Verband«. Huber verfolgt die Wege von Friedrich Wilhelm Heinz und Ernst von Salomon, die als Intellektuelle ihre Taten später glorifiziert haben.

Auf der politischen Ebene war Karl Helfferich zentral als führender Politiker der Deutschnationalen Volkspartei im Parlament. Er inszenierte 1919 für und mit Hindenburg und Ludendorff die Dolchstoßlegende, und hetzte systematisch gegen Matthias Erzberger, Philipp Scheidemann und Walther Rathenau.

Die politische Schuld für die Attentate auf diese drei Politiker wurde damals und wird heute eindeutig bei Helfferich gesehen. Durchgeführt haben Terroristen der Organisation Consul die Anschläge, auf Befehl von Ehrhardt. Die Rechten einte der Hass auf die Republik und offener Antisemitismus. »Im Sommer 1922 zählt Walther Rathenau zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Weimarer Republik.« Er hatte als Außenminister mit dem Rapallo-Vertrag die Annäherung an die Sowjetunion initiiert: »Verführer, Verderber, Verräter, Verweser, Zersetzer. Die Anfeindungen, die Walther Rathenau (…) auf sich gezogen hat, sei es wegen seiner jüdischen Herkunft, seiner Ansichten oder seiner widerspruchsvollen Persönlichkeit, haben ihn (…) begleitet.« Nach der Ermordung Rathenaus setzte Reichskanzler Joseph Wirth im Reichstag, getragen vom Entsetzen und der Empörung der Bürger:innen, das Republikschutzgesetz durch und verkündete: »Der Feind steht rechts!« Kurzzeitig schützt die Republik ihre demokratische Verfasstheit. Im spektakulären Prozess 1922 wurden acht Angeklagte verurteilt, aber Hermann Erhardt als Auftraggeber wurde nicht belangt. Und 1924, in einem Prozess zur Aufklärung der Ermordung Erzbergers, stand die Justiz wieder ganz auf der Seite der Terroristen: »Die juristische Aufarbeitung der Terrorserie war mit der höchstrichterlichen Feststellung abgetan, dass es eine Mordorganisation Consul wohl nie gegeben habe.«

Radikalisierung konservativer Politik

»Rache der Verlierer« ist inhaltlich und stilistisch stark in der Schilderung der Ereignisse, zeigt aber nicht das ganze Bild. Ohne die Vorgeschichte der Rechten im Kaiserreich ist der Terror von rechts nicht verständlich. Spätestens mit der Gründung der Konservativen Partei in den 1890er-Jahren und der Formierung von rechten Massenverbänden hatte sich die konservative Politik radikalisiert. Und dann passt die Charakterisierung der Terroristen als Verlierer nicht mehr, denn sie verfolgten die jahrzehntelang herrschende Erzählung des Kaiserreiches einfach weiter, protestantisch, deutschnational und autoritär.

Alle waren nach 1922 noch verstärkt im rechten Milieu aktiv, so war Ernst von Salomon in der sogenannten Landvolkbewegung an einem Anschlag auf den Reichstag 1929 beteiligt. Sie halfen tatkräftig, den Faschismus in Deutschland durchzusetzen. Und nach 1945 konnten die Terroristen unbehelligt in der BRD leben, Friedrich Wilhelm Heinz als Werbefachmann in Frankfurt am Main, von Salomon als Autor und Intellektueller. Der Mörder von Walther Rathenau schrieb 1951 mit »Der Fragebogen« den ersten Bestseller, die Rechtfertigung seiner Taten. Das Buch wird bis heute unverändert bei Rowohlt verlegt.

„Gemeinsam gegen Nazis im löchrigen Schafspelz und für eine breite solidarische Bewegung gegen Energie- und Klimakrise“

30. August 2022

– Rede auf der Demonstration am 28.8. 2022

Liebe Antifaschist:innen

Mein Name ist Sebastian Schröder, ich bin Kreissprecher der VVN-BdA Wuppertal.

Dahinten demonstriert die Gruppen „NRW erwacht“ und „Wuppertal erwacht“. Schon im April haben sie zusammen mit dem sogenannten Corona-Report Wuppertal eine Veranstaltung als Impfgegner:innen und Coronaleugner:innen abgehalten. Auch für heute wurde gemeinsam mobilisiert.

Die Veranstalter:innen sind eindeutig rechts. Im Mobi-Video für April findet sich folgende rechte Inszenierung: der Marsch zu Trommeln im Fackelzug, die Uniformierung durch Maskierung und schwarze Kleidung, viel Feuer und Rauch, die Drohung durch Maskierung, düstere Musik und irgendetwas Unverständliches mit Walhalla. Natürlich wird auch die „Verurteilung der Verantwortlichen“ gefordert. „Free Michael Ballweg“, „Widerstand“ und der Verschwörungswahn vom „Great Reset“ sind ebenfalls Parolen.

Alle Querdenker-Themen sind auf der Facebook-Seite „Corona Report Wuppertal – Bergisches Land“ gepostet.

Und in der Telegram-Gruppe von „Corona-Report Wuppertal“ wird regelmässig offene Nazi-Propaganda verbreitet!

Die ökonomischen und sozialen Forderungen von „NRW erwacht“ und „Wuppertal erwacht“für heute lauten: bezahlbare Energie, Steuersenkungen, keine Rentenbesteuerung, Stopp der Inflation und Stützen der heimischen Wirtschaft.

Sie folgen damit der aktuellen Strategie der gesamten Rechten von Kubitschek und Höcke bis AfD, die gesellschaftliche Krise zu instrumentalisieren. Beim „Compact“ Sommerfest gestern in Stößen wurde das von Elsässer nochmals bekräftigt.

Aber wir wissen aus Erfahrung, dass Rechte nie die Interessen der Arbeitenden und der Armen vertreten!

In der AfD war der bürgerliche Flügel in der Tradition von Lucke schon immer wirtschaftsfreundlich und neoliberal. Lob des Reichtums als sogenannte Leistung und offener Hass auf die Armen und auf die Gewerkschaften sind Teil des AfD-Sozialdarwinismus. H. Beucker aus Wuppertal vertritt diese Position im Landtag in NRW als AfD-Abgeordneter.

Mindestens ebenso stark ist der völkische Flügel um B. Höcke. Diese Fraktion verbreitet scheinbar kapitalismuskritische Parolen und steht damit in der Tradition der NSDAP.

Die Fokussierung auf soziale Probleme und Ungerechtigkeiten dient aber nur dazu, die eigenen Ziele durchzusetzen.

Wenn die Rechten soziale Forderungen aufgreifen, dann lügen sie!

Es geht nie um mehr Gleichheit und Gerechtigkeit, sondern um die Zerstörung der Demokratie. Es geht um die Bedrohung, Kontrolle und Unschädlichmachung der politischen Gegner.innen, es geht um die rassistische Unterdrückung von Minderheiten und aller anderen maginalisierten Gruppen. Das Ziel ist die Erlangung der Herrschaft, um sich zu bereichern. Mit der Unterdrückung nach innen gehen Aggression und schliesslich Krieg nach aussen einher.

Wir wissen aus unserer schmerzhaften historischen Erfahrung was passiert, wenn die völkischen Rechten an die Macht kommen.

Die NSDAP verbietet die Gewerkschaften, inhaftiert und ermordet die Aktiven der Arbeiter:innenbewegung, senkt die Löhne, gibt den Unternehmern diktatorische Freiheiten, ermöglicht den Diebstahl jüdischen Eigentums durch „Arisierung“ und entfacht einen beispiellosen Raub- und Vernichtungskrieg.

In Wuppertal, Stadt der Arbeiter:innenbewegung, und des Antifaschismus, war die Unterdrückung extrem. Weltberühmt geworden sind die Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse, in denen Hunderte Männer und Frauen von Sondergerichten wegen ihres sozialen Engagements verurteilt wurden. So viele andere wurden verfolgt und erschlagen, in der Kemna, in der von der Heydt-Gasse, im Polizeipräsidium in Unterbarmen, auf den Strassen.

Wenn die Rechten soziale Forderungen aufgreifen, dann lügen sie!

Die rechte Welle hat hier zur Zeit an Kraft verloren. Im Moment stagniert ihr Einfluss und die Rechte wächst nicht mehr. Trotzdem ist die Gefahr gross.

Anders ist es in den USA: dort überschlagen sich die Ereignisse, sogar US-Präsident Biden warnte vorgestern vor einem „halben Faschismus“.

Die Diskriminierung von Black and Persons of Colour im Alltag und im Wahlrecht, die Diskriminierung aller Frauen durch die Kriminalisierung von Abtreibungen, der Angriff auf die Rechte der LGBTQIA*-Menschen, die Ausserkraftsetzung der Demokratie über scheinbar unwichtige Veränderungen im Wahlgesetz, immer aggressivere Pro-Waffen-Gesetze geschieht gerade im Zusammenspiel des Obersten Gerichtshofes mit den grossen reaktionären Medienunternehmen.

Die „Make America Great Again“ Bewegung wird vom Bündnis aus alt-right Rechten und der religiösen Rechten getragen, die stark von den Evangelikalen geprägt sind. Nationalismus, Fundamentalismus und die Vorstellung der weissen Überlegenheit (white supremacy) sind die wichtigsten Teile der MAGA-Ideologie. Biden hat gesagt: „Es ist nicht nur Trump, es ist die gesamte Philosophie.(…) Es ist wie halber Faschismus.“ In den USA ist die Rechte stark wie nie und versucht, die bestehenden demokratischen Institutionen in ein auoritäres System zu verändern.

[Annika Brockschmidt: Amerikas Gotteskrieger – Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet, 2021, Hamburg, 2. Auflage]

So soll es hier nicht werden. Wir sagen nein, wenn der legitime Protest in der gesellschaftlichen Krise von den Rechten instrumentalisiert werden soll!

Wenn die Rechten soziale Forderungen aufgreifen, dann lügen sie!

Immer gab es in Wuppertal antifaschistischen Widerstand. Darauf sind wir stolz, das ist unsere Verpflichtung! Deshalb sind wir heute hier.

Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen!

Albert Norden – Das spanische Drama

10. Juli 2022

17. Juli 1936 – Putsch der Generale gegen die Spanische Republik

Sie reden vom Abendland und meinen – Erz

Vor den Kulissen des blutigen spanischen Geschehens ergingen sich die faschistischen Führer, allen voran die Herren des „Dritten Reiches“, in tönenden Reden über die Wahrung der heiligsten Güter.

Hinter den Kulissen feilschten sie um Erz.

Vor den Kulissen trug Hitler, wie Goebbels auf dem Naziparteitag im September 1936 sagte, „die Fahne der Kultur, der Menschheit und der Zivilisation für Europa und die Kultur des Abendlandes“.

Hinter den Kulissen erwies sich diese Fahne als blutbeschmiertes Piratenbanners eines Räubers, der auf Zivilisation und Kultur, auf Abendland und Menschheit pfiff, um als getreuer Eckart der Interessen des deutschen Finanzkapitals aufzutreten.

Vor den Kulissen wurde, wenn man dem offiziellen SS-Organ, „Das Schwarze Korps“, vom 8. Juni 1939 glauben wollte, „an den spanischen Fronten die abendländische Kultur verteidigt“.

Hinter den Kulissen redeten die faschistischen Hierarchien die weniger erhabene Sprache der Zahlen und Dividenden, stritten sie verbissen um den Anteil an dem, was dem spanischen Volk gestohlen wurde.

Vor den Kulissen pries man Franco als Held und Roland des 20. Jahrhunderts.

Hinter den Kulissen setzte man ihm die Pistole auf die Brust, um ihn zur schnelleren Auslieferung der spanischen Rohstoffquellen zu zwingen.

Vor den Kulissen gaben sich die Herren des „Dritten Reiches“ als die selbstlosen Helfer des „nationalen“ Spanien aus.

Hinter den Kulissen pochten diese Shylocks der Neuzeit auf ihren Schein und heischten Zahlung mit Zins und Zinseszins für jedes Geschütz, für jedes Flugzeug, für jeden Mann.

Vor den Kulissen tobte der mörderische Krieg zwischen dem Weltfaschismus und dem spanischen Volk.

Hinter den Kulissen tobte ein zweiter Krieg: der erbitterte Kampf unter den faschistischen Gaunern um die Beute.

Schon frühzeitig hatten die deutschen Trusts im Wirtschaftsleben Spaniens eine bedeutende Rolle erobert. Das gilt besonders für den IG-Farben-Konzern, der eine monopolartige Position in der Herstellung von Farbstoffen in Spanien einnahm, für die beiden deutschen Elektrizitätstrusts AEG und Siemens, die große Fabriken zur Herstellung von elektrotechnischen Apparaten in Spanien besaßen, für Krupp mit Erz-, Stahl- und Eiseninteressen in Nordspanien und engen Verbindungen mit spanischen Schiffsbaufirmen, für die Hannoverschen Contiwerke mit zwei großen Fabriken zur Herstellung von Auto- und Gummireifen in Madrid, für die beiden Giganten der deutschen Hochfinanz, die Deutsche und die Dresdner Bank, die über ihre Filialen in Spanien nicht nur die dortigen, sondern auch große Geschäfte mit Südamerika abwickelten.

Kaum war Hitler zur Macht gekommen, da stellten die deutschen Trusts aus dem Bestand ihrer Angestellten das ganze Korps der Ortsgruppen- und Gauführung der Nazipartei in Spanien sowie fast alle dort postierten Gestapobeamten. In jeder Naziortsgruppe in Spanien – und es gab dort eine sehr große etwa 15 000 Deutsche umfassende Kolonie – wurden die jeweils zwei führenden Funktionäre, oft aber auch mehr, von den deutschen Firmen bezahlt. Es gab keinen Ortsgruppenleiter, der nicht sein volles Gehalt entweder von IG-Farben oder von Siemens und AEG oder einer der deutschen Großbanken bezog.

Diese Leute (…) waren also die politischen Exponenten des deutschen Finanzkapitals in Spanien, deren besondere Aufgabe darin bestand, mit den reaktionären Gruppierungen in den Parteien und der Armee beständigen Kontakt zu halten und die faschistischen Treibereien zu fördern, die seit der Abschaffung der Monarchie 1931 das Land periodisch erschütterten.

Die Himmlersche Geheime Staatspolizei (Gestapo) operierte in Spanien unter der harmlosen Bezeichnung „Hafendienst“, der sich übrigens keineswegs auf die spanischen Häfen beschränkte. Am 20. Juli 1936, als der faschistische Militäraufstand in Madrid und Barcelona niedergeschlagen worden war, wurden im Verlauf von Haussuchungen an den Sitzen der Landesgruppe der Nazipartei und ihrer Nebenorganisationen Materialien gefunden, aus denen hervorgeht, daß sämtliche 50 Hafendienstleiter der Gestapo von deutschen Firmen angestellt und voll bezahlt worden waren. Ihr erster Chef, Karl Cords, war ein höherer Angestellter des Siemens-Konzerns, der auch den Landesgruppenführer der Nazis für Spanien, Walter Zuchristian, stellte und finanzierte. Dieser „Hafendienst“ befaßte sich mit allem, von der Anwerbung spanischer Politiker und anderer Agenten bis zur Überwachung des Schiffsverkehrs, von der Bespitzelung politischer Gegner bis zum Menschenraub.

(…)

Spaniens Erdschätze lockten schon die Eroberer des Altertums und den größten Wucherer der beginnenden Neuzeit, Jakob Fugger, diesen Finanzier von Päpsten und Kaisern, dessen gefürstete Augsburger Nachkommen in der CDU Konrad Adenauers eine Rolle spielen. Neben Kupfer, Quecksilber und Schwefelkies haben Spaniens Erze stets das deutsche Finanzkapital magnetisch angezogen. Denn Erz muß zur Kohle kommen, wenn Eisen und Stahl entstehen soll. Die Kohlefeuerung muß das Erz umschmelzen, damit Maschinen, Werkzeuge und Waffen produziert werden können.

(…) Als seit Mitte der zwanziger Jahre dem deutschen Imperialismus die Schwingen wieder zu wachsen begannen und seine extremsten Vertreter 1933 die politische Macht antraten, da richteten sie ihre gierigen Blicke vor allem auch auf die hocheisenhaltigen (..) Erze Spaniens und Spanisch-Marokkos, und die Aufrüstung und Remilitarisierung des „Dritten Reiches“ voranzutreiben. Sie hätten das Erz im friedlichen Austausch einhandeln können. Aber das Finanzkapital will herrschen, und darum trachteten die deutschen Finanzkapitalisten nach dem Monopolbesitz der spanischen Erzgruben (…).

Freilich, solange eine souveräne spanische demokratische Regierung existierte, blieben solche Pläne auf dem Papier. Darum betrieb der Hitlerfaschismus den Sturz der rechtmäßigen spanischen Regierung. (…)

Der raffgierige Göring nahm die Sache persönlich in die Hand. (…)

Eine Woche später erfolgte in Burgos, dem Sitz Francos, die Unterzeichnung eines Protokolls, das mit den Worten schließt: „Die spanische Nationalregierung wird die Gründung von spanischen Gesellschaften für die Erschließung und wirtschaftliche Nutzung von Bodenschätzen und sonstigen Rohstoffen und für andere wirtschaftliche Zwecke unter Beteiligung deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Firmen erleichtern.“

Dieser Geheimvertrag trägt die Unterschrift von Francos Außenminister Jordana und deutscherseits von General Faupel und eines Mannes, der auf den sinnigen Namen Wucher hört.

Mit diesem Protokoll in der Tasche suchten die deutschen Imperialisten Franco abzuknöpfen, was nur eben möglich war, und die englische Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.

(…)

Die Dinge spitzen sich zwischen Nazis und Frankisten beträchtlich zu. Göring (…) schrie nach „Sicherstellung der deutschen Kriegsbeute … Herr von Jagwitz solle sich unverzüglich nach Salamanca begeben und dem General Franco `die Pistole auf die Brust setzen`.“

So war das also! In Spanien wurden die Militärfaschisten gegen das Volk bewaffnet und gehetzt, dort starben Hunderttausende, damit die Göring, Krupp und Konsorten billigst zu ihren Rohstoffen kamen. Wir führen Krieg, sagten sich die Görings, und trieben auch viele Hunderte Deutsche in den Schlachtentod. Darum her mit dem Profit, her mit der Beute! Erz für Blut! Auch die vornehmen Aristokraten des Auswärtigen Amtes, der Minister von Neurath und sein Schwiegersohn, Staatssekretär von Mackensen, vergaßen ihre Kinderstube, ließen alle Zurückhaltung fallen und wurden pampig. Neurath schickte am 30. November 1937 ein Geheimtelegramm an den deutschen Botschafter bei Franco:

„Im besondern müssen wir darauf bestehen, daß der Hauptanteil der Erz- und Eisenausbeute aus den Gruben von Bilbao und Asturien uns vorbehalten bleibt und daß des weiteren eine uneingeschränkte Konzession für den Schrottankauf gegeben wird … Eine Begünstigung Englands … werden wir keinesfalls hinnehmen. Sollte General Franco ausweichend antworten … so bitte ich, ihm unmißverständlich zu erklären, daß wir uns in diesem Fall leider gezwungen sehen würden, auch unsererseits unsere Haltung gegenüber nationaler spanischer Regierung … zu überprüfen.“

Drei Tage später telegrafiert Mackensen an den deutschen Botschafter, um ihm mitzuteilen, daß „der Generaloberst (Göring – A. N.) zu den letzten Konsequenzen entschlossen sei, wenn nicht der Generalissimus (Franco – A. N.) unsere Interessen in absolut klarer Form sicherstelle.“

So geht das noch ein ganzes Jahr lang hin und her. In der Öffentlichkeit behängt man sich gegenseitig mit Großkreuzen, Adlersternen und anderen Orden. Untereinander betragen sich die Herrschaften als das, was sie waren und sind: Räuber, die einander nicht über den Weg trauen. (…)

Die Helden des republikanischen Spaniens hatten im Sommer 1938 den Angriff von 20 faschistischen Divisionen zur Eroberung Kataloniens in erbitterten Kämpfen zurückgeschlagen und waren ihrerseits trotz außerordentlicher Waffenunterlegenheit zum Angriff übergegangen, wobei sie in einer kühnen Operation den Ebro überschritten. Monatelang verteidigten sie erfolgreich den Brückenkopf. Wieder einmal schlug Franco in Berlin und Rom Alarm und flehte um neue Flugzeuggeschwader, Artilleriebatterien, Tanks und Soldaten. Das betrachteten die deutschen Faschistenführer als eine großartige Gelegenheit zur Erpressung. In „Geheimer Reichssache“ wandte sich das Reichswirtschaftsministerium am 18. Oktober 1938 an das Auswärtige Amt:

„Betrifft: Neue Materialanforderungen der nationalspanischen Regierung. Gegenwärtig wird die Frage der Lieferung neuer größerer Materialmengen nach Nationalspanien geprüft. In diesem Zusammenhang weise ich auf folgende zur Zeit noch schwebenden Fragen hin, die einer baldigen endgültigen Klärung bedürfen: (.) Endgültige Sicherung der deutschen Bergwerks- und Minenrechte in Nationalspanien.“ (…)

Nun begann ein erbauliches Hin und Her. Waffenbitten der spanischen Faschistenführer wechselten wochenlang mit kühlen Erklärungen der deutschen Faschistenführer, erst einmal die Bergwerkskonzessionen herauszurücken, bevor man die Großmaterialforderung Francos wohlwollend prüfen werde. Dieser suchte sich mit Teilkonzessionen aus der Affäre zu ziehen. Aber das nutze ihm nichts. Den spanischen Faschisten brannte das Feuer der Republikaner auf den Nägeln. Sie konnten nicht mehr warten. Am 21. November 1938 erschien Francos Botschafter in Berlin bei dem Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes, Woermann, und überbrachte im die schriftliche Zusage der Franco-Regierung, wonach das Aktienkapital der obengenannten Gesellschaften entweder ganz oder in großer Mehrheit in deutschen Händen konzentriert werden könne und damit die 80 baskischen Bergwerke und diejenigen von Spanisch-Marokko in den Besitz des deutschen Finanzkapitals übergingen. Triumphierend konnte Hitlers Botschafter bei Franco nach Berlin berichten:

„Wir haben unseren Willen durchgesetzt.“

Jetzt gingen im Eiltempo und ununterbrochenem Strom massive Waffenlieferungen der Hitlerfaschisten nach Spanien mit dem Ergebnis, daß am 23. Dezember 1938 300 000 italienische Legionäre, deutsche Faschisten und Franco-Soldaten mit 20facher Luftwaffenüberlegenheit, 30facher Artillerie- und 35facher Panzerüberlegenheit gegen 120 000 republikanische Soldaten vorstießen, von denen nur jeder Dritte ein Gewehr hatte.

Wir nannten eben den Unterstaatssekretär Ernst Woermann. Als in London 1937 das Nichteinmischungskomitee tagte, da taten in seinen Sitzungen Ribbentrop, Fürst von Bismarck – heute ein prominenter CDU-Politiker Bonns – und der damalige Botschaftsrat Woermann als Vertreter der Hitlerregierung auf. Munter leugnete Woermann mit seinen Kumpanen die Verschickung von Hitlereinheiten nach Franco-Spanien, er, dessen Vetter Kurt Woermann als Vorstandsmitglied und späterer Aufsichtsrat der Hamburger Woermann Linie AG selber an der Abfertigung der Dampfer teilnahm, die seit Ende Juli 1936 Hitlers Kanonen und das Kanonenfutter, Flugzeuge und Panzer nach Spanien brachten und auf der Rückfahrt die Beute an Bord nahmen und mit der Beute auch das, was sie kostete. Denn neben dem Erz standen die Särge, und in den Särgen lagen junge deutsche Männer, gefallen als Flieger und Kanoniere und Panzerbesatzungen, die ersten Toten des zweiten Weltkrieges. Und aus dem Erz wurden neue Waffen, deren Träger, für den Überfall auf andere Länder mißbraucht, zu Millionen starben, ohn` Ruhm und Ehr, verscharrt unter allen Himmelsstrichen, und ihr vergossenes Blut mehrte den Besitz der herrschenden Kriegsgewinnler Deutschlands.

Die Woermann-Reederei meldete in den Geschäftsberichten während des Spanienkrieges, daß „die Ausnutzung des Schiffsraums hundertprozentig befriedigend war“. (…) Die 6 Handelsschiffe, die während es Interventionskrieges in Spanien gestohlen und in die Woermann-Flotte eingereiht wurden, hüllte die Firma in schamhaftes Schweigen.

Der Botschaftsrat Woermann aber, dessen Familie an dem von ihm geleugneten Interventionskrieg so prächtig verdiente und den Transport der Todeskandidaten wie der Toten in eine Gewinnquelle verwandelte – dieser Woermann machte dank seiner im Nichteinmischungskomitee an den Tag gelegten Unverfrorenheit Karriere: Hitler beförderte ihn schließlich zum Unterstaatssekretär. Eine so blutschmutzige Ehe gingen Völkermord und kommerziell-politisches Geschäft im Hitlerfaschismus ein! Seine Untaten im zweiten Weltkrieg brachten Woermann im Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozeß eine siebenjährige Gefängnisstrafe wegen Verbrechens gegen den Frieden und gegen die Menschlichkeit ein. Aber die amerikanische Regierung ließ ihn schon wenige Monate nach der Verurteilung wieder frei. Denn der Staatssekretär Woermann hatte ja schließlich „nur“ 52 000 slowakische Juden vernichten lassen und in ein Hitlersches Satellitenland nach dem anderen die Befehle zur Abfertigung von Todestransporten nach dem Osten ausgeschickt. Das verdient nach den Sittlichkeitsmaßstäben des heutigen Washingtons keine Strafe.

Albert Norden: Das spanische Drama, erweiterte und überarbeitete Ausgabe der Broschüre „Die spanische Tragödie, Berlin 1961, Seite 29 ff.

Nazi-Milliardäre – Reich, rechts, mächtig

7. Juli 2022

Zu David De Jongs Buch „Braune Erben“

Von Sebastian Schröder

BMW, Mercedes-Benz, Porsche, Allianz, Oetker; wie sind diese deutschen Weltkonzerne groß geworden?

Die vier reichsten Männer in der BRD waren 1970 Friedrich Flick, August von Finck, Herbert Quandt und Rudolf-August Oetker. Den entscheidenden Teil ihrer enormen Vermögen konnten sie ab 1933 erwerben, in der Stahl- und Rüstungsindustrie, bei Versicherungen und Banken und in der Lebensmittelindustrie.

Der langsame Aufstieg dieser Familienclans in den zwanziger Jahren, der rasante Weg in die höchsten Machtpositionen im deutschen Faschismus, das kurze Straucheln nach dem 8. Mai 1945, die spektakuläre Rückkehr an die Spitze seit den fünfziger Jahren und die heutige Debatte um die Nazi-Milliardäre sind das Thema des Buches des niederländischen Wirtschaftsjournalisten David De Jong.

Die Konzernchefs teilten nach dem Ende des Kaiserreiches die republikfeindlichen und reaktionären politischen Vorstellungen des deutschnationalen Milieus. Das erleichterte die bewusste Annäherung an Hitler und die NSDAP mit sehr grossen Spenden und regelmässigen Treffen ab 1930.

Für alle sichtbar wurde dieses Zusammengehen durch die Heirat von Goebbels und Magda Quandt, zuvor Ehefrau Günter Quandts, dem Besitzer der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) und der AFA-Werke (später Varta). Auf dem Buchumschlag der deutschsprachigen Ausgabe von „Braune Erben“ ist ein Foto der faschistischen Prominentenfamilie: Josef und Magda Goebbels mit dem Quandt-Sohn Harald.

Nach der von ihnen mit vorangetriebenen Zerstörung der Weimarer Republik 1933 haben Quandt, Flick, Finck, Porsche und Kaselowsky (Oetker) 12 Jahre lang immer schneller an der Aufrüstung und der „Arisierung“ verdient. Alle waren Mitglieder in Himmlers „Freundeskreis Reichsführer SS“ und der NSDAP.

Im Zweiten Weltkrieg kam es zum systematischen Einsatz von Zwangsarbeiter:innen. Skrupellos haben sie die vielen Verschleppten ausgebeutet, allein bei Quandt mussten 57500 Menschen arbeiten. „Mindestens 403 Menschen starben in Günther Quandts (.) AFA-Werk.“ Eingesperrt in Lager, gefährdet durch Arbeit, Unfälle, Hunger und Krankheit, von Ermordung bedroht, wurden viele Zwangsarbeiter:innen schliesslich auf die Todesmärsche geschickt. Die 1016 Toten des grausamen Verbrechens in Gardelegen kamen aus einem der AFA-Werke. Sie wurden lebend in der Feldscheune verbrannt.

Nach der Befreiung musste sich nur Friedrich Flick vor Gericht verantworten, die Taten der anderen Unternehmer blieben ungesühnt, geschützt durch die alten Netzwerke und Persilscheine.

Die mit Zwangsarbeit erweiterten und modernisierten Fabriken waren die Grundlage der „Wirtschaftswunder“ genannten Restauration in der BRD der fünfziger Jahre.

Alle Wirtschaftsbosse kehrten an die Spitzen der Firmen zurück und setzten ihre Geschäfte erfolgreich fort. Keiner gestand die Beteiligung am Faschismus ein, niemand distanzierte sich, und sogar die rechte Ideologie und neofaschistische Politiker wurden von August von Finck weiter unterstützt.

Die Stärke des „erzählenden Sachbuches“ von David De Jong sind die Kapitel über die Nachkriegszeit, die BRD, und vor allem der letzte Teil über das Verhalten der Milliardärsfamilien gegenüber der eigenen NS-Geschichte bis heute. De Jong schildert, dass auch die Familie Reimann ihren Reichtum einem Nazi-Vorfahren verdankt. Während Reimanns, die reichsten Deutschen, den Weg der Aufklärung und Wiedergutmachung eingeschlagen haben, verharren die anderen Familien in Schuldabwehr durch Verleugnung und Relativierung.

Die zentrale Schwäche des Buches ist seine Unvollständigkeit, dadurch entsteht ein schiefes Bild des deutschen Faschismus. Der Autor fokussiert sich auf wenige Personen, und entscheidende Akteure fehlen, so Carl Duisberg und die Chemieindustrie. Ohne die IG Farben bleibt etwa die Übertragung der Macht am 30. Januar 1933 unverständlich. Während Schacht, Thyssen, Krupp, Schmitt zumindest erwähnt werden, heisst es nur „Manager des Chemiekonglomerats IG Farben und des Kaligiganten Wintershall“…

Gleichzeitig verliert sich De Jong stellenweise in Klatsch und Tratsch zu Hitler, Goebbels, Magda und Günther Quandt.

Überhaupt wird Quandt sehr nachsichtig geschildert: „Obwohl er zum größten Waffenproduzenten des „Dritten Reichs“ geworden war, wollte Günther Quandt keinen Krieg.“

Und eine naheliegende Frage: Warum wurde der englische Originaltitel „Nazi Billionaires“ nicht einfach übersetzt? „Nazi-Milliardäre“ trifft es doch viel besser als „Braune Erben“!

Verharmlosend

14. Mai 2022

Die Bundeszentrale für politische Bildung huldigt dem deutschen Militarismus

geschrieben von Sebastian Schröder

Was können wir in Sönke Neitzels 800-Seiten-Buch »Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte« (2020) nicht alles lesen: Krieg ist auch nur ein Handwerk, eine von Neitzel behauptete militärische Eigenlogik wird (rassistisch besetzt) zur »tribal culture« umgebogen, die deutschen Armeen haben natürlich ihre Fehler – aber den deutschen Militarismus, den gibt es nicht. Also alles nicht so schlimm, eigentlich sowieso normal fürs Militär, das will uns Professor Neitzel weismachen. Halt kämpfen, töten, sterben.

Vor allem geht es ihm um die Frage, welche Tradition in der deutschen Armee bestimmend sein soll. Seine Antwort ist einfach: Die »soldatischen Leistungen« der faschistischen Wehrmacht müssen rehabilitiert werden, denn »deutsche Krieger« brauchen zum Vorbild eine wirklich kriegführende Armee. Und das heißt auch, dass die antifaschistische Benennung und die demokratische Zurückweisung der verbrecherischen Wehrmachtstradition falsch ist. Es soll ja in Zukunft wieder mehr solides deutsches Kriegshandwerk geben.Jetzt verlegt die Bundeszentrale für politische Bildung Neitzels »Deutsche Krieger« als Sonderausgabe für sieben Euro. Im Handel kostet das Buch als E-Book 24,95 Euro, gebunden sogar 35 Euro. Dies ist die handfeste Garantie für einen Bestseller. Durch den Dumpingpreis wird das Buch auch in die Breite wirken. So etabliert die bpb »Deutsche Krieger« als Standardwerk, das in allen Bibliotheken und Schulen stehen wird. Zumal die bpb als Herausgeberin die Publikation legitimiert.

Entsetzt stellt sich in der Öffentlichkeit die Frage: Die politisch gewollte Verharmlosung des deutschen Militarismus bei Neitzel, ist dies auch die offizielle Sicht der quasi-staatlichen Bundeszentrale für politische Bildung? Nein, denn »diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar«. Ach so, dann wohl eher der Reichszentrale für Heimatdienst (RfH), eben echte deutsche Traditionen.

https://antifa.vvn-bda.de/2022/05/13/verharmlosend%ef%bf%bc/

Rede zum 8. Mai 2022 auf dem Friedhof Norrenberg

8. Mai 2022

Von Sebastian Schröder, Kreissprecher der VVN-BdA Wuppertal

Sehr geehrte Damen und Herren

Viele Millionen Menschen wurden im 2. Weltkrieg zur Zwangarbeit nach Deutschland verschleppt.

In Wuppertal wurden zwischen 18000 und 25000 Menschen, Erwachsene und Jugendliche, zur Arbeit gezwungen in allen Bereichen der Stadt, für Unternehmen, Landwirte, Behörden und auch bei Privatpersonen. Kleinere und grössere bewachte Lager waren in der ganzen Stadt verteilt. Viele Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden ermordet oder sind an Arbeitsbedingungen, Krankheit und Hunger gestorben.

Auf diesem Gräberfeld liegen einige der Menschen, die aus ihrer Heimat gerissen worden sind, um für das feindliche Deutschland unverzichtbare Arbeit zu leisten, hier in Wuppertal. Sie sind hier zu Tode gekommen, sie sind Opfer des Faschismus.

Ihrer wollen wir heute, am 8. Mai 2022 gedenken:

Anna Gontschrowa, 58 Jahre, Russin

Iwan Obretschow, 17 Jahre, Russe

Ursow Timeley, Russe

Schura Alunowa, 17 Jahre, Russin

Duisi Eadenko, 19 Jahre, Pole

Sergej Lininow, 37 Jahre, Russe

Bolislaw Schinkowska, 4 Jahre, Pole

Paulina Schinkowska, 28 Jahre, Polin

Alexandra Smirinowa, 15 Jahre, Russin

Wladislaw Slawinski, 59 Jahre, Russe

Roman Giloewicz, 20 Jahre, Russe

Stanislawa Benz, 60 Jahre, Polin

Tadeutsch Sienkowski, 27 Jahre, Russe

Josef Goual, 23 Jahre, Pole

Wassil Simoniwitsch, 26 Jahre, Russe

Wassil Nikonenko 59 Jahre, Russe

Theophil Tasebur, 17 Jahre, Pole

Wassel Bondarek, 28 Jahre, Russe

Unbekannter Pole

Unbekannter Russe

2 Unbekannte

Vera Gerasko, 27 Jahre, Russin

George Skatschenko, 25 Jahre, Russe

Katharina Seluk, 19 Jahre, Polin

Matrona Schotkok, 20 Jahre, Russin

Toni Iwanetzkaja, 19 Jahre, Russe

Jakob Kuchla, 17 Jahre, Russe

Warwara Antipowa

Polja Hakin

Vera Nitzewitz

Warwara Totoczka

Nina Alexienko

Nira Baranetzka

Vera Kostijewa

Katharina Uczakowa

Michael Aleska

Juru Seizo

Michalina Slanilawska

Lydia Heraschenko

Leo Bartoczkiewicz

Maria Ray und Kind

Lucia Zasialla

Franziska Stemoniak

Maria Oskiewicz

Stasia Samoluk

Maria Czubalkowska

Maria Schwetschenko, Russin

Siemon Petschk, Russe

Unbekannter Pole

Maraia Batraxchka, Russin

Anna Broditsch, Russin

Andrey Naustiny, 40 Jahre, Russe

Nikoley Jurtschuk, 25 Jahre, Pole

Unbekannter

Wassyl Sliwnyj, 17 Jahre, Russe

Martha Thiljuk, 44 Jahre, Russin

Konrad Kleskowiy, Russe

Mwascheslaw Wamdel, Russe

Iwan Djakow, 21 Jahre, Russe

Hendrik Milenko, Russe

Pael Tschebotnikow, Russe

Nicoley Hroschinkschenko, Russe

Klara Tscheikowska, Russin

Rudokino Wetrijak, Russe

Peter Diatschenko, Russe

Peter Boudonis, Russe

Marga Karolanow, Russin

Unbekannter

Fedor Mastow, Russe

Peter Kukulenko, Russe

Stanislaus Klakoscher, Russe

Unbekannter

Die Toten mahnen uns!

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