Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

14.10.2017

Gedenken an den national und international renommierten Gesellschaftswissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Kuczynski

11 Uhr: Enthüllung der Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Jaegerstraße 16

12 Uhr: Gedenkveranstaltung im Historischen Zentrum

Samstag, 14. Oktober 2017, ab 11 Uhr

Historisches Zentrum Wuppertal Museum für Frühindustrialisierung - Engels-Haus


Programm am Samstag, 14. Oktober 2017

11.00 Uhr : Geburtshaus in der Jaegerstraße 16, 42117 Wuppertal

Musikalischer Beitrag

Grußworte Andreas Mucke, Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal

Ute Oberste-Lehn, Eigentümerin des Hauses Jaegerstraße 16

Prof. Dr. Thomas Kuczynski, Berlin

Feierliche Enthüllung der Gedenktafel

Musikalischer Beitrag

11.30 Uhr - Fahrt ins Historische Zentrum

12.00 Uhr: Historisches Zentrum Kurzer Gang durch den Engels-Park mit Erläuterungen der Vorhaben zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels 2020 durch Dr. Eberhard Illner, Leiter des Historischen Zentrums

Begrüßung und Umtrunk im Ausstellungsraum des Museums für Frühindustrialisierung

Dokumentation einiger Publikationen von Jürgen Kuczynski mit Einführung von Dr. Dirk Krüger

Vortrag Prof. Dr. Georg Fülberth, Marburg Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen. Nachdenken über Jürgen Kuczynski.

14.00: Gemeinsames Mittagessen

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Prof. Dr. Jürgen Kuczynski Leben und Werk - Eine biografische Skizze

Jürgen Kuczynski wurde am 17. September 1904 im damals noch selbstständigen Elberfeld im Haus Jaegerstraße 16 im Zoo-Viertel geboren. Seine Eltern waren der international renommierte Wissenschaftler, einer der Begründer der modernen Bevölkerungsstatistik, Robert René Kuczynski, und seine Ehefrau Bertha. Robert René Kuczynski wurde nach Abitur, Studium, Wehrdienst, Promotion und Volontariaten in Berlin und Washington D.C. am 4. Februar 1904 zum Direktor des Statistischen Amtes Elberfeld berufen. Er bezog sein Büro im ehemaligen Rathaus Elberfelds, dem heutigen Verwaltungsgebäude und eine Wohnung in der Jaegerstraße 16. Bereits 1906 hat die Familie Wuppertal wieder verlassen. Kuczynski folgte einem Ruf in die damals aufstrebende Weltstadt Berlin und arbeitet dort 17 Jahre hauptberuflich als Stadtstatistiker und untersuchte daneben Arbeitslöhne und Arbeitszeiten in Europa und den USA. Es folgten weitere intensive Forschungen in Deutschland und den USA, zahlreiche Buchveröffentlichungen und politische Aktivitäten.

Mit dem Machtantritt Hitlers 1933 wurde die jüdische Familie in das Exil nach Großbritannien getrieben, wo Robert René Kuczynski am 25. November 1947 starb.

Jürgen Kuczynski (im Folgenden J.K. genannt) besuchte das Gymnasium in Berlin, studierte in Erlangen, Berlin und Heidelberg, wurde 1925 zum Doktor der Philosophie promoviert und veröffentlichte im Juni 1926 sein erstes Buch: „Zurück zu Marx. Antikritische Studien zur Theorie des Marxismus.“ Es folgte von 1926 bis 1929 ein Forschungsaufenthalt in den USA, 1928 die Heirat und Arbeiten an der Theorie der Relativlöhne und der Arbeitslosigkeitsstatistik. In diese Zeit fiel der Beginn der Arbeit an der „Geschichte der Lage der Arbeiter im Kapitalismus“.

Im Juli 1929 kehrte er nach Europa zurück und schrieb gemeinsam mit seiner Frau das Buch „Der Fabrikarbeiter in der amerikanischen Wirtschaft. Eine erste kritisch historisch-statistische Darstellung der Lage der amerikanischen Arbeiter“. Es geriet zu einem Pendant zu F. Engels’ berühmtem Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“.

Von März 1933 bis Januar 1936 beteiligte er sich - noch in Deutschland - aktiv am illegalen Kampf gegen den HitlerFaschismus. Er entging 1936 der drohenden Verhaftung durch die Gestapo durch die Flucht und Emigration nach Großbritannien. Er wurde dort mit einer kurzen Unterbrechung bis Juli 1941 der Politische Leiter der KPD in England, engagierte sich intensiv an der Arbeit der deutschen und englischen antifaschistischen Organisationen und wurde vom 20. Januar 1940 bis zum 24. April 1940 in Warnher’s Camp in Seaton (Devonshire) interniert. Von Oktober 1944 bis August 1945 leistete er, dank seiner früheren Aufenthalte und Kontakte in den USA, Dienst im United States Strategic Bombing Survey (U.S.S.B.S.).

Ende März 1945 kehrte er nach Deutschland zurück und entschied sich für die SBZ, die spätere DDR. Er wurde 1947 Präsident der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, übernahm den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität, wirkte in zahlreichen staatlichen Kommissionen mit und wurde Abgeordneter der Volkskammer. Mit seinem äußerst kritischen Artikel vom 11. März 1956 im „Neuen Deutschland“ über den XX. Parteitag der KPdSU und weiteren Publikationen in diesem Sinne begannen seine Schwierigkeiten in der DDR. Dennoch wurde er hoch geehrt: 1964 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität, 1969 den Karl-Marx-Orden, 1984 den Vaterländischen Verdienstorden in Gold und 1985 die Ehrendoktorwürde der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. 1976 stifteten er und seine Frau Marguerite den „Robert-RenéKuczynski-Preis“, der für hervorragende Publikationen aus dem Bereich der internationalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte vergeben wurde.

Die Zeit von 1961 bis zu seinem Tod 1997 war reich an grundlegenden Arbeiten. Sie bezeugen die Berechtigung, J.K. als einen national wie international hoch geachteten, außergewöhnlichen Menschen und Wissenschaftler, als unermüdlichen Kämpfer für die Sache der Arbeiter zu betrachten und zu würdigen. So gestaltete sich die (unvollständige) Bilanz: Zwischen 1961 und 1970 erschien die 40-bändige „Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus“. 1973 erschien dann der erste Teil seiner „Memoiren“, dem zwischen 1992 und 1996 weitere Teile folgten. Der letzte Teil seiner Erinnerungen erschien 1998 posthum. Sein Titel: „Ein treuer Rebell. Memoiren 1994-1997“. Zwischen 1975 und 1978 veröffentlichte er die 10-bändigen „Studien zu einer Geschichte der Gesellschaftswissenschaften“. Zwischen 1980 bis 1983 folgte die sechsbändige „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes“, in der auch historische Begebenheiten aus der Wuppertaler Arbeiterbewegung verarbeitet sind. 1983 erschien, sechs Jahre nach seiner Niederschrift, der nicht unumstrittene „Dialog mit meinem Urenkel“. Der Erstausgabe folgten zehn weitere Auflagen, die das Buch zum Bestseller werden ließ. 1996 fand das Buch seine Fortsetzung in „Fortgesetzter Dialog mit meinem Urenkel. Fünfzig Fragen an einen unverbesserlichen Urgroßvater“. Zu einem Standardwerk für die Literaturwissenschaft wurde 1971 seine Arbeit „Gestalten und Werke - Soziologische Studien zur englischsprachigen und französischen Literatur“ .

Am 4. August 1997, zwei Tage vor seinem Tod, beendete er die Arbeit an seinem letzten Buch „Freunde und gute Bekannte“. J.K. starb am 6. August 1997 in Berlin.

Auch das ist eine Erinnerung wert: J.K. war Teilnehmer an der von der Stadt Wuppertal veranstalteten internationalen wissenschaftlichen Konferenz in Wuppertal vom 25. bis 29. Mai 1970 zu Ehren des 150. Geburtstags von Friedrich Engels.

Der schmucklose Konferenztitel lautete: „Friedrich Engels 18201970“. J.K. sprach in der II. Session - Engels als Geschäftsmann und Wirtschaftswissenschaftler. Sein Thema war: „Friedrich Engels und die Monopole“.

Am 12. Mai 2012 kehrte J.K. erneut in seine Geburtsstadt zurück - diesmal in Form eines wissenschaftlichen Kolloquiums, als Erinnerung an diesen großartigen Wissenschaftler und Menschen.

Dirk Krüger

© VVN-BdA Wuppertal