14.09.2019

Hermynia zur Mühlen: „Unsere Töchter, die Nazinen“

Von Dirk Krüger

I. Der Name Hermynia zur Mühlen war geachtet im literarischen Leben der Weimarer Republik. Im internationalen Kampf gegen den Faschismus war sie eine bekannte und geschätzte Persönlichkeit.

Am 12. Dezember 1883 in Wien als Gräfin de Crenneville geboren, wurde sie von ihren Eltern in den Konventionen ihrer Kaste, des Hochadels, erzogen. Bald schon erwies sie sich jedoch als das Enfant terrible der Familie. Durch die diplomatische Tätigkeit ihres Vaters kam sie in zahlreiche Länder Europas, Afrikas und Vorderasiens. Die auf diesen Reisen gewonnenen Eindrücke schärften den Blick der Heranwachsenden für soziale Widersprüche. In dieser Zeit weckte vor allem die liberal gesinnte und humanistisch gebildete Großmutter ihr Interesse für Literatur, für soziale und politische Fragen. Zu einem Schlüsselerlebnis wurde für sie die Affäre Dreyfus und Zolas Parteinahme mit dem Manifest „J’accuse“. 1898 kam sie in ein Pensionat in Dresden. Besonders nachhaltigen Eindruck hinterließ in dieser Zeit Max Stirners Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“.

Als sie sich nach einem erfolgreichen Lehramtsstudium, um eine Anstellung als Volksschullehrerin bewarb, verbot ihr der Vater eine solche Tätigkeit als „nicht standesgemäß“. Während eines kurzen Aufenthalts in Genf fand sie Kontakt zu Anarchisten und Revolutionären und zu weiterer politischer Klarheit. In Meran arbeitete sie eine Woche lang in einer Buchbinderei und lernte so unmittelbar die sozialen Verhältnisse der Arbeiter kennen. Im Jahr 1905 heiratete sie einen baltischen Gutsbesitzer und ging mit ihm nach Estland. Die Ehe scheiterte jedoch bereits nach kurzer Zeit. Zu grundlegend waren die Differenzen in wichtigen Lebensfragen, vor allem an den für sie unerträglichen Verhältnissen der Gutsherrschaft.

Die Zeit des Ersten Weltkriegs 1914 - 1918 erlebte sie wegen einer Lungenerkrankung in einem Sanatorium in Davos, in der Schweiz. In dieser Zeit wurde die außerordentlich sprachbegabte Hermynia zu einer international gefeierten Übersetzerin. 1919 siedelte sie nach Deutschland über und fand Anschluss an den Malik-Verlag Wieland Herzfeldes. Der Malik-Kreis, dem sie fortan angehörte, vereinigte praktisch alle literarischen Größen der damaligen Zeit. Er fühlte sich der von der KPD verfolgten Politik der Einheit der Arbeiterbewegung und einer revolutionären Literatur verpflichtet. In diesen Jahren übersetzte sie nicht nur 150 meist sozialkritische Werke französischer, englischer, amerikanischer und russischer Autoren, sie trat auch in der Presse als streitbare Publizistin hervor.

Ihre bis heute andauernde Bedeutung erlangte sie aber als Autorin von proletarischen Märchen! Als der Malik-Verlag sich entschloss „Märchen der Armen“ zu verlegen, war sie von Anfang an dabei. 1921 wurde ihr Märchenband „Was Peterchens Freunde erzählen“ mit Zeichnungen von George Grosz veröffentlicht. 1923 gab die Vereinigung Internationaler Verlags-Anstalten (VIVA) die Sammlung „Märchen“ mit Illustrationen von Karl Holz heraus. Im Malik-Verlag folgte 1923 der Märchenband „Ali, der Teppichweber“, illustriert von John Heartfield.

1924 macht man ihr einen „Hochverratsprozess“ wegen ihrer Erzählung „Schupomann Karl Müller“. 1927 erschienen die künstlerisch besonders wertvollen „orientalischen Märchen“: „Der Muezzin“, „Die Söhne der Aischa“ und „Said der Träumer“ mit Illustrationen von Rudolf Schlichter und 1934 eine französische Ausgabe einige ihrer schönsten Märchen zu der kein Geringerer als Henri Barbusse ein Vorwort beisteuerte.

Ihr literarisches Spektrum erweiterte sich in den folgenden Jahren - sie schrieb nicht mehr nur für Kinder -, sondern bediente sich auch anderer epischer Formen: Es entstanden in der Folgezeit zahlreiche Erzählungen, Kurzgeschichten, Novellen und Romane. Erwähnung verdienen der 1926 veröffentlichte Roman „Die weiße Pest“, ein Roman aus Deutschlands Gegenwart, das von ihr 1929 so genannte „Lebensbuch“ „Ende und Anfang“, eine heitere und geistvolle Schilderung aus ihrem Leben, „Reise durch ein Leben (1933), „Ein Jahr im Schatten“ (1935) und vor allem ihr Exilroman „Als der Fremde kam“ (1947), der zu den besten Romanen, der deutschsprachigen Exilliteratur gerechnet wird.

Und sie blieb politisch aktiv. 1933 wurden ihre Bücher verboten, ihr Vermögen beschlagnahmt. Sie emigrierte am 1. April 1933 zunächst nach Wien. In der Zeit bis zu ihrer Flucht aus Wien am 14. März 1938, unmittelbar nach der deutschen Annexion Österreichs, in die Tschechoslowakei, vollzog sie in ihrem Verhältnis zum Kommunismus einen grundlegenden Wandel ohne ihre sozialkritischen Überzeugungen aufzugeben. Und als die Faschisten die Tschechoslowakei besetzten, entkam sie ihren Häschern am 29. Mai 1939 durch die Flucht über Ungarn, Jugoslawien, Italien, die Schweiz und Frankreich nach England, wo sie am 19. Juni 1939 eintraf.

In Radlett bei London lebte sie im englischen Exil arm, krank und zurückgezogen, aber ungebrochen, und schrieb noch einige Romane, Märchen und Kurzgeschichten. Als sie in den frühen Morgenstunden des 19. März 1951 gestorben war, würdigte der britische Rundfunk das große internationale Ansehen der österreichischen Schriftstellerin und die bedeutsame Überzeugungskraft ihrer Sprache.

II.

Über die bewegte Geschichte der Veröffentlichung des Romans „Unsere Töchter die Nazinen“ gibt ein Brief ihres Ehemanns, Stefan Klein, Auskunft, den er am 18. April 1951 an Wilhelm Sternfeld richtete. Danach entstand der Roman „binnen drei Wochen“. Er wurde zunächst vom 20. Juni bis16. August 1934 als Fortsetzung in der Saarbrücker Zeitung „Deutsche Freiheit“ und als Buch in norwegischer Sprache im Tiden Norsk Förlag in Oslo veröffentlicht. Danach begann die intensive Suche nach einem deutschen Verleger - alle Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg. Schließlich erklärte sich der in Wien beheimatete, links-katholische Gsur-Verlag bereit, den Roman herauszubringen.

Als ihr Roman „Unsere Töchter die Nazinen“ 1938 in Wien erschien, intervenierte die deutsche Naziregierung. Das Erscheinen dieses Romans, von dieser Autorin (!), führte zu geharnischten Protesten der deutschen faschistischen Regierung. Die deutschen Faschisten setzten daraufhin einen Kopflohn auf die Auslieferung Hermynias aus. Der damalige Geschäftsführer des Verlags erinnerte sich: „Was an Restbeständen dieser Bücher noch vorhanden war, wurde polizeilich beschlagnahmt. Das traf uns nicht sehr, da wir den größten Teil der Auflage längst an unsere Abonnenten verschickt hatten. Die Auflage betrug 600 Stück.“

Die brisante politische Lage zur Zeit des Erscheinens des Romans erklärt, dass es keine zeitgenössischen Buchbesprechungen gegeben hat. Zu groß war die Angst vor Repressalien der deutschen Faschisten. Er erlitt damit das gleiche Schicksal großer Teile der Exilliteratur: er geriet in totale Vergessenheit. Erst im Zuge der Wiederentdeckung Hermynia zur Mühlens in den frühen achtziger Jahren in der DDR, machte 1983 - fast 50 Jahre nach der Ersterscheinung - eine Neuerscheinung im Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, möglich. Damit setzte endlich auch eine umfassende literaturwissenschaftliche Beschäftigung und angemessene Würdigung dieses außergewöhnlichen Romans ein.

III.

Worum geht es in dem Roman? Er schildert die Machtübertragung an die Hitler-Faschisten, die Auswirkungen des Antisemitismus‘ und die Formierung des Widerstands in einer typischen deutschen Kleinstadt. Die Geschehnisse, die sich zwischen dem 3. Januar 1933 und dem Sommer desselben Jahres abspielen, werden simultan erzählt. Drei Perspektiven bestimmen dabei den Blick: es berichten drei Mütter - Kati Gruber, Martha Feldhüter und Agnes Saldern - von ihren Töchtern, die der anfänglichen Faszination, den Versprechungen der Nazis erliegen. Sie alle sind als typische Exponenten der sozialen Schicht gestaltet, der sie entstammen. Dadurch werden die Vermittlung und die Konfrontation ihrer verschiedenen Sozialerfahrungen möglich. Dadurch ist auch die Möglichkeit gegeben, die klassische Rollenverteilung für Frauen aufzuheben. Das gelingt nicht ungebrochen und zum Teil mit stark sozialutopischen Zügen.

Die Erzählung beginnt mit einem Rückblick der sozialdemokratischen Arbeiterin, Kati Gruber, auf ihre eigene Lebensgeschichte. Sie erinnert an den Ersten Weltkrieg, die Hungerjahre nach dem Krieg, die Spaltungen und Auseinandersetzungen in der Arbeiterbewegung, an Kriegsgewinnler und Inflation, an aufkommenden Antisemitismus in ihrer Stadt, an das erste öffentliche Auftreten der Nazis, an die Wahl Hindenburgs zum Reichskanzler, schließlich an die Übernahme der Gewalt in der Stadt durch die Nazis.

Eingebunden in ihre Schilderung ist die Entwicklung ihrer Tochter Toni. Sie ist geprägt von der sozialdemokratischen Erziehung im Elternhaus, wendet sich während der Weltwirtschaftskrise den Kommunisten zu, nach dem Tod ihres Vaters, als sie arbeitslos ist, schließt sie sich den Nazis an. Da sie sich bald voll und ganz mit ihrer neuen politischen Heimat identifiziert, kommt es zwischen ihr und der Mutter zu zahlreichen, heftigen politischen Auseinandersetzungen. Mit dem ersten Judenboykott am 1. April und dem Märtyrertod ihrer Freundin Claudia Saldern beginnt sich ihre politische Einstellung zu wandeln. So kann die Mutter im letzten Kapitel stolz davon berichten, dass ihre Tochter aktiv in einer antifaschistischen Widerstandsgruppe kämpft.

Der Erzählung zu- und nebengeordnet sind Tagebuchaufzeichnungen der Gräfin Agnes Saldern, einer erkennbar autobiographisch inspirierten Person. Im Zentrum steht deren ungewöhnlich zerrüttetes Verhältnis zu ihrer Tochter Claudia, das mit „Schuldbewusstsein“ und „Selbsthass“ umschrieben werden kann. Claudia kann für die weltabgewandte Neigung ihrer Mutter und für deren Neigung zu romantischer Literatur nur Hohn und Spott empfinden. Nach einem Suizidversuch interessiert sie sich auf frivole Weise für sexuelle Fragen und leidet unter dem dumpfen, muffigen, kleinstädtischen Leben. Das Verhältnis zu ihrer Mutter und ihrer sozialen Umgebung ist treffend nur mit dem Wort „Kälte“ zu umschreiben. Sie erwärmt sich erst mit dem Aufkommen der Nazi-Bewegung, der sie sich gegen den Willen ihrer Mutter ebenfalls anschließt. Aber auch sie verlässt die Bewegung nach kurzer Zugehörigkeit. Sie beginnt an den Zielen zu zweifeln, und findet bei einem spontanen Versuch, einen ehemaligen sozialdemokratischen Stadtrat aus den Klauen der SA zu befreien, den Märtyrertod. Ihr Begräbnis gestaltet Hermynia als Beispiel einer machtvollen antifaschistischen Manifestation.

In diese beiden Erzählstränge sind zwei Monologe der dritten Frau eingearbeitet. Die Ehefrau des Arztes Dr. Feldhüter berichtet von ihren persönlichen Leidens- und Jubelzeiten vor und nach dem Machtwechsel. Da ihr Sinnen und Trachten nach einer höheren gesellschaftlichen Position ihr ganzes Verhalten dominiert, spielt folgerichtig das Leben ihrer Tochter nur eine untergeordnete Rolle in der ermüdenden Wiedergabe der Familiengeschichte. Liselotte Feldhüter, ist durch das permanente Gebot einer „standesgemäßen“ Verbindung frühzeitig gebrochen worden. Sie ist Werkzeug und wird eigentlich nur dazu benutzt, um die politische und ökonomische Karriere ihrer Eltern zu sichern. Der Vater meldet sie bereits vor der Machtübertragung an die Nazis heimlich, ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung, als Mitglied bei der NSDAP an. Durch ihre Zweck-Ehe mit dem Gauleiter des Ortes sichert er sich eine hervorgehobene Stellung in der Hierarchie seiner Stadt. Und die Mutter trägt durch gezielte Denunziationen von Mitbürgern tatkräftig dazu bei.

IV.

Die umfassendste und differenzierteste Besprechung des Romans bleibt die des Literaturwissenschaftlers Helmut Müssener, der ihn in der umfangreiche Reihe der literarischen Produkte sieht, die schon kurz nach der Machtübertragung an die Faschisten die Frage stellten: Wie konnte das passieren? Er hält das Buch für „einzigartig“ und führt als Gründe dafür an: Es sei die ungewöhnliche Erzählperspektive, es sei der darin artikulierte Wunsch nach einer Volksfront aller antifaschistischer Kräfte und es sei der Versuch, mit Mitteln der Psychoanalyse den Opportunismus und die diskrete Verklemmtheit, die ganze Verlogenheit des Bürgertums zu erklären. Müssener ordnet das Buch einem „pragmatischen Realismus“ zu, wenn er hervorhebt, dass sie das schildere, was sie für wahr und für erzählenswert hält, sie wollte die Wirklichkeit, die Realität abbilden und sie zwecks Lehre, Ermunterung, Warnung ihren Lesern mit auf den Weg geben. Dagegen steht die Äußerung ihrer österreichischen Kollegin, Elfriede Jelinek, die zu dem ernüchternden Schluss kommt: „Ich glaube, dass ein Schriftsteller absolut nichts bewirken kann, und ich spüre nicht nur die Ohnmacht, sondern auch die Lächerlichkeit.“

Es bleibt meine Empfehlung: Wer immer und wie auch immer sich den Roman besorgen kann, sollte sich damit und mit ihrer Autorin beschäftigen, denn er hält auch noch für die heutige Zeit „Lehre, Ermunterung und Warnung“ bereit! Eine große Hilfe dabei ist die von Manfred Altner besorgte Biografie „Hermynia zur Mühlen“, die 1997 im Verlag Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bern, erschienen ist.

Dirk Krüger

Hermynia Zur Mühlen: Unsere Töchter, die Nazinen,
Roman, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1983