20.07.2019

Rede von Henner Hecht-Wieber auf der Kemna-Gedenkveranstaltung am 6. Juli 2019

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Werte Anwesende, liebe Freundinnen, liebe Freunde,

Liebe Kameradinnen und Kameraden der VVN- Bund der Antifaschisten

Vor 18 Jahren hat auf Einladung des Stadtjugendrings meine Mutter als Vorsitzende der Wuppertaler VVN und als Zeitzeugin hier die Mahn- und Gedenkrede gehalten [Marianne Hecht-Wieber, 1922-2019].

Gerne bin ich der Bitte der Ausrichter der diesjährigen Veranstaltung gefolgt, etwas über meinen Großvater Emil Löhde, der in der Kemna über Monate in „Schutzhaft„ -eine perfide Bezeichnung für Folter und Qualen, ein Martyrium durchlitten hat, zu erzählen.

Geboren wurde er am 21.08.1893 in Elberfeld. Er wuchs auf in einer sozialdemokratisch geprägten Arbeiterfamilie mit Bruder, Halbbruder und Halbschwestern. Er erlernte den Metallberuf des Emailleurs, wurde Mitglied des Metallarbeiterverbandes und der SPD. Vorbild für ihn war sein älterer Bruder Paul. Einen Teil der Geschwister habe ich noch gekannt.

Als Soldat im 1.Weltkrieg lernte er die Unmenschlichkeit, die Brutalität und die Qualen des Krieges kennen. „Nie wieder Krieg“ war seine Schlussfolgerung. Er trat in die USPD ein, um sich politisch zu engagieren.

Am 29.März 1919 heiratete er sein Frau Emma, meine Oma.

1920 wurde er Mitglied der KPD.

Am 7. März 1922 wurde die Tochter Marianne geboren - meine Mutter. Neben den politischen Aktivitäten in der Partei und der Gewerkschaft verbrachte die junge Familie die Freizeit am Sonntag beim Arbeiter-Gesangverein „Freie Sänger„ und bei Wanderungen im Deilbachtal.

In den vielfältigen Arbeiterkulturvereinen und Arbeitersportvereinen war es natürlich, dass unterschiedliche linke politische Richtungen vertreten waren. Die dort entstandenen Freundschaften spielten auch nach der Machtübertragung 1933 an Adolf Hitler und die NSDAP eine wichtige Rolle in Bezug auf die Solidarität in der Arbeiterbewegung.

Über die Zeit seiner Gefangennahme hier in der Kemna hat mein Opa nie erzählt. Meine Mutter erzählte: Es war nach seiner 2. Inhaftierung Ende 1938 in einem Elberfelder Café ,das ihr Vater plötzlich recht laut nach einem Hering verlangte. Einige der Gäste blickten sich erstaunt zu ihnen um und ein Mann verließ schnell das Café. Es war ein ehemaliges Mitglied der SA-Wachmannschaft.

Nach seiner Entlassung aus der Kemna, obwohl körperlich noch kränker, blieb er ungebrochen in seinem Handeln. Solidarität und Verbundenheit mit seinen sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Freunden blieb weiterhin bestehen. Geldsammlungen für die Familien der in KZs und Gefängnissen Inhaftierten mussten durchgeführt werden. Flugschriften gegen den Faschismus und seinen Terror wurden illegal hergestellt und verteilt.

Im Januar 1935 wurden über 80 Widerständler durch Spitzel verraten und von der Gestapo verhaftet. So auch mein Großvater. Sie durchlitten die Folter der Gestapo-Verhöre, bis Ihnen im Januar 1936 der Prozess gemacht wurde. „Vorbereitung zum Hochverrat„ lautete die Anklage. In die Stadtgeschichte sind sie mit dem Begriff :„Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse„ eingegangen.

Mit der Verhaftung meines Opas im Januar 1935 wurde auch 4 Tage meine Oma in Gestapo-Haft gehalten. Sie hat nie über diese Zeit gesprochen. Meine Mutter, noch keine 13 Jahre alt, wurde in dieser Zeit von ihrer Tante Paula betreut. Ich habe diese Tante noch gekannt.

Mit der Verurteilung meines Opas wurde die Wohlfahrtsunterstützung für die Familie Löhde gestrichen. Jetzt waren meine Mutter und meine Oma auf die Solidarität der Freunde angewiesen. Die auch in dieser schweren Zeit erfolgte. Meine Oma hat auch zusätzlich in einer Heißmangel gearbeitet.

Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus und mit Beginn des 2. Weltkriegs wurde mein Opa dienstverpflichtet. Er musste bei der „Fa Specht Gleichrichterbau„ arbeiten. Meine Mutter erzählt: Eines Tages verlangte er die doppelte Portion an Butterbroten als Pausenbrot. Dies stieß bei meiner Oma und Mutter auf Verwunderung, da er nie ein großer Esser war. Viel später, kurz vor seinem Tod im Mai 1943 erfuhren sie von ihm, dass er die Hälfte seiner Pausenbrote einem sowjetischem Zwangsarbeiter zugesteckt hat.

In all den Jahren der Nazidiktatur haben er und die vielen Verfolgten sich ihre Menschlichkeit bewahrt.

Wenn ich hier heute nicht nur meinem Großvater und den Tausenden Mithäftlingen gedenke, die die Hölle der Kemna durchlebten oder sogar ermordet wurden, so ist dies für mich auch Mahnung und Engagement.

Ich finde es einfach widerlich, dass unsere Gesellschaft es zulässt, dass Neonazis mit rassistischen und menschenverachtenden Parolen grölend durch unsere Stadt ziehen können. Dass heute im Bundestag die AFD als geistige Brandstifter der Neonazimörder sitzen ist nicht nur ein Ausdruck einer verfehlten Politik der sogenannten bürgerlichen Parteien, sondern auch einer nicht konsequenten Aufarbeitung der Nazidiktatur in der Bundesrepublik. Der Schriftsteller Ralf Giordano hat dies in seinem Buch „Die zweite Schuld oder von der Last Deutscher zu sein„ beschrieben. Der deutsche Faschismus „ war kein Fliegenschiss der Geschichte„ Herr Gauland. Es war millionenfach geplanter systematischer Massenmord.

Wenn wir hier gedenken und mahnen, sollten wir es als unsere Pflicht ansehen uns mit allen die willens sind zu verbünden, um der Rechtsentwicklung entgegenzutreten.

Wir sind es den Millionen Opfern von Terror, Massenmord und Krieg schuldig.

Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit.