27.06.2019
Rezension

Dirk Krüger: Gegen das Vergessen - Fünf Wuppertaler Arbeiterschriftsteller und Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur stellen sich vor

Von Sebastian Schröder - Diplom-Soziologe (Goethe-Universität Frankfurt/Main)

Werner Möller (1888-1919), Emil Ginkel (1893-1959), Peter Kast (1894-1959), Werner Eggerath (1900-1977), Walter Kaiser-Gorrish (1909-1981); diesen fünf Wuppertaler Autoren widmet Dirk Krüger im Nordpark Verlag die Veröffentlichung Gegen das Vergessen - Fünf Wuppertaler Arbeiterschriftsteller und Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur stellen sich vor.

Von zahlreichen unterstützenden Organisationen unserer Stadt getragen, hat Krüger nach eingehender, zum Teil jahrzehntelanger Recherche, ein Buch vorgelegt, um diese Literaten der linken sozialen Bewegung und ihr Werk endlich auch in ihrer Heimatstadt bekannt zu machen. Noch heute fesselt der ihnen allen gemeinsame, klare künstlerische Blick auf die damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, und die damit einhergehende Unbedingtheit ihres Handelns. Dies wird auch in den Vorworten von Oberbürgermeister Andreas Mucke und von Cora Mohr, Mitglied des Vorstands des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 (Frankfurt/Main) betont.

Im ersten Teil werden in biografischen Skizzen die Lebenswege der fünf Autoren nachgezeichnet. Und der Literaturwissenschaftler Krüger ordnet die Werke der Autoren knapp literaturtheoretisch und -historisch ein. Dies wird anschaulich und zugleich engagiert dargestellt, ohne akademisch daherzukommen. Es wird auf die Vielzahl von Genres verwiesen, denen sich Möller, Ginkel, Kast, Eggerath und Gorrish gewidmet haben: Gedichte, Theaterstücke, Romane, Erzählungen, Reportagen, Kinder- und Jugendliteratur. Im zweiten Teil hat Krüger hat eine Werkauswahl zusammengestellt, die das Charakteristische der Autoren präsentiert. Dieser Teil nimmt zwei Drittel des Buches ein. Es ist also ein Buch der LeserInnen, denn ihnen öffnet sich nun der unmittelbare Blick auf die Lyrik und Prosa. Die Auswahl macht die ausnahmslos seit Jahrzehnten nicht verlegten Texte in zentralen Ausschnitten endlich zugänglich. In den weiterführenden Schulen, an den Universitäten, überall wo Menschen sich bilden kann Gegen das Vergessen zu einer Fundgrube historischen Wissens im weitesten Sinne werden. Wer sich mit der Geschichte der Stadt Wuppertal beschäftigt, kennt Wolfgang Abendroth und Jürgen Kuczynski, die hier geborenen Gesellschaftswissenschaftler, die von der ArbeiterInnenbewegung geprägt wurden und diese geprägt haben. Eine sie ehrende Widmung steht dem Buch von Krüger voran.

Möller, Ginkel, Kast, Eggerath und Gorrish, ihre Namen sollten den Menschen in unserer Stadt ebenso bekannt werden, denn ihre literarischen Arbeiten sind von Gewicht. Die fünf sind während des autoritären Kaiserreiches im Wuppertal geboren. Hier sind sie jeden Tag mit Armut und Reichtum, mit Ausbeutung, aber auch dem Kampf für Freiheit und Gleichheit aufgewachsen und haben wie so viele den Weg in die breite, vitale und traditionsreiche Wuppertaler ArbeiterInnenbewegung gefunden.

Werner Möllers selbstloser Einsatz für die Beendigung des Weltkriegs und die Errichtung der Republik ließ den sozialistischen Dichter im Januar 1919 zu einem der ersten Opfer der Freikorps werden, zu einem der ersten Opfer im ungleichen Kampf der alten, deutschnationalen Kräfte gegen die Kräfte der Veränderung. Die Ausbeutung der Arbeit und die Not der Armut sind die bestimmenden Themen -1928 beginnend mit dem Gedichtband „Pause am Lufthammer“ - Emil Ginkels, der im Faschismus gezwungen wurde zu schweigen, aber nach der Befreiung bis zu seinem Tod 1959 in Wuppertal und der Region politisch gewirkt hat. Wie Ginkel waren auch Kast, Eggerath und Gorrish in der kommunistischen Bewegung engagiert, und haben gegen den aufkommenden und gegen den Faschismus an der Macht gekämpft. Peter Kast, Journalist und Schriftsteller, nahm mit den Internationalen Brigaden am Spanischen Krieg teil, wurde anschließend interniert, aber konnte mit Hilfe der Resistance in die Schweiz emigrieren. Viele dieser Erlebnisse hat er literarisch verarbeitet, etwa seinen Widerstand gegen die Bestialität des Ersten Weltkriegs in der Erzählung „Der Birnbaum“ (1938). Werner Eggerath war ab 1933, wie alle GegnerInnen des Naziregimes, unnachgiebiger Verfolgung ausgesetzt und wurde zu jahrelanger Haft verurteilt. Unerträglich ist es, die autobiografischen Schilderungen seiner wochenlangen Folterungen durch SS und Gestapo im Berliner Columbiahaus in dem Roman „Nur ein Mensch“ zu lesen. Dem antifaschistischen Kampf in Wuppertal im Jahr 1932, an dem er in führender Position beteiligt war, hat er mit dem Roman „Die Stadt im Tal“ (1952) ein bewegendes Denkmal gesetzt. Walter Gorrishs Weg führte über Spanien 1940 zurück in die Elberfelder Von-der-Heydt-Gasse, Elberfelds berüchtigter Folterzentrale. Der Widerstandskämpfer wurde in Remscheid-Lüttringhausen eingesperrt, und im Jahr 1943 zum Kampf für die Wehrmacht im Strafbataillon 999 gezwungen. Von der Roten Armee befreit, begann seine schriftstellerische Karriere mit antifaschistischen Erzählungen. So stammt von ihm das Drehbuch des populären DEFA-Filmes über den Spanischen Krieg, „Fünf Patronenhülsen“. Nach der Befreiung vom Faschismus entschied er sich wie Kast und Eggerath für das Leben in der DDR. Viele Werke der drei Literaten sind in dieser Zeit entstanden.

Das Werk und das Leben der fünf Arbeiterschriftsteller spiegelt die sozialen Kämpfe des 20. Jahrhunderts wider. Und heute?

Wir kennen sie nicht, den Krieg und den Faschismus. Nur noch wenige ZeitzeugInnen können berichten, die in erwachsenem Alter die Weimarer Republik und deren gewaltsames Ende, den Schrecken der Nazidiktatur und den vom deutschen Faschismus losgetretenen Zweiten Weltkrieg - den Eroberungs- und Vernichtungskrieg - erlebt haben.

Aber wir kennen heute die Armut und die Arbeitslosigkeit; zehntausende Kinder leben in Wuppertal nach den Hartz-4-Gesetzen; Hunderte Menschen sind obdachlos. Wer Arbeit hat, in vielen Fällen schlecht bezahlt, gehört zur großen Mehrheit der Lohnabhängigen. Dies bedeutet immer Unsicherheit, Angst vor der Zukunft. Der Weltkonzern Bayer wird in unserer Stadt mindestens 750 MitarbeiterInnen entlassen. Auf der anderen Seite sehen wir in Wuppertal enorme Vermögen und hohe arbeitslose Einkommen, entstehend aus der privaten Verfügung über die Produktionsmittel. Diese ungleiche Verteilung war damals und ist heute das Hauptmerkmal der bürgerlichen Gesellschaft.

JedeR kann die Gefahren, die heute vom Faschismus ausgehen, sehen.

„Ein Lesebuch - auch für unsere Zeit“ Mit diesen Worten beginnt Dirk Krüger den zweiten Teil des Buches. Die LeserInnen sollen nicht nur der fünf Wuppertaler gedenken, sondern auch von ihnen lernen - für die Zukunft.


Dirk Krüger: Gegen das Vergessen - Fünf Wuppertaler Arbeiterschriftsteller und Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur stellen sich vor, Nordpark Verlag, Wuppertal 2018, 407 S., ISBN 978-943940-43-5, 18
Gekürzte Fassung erschienen in "Geschichte im Wuppertal 2019", herausgeben vom Bergischen Geschichtsverein - Abteilung Wuppertal