05.06.2019
Dirk Krüger

„Mein Vaterland ist dort, wo Freiheit ist!“

Eine Erinnerung an den Dichter, Revolutionär und Antifaschisten Ernst Toller

I.

Am 22. Mai 1939 - in diesen Tagen vor 80 Jahren - hat sich Ernst Toller in einem New Yorker Hotel sein bewegtes und so endlos wertvolles Leben genommen. Mit Hilfe seiner Sekretärin hatte er für eine Reise nach Europa die Koffer bereits gepackt. Als sie aus einer kurzen Mittagspause zurückkehrte, hatte er sich erhängt.

An der Gedenkfeier nahmen 500 Trauergäste teil. Oskar Maria Graf, Juan Negrin und Sinclair Lewis hielten die Grabreden, Olga Fuchs rezitierte aus dem „Schwalbenbuch“, seine 1923 im Festungsgefängnis Niederschönenfeld geschriebenen Texte:

„Unser Frühling

Ist nicht mehr Hölderlins Frühling,

Deutschlands Frühling ward wie sein Winter,

Frostig und trübe

Und bar der wärmenden

Liebe.

Den Dichtern gleicht Ihr, meine Schwalben.

Zu welchem Schicksal kamet Ihr?

Leidend am Menschen, lieben sie ihn mit nie erlöschender Inbrunst,

Sie, die den Sternen, den Steinen, den Stürmen tiefer verbrüdert sind als jeglicher Menschheit.

Den Dichtern gleichet Ihr, meine Schwalben.“

Bei der Einäscherung am nächsten Tag waren nur noch drei Menschen anwesend. Die Urne mit Tollers Asche stand danach unbeachtet über zwei Jahre im Keller des Krematoriums. Niemand hat sie abgeholt...

Über die Gründe für den Suizid des 46jährigen ist viel spekuliert worden. Fakt ist, der Bürgerkrieg in Spanien war Ende März 1939 mit der Einnahme der Heldenstadt Madrid durch die Franco-Söldner beendet. In Spanien, Deutschland und Italien triumphierten die Faschisten. Toller, der unendlich viel Kraft in die Solidarität investiert hatte, war tief erschüttert. Möglicherweise ahnte er auch den Beginn und das Ausmaß der Katastrophe, die nur einige Monate später, am 1. September mit dem Überfall der faschistischen Wehrmacht auf Polen ihren Anfang nahm. Und ihm, dem enorm politisch denkenden und handelnden, blieb zu diesem Zeitpunkt nicht verborgen, dass keine Kraft sichtbar war, die dem Faschismus entgegentreten konnte - und wollte. Das mag zu der Verzweiflungstat geführt haben.

II.

Das bewegte Leben Ernst Tollers begann mit seiner Geburt am 1. Dezember 1893 in Samotschin im Kreis einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums begann er ein Jurastudium in Grenoble, unterbrach es nach kurzer Zeit und setzte es fort in Heidelberg und München.

1914, zu Beginn des 1. Weltkrieges, verpflichtete er sich noch als Kriegsfreiwillige, um sich 1916, nach einer schweren Verwundung und der Entlassung aus dem Militärdienst zu einem entschiedenen Kriegsgegner zu wandeln. Unter dem Einfluss Kurt Eisners und Gustav Landauers, die er in München kennenlernte, verließ er die bürgerlich-expressionistische Opposition gegen die „Welt der Väter“, wurde Sozialist, bejahte den Klassenkampf, trat der USPD bei und beteiligte sich aktiv am Streik der Münchner Munitionsarbeiter.

Über seine Funktion als Vorstandsmitglied des Zentralrats der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte Bayerns, wurde Toller, der ein blendender Redner war, mit der Position des Staatsoberhaupts der ersten Bayrischen Räterepublik betraut und, nach deren Ablösung durch eine kommunistische Räterepublik, Oberkommandierender der Roten Armee an der Dachauer Front. 1919 wurde er deswegen zu fünf Jahren Festung verurteilt.

Nach seiner Entlassung 1924 traf er auf eine gesellschaftliche Realität, die ihn tief erschütterte. Er trennte er sich von der USPD, verzichtete auf jede parteipolitische Aktivitäten, blieb aber der Arbeiterklasse und ihrem Kampf weiter ein treuer Verbündeter, trotz tiefer Enttäuschungen über das Ausbleiben der proletarischen Revolution, für die er so viel gegeben hatte, für die er Gefängnishaft auf sich genommen hatte, die er sich so sehr herbeisehnte und für deren Grundausstattung er so viele Gedanken und Idee entworfen hatte.

Er hat dann Bayern verlassen und ist nach Berlin gegangen, schrieb als Mitarbeiter für die „Weltbühne“, bereiste 1926 die Sowjetunion, 1929 die USA, 1930 Spanien und emigrierte 1933 über die Schweiz, Frankreich und England in die USA.

Seine Werke wurden in Nazi-Deutschland verboten, er wurde ausgebürgert. Nun begann sein Kampf für eine weltumfassende Solidarität der Menschlichkeit. Unvergessen ist sein rastloses Wirken im Exil. Es gibt unendlich viele bewegende Dokumente aus dieser Zeit, die das dokumentieren.

Als 1935 in Paris der „Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ beginnt, ist er nicht dabei. Er entschuldigte sich mit seinen Arbeiten zur Gründung eines Komitees „das dazu dienen soll, die Lage der notleidenden deutschen Emigranten“ zu verbessern.

Auf der Londoner Schriftstellerkonferenz am 19. Juni 1936 ist er der Präsident und eröffnet sie mit einer ergreifenden Hommage zum Tod von Maxim Gorki. Seine Kernsätze werden: „Aus dem Volk stammend, wurde er die Stimme des Volkes. Seine Werke sind zum Besitz von Millionen geworden.“

Er beendete seine Rede mit den Worten: „Wir kennen die Bedingtheiten unseres Schaffens. Wir sind Pflüger, und wir wissen nicht, ob wir Erntende sein werden. Aber wir haben gelernt, dass ‚Schicksal’ eine Ausrede ist. Wir schaffen das Schicksal! Wir wollen wahr sein und mutig und menschlich“.

III.

Toller hat uns ein umfangreiches literarisches Werk hinterlassen das zum Teil in seiner Gefangenschaft entstanden ist.

In den ersten Jahren der Weimarer Republik gehörte Toller zu den bedeutendsten Bühnenautoren seiner Zeit. Man belegte ihn mit dem Titel „Ernst Toller! Der Dramatiker des deutschen Proletariats“, denn er hat in seinen Stücken wesentliche Aspekte des Klassenkampfes und daraus sich ergebende geistig-moralische Konflikte gestaltet. Seine erfolgreiche Laufbahn als Dramatiker begann mit dem leidenschaftlichen Antikriegsstück „Die Wandlung. Das Ringen eines Menschen“ (1919) in dem er seine eigene Wandlung vom Kriegsfreiwilligen zum kämpferischen Pazifisten schildert.

Er setzte sein Bemühen, Probleme der Gegenwart auf die Bühne zu bringen mit dem Drama „Masse - Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts“ (1921) fort. Die Stücke müssen der expressionistischen Revolutionsdramatik zugerechnet werden, denn in ihnen geht es im Kern um die Beschäftigung mit absoluten Moralvorstellungen, es geht um die Ursachen für das Versagen der Revolution, die er in dem unbewältigten Konflikt zwischen dem Ideal der Gewaltlosigkeit und der revolutionären Praxis ausmacht.

Zu einem weiteren Gegenwartsstück und zugleich bitteren Antikriegsstück wurde Tollers „Hinkemann“ (1924), der an Büchners „Woyzeck“ erinnert. Tollers groteske Hochstablerkomödie „Der entfesselte Wotan“ (1923) ist eine äußerst gelungene Parodie und Vorwegnahme von Hitlers Aufstieg. Die Stücke „Hoppla, wir leben!“ (1927) und „Feuer aus den Kesseln“ (1930) gelten als die literarisch gelungenste und erfolgreichsten Arbeiten Tollers, die es immer wieder auf die Theaterbühnen schaffen.

Sein letztes Werk vor der Selbsttötung wurde das Drama „Pastor Hall“. Toller schrieb es 1938 an verschiedenen Orten: in New York, in Barcelona und in Cassis. Er stellte dem Stück voran: „Gewidmet dem Tag, an dem dieses Drama in Deutschland gespielt werden darf.“. Die Premiere der deutschen Fassung des Dramas fand am 1. Januar 1947 im Deutschen Theater in Berlin statt. Es erlebte 33 Aufführungen, Danach verschwand es von deutschen Bühnen. Erst im Mai 1983 wurde es mal wieder (in Osnabrück) aufgeführt.

Zum Ausgangspunkt wählte Toller Leben und Kampf von Martin Niemöller, dessen Mut und Schicksal in Nazi-Deutschland weltweite Aufmerksamkeit erlangte. Toller gestaltete im „Pastor Hall“ seinen immer gehegten Traum vom gemeinsamen antifaschistischen Kampf der gesellschaftlichen Gruppierungen Kirche, Arbeiterbewegung und Militär, der leider nicht in Erfüllung ging.

Aus seinem lyrischen Schaffen ragt die Textsammlung „Das Schwalbenbuch“ heraus.

Tollers Prosa zeigt häufig autobiographische Züge. Erwähnung verdient besonders seine Schrift „Eine Jugend in Deutschland“, die 1935 in einem Amsterdamer Exilverlag erscheinen konnte. Der Schriftstellerkollege, Bodo Uhse, der Toller in der Zeit vor seinem Suizid begleitet hatte, nannte die Schrift „Zauberhafte Kindheits- und Jugenderinnerungen“. Das ist eine unzulässige Verniedlichung.

Toller selbst hat in einem Vorwort „Am Tag der Verbrennung meiner Bücher in Deutschland“ der Jugend die folgende Mahnung mit auf den Weg gegeben: „Nicht nur meine Jugend ist hier aufgezeichnet, sondern die Jugend einer Generation und ein Stück Zeitgeschichte dazu. Viele Wege ging diese Jugend, falschen Göttern folgte sie und falschen Führern, aber stets bemühte sie sich um Klärung und um die Gebote des Geistes.

Nicht Fehler und Schuld, nicht Versagen und Unzulänglichkeit sollten in diesem Buch beschönigt werden, eigene sowenig wie fremde. Um ehrlich zu sein, muss man wissen. Um tapfer zu sein, muss man verstehen. Um gerecht zu sein, darf man nicht vergessen. Wenn das Joch der Barbarei drückt, muss man kämpfen und darf nicht schweigen. Wer in solcher Zeit schweigt, verrät seine menschliche Sendung.“ Das ist aktueller denn je.

IV.

Toller geriet nach 1945 - wie viele Exilschriftsteller - in Vergessenheit. Das hat sich inzwischen positiv verändert. Es gibt eine rührige Ernst-Toller-Gesellschaft, die regelmäßige wissenschaftliche Foren zu Toller organisiert und einen Ernst-Toller-Preis auslobt. Einzelne Werke wurden neu aufgelegt, eine gute Biographie ist erhältlich, eine kritische Gesamtausgabe ist in Arbeit. Und es gibt immer wieder - wenn auch spärlich - Bühnen, die seine Stücke aufführen.