29.09.2018

Stefan Zweig: Die ersten Stunden des Krieges von 1914

Der typischste, der erschütterndste Fall einer solchen ehrlichen und zugleich unsinnigen Ekstase war für mich der Ernst Lissauers. Ich kannte ihn gut. Er schrieb kleine, knappe, harte Gedichte und war dabei der gutmütigste Mensch, den man sich denken konnte.

Noch heute erinnere ich mich, wie ich die Lippen fest zusammenbeißen mußte, um ein Lächeln zu verstecken, als er mich das erste Mal besuchte. Unwillkürlich hatte ich mir diesen Lyriker als einen schlanken, hartknochigen jungen Mann vorgestellt nach seinen deutschen, markigen Versen, die in allem die äußerste Knappheit suchte. Herein in mein Zimmer aber schwankte, dick wie ein Faß, ein gemütliches Gesicht über einem doppelten Doppelkinn, ein behäbiges Männchen, übersprudelnd vor Eifer und Selbstgefühl, sich überstotternd im Wort, besessen vom Gedicht und durch keine Gegenwehr abzuhalten, seine Verse immer wieder zu zitieren und zu rezitieren. Mit allen seinen Lächerlichkeiten mußte man ihn doch liebgewinnen, weil er warmherzig war, kameradschaftlich, ehrlich und von einer fast dämonischen Hingabe an seine Kunst.

Er stammte aus einer vermögenden deutschen Familie, war im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin erzogen worden und vielleicht der preußischste oder preußisch-assimilierteste Jude, den ich kannte. Er sprach keine andere lebenden Sprache, er war nie außerhalb Deutschlands gewesen. Deutschland war im die Welt, und je deutscher etwas war, umso mehr begeisterte es ihn. Yorck und Luther und Stein waren seine Helden, der deutsche Freiheitskrieg sein liebstes Thema, Bach sein musikalischer Gott; er spielte ihn wunderbar trotz seiner kleinen, kurzen, dicken, schwammigen Finger. Niemand kannte besser die deutsche Lyrik, niemand war verliebter, verzauberter in die deutsche Sprache - wie viele Juden, deren Familien erst spät in die deutsche Kultur getreten, war er gläubiger an Deutschland als der gläubigste Deutsche.

Als dann der Krieg ausbrach, war es ein erstes, hinzueilen in die Kaserne und sich als Freiwilliger zu melden. Und ich kann mir das Lachen der Feldwebel und Gefreiten denken, als diese dicke Masse die Treppe heraufkeuchte. Sie schickten ihn sofort weg. Lissauer war verzweifelt, aber wie die andern wollte er nun Deutschland wenigstens mit dem Gedicht dienen. Für ihn war alles verbürgteste Wahrheit, was deutsche Zeitungen und der deutsche Heeresbericht meldeten. Sein Land war überfallen worden, und der schlimmste Verbrecher, ganz wie es die Wilhelmstraße inszeniert hatte, jener perfide Lord Grey, der englische Außenminister. Diesem Gefühl, daß England der Hauptschuldige gegen Deutschland und an dem Kriege sei, gab er in einem „Haßgesang gegen England“ Ausdruck, einem Gedicht - ich habe es nicht vor mir -,das in harten, knappen, eindrucksvollen Versen den Haß gegen England zu dem ewigen Schwur erhob, England nie sein „Verbrechen“ zu verzeihen. Verhängnisvollerweise wurde bald offenbar, wie leicht es ist, mit Haß zu arbeiten (dieser feiste, verblendete kleine Jude Lissauer nahm das Beispiel Hitlers voraus).

Das Gedicht fiel wie eine Bombe in ein Munitionsdepot. Nie vielleicht hat ein Gedicht in Deutschland, selbst die „Wacht am Rhein“ nicht, so rasch die Runde gemacht wie dieser berüchtigte „Haßgesang gegen England“. Der Kaiser war begeistert und verlieh Lissauer den Roten Adlerorden, man druckte das Gedicht in allen Zeitungen nach, die Lehrer lasen es in den Schulen den Kindern vor, die Offiziere traten vor die Front und rezitierten es den Soldaten, bis jeder die Haßlitanei auswendig konnte. Aber nicht genug an dem. Das kleine Gedicht wurde, in Musik gesetzt und zum Chor erweitert, in den Theatern vorgetragen; unter den siebzig Millionen Deutschen gab es bald keinen einzigen Menschen mehr, der den „Haßgesang gegen England“ nicht von der ersten bis zur letzten Zeile kannte, und bald kannte ihn - freilich mit weniger Begeisterung - die ganze Welt. Über Nacht hatte Ernst Lissauer den feurigsten Ruhm, den sich ein Dichter je in diesem Kriege erworben - freilich einen Ruhm, der später an ihm brannte wie ein Nessushemd. Denn kaum daß der Krieg vorüber war und die Kaufleute wieder Geschäfte machen wollten, die Politiker sich ehrlich um Verständigung bemühten, tat man alles, um dieses Gedicht zu verleugnen, das ewige Feindschaft mit England gefordert. Und um die eigene Mitschuld abzuschieben, prangerte man den armen „Haß-Lissauer“ als den einzigen Schuldigen an der irrsinnigen Haßhysterie an, die in Wirklichkeit 1914 alle vom ersten bis zum letzten geteilt. Jeder wandte sich 1919 ostentativ von ihm ab, der ihn 1914 noch gefeiert. Die Zeitungen druckten nicht mehr seine Gedichte; wenn er unter den Kameraden erschien, entstand ein betroffenes Schweigen. Aus dem Deutschland, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hing, ist der Verlassenen dann von Hitler ausgetrieben worden und vergessen gestorben, ein tragisches Opfer dieses einen Gedichts, das ihn so hoch nur emporgehoben, um ihn dann um so tiefer zu zerschmettern.


Stefan Zweig: Die ersten Stunden des Krieges von 1914
in: Die Welt von Gestern - Erinnerungen eines Europäers, Frankfurt, 1994, Seite 268 ff.