22.08.2018

Alfred Kerr: Die Diktatur des Hausknechts und Melodien

Eine Erinnerung von Dirk Krüger

Am 10. Mai 1933 warfen die Nazi-Barbaren, von Goebbels aufgeputschte Studenten, Wissenschaftler und SA-Leute, auch die Bücher Alfred Kerrs auf den Scheiterhaufen der deutschen Kultur. Der achte Rufer grölte den „Feuerspruch „ „Gegen Verhunzung der deutschen Sprache! Für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes! Ich übergebe den Flammen die Schriften von Alfred Kerr!“

Der so „geehrte“ wurde als Sohn einer wohlhabenden Familie 1867 in Breslau geboren und hatte sich vor allem als streitbarer Theaterkritiker, aber auch als Publizist und Schriftsteller (Gedichte und Reisebücher) einen Namen gemacht. Ihn hatten die Nazis bereits weit vor 1933 auf ihren Todes-Listen vermerkt. Im Februar erreichte ihn und seine Familie die Warnung eines solidarisch gesinnten Polizisten. Am 15. Februar 1933 floh der fieberkranke Kerr mit seiner Familie, seiner Frau und ihren zwei Kindern, über die Tschechoslowakei, Österreich, die Schweiz und Frankreich nach England. Er wurde ausgebürgert, sein ganzer Besitz in Deutschland geraubt. Die Nazis schickten ihm im Exil die Aufforderung zu, die Einkommenssteuererklärung zu machen und den deutschen Finanzbehörden zuzusenden.

I.

Bereits 1934 konnte in Brüssel seine Streitschrift „Die Diktatur des Hausknechts“ erscheinen. Die Auflagenhöhe betrug 4.000 Exemplare. Er hatte die „Textcollage“ (Walter Huder) im Sommer 1934 in Paris beendet. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, denen er sogenannte „Torsprüche“ voranstellt. Den ersten Teil übertitelt er „Die völkische Verwesung“, den zweiten Teil mit „Die vergebliche Warnung“ und den dritten Teil mit „Wer hat die schönsten Schäfchen?...“ Die einzelnen Teile sind durch weitere programmatische Zwischenüberschriften gegliedert. Der Gesamttext ist nicht fließend, sondern Thesenartig mit jeweils römischen Zahlen am Anfang aufgebaut und gegliedert.

Der erste Teil vereint hauptsächlich aktuelle politische Texte in Form von Analysen, politischen Feuilletons, Berichten, Reden, Pamphleten und Glossen. Sie thematisieren hauptsächlich die Zeit und die Umstände während und nach der Flucht und waren bereits an anderen Stellen publiziert.

Im zweiten Teil schlüpft er in die Rolle, Zeuge seiner selbst zu sein und vereint folglich Texte, die er bereits in den Jahren vor seiner Emigration publiziert hatte, im „Berliner Tageblatt“ etwa, oder als Rundfunkreden über Radio Berlin. Hier wird seine Absicht erkennbar, daran zu erinnern, dass er bereits weit vor der Machtübertragung an die Faschisten - leider erfolglos - vor der Entwicklung und ihren Folgen nicht nur für Deutschland sondern auch für Europa, ja die Welt gewarnt habe.

Der dritte Teil vereint eine Auswahl seiner Gedichte, die in den Jahren 1926 bis 1934 entstanden sind. Sie können als eine Art Zusammenfassung der beiden ersten Teile interpretiert werden, gehen aber in ihrer von Kerr selbst gewollten Funktion darüber hinaus. Dieser Teil dient der Aufklärung, dem Streit, dem Aufruf zum Kampf und der Wahrheit! Und er stellt die Frage nach dem Verhalten der „freien Welt“ angesichts der vom Faschismus ausgehenden Gefahren. „Wahn, Wahn, überall Wahn./ Nach Hirnkraft kräht kein Hahn.“, lesen wir bei ihm.

In seinen „Torsprüchen“ spricht Kerr von einem „historischen Rückblick“. Was er damit meint, wird aus der Lektüre des Buches an vielen Stellen deutlich. Wir stoßen dabei - ganz im Hegelschen Sinne - auf Kerrs dialektische Geschichtsauffassung. Als ein Beispiel sei hier nur sein Umgang mit der Weimarer Republik, mit der Zersplitterung und Uneinigkeit der Linksparteien im Kampf gegen Hitler angeführt. Tragisch ist sein Zorn, seine Verachtung, die er seinem einstigen Freund Gerhart Hauptmann entgegenschleudert.

Aber er belässt es nicht bei diesen Themen, sondern breitet eine breite Palette von Themen aus. Kritische Kultur- Gesellschafts-, selbst Wirtschaftsanalysen zu den Ländern durch die er flüchtete gehören ebenso dazu wie Ausführungen zur europäischen Philosophie und Weltgeschichte. Und er geißelt die Haltung eines Teils der deutschen Intellektuellen zu Hitler sowie den Zustand der deutschen Sozialdemokratie. Viel Raum nehmen auch Hinweise und kritische Beschreibungen seiner eigenen Person ein.

Der Grundtenor, das Grundanliegen aber ist und daraus erwächst auch seine aktuelle Bedeutung: Kerr will handeln, will kämpfen! Er will Hitler mit dem Buch nicht nur demaskieren, ihn an den Welt-Pranger stellen, sondern die Welt aufklären und zum antifaschistischen Kampf mobilisieren. Und er will alles tun, damit die Rechnung der Nazis, aus ihm mit der Vertreibung aus Deutschland ein willenloses Häufchen Elend zu machen, nicht aufgeht. Wir lesen an einer Stelle eine Art Bekenntnis: „Kennt ihr einen deutschen Spruch aus der gewesenen Heimat (der schon alt ist - und noch lange gelten wird); er heißt: ‚Ich komm, ich weiß nicht woher; ich geh, ich weiß nicht wohin; was ist’s, daß ich so fröhlich bin?‘ / Nur mit einer kleinen Variante zu sprechen: ‚Ich komm...ich weiß leider woher!‘“

II.

Der Gedichtband „Melodien“ wurde 1938 in Paris publiziert. Es war das dritte Exil-Buch Kerrs. Auch dieses Buch, dessen Erlös den politischen Gefangenen in Deutschland zufließen sollte, war nicht als reiner Lyrikband gedacht und angelegt. Vielmehr diente es ebenfalls dem politischen, dem antifaschistischen Kampf. Es ist, seinem Charakter nach ein politisches Buch. Das gilt auch, wenn es sich nicht auf Kampf-, Aufruf- und Mahngedichte beschränkt, sondern auch Erinnerungs-, Bekenntnis- und Liebesgedichte enthält. Die Grundfärbung der Gedichte reicht von menschlichen Regungen wie Melancholie, Sentimentalität, Unwillen bis Zorn. Sie klagen den Verlust der Heimat durch den Faschismus an und sind gleichzeitig eine Warnung an alle, die noch nicht Opfer des Faschismus geworden sind, oder durch die Flucht in die Emigration bislang davor bewahrt wurden.

Er hatte den für ihn typischen witzigen Einfall, die Gedichte in inhaltliche Gruppen aufzuteilen und sie mit Bezeichnungen aus einer Symphonie zu übertiteln.

Den „ersten Teil der Musik“ nennt er „Tutti“. Er beginnt mit einer „Fuge“, setzt es fort mit „Andante“, „Rondo“, „Marcia“ und endet mit „Psalm Juda“.

Den „zweiten Teil der Musik“ nennt er „Solo“. Er beginnt diesen Teil mit „Vivace“, setzt ihn fort mit „Aria“, „Scherzo“, „Allegro con fuoco“ und beendet ihn mit dem „Finale: Beethoven“.

In den Gedichten spannt er einen weiten Themenbogen. Da lauten Gedichte etwa „Achtung, Europa!“, oder „In meiner Heimat“ oder „Was ist Heimat?“ oder „Vormittag in Paris“ oder „Egonek Erwin Kisch oder „Ernst Busch in Paris“ oder „Max Herrmann-Neiße“. Andere tragen Titel wie „Juden“ oder „Nazi-Olympiade“ oder „Requiem“ und „Paradies“. Wieder andere tragen Titel wie „Mecklenburgische Wirtin“ oder „London“ oder „Londres“ oder „Klabund“ oder „Der Polemist“ oder „Die schale Haut“ oder „Fünfzig, Sechzig, Siebzig Jahre“. Das Schlussgedicht trägt den Titel „Beethoven“.

Aus dem „Finale: Beethoven“ hier das Gedicht

„Sehnsucht“

Freiheit schaffen, Freiheit leben.

Den Gesang des Seins erfühlen.

Meereswogen! Gipfelstille!

Abgeschiednen Seelen nah.

Im Bewußtsein des Verrinnens

Kämpfer sein und Melodie.

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Heimatlich im Hauch der Höhe,

Witternd im Geleucht der Wolken,

Dennoch Bürger dieses Bodens,

Menschenbildern freund und fremd.

Tiefster Trost im Daseinsdämmer:

Kämpfer sein und Melodie.

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Freiheit schaffen, Freiheit leben.

Den Gesang des Seins erfühlen.

Meereswogen! Gipfelstille!

Abgeschiednen Seelen nah.

Im Bewußtsein des Verrinnens

Kämpfer sein und Melodie.

Kerr hatte einst eine „Politik der Ethik“ gefordert. Mit diesem Gedicht hat er ihr Ausdruck verliehen. Kerr, der am 12. Oktober 1948, also vor siebzig Jahren in Hamburg starb, hat als politischer Kämpfer, als Publizist, als Schriftsteller und Kritiker, hat trotz faschistischer Nazi-Herrschaft und Bedrohung des Weltfriedens, trotz erzwungener Emigration und des damit verbundenen Elends, der Existenzängste, trotz Heimweh, trotz Enttäuschungen durch das Verhalten alter Bekannte aus guten und gemeinsamen Zeiten nie aufgegeben das Leben zu lieben. Solange es ihm kräftemäßig möglich war, hat er als dem Humanismus verpflichteter Mensch weitergekämpft: „Kämpfer sein und Melodie.“

Dr. Dirk Krüger

Alfred Kerr: Die Diktatur des Hausknechts und Melodien Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main November 1983