07.07.2018
85. Jahrestag der Einrichtung des KZ Kemna

Karl Ibach: Kemna - Wuppertaler Konzentrationslager 1933-1934

„Eine Sensation für die Wachmannschaft war die Einlieferung des Zentrums-Abgeordneten und früheren preußischen Wohlfahrtsministers Hirtsiefer. Dieser war von der SA in Essen verhaftet worden und mit aufgespanntem Regenschirm und einem Schild mit entsprechendem Text um den Hals durch die Straßen geführt worden. Die Wachmannschaft in der Kemna wurde gegen ihn als einen ehemaligen „gefährlichen Bonzen“ aufgeputscht und diese gestaltete seine Anwesenheit im Lager zu einem wahren Martyrium.

Mit besonderer Lust jagte man ihn bei Einbruch des Herbstes in die kalte Wupper und überschüttete ihn dabei mit Eimer eiskalten Wassers. Da er von Beruf Schlosser war, wurde er an den Schmiedeofen der Lagerschlosserei gestellt und dort als eine Art Zirkussensation und Wundertier bestaunt. Besuchern in der Gestalt von auswärtigen SA-Führern wurde Hirtsiefer als „Lagerkostbarkeit“ vorgeführt.“

aus: VII Die Insassen, Seite 30

"Aus den Beweiserhebungen der Staatsanwaltschaft bei dem späteren Prozeß: (Nach dem Wortlaut der Anklageschrift) (...)

Fall 22 (Theodor Deis)

Der Tiefbauarbeiter Theodor Deis kam am 23.9.1933 in das Lager. Da er Leiter des Kampfbundes gegen den Faschismus gewesen war, wurde er dem Lager als besonders gefährlich gemeldet. Schon bei der Einlieferung, als er mit dem Gesicht zur Wand stand, wurde er von ihm nicht bekannten Wachmannschaften geschlagen und getreten. Bei der Aufnahme der Personalien sagte der Beschuldigte Wolff zu den anwesenden Wachmannschaften, sie sollten ihm erst mal einige geben. Daraufhin wurde er mit Gummiknüppeln, einer Peitsche und einem Spazierstock geschlagen. Nachdem er eine Personalien abgegeben hatte, stieß ihm der Beschuldigte Weischet einen Ballen altes Zeitungspapier in den Mund, beugte ihn mit dem Kopf nach vorne und vier andere Wachmannschaften schlugen dann auf Deis ein (...) Dann wurde er mit den Kleidern in die Wupper gejagt und hier wiederholt untergetaucht. Am Ufer stehende Wachmannschaften warfen auch mit Steinen auf Deis, wobei er mehrfach getroffen wurde. Dann mußter er sich im Flur wieder an die Wand stellen. Hier bewachte ihn der (...) damalige Sanitäter der SA Bergfeld. Bergfeld schlug ihm verschiedentlich mit der Pistole gegen den Kopf und befahl außerdem Deis, den Kopf vorzustrecken, woraufhin Bergfeld den Deis dann mit aller Wucht ins Gesicht boxte. Einer der Wachmannschaften (...) steckte dem Deis alsdann eine brennende Zigarette in den Mund, die dieser auf Befehl essen mußte. Als er versuchte, die Zigarette auszuspucken, wurde ihm der Mund zugehalten. Nach einiger Zeit wurde er dann erneut zur Vernehmung geholt und hier, nachdem man ihm wieder Papier in den Mund gesteckt hatte, in gleicher Weise wie vorher verprügelt. Die „Vernehmung“ hat etwa 1 Stunde gedauert. Der vernehmende damalige SA-Sturmbannführer Pfeiffer erklärte ihm dabei, das sei das Mittelalter und ob er gesehen hätte, wie Max Hölz verstümmelt worden sei, so würde es ihm auch gehen, aber nicht auf einmal, denn sie wollten lange etwas davon haben. Dann wurde er mit einem Fußtritt in den Verschlag unter der Treppe befördert. Im Laufe der Nacht wurde er wiederholt u.a. auch von dem Beschuldigten Paul Schmidt und Weber herausgeholt und mit Schlagwerkzeugen und von Weber insbesondere mit dem Kolben einer Maschinenpistole verprügelt. Schmidt erklärte ihm überdies, daß er diese Nacht noch im Steinbruch erschossen würde. Deis war durch diese Mißhandlungen derart verzweifelt, daß er versuchte, sich mit einem Schuhriemen aufzuhängen. Am Nachmittag des nächsten Tages, einem Sonntag, wurde Deis von dem Beschuldigten Paul Schmidt in den SA-Saal geholt und aufgefordert, zu bekennen, wo er die Flugblätter und die Pistolen hätte. Als er keine Angaben machen konnte, wurde er über eine lange Bank gezogen, Schmidt drückte ihm Papier in den Mund, hielt ihn am Kopf fest, zwei andere hoben seine Beine hoch und dann wurde er von verschiedenen Wachmannschaften in unmenschlichster Weise vom Kopf bis zu den Füßen geschlagen, wobei Schmidt öfters die Wachmannschaften durch den Zuruf „Tempo, Tempo“ ermunterte. Als es Deis einmal gelang, sich loszureißen, versuchte er zum Fenster herauszuspringen, und zerbrach dabei eine Scheibe. Er wurde nun von dem Beschuldigten Danowski zurückgeholt und mit einem Ochsenziemer verprügelt. Dann wurde er wieder über die Bank gezogen und erneut von mehreren anderen verprügelt. Schließlich mußte er unter den an der Wand stehenden Betten herkriechen und wurde dabei von Wachmannschaften, die in den Zwischenabständen zwischen den Betten standen, geschlagen und getreten. Schließlich gelang es ihm wieder unter den Verschlag unter der Treppe zu flüchten. In der kommenden Nacht hat Deis dann versucht sich aufzuhängen. In den nächsten Tagen ist er dann noch mehrmals verprügelt worden; die Prügelaktion hat insgesamt 7 Tage gedauert.

Am 14. 10. wurde Deis zur Vernehmung durch den Gestapobeamten Pedrotti geholt. Da er wieder nicht die gewünschten Angaben machte, wurde er wiederum im unmenschlichster Weise verprügelt. Als er schließlich zusammengebrochen auf dem Boden lag, trat ihn Weischet so lange, bis er sich wieder erhoben hatte. Während der Mißhandlungen wurde er u.a. auch gezwungen, das sogenannte „Kemna-Häppchen“, Salzheringe mit Staufferfett und Salz beschmiert, zu essen. Auch steckte man ihn eines Tages in einen Sack und schleppte ihn zur Wupper mit der Drohung, wenn er jetzt keine Angaben mache, würde er ersäuft. Er wurde dann auch mehrmals in der Wupper untergetaucht.

(...) Dieses sind nur einige Beispiele aus der Fülle von über 200 eidlich bekräftigten Zeugenaussagen, die wiederum auch nur einen Ausschnitt aus dem wahren Umfang der tatsächlichen Vorkommnisse darstellen.“

aus: XI Einige Fälle sprechen für viele, Seite 68 ff.

Karl Ibach: Kemna - Wuppertaler Konzentrationslager 1933-1934, 4. Auflage, Wuppertal, 1983