19.04.2018
19. April 1943 - Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto

Noemi Szac-Wajnkrane: Zosia

Zosia war ein kleines Mädchen, die Tochter eines Arztes. Während der „Aktion“ fielen einem Deutschen ihre schönen, wie Diamanten strahlenden Augen auf.

„Das gäbe zwei Ringe für mich und meine Frau.“

Sein Kumpan hält das Mädchen fest.

„Woll´n mal sehen, ob sie tatsächlich so hübsch sind. Besser wär´s, man beguckte sie sich in der Hand.“

In dem Verein allgemeine Heiterkeit. Ein besonderer Witzbold schlägt vor, dem Mädchen die Augen auszustechen. Ein gellender Schrei und donnerndes Gelächter der Soldateska. Der Schrei durchdringt unser Hirn, unser Herz: das Gelächter stößt zu wie ein spitzes Messer. Geschrei und Gelächter steigern sich, fliegen zum Himmel auf.

„Was hörst du zuerst, o Gott?“

Im nächsten Augenblick liegt das ohnmächtige Kind auf der Erde; an Stelle der Augen sieht man zwei blutige Wunden. Die rasende Mutter halten Frauen an den Armen fest. Diesmal hat man Zosia die Mutter gelassen.

Nach zwei Wochen kam ich zufällig mit dem Mädchen in Berührung. Es war ein friedlicher Tag, und die Kleine lag im Bett. Um die Augen war ein Verband gebunden. Sie streichelte der Mutter die Hände und tröstete sie: „Nicht weinen, Mamele. Es hat vielleicht so kommen sollen. Besser, sie haben mir die Augen genommen, als daß sie mich ermordet hätten. Nach dem Krieg werd ich von Stadt zu Stadt, von Land zu Land reisen und allen erzählen, wie die Deutschen uns gequält haben, damit jeder versteht, daß man sich an den Hitlerleuten rächen muß, und wenn ich die Binde abnehme, werden keinem mehr die deutschen Kinder leid tun ...“

Bei einer der nächsten Blockaden nahmen sie Zosia mit. Schließlich gehören blinde Mädchen auch ausgerottet.

Du wirst nicht von Stadt zu Stadt, von Land zu Land reisen und von unseren bestialischen Unterdrückern erzählen, Kleine, und niemand wird dein grausam verstümmeltes Gesichtchen sehen. Du bist verschollen. Nichts blieb von dir zurück außer der Erinnerung.

Ich schreibe über dich, Zosia. Das ist alles.

Hiob 1943 - Ein Requiem für das Warschauer Ghetto; ausgewählt und herausgegeben von Karin Wolff, Neukirchen-Vlyn, 1983, Seite 215