21.02.2018
Das Jahr 1968 - dokumentiert

Die Senatskundgebung „Für Freiheit und Frieden“ - Ein Stimmungsbild

Reaktion auf den Vietnam-Kongreß an der FU Berlin - 21. Februar 1968

Ein Amateurfotograf, der das Verbrennen einer roten Fahne nicht mehr knipsen konnte, weil sein Film zu Ende war, versuchte unauffällig zu verschwinden. Der Verwaltungsangestellte Mende, der Rudi Dutschke ähnelte: „Als ich wegging, folgte mir ein älterer Mann mit einer roten Armbinde. Er begann mich zu stoßen und rief: „Kommunistensau, hau ab!“ Da tönte es plötzlich aus der Menge heraus, immer lauter: „Hier ist Dutschke.“ Das ging wie ein Lauffeuer durch die Menge. Sie kam in Bewegung und rückte auf mich zu.

Da rief ich: „Ich bin ein Arbeiter wie ihr.“ Man trat mir dennoch mir Schuhen ins Gesicht. Dann hatte jemand eine Flasche in der Hand und schlug auf mich ein. Ich spürte am ganzen Körper nur noch Schläge. Irgendwie konnte ich mich wieder aufrappeln.“

Die Zahl der Verfolger draußen wuchs. Aus zuerst zwanzig wurden viele hundert. Mende suchte in einer Filiale der Firma Eduard Palm & Co. Schutz, wurde aber von einem Angestellten aus dem Laden gewiesen, ging unter Schlägen zu Boden, rappelte sich wieder hoch und stürzte einem Polizeikommissar in die Arme.

Diesem Zugführer einer Berliner Polizei-Inspektion, 42 Jahre alt, gelang es nur mit Mühe, den Verfolgten vor den erregten Berlinern zu schützen. Der Polizeioffizier, der auf Geheiß seiner Dienststelle seinen Namen nicht nennen darf, zum „Stern“: „Wir hatten schon einige Zwischenfälle vorher erlebt. Es war für uns eine ganz neue Erfahrung, das war ja eine entmenschte Masse. Ich war gerade nach vorn gegangen, um die Lage zu erforschen, als mir der junge Mann entgegen gerannt kam. Er lief mir direkt in die Arme, fiel mir um den Hals uns stammelte: „Um Gottes willen, schützen Sie mich, die wollen mich totschlagen.“

Hinter ihm her kamen an die tausend Leute, die uns beide nun noch vierzig Meter weit verfolgten. Dann hatten sie uns eingeholt. Die Leute johlten und riefen: „Schlagt den Dutschke tot“. Ich bekam Schläge auf den Rücken. Wir wurden zu Boden geworfen. Die Menge war außer sich. Wir haben uns dann die letzten Meter bis zum Wagen irgendwie hingeschleppt. Ich konnte gerade noch die Tür aufreißen und den jungen Mann hineinstoßen.“

Mende erinnert sich: „Die Leute wollten darauf den Mannschaftswagen umkippen. Zwei von ihnen schlugen eine Scheibe ein. Ich sah durch das Fenster entstellte und tierische Gesichter. Die Menge brüllte draußen:“Lyncht ihn, hängt ihn auf.“

(aus: „Stern“ Nr. 10, 1968)

in: CheSchahShit - Die sechziger Jahre zwischen Cocktail und Molotow; 1986, Hamburg, Seite 200 f.
Her auch ein Foto des Angriffs!