13.01.2018
1968 in Wuppertal

1932: Tag und Nacht schützen die Arbeiter ihr Gewerkschaftshaus

Aus: "Nachts, wenn die Gestapo schellte..." von Klaus und Doris Jann, NRZ, 13. Januar 1968

Wuppertal - 1932: Im „deutschen Manchester“ hungern die Bandwirker und Färber, die Weber und Chemiearbeiter. An den Arbeitsämtern und Stempelstellen stehen sie Schlange, die Erwerbs,- aber nicht Arbeitslosen. Denn zu tun gibt es genug in jenen Tagen des Jahres 1932. Während in Berlin die Regierung Brüning mit Notverordnungen regiert, während von Papen Brüning ablöst, während von Papen dann Kurt Schleicher auf dem Reichskanzlerposten Platz machen muß, gärt es im Wupper-Tal.

Die rund 400 000 Einwohner zählende Stadt hat ihre Erwerbslosen. Es sind etwa 60 000. In den Hochburgen der Wuppertaler Arbeiterschaft, im Petroleumsviertel, auf dem Rott und in Heckinghausen wirken Sozialdemokraten und Kommunisten mehr oder minder radikal gegen das Aufkommen des Nazismus, der sich bereits des Terrors bedient.

Während für viele Arbeiter Pellkartoffeln und Zwiebelsoße die Hauptnahrung sind und die Familien Fleisch nur noch aus den Kochbüchern vergangener Jahre kennen, feiert die SA in ihren Kasernen ein üppiges Leben. Für viele ist es eine Provokation, für manchen aber auch Verführung: Dort wohnt man, dort gibt es gutes Essen, genug zu rauchen und zu trinken.

Wer schwach wird, wer den knurrenden Magen nicht mehr ertragen will, vertauscht das abgetragene Hemd und die zerschlissene Hose gegen die „verbotene“ SA-Uniform. Trotz des Uniformverbotes nämlich marschiert die NS-Sturmabteilung von der Elbe bis an den Rhein in weißen, gestärkten Hemden, braunen Hosen und Schaftstiefeln durch die Straßen. Auch in Wuppertal. Willi Veller, meist „Emmes“ genannt, Leiter des Nazitrupps und später Polizeipräsident, sorgt dafür, daß seine Mannen gut bewaffnet sind, auch wenn Waffenbesitz nicht erlaubt ist.

Aber nicht einmal nach dem Uniformverbot kann die SA in Wuppertal ihre Aufmärsche in Uniform zelebrieren, vom Spaziergang zu zweit ganz zu schweigen. Denn die Bewohner der Stadt im Tal haben seit je her einen ausgeprägt starken Willen gegen Obrigkeiten und Autoritäten.

SA-Uniform ausgezogen

So behalten die fürwitzigen SA-Männer, die sich dennoch einmal in ihrer braunen Kluft und dem Käppi, das an die Fremdenlegion erinnert, ihre Kleider nicht lange auf dem Körper: sie werden ihnen einfach ausgezogen.Später rächen sich die braunen Horden dafür blutig, doch noch ist die Zeit für den vom Staat befohlenen Terror nicht reif.

Illegaler Selbstschutz der Kommunisten

Das deutsche Manchester von 1932 zeigt viele Gesichter: Die Zeitungen spiegeln die politischen Meinungen von links über die Neutralen bis rechts. Das unsteteste Leben unter den meinungsmachenden Zeitungen führt die „ Freiheit“, Organ der KPD, die ebensooft verboten ist wie ihre Redakteure inhaftiert werden.

Die evangelische Kirche, später Dreh-Angelpunkt des kirchlichen Widerstandes, gehört durchweg zu den konservativ-nationalen Kräften. Der CVJM schreibt in seinem monatlichen Blättchen noch begeisterte Worte über den „Führer“ Adolf Hitler.

„Eiserne Front“ wacht

Das Reichsbanner, die „Eiserne Front“ der sozialdemokratischen Partei schützt Tag und Nacht das Gewerkschaftshaus in der heutigen Wittensteinstraße vor den Übergriffen der SA, die im Stabsquartier an der Kniestraße sorgfältig geplant werden. Der Rotfrontkämpferbund, Kampforganisation der Kommunisten, ist seit langem verboten. Dennoch wollen die revolutionären Linken „ ihre“ Viertel nicht wehrlos lassen: In Heckinghausen beginnen sie mit dem Aufbau eines eigenen, illegalen Selbstschutzes. Erst mußte jedoch ein junger Arbeit (nicht der einzige!) erschossen werden.

Er ist kein Kommunist, wie die „Freiheit“ schreibt, nur zweiter Trompeter im Arbeitermusikverein. Fritz Klaus, so heißt er, wird in Vohwinkel nachts von SA- Leuten meuchlings erschossen. Erst drei Tage zuvor waren im Landgericht der Wupper-Stadt zwei Mitglieder der NS-Sturmabteilung zu fünf und sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie in Hückeswagen drei Kommunisten auf offener Straße erschossen haben.

In den letzten Junitagen des Jahres 1932 ist in der Stadt im Tal die Hölle los. Eine Demonstration löst die andere ab. Sozialdemokraten, Anarchisten, Christen und Kommunisten gehen auf die Straße. Jeder weiß: „Morgen kann ich dran sein!“ Doch die Polizei geht mit Gummiknüppeln und berittenen Mannschaften gegen die Massen vor.

Nennenswerte Aktionen gegen die kasernierte SA, die zudem von der Industrie unterstützt wird, gibt es nicht. Exekutive und Justiz sind auf dem rechten Auge blind, zumindest drücken sie es im Angesicht der angeblichen „roten Gefahr“ eifrig zu.

Eine Reaktion gegen die braunen Machthaber, die auch vor offenem politischen Mord nicht zurückschrecken, ist der „Kampfbund gegen den Faschismus“. Mehrere tausend Menschen in Elberfeld und Barmen, in Ronsdorf und Vohwinkel, in Beyenburg und Cronenberg schließen sich im Jahre 1932 zu dieser Aktion zusammen. Sie sind entschlossen, gegen den Nazi-Terror anzugehen.

Ihre ideologischen Unterschiede spielen plötzlich, wo es um die demokratische Existenz geht, keine Rolle mehr. Es finden sich Sozialdemokraten zu Anarcho-Syndikalisten, Kommunisten zu Trotzkisten, die Reichsbanner-Leute zu denen der SAP, einer von „linken“ Sozialdemokraten und gemäßigten Kommunisten gegründeten Partei.

Aber ein Jahr vor der Machtübernahme Hitlers sind seine braunen Legionen trotz Waffen noch nicht so stark, daß sie die linke Opposition an die Wand schießen können, wie es das NS-Organ „Angriff“ gerne gesehen hätte.

Die Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 bringen der NSDAP 42,6% der Stimmen ein, die Kommunisten bekommen in Wuppertal 22,3 , die Sozialdemokraten 15,3 Prozent. Knapp 12 Prozent der Stimmen erringen die konfessionellen, republiktreuen Parteien, Zentrum (katholisch) und Christlich-Sozialer Volk-Dienst (evangelisch). Noch kein halbes Jahr weiter muß die NSDAP in Wuppertal gewaltig Federn lassen. Etwas 20 000 Wähler wenden sich von den Nationalsozialisten ab; der NS- Stimmenanteil beträgt nur noch 35,9 Prozent.

Abfuhr für Goebbels

Nichts kennzeichnet die Einstellung der Wuppertaler Bevölkerung zu den Nazis besser als der Empfang, den sie Josef Goebbels zu Beginn des Jahres 1933, noch vor der Machtübernahme bereitet. Goebbels ist fest entschlossen, vom Barmer Rathaus im Triumphzug zum Stadion am Zoo zu fahren. Die Menschen sollen ihm zujubeln. Doch statt der Begeisterung empfängt den Chefideologen mit dem zu kurzen Bein wilder Haß und laute Empörung. Tausende Wuppertaler säumen seinen Weg. Doch statt des jubelnden „Heil“ schreien sie ihm „ Nieder mit Hitler“ zu. Nach dem 30. Januar 1933 werden Wuppertals Antifaschisten den Zorn Goebbels über diese Abfuhr noch zu spüren bekommen.