13.01.2018
1968 in Wuppertal

„Nachts, wenn die Gestapo schellte“

13. Januar 1968 - " In diesen Tagen, von Werner Lust

Lieber Leser !

Vor etwas mehr als einem Jahr, am 9. Januar 1967, saßen Redakteure und Mitarbeiter der NRZ - Stadtredaktion Wuppertal zusammen, um zu überlegen, welche großen Themen im Laufe des Jahres in der Zeitung behandelt werden sollten.

An diesem Abend wurde die Idee ausgebrütet, eine Serie zu schreiben über den politischen Widerstand in Wuppertal während der Jahre 1933 bis 1945. Angesetzt auf dieses Thema wurde Klaus H. Jann. Nachdem er sich die Sache ein paar Tage überlegt hatte, schlug er angesichts des Wustes von Arbeit, der vor ihm lag, vor, die Serie zusammen mit seiner Frau, Doris Jann, zu schreiben, die NRZ - Redakteurin in Essen ist.

Fortan nutzten beide nahezu jede freie Stunde, das erforderliche Material zu finden, zu sammeln und zu sichten.Und je tiefer sie sich in die Thematik hineinarbeiteten, desto umfangreicher wurde die Lister derjenigen Dinge, die sie noch zu erledigen hatten. Das noch zu erledigende Arbeitspensum wuchs mit dem Umfang der erledigten Arbeit. Und Anfang Oktober, dem Termin, an dem ursprünglich die Serie erscheinen sollte, zeigte sich, das der Termin um mindestens ein Vierteljahr verschoben werden mußte.

Doris und Klaus H. Jann interviewten bis heute mehr als 80 Betroffene aus jener Zeit. Sie unternahmen Reisen in verschiedene Städte Nordrhein-Westfalens. Sie sichteten im Düsseldorfer Staatsarchiv und in privaten Archiven mehr als einhundert Dokumente, darunter Prozessakten und Gestapo- Papiere, alte Gazetten, illegale Zeitungen und Flugblätter. Sie machten Jagd auf ausländische Zeitungen, die in jener Zeit über den Wuppertaler Widerstand berichtet hatten. Sie verfügen über Fotokopien von annähernd 100 Dokumenten teils atemberaubenden Inhaltes. In einer von ihnen mit Akribie geführten Liste von Personen, die in Zusammenhang mit dem damaligen politischen Widerstand standen, stehen bis jetzt fast 200 Namen, und jeden Tag kommen einige hinzu.

Den beiden NRZ-Rechercheuren begegneten bei ihren Interviews mehrfach Menschen, die kaum noch eine Erinnerung jenes Widerstandsgeschehens hatten, und denen die beiden Janns, die jene Zeiten gar nicht bewußt miterlebt hatten, weil sie zu jung sind, aufgrund ihrer bei früheren Interviews gewonnenen Erkenntnisse helfen konnten, sich wieder zu erinnern.

Ihnen begegneten aber auch Menschen, die darum baten, daß wir ihre Namen nicht nennen, teils, weil sie Angst hatten, irgendwann in Zukunft könnte ihnen ähnliches passieren, wie damals, teils, weil sie glaubten, es sei wegen ihrer heutigen beruflichen oder geschäftlichen Position nicht opportun, heute als Widerständler von damals erkannt zu werden.

Heute beginnt die NRZ unter der Überschrift „Nachts, wenn die Gestapo schellte“ mit ihrer Serie über den politischen Widerstand 1933 bis 1945 in Wuppertal. Es wird berichtet über den Kampf und die Leiden der verschiedensten Gruppen: Christen beider Konfessionen, Gewerkschaftler, Naturfreunde, Sozialdemokraten, Kommunisten und viele Einzelpersonen. Es wird berichtet über dramatische Ereignisse beim Konsum, bei der Schwebebahn und bei der AOK, über das Kemnalager und über die NS - Justiz, der zahlreiche Wuppertaler Widerstandskämpfer zum Opfer fielen.

Warum wir das tun? - Ich meine, der politische Widerstand in jener Zeit ist ein Stück Wuppertaler Zeitgeschichte, das nicht in Vergessenheit geraten sollte."