Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

03.10.2017

Knie dich hin!

Von Jürgen Heiser

Trump trotzen: Die Proteste von US-Sportlern gegen Rassismus haben eine Massenbewegung initiiert

Während die Bevölkerung der von Hurrikan »Maria« verwüsteten US-Kolonie Puerto Rico vergeblich auf klare Worte und schnelle Hilfe aus dem Weißen Haus wartete, nahm sich der US-Präsident lieber für anderes Zeit: Ausgiebig beleidigte Donald Trump in der letzten Septemberwoche Superstars der heimischen Football-Liga NFL und Basketball-Liga NBA. Mit Quarterback Colin Kaepernick hatte es im August 2016 angefangen, als der beim Abspielen der Nationalhymne nicht Haltung annahm, sondern sich hingekniete, um ein Zeichen gegen rassistische Polizeigewalt zu setzen. Zusammen mit seinen Kameraden von den San Francisco 49ers Eli Harold und Eric Reid setzte er im Oktober 2016 den Protest unter dem Motto »Take a knee« (»Knie dich hin«) fort (siehe jW vom 25.9. und 16.8.).

Auch Sportler anderer Verbände machten sich Kaepernicks Haltung zu eigen und sorgten damit für nationale und internationale Aufmerksamkeit. Zum Katalysator dieser Entwicklung wurde Trump, als er vor gut einer Woche auf einer Versammlung der Republikaner in Alabama die NFL-Stars als »Hurensöhne« beschimpfte, die »sofort gefeuert« gehörten. Dass der Präsident diese Auseinandersetzung vom Zaun brach, führen Beobachter darauf zurück, dass er nach dem Scheitern seiner Versuche, die Gesundheitsreform Barack Obamas rückgängig zu machen, und der Kritik an seinem Versagen bei der Hilfe für das verwüstete Puerto Rico seine Anhänger hinter sich scharen wollte. Doch seine Argumente stehen auf tönernen Füßen. Im Gegensatz zu seiner Behauptung gibt es nämlich keine alte Tradition, dass NFL-Spieler der Nationalhymne stehend ihren Respekt erweisen müssten, klärte etwa das Deutschlandradio auf. Erst seit 2009 bezahle das US-Verteidigungsministerium die NFL dafür, dass die Hymne gespielt wird. Seitdem müssten die Spieler anwesend sein, nach den Regularien jedoch nicht notwendigerweise aufrecht stehen. Was zeigt, dass Trump und Co. »Recht und Gesetz« ständig nach Bedarf eigenmächtig aus dem Stegreif setzen.

Gegen diese Politik fallen derzeit mehr und mehr Menschen auf die Knie, jedoch nicht aus Ehrfurcht vor ihrem Präsidenten. Im Gegenteil: Mit der Geste machen sie deutlich, dass Trump weder Macht über Sportler noch sonst wen hat und die Schande des Rassismus nicht länger tatenlos geduldet wird. Erinnert wird jetzt in diesem Zusammenhang häufig an das zur Ikone der Black-Power-Bewegung gewordene Bild der beiden US-Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos. Bei der Siegerehrung nach dem 200-Meter-Lauf während der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt reckten sie ihre Fäuste in schwarzen Handschuhen in die Luft. Sie bewirkten damals, dass der Kampf der afroamerikanischen Bevölkerung weltweit bekannt wurde.

Der Pionier Kaepernick und seine Sportkameraden haben vergleichbares initiiert. Während der seit Anfang September laufenden neuen Football-Saison haben sie aus den Stadien heraus eine Massenbewegung in Gang gesetzt, die mittlerweile neben Schülern und Studenten sogar afroamerikanische Polizisten erfasst hat. Das bekam auch US-Justizminister Jefferson Sessions zu spüren, als er kurz nach Trumps »Hurensöhne«-Schimpfkanonade eine Rede an der Georgetown University in Washington D. C. hielt. Während Sessions drinnen den Spagat wagte, über sein Thema »Meinungsfreiheit« zu sprechen und gleichzeitig die Attacke seines Chefs gegen die NLF-Sportler zu verteidigen, knieten vor dem Hauptportal der Uni mehr als hundert Studierende und Professoren einhellig nieder und protestierten sowohl gegen Sessions’ »Verlogenheit« als auch die laufenden Strafverfahren gegen Demonstranten, die im Januar gegen Trumps Amtseinführung protestiert hatten.

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