Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

30.09.2017

Henri Martins Briefe aus Indochina an seine Familie

My Tho, 30. September 1947

Liebe Eltern,

heute vor zwei Jahren war mein letzter Urlaubstag. Ich habe den Eindruck, daß ich noch lange hier schmoren werde.

Morgen kehren wir nach Saigon zurück. Dort werden wir Näheres über die Ablösung und das Datum unserer Heimkehr erfahren. Nach den letzten Meldungen wird die Chevreuil in drei Monaten nach Frankreich zurückkehren.

Vor einigen Tagen haben wir eine Operation mit einem marokkanischen Schützenbataillon und zwei französischen Kompanien unternommen. Bollaert, die Admirale Kraof und Battet sowie General Boyer de Latour wohnten der Operation an Bord der Commandant Bouy bei. Wir trafen bei Morgengrauen ein, aber statt sofort an Land zu gehen, warteten wir, bis es hell wurde. Auf diese Weise konnten die hohen Herren das Schauspiel beobachten. Wir eröffnen das Feuer mit dem 40-, dem 20-, dem 127-mm-Geschütz und mit dem 81er Granatwerfer. Das Feuer wird eingestellt, nur der LTC, der als erster landen soll, gerät in eine Gegenströmung und muß lange manövrieren. So haben die Vietminh genügend Zeit, sich zu sammeln; wir sollten es kurz darauf erleben. Nachdem die erste Landung geglückt ist, fahren wir weiter flußaufwärts. Zu dieser Zeit steht die Sonne schon hoch am Himmel, und so ist es kein Überraschungsangriff mehr. Der Hohe Kommissar fährt ab, für ihn ist das Schauspiel zu Ende.

Von Land erreicht uns die Meldung: „Sind in ernster Bedrängnis.“ Etwa einen Kilometer von uns entfernt großes Getöse: Maschinengewehrsalven, Granaten, Gewehrschüsse. Ein LCA, ein LCM und ein VP fahren mit den Truppen den Flußarm hinauf. Plötzlich sehen wir die VP zurückkommen. Kurz darauf kommen auch der LCM und der LCA zurück. Sie haben Tote und Verwundete an Bord. Sie sind von beiden Ufern aus angegriffen worden. Die Vietminh saßen in den Bäumen. Das Maschinengewehr des LCM hat einen Volltreffer erhalten und ist ausgefallen. Der Leutnant gibt Befehl, trotzdem weiterzufahren. Die Verbindung wird hergestellt, die verwundeten Marokkaner kommen an Bord, und der LCM kehrt zu uns zurück. Zwei Matrosen sind tot, ihr Leutnant ist verwundet, zwei französische Soldaten sind gefallen; ein marokkanischer Schütze, der einen Kopfschuß hat, stirbt auf unserer Brücke. Der Bataillonskommandant hat Glück gehabt: eine Kugel hat ihm die Uhr auf der Brust zertrümmert.

Jetzt liegen fünf Tote auf unserem Achterdeck. Sie sind mit der französischen Fahne zugedeckt. Auf der Brücke sind überall Blutlachen. Der Arzt hat viel zu tun, denn es sind jetzt sechzehn verwundete Franzosen und Marokkaner an Bord.

Der Hohe Kommissar ist nicht mehr da, um das Schauspiel zu betrachten.

Die Nacht bricht herein, die Vietminh haben sich verkrochen. Wir kennen ihre Verluste nicht. Mehrere Dörfer stehen in Flammen. Die Truppen gehen wieder an Bord. Plötzlich stellen wir fest, daß eine Gruppe von 40 Mann fehlt. Wir schießen Leuchtkugeln ab, eine rote Rakete antwortet uns. Zwei LCVP fahren wieder den Flußarm hinauf und nehmen die Nachzügler an Bord. Die Dörfer brennen noch immer. Bei der Einschiffung ertrinkt ein marokkanischer Sergeant, so daß sich die Zahl der Toten auf sechs erhöht. Am nächsten Tag Beerdigung mit schönen Reden in Vinh Long. Auf dem Friedhof sind etwa sechzig französische Gräber.

Vor zwei Tagen sind fünf gepanzerte Jeeps erbeutet und in Brand gesteckt worden. Im Kommunique ist davon nicht die Rede.

Ich schließe für heute.

Herzliche Küsse

Henri

P.S. Ich lege zwei Fotos aus Phnom Penh bei.

Jean-Paul Sartre: Wider das Unrecht - Die Affäre Henri Martin; 1983; Reinbek bei Hamburg; Seite 62-63
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