Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

10.09.2017

Henri Martins Briefe aus Indochina an seine Familie

Tanchan, 10. September 1947

Liebe Eltern,

nach den Kommuniques hat sich die Lage in Kotschinchina gebessert. Urteilt selbst. Im März dieses Jahres patrouillierte ein einziger Aviso auf dem Fluß. Manchmal eine Woche lang gar keiner.

Jetzt sind wir drei Avisos auf dem Mekong: die Boudeuse, die Commandant Bouy und die Chevreuil. Und wir haben kaum Zeit, in Can Tho Trinkwasser zu holen. Wir müssen die Konvois begleiten, Truppenkonzentrationen der Vietminh bombardieren, Dschunken aufbringen und so weiter. Kürzlich fand zwischen Long Xuyen und Sadec eine große Säuberungsaktion statt. Zweitausend Infanteristen und Hoa-Hao-Banden haben an der Operation teilgenommen. Am ersten Tag haben wir die Vietminh mit den 102-mm-Geschützen beschossen, worauf sie sich zurückzogen. In der Nacht haben wir einige Dschunken unter Beschuß genommen, die den Fluß zu überqueren versuchten. Am nächsten Morgen kam ein dringender Hilferuf aus der Gegend von Tanchan weiter nördlich. Ein Posten war angegriffen worden. Als wir dort eintrafen, hatten sich die Vietminh bereits zurückgezogen. Ein Franzose war verwundet. Wir schossen noch mit Kanonen. Dann begleiten wir einen Konvoi bis zur kambodschanischen Grenze. Der kleine Grenzposten hatte acht Verwundete, darunter sechs Kambodschaner. Wir durchqueren den Kanal von Tanchan, um nach Chadoc zu fahren. Am nächsten Tag wieder ein dringender Hilferuf aus Tanchan. Fast wären wir im Kanal steckengeblieben, so ungünstig war der Wasserstand. Wir erreichen den Posten in Tanchan. Von dort aus setzen wir mit dem Boot an Land, um Erkundungen einzuholen. Die Hoa-Hao hatten Vietminh gesehen, die sich in ihrem Dorf verproviantierten. Da sich diese inzwischen wieder verzogen hatten, war die Operation damit beendet.

Die Hoa-Hao sind eine religiöse Sekte. Sie gehören dem reformierten Buddhismus an, der um das Jahr 1900 entstanden ist. Vor zwei Jahren kämpften die Hoa-Hao noch aus seiten der Vietminh. Ihre Anführer haben sich zerstritten, und jetzt stehen sie auf unserer Seite.

Bei der Operation südlich von Long Xuyen sollen 106 Vietminh und nur drei Franzosen gefallen sein. Der Unterschied ist ein bißchen groß. Drei Tage nach der Operation sind auf der Straße von Long Xyuen nach Raghia 19 französische Soldaten getötet worden, darunter drei Offiziere. Davon stand jedoch kein Wort in dem Kommunique.

Im Verlauf der Operationen hat die Bevölkerung wieder viel einstecken müssen. Wir haben einige Sampans versenkt, auf denen sich nur Frauen befanden. An Bord haben wir ein kleines Mädchen gepflegt, das von einer Kugel in die Brust getroffen worden war. Es hatte Glück gehabt: kein inneres Organ war verletzt.

Was uns betrifft, so haben wir nur einen Gewehrschuß vom Ufer abbekommen.

Ende der Woche sollen wir nach Phnom Penh auslaufen. Unsere Rückkehr nach Saigon ist für den 20. September vorgesehen. Von Ablösung ist noch keine Rede.

Ich habe Eure Briefe vom 14. und 26. August sowie die Karte von Jeanne-Marie aus Chateauneuf erhalten.

Für heute schließe ich.

Herzliche Küsse

Henri

Jean-Paul Sartre: Wider das Unrecht - Die Affäre Henri Martin; 1983; Reinbek bei Hamburg; Seite 59-61
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