Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

29.08.2017

Henri Martins Briefe aus Indochina an seine Familie

Traon, 29. August 1947

Liebe Eltern,

wie vorgesehen haben wir am 21. August Saigon verlassen. Nachdem wir die Nacht in My Tho verbracht hatten, erreichten wir Can Tho. Am nächsten Tag übernahmen wir den Schutz eines Konvois, der mit 7000 Tonnen Reis nach Saigon unterwegs war. In Traon, südlich von Can Tho, am Eingang des Kanals von Nicolai, liegen wir fest. Dieser Kanal verbindet den Bassac mit dem Mekong. Wir können nicht hineinfahren, denn er ist zu schmal. Der Aviso Boudeuse lag am anderen Ufer des Kanals, auf dem Mekong. Der Konvoi bestand aus etwa sechzig großen Dschunken, von denen einige 200 Tonnen geladen hatten. Sie wurden von Schleppern gezogen. Auf beiden Seiten des Kanals rückte eine Kompanie Infanterie mit dem Konvoi vor. Zu seinem Schutz waren ein LCI, ein LOVP und eine VP aufgeboten. Der Konvoi passierte unangefochten den Kanal, aber die Infanteristen hatten neun Tote und drei Verwundete. Unter den Toten befindet sich auch ihr Hauptmann.

Zwei Tage später begleitete ein LCI einen Konvoi durch denselben Kanal. Sie wurden angegriffen und hatten vier Verwundete an Bord.

Heute sind wir wieder in Traon, denn es kommt ein neuer Konvoi. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Neulich haben wir mit dem 102-mm-Geschütz gefeuert. Jede dieser Granaten kostet 20000 Francs. Seit unserem Auslaufen aus Saigon haben wir Granaten im Wert von zwei Millionen verschossen.

Auf dem Friedhof in Can Tho ruhen jetzt 450 französische Soldaten. Als wir das letzte Mal dort waren, waren es erst 300.

Sonst ist in Indochina alles in Ordnung.

Ich weiß noch nicht, wann wir nach Saigon zurückfahren.

Ich bin gesund. Herzliche Küsse

Henri

Jean-Paul Sartre: Wider das Unrecht - Die Affäre Henri Martin; 1983; Reinbek bei Hamburg; Seite 59
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