Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

28.08.2017

Rückwärts in die Zukunft

Von Mumia Abu-Jamal

Die Ereignisse von Charlottesville im Bundesstaat Virginia fanden einen Widerhall weit über die Grenzen der USA hinaus. Was in der 46.000-Seelen-Stadt passierte, ist nun von nationaler Bedeutung. Der Grund für das Geschehen muss in der Geschichte der Vereinigten Staaten gesucht werden. Diese aber ist vergiftet von dem unentwegten Glauben an die Vorherrschaft der »weißen Rasse«, ausgehend von der Versklavung aus Afrika verschleppter Menschen - eine willentliche jahrhundertelange wirtschaftliche, soziale und psychische Ausbeutung von afrikanischen Männern, Frauen und Kindern im finanziellen und psychologischen Interesse einer von weißen Eroberern gegründeten Nation. Der Gedanke einer weißen Vorherrschaft hat alle Bereiche der Gesellschaft verdorben und ist noch heute dafür verantwortlich, dass die »Whiteness« für viele Menschen zentraler Aspekt ihrer Identität ist.

Wenn wir uns die Proteste im Land anschauen, müssen wir als erstes begreifen, dass es hier nicht um das Schleifen von historischen Denkmälern geht, die die Sklaverei oder ihre Protagonisten im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) verherrlichen. Vielmehr geht es um die Gegenwart, also darum, wie dieses Land sich selbst definiert oder definieren wird; wie es sich selbst und seine Zukunft sieht.

In der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Geschichte geht es um das Heute, nicht nur um das Gestern. Denn das kollektive Geschichtsverständnis der Gesellschaft bestimmt ihren Weg in die Zukunft. Deswegen ist es wichtig, wie die junge Generation von heute lernt - oder nicht lernt -, wie dieses Land entstanden ist und welche Rolle sie in seiner künftigen Weiterentwicklung spielen wird.

Der große schwarze Freiheitskämpfer Malcolm X erinnerte immer daran, dass bei all unseren Studien insbesondere ein richtiges Geschichtsverständnis die wichtigsten Erkenntnisse bringt. Er war sich dessen nicht nur bewusst, weil sein Lehrmeister Elijah Muhammad, Gründer der »Nation of Islam«, es ihm beigebracht hatte, sondern weil er es durch seine unmittelbare Lebenserfahrung begriffen hatte. Als Strafgefangener in einem US-Staatsgefängnis war er derart verhasst, dass er den Spitznahmen »Satan« verpasst bekam. Doch sein Verständnis für die tieferliegende Geschichte des schwarzen Volkes in den USA verwandelte ihn buchstäblich in einen neuen Menschen. Er entwickelte Respekt für seine Mitmenschen, sein Leben bekam einen Sinn und, was vielleicht noch wichtiger war, eine Perspektive, die ihm half, die Welt zu betrachteten, zu begreifen, zu interpretierten und Dinge in ein Verhältnis zu setzen.

Darin liegt der eigentliche Wert eines wahrhaftigen Geschichtsverständnisses: Es lehrt uns das Jetzt und nicht nur das Damals. Das Festhalten am Vergangenen ist der Grund, warum nun einige Denkmäler, grün angelaufen und mit Taubenscheiße überzogen, im Mittelpunkt einer aktuellen gesellschaftlichen Debatte stehen. Die Präsidentschaft von Donald Trump signalisierte von Anfang an einen großen Schritt zurück in der Geschichte. Seine Politik bringt eine tiefgreifende Angst vor der Zukunft, vor Wandel und Umgestaltung zum Ausdruck. Deshalb klammern sich der US-Präsident und seine Anhängerschaft so an das Gestern und berufen sich auf »die Tradition« - als ob die wesentliche Tradition dieses Landes jemals etwas anderes war als die Versklavung und Ausbeutung der Schwarzen, die den Weg zur internationalen Wirtschaftsmacht ebnete.

Der Name Charlottesville steht deshalb für einen Wendepunkt, an dem die Nation sich entweder der Vergangenheit zuwenden oder aber voranschreiten und eine neue Seite der Geschichte aufschlagen kann. Darüber muss allein die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika entscheiden.

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