Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

26.08.2017

Rassistischer Bann

Von Jürgen Heiser

Vor 60 Jahren verweigerten der Gouverneur von Arkansas und ein Mob weißer Bürger schwarzen Schülern den Zutritt zur High School von Little Rock

Zu Beginn des Schuljahres im Herbst 1957 sollten überall in den USA schwarze und weiße Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Das hatte der Oberste Gerichtshof der USA im Klageverfahren »Brown gegen Board of Education« drei Jahre zuvor entschieden. Das Verfassungsgericht der USA hatte die »Rassentrennung in öffentlichen Schulen« in seiner Grundsatzentscheidungen als »verfassungswidrig« gebrandmarkt und die Schulbezirke aller US-Bundesstaaten angewiesen, schwarze Schülerinnen und Schülern in bislang nur von Weißen besuchte staatliche Schulen aufzunehmen. Zu dieser Zeit galten in zahlreichen US-Bundesstaaten noch Segregationsgesetze, die vorschrieben, schwarze und weiße Schüler getrennt zu unterrichten. Der Widerstand der weißen Bevölkerung gegen den Richterspruch erwies sich gerade in den Südstaaten als so penetrant, dass der Gerichtshof 1955 mit »Brown II« eine zweite Entscheidung fällte, die jene von 1954 bekräftigte und die Behörden aufforderte, schwarze Schüler »unverzüglich zu integrieren«.

»Pöbel wird rasen«

In Südstaaten wie Arkansas, in denen auch lange nach der Niederlage der konföderierten Sklavenhalter im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) immer noch offener Rassismus herrschte, zeigte die Mehrheit der Weißen keinerlei Bereitschaft, der höchst­richterlichen Anweisung zu folgen. Als in Little Rock, der Hauptstadt von Arkansas, bekannt wurde, dass schwarze Jugendliche ab Anfang September 1957 die Central High School des Ortes besuchen würden, verkündete Gouverneur Orval Faubus (1910-1994): »Wenn man den Negern die Schulklassen gewaltsam öffnet, dann wird Blut fließen und der Pöbel rasen.« Er gab vor, die schwarzen Schüler »zum eigenen Schutz« von der High School fernzuhalten, doch war der Gouverneur, ein Mitglied der Demokratischen Partei, wegen seiner Befürwortung der Rassentrennung berüchtigt. Wie kein zweiter provozierte er durch seine unverhohlene Ablehnung der Entscheidung des Supreme Courts erst die Raserei hasserfüllter Weißer. Zum Auftakt der gewaltsamen Krawalle ließ Faubus am Abend des 2. September, zwei Tage vor Schulbeginn, die Nationalgarde in der Stadt aufmarschieren. Der Befehl lautete, die Schule zu umstellen und den schwarzen Jugendlichen unter allen Umständen den Zugang zum Schulgebäude zu verwehren.

Faubus widersetzte sich damit sogar der Schulbehörde von Little Rock, die sich zur Befolgung der juristischen Entscheidungen entschlossen hatte und in kleinen Schritten die Integration zunächst nur an den High Schools einleiten wollte. Die zögerliche Haltung der Behörde erfolgte aus Rücksichtnahme gegenüber den Befindlichkeiten der weißen Schüler und ihrer Eltern. Gegen diesen Beschluss opponierten vor allem das Capital Citizens Council (Rat der Hauptstadtbürger) und die Müttervereinigung Mother’s League of Central High School. Beide drohten erheblichen Widerstand für den Fall an, dass die Schulbehörde ihren Beschluss umsetzte.

Die schwarze Bürgerrechtsbewegung hingegen ließ keinen Zweifel daran, dass sie ihre wachsende Anhängerschaft dazu aufrufen würde, die Rechte ihrer Jüngsten gegen die rassistische Gewalt weißer Behörden und Bürger durchzusetzen. Die National Association for the Advancement of Colored People (Nationale Organisation für die Förderung farbiger Menschen, NAACP) von Arkansas suchte unter Freiwilligen neun Schüler aus, die versuchen sollten, den rassistischen Bann zu durchbrechen und zum ersten Mal am Unterricht der Central High School in Little Rock teilzunehmen. Die zwischen 15 und 17 Jahre alten Pioniere der schwarzen Schülerbewegung waren Minnijean Brown, Elizabeth Eckford, Ernest Green, Thelma Mothershed, Melba Pattillo, Gloria Ray, Terrence Roberts, Jefferson Thomas und Carlotta Walls. Sorgfältig ausgewählt hatte sie Daisy Bates (1914-1999), Präsidentin der NAACP von Arkansas und mit ihrem Mann Lucius Bates seit 1941 Herausgeberin der Arkansas State Press, einer für die Sache der afroamerikanischen Bevölkerung militant kämpfenden Wochenzeitung. Daisy Bates und ihre Mitstreiter führten lange Gespräche mit den neun Auserwählten und bereiteten sie sowohl auf den zu erwartenden gewaltsamen Widerstand der Weißen vor als auch auf ihr Verhalten im Unterricht, in dem mit der Feindschaft weißer Mitschüler zu rechnen war.

»Little Rock Nine«

Als die mutigen jungen Leute, die als »Little Rock Nine« in die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung eingingen, am 4. September zusammen mit einigen Begleitern erhobenen Hauptes auf die Central High School zugingen, stellte sich ihnen ein tobender Mob von Weißen entgegen, die mit Steinen warfen und die Schüler als »Kommunisten« beschimpften. Schließlich rissen sie die Jugendlichen brutal zu Boden und schlugen und traten auf sie ein. Die »Little Rock Nine« konnten an diesem Tag nur unter erheblichen Anstrengungen in Sicherheit gebracht werden.

Danach verhinderte die konzertierte Aktion aus Gouverneursamt, Nationalgarde und weißen Rassisten zweieinhalb Wochen lang jeden weiteren Versuch, die seit drei Jahren verbrieften Rechte schwarzer Schüler durchzusetzen. Erst am 20. September wurde Faubus per Beschluss eines Bundesgerichts zum Rückzug der Nationalgarde und zur Öffnung der High School für die neun Schüler gezwungen. Drei Tage später eskortierte die Polizei die schwarzen Schüler durch eine wütende Menge von mehr als tausend Weißen zu einem Nebeneingang der Schule, sah sich jedoch angesichts der Gewalt der Rassisten gezwungen, mit ihren Schützlingen schon bald wieder den Rückzug anzutreten und sie nach Hause zu begleiten.

US-Präsident Dwight D. Eisenhower fürchtete angesichts dieser Entwicklung und der auf andere US-Städte übergreifenden Unruhen um das internationale Ansehen und die nationale Sicherheit der USA. Per Dekret unterstellte er am 24. September die Nationalgarde von Arkansas dem Kommando der Washingtoner Regierung und ließ 1.200 Soldaten der 101. US-Luftlandedivision aus Fort Campbell (Kentucky) in Little Rock einrücken. Einen Tag später hätten die »Little Rock Nine« zum ersten Mal am Unterricht teilnehmen sollen. Doch ihre weißen Mitschüler verließen auf Geheiß ihrer unnachgiebigen Eltern geschlossen das Gebäude. In der Folge kam es zu erneuten schweren Ausschreitungen seitens der weißen Scharfmacher. Bewaffnet und in voller Kampfmontur mussten die Soldaten die schwarzen Schülerinnen und Schüler noch monatelang zur Schule und nach dem Unterricht wieder nach Hause geleiten, weil sie und ihre Familien weiter gewaltsamen Übergriffen und Todesdrohungen ausgesetzt waren.

https://www.jungewelt.de/artikel/317084.rassistischer-bann.html
© VVN-BdA Wuppertal