Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

25.08.2017
22. August 1927: Ermordung von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti in den USA

Albert Norden: Der 22. August 1927

An diesem Tage erhielten wir Nachricht von der Hinrichtung von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, der beiden amerikanischen Arbeiterführer italienischer Herkunft. Wenige Stunden später wogte ein Meer von vielen tausend Menschen durch die Straßen zum amerikanischen Generalkonsulat. Selten habe ich Menschen in solcher Erregung gesehen wie diese Hafen- und Metallarbeiter und Jugendlichen. Ihr Zorn über die millionenschweren Henker, die Richter und Gouverneure und ihre großkapitalistischen Bosse, die zwei Unschuldige auf den elektrischen Stuhl brachten, nur weil deren Gesinnung rot und darum unpassend war - dieser Zorn war nichts anderes als der Ausdruck eines brüderlichen Internationalismus, dem das Schicksal des klassenverwandten Menschen jenseits des Ozeans ebenso nahegeht wie das eines Familienangehörigen.

Ich war einer der Redner vor dem USA-Generalkonsulat. Wir Demonstranten mußten dabei gleichzeitig einen wütenden Polizeiansturm abwehren. Da die Schupos es besonders auf unsere Sprecher abgesehen hatten, fanden die demonstrierenden Werktätigen viele Methoden, ihre Redner zu schützen. Um den einen bildete sich ein undurchdringlicher Ring von Jungkommunisten, die Schläge über sich ergehen ließen, aber keinen Schritt zurückwichen. Mich umkreiste eine Gruppe radfahrender Genossen, auf diese Art der Polizei den Weg versperrend.

Was ein Polizeibericht darüber sagt

In einem vertraulichen Lagebericht der Polizei vom 14. Oktober 1927 wurde über diese Demonstrationen mitgeteilt: „Die Affaire Sacco und Vanzetti hat wie in vielen Städten Europas auch in Deutschland beträchtliche Ausschreitungen hervorgerufen. So kam es in Hamburg zu Unruhen ... Beim Bekanntwerden der Nachricht aus Amerika vom 4. August d. J., daß die Begnadigung der beiden Italiener abgelehnt und die Hinrichtung bevorstehe, forderte die `Hamburger Volkszeitung` zu Protestkundgebungen m 10. August auf ... Die Bewegung verschärfte sich als bekanntwurde, daß die Hinrichtung am 22. August erfolgt sei. Die `Hamburger Volkszeitung` verbreitete diese Nachricht durch Sonderausgabe und forderte zu Proteststreiks auf. In der Ausgabe vom 23. August wurde unter Wiedergabe der Nachricht über die Hinrichtung zum `Massenaufmarsch auf dem Heiligengeistfeld` am 24. August aufgefordert ... Am 22. August wurden bei der Zerstreuung von Ansammlungen in der Nähe des Generalkonsulats von Nordamerika 11 Personen, darunter der Gauleiter des hiesigen Frontkämpferbundes (Etkar André - A. N.), an die Wache gebracht.“

Der Polizeibericht informierte weiter, daß die Demonstrationen vor dem Konsulat bis zum 24. August andauerten. Unserer Partei und allen anderen Arbeiterorganisationen wurden vom 25. August an „sämtliche Aufzüge unter freiem Himmel bis auf weiteres verboten. Der Senat hat dieses Verbot am 26. August auf alle Versammlungen der bezeichneten Organisationen ausgedehnt und vorübergehend das Erscheinen der `Hamburger Volkszeitung` und der `Norddeutschen Zeitung` verboten.“

Die Polizei beklagte: „Wenn auch diese Augustunruhen durch energisches Eingreifen der Polizei schnell unterdrückt werden konnten, so haben sie doch wieder einmal deutlich gezeigt, wie leicht die Entfesselung eines revolutionären Ansturms möglich ist und wie leicht die Massen den radikalen Parolen folgen.“

Unsere Partei, die Werktätigen hatten durch die brutalen Polizeischläger 30 Schwerverletzte und einen toten Arbeiter zu beklagen. Unsere Zeitung blieb bis zum 5. September verboten, und öffentliche Kundgebungen unter freiem Himmel durften erst vom 4. Oktober 1927 an wieder stattfinden. Die Polizei und der sozialdemokratisch geführte Senat glaubten, uns damit treffen zu können. Aber das Gegenteil traf ein. Die Bürgerschaftswahlen am 9. Oktober 1927 brachten der KPD erheblichen Stimmenzuwachs, die Partei vergrößerte ihre Mitgliederzahl, und unser Einfluß in den Betrieben wuchs weiter.

Albert Norden: Ereignisse und Erlebtes, Berlin, 1981, Seite 61 ff.
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