Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Wuppertal

25.07.2017

Offener Brief von Regula Venske (PEN-Zentrum Deutschland) an die türkische Staatsführung

Regula Venske, Präsidentin der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland, wandte sich am Montag mit einem offenen Brief an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und an den türkischen Ministerpräsidenten Benali Yildirim

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht die Zeit haben werden. Oder sind Sie gerade nicht damit befasst, neue Deals und Taten zu planen, die das Tageslicht und eine kritische Berichterstattung durch eine freie Presse scheuen?

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht den Mut haben werden. Denn Politiker, die Verantwortung dafür tragen, dass in ihrem Land binnen eines Jahres mindestens 145.000 Beamte entlassen werden, mehr als 47.000 Menschen unter überwiegend absurden Anklagen, die einer rechtsstaatlichen Beweisführung nicht standhalten, inhaftiert werden und 100.000 Fälle vor dem Verfassungsgericht anhängig sind, mindestens 165 Journalisten verhaftet werden, was Ihr Land zum weltweit größten Gefängnis für Journalisten macht, dass mindestens 160 Verlags- und Medienhäuser geschlossen werden und mindestens 1.300 Verbände und Organisationen verboten werden - solche Politiker werden von Angst beherrscht und regieren selbst mit Angst und Willkür.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht den Anstand haben werden. Denn anständige türkische Politiker würden am 24. Juli den Tag der Türkischen Presse feiern und daran erinnern, dass am 24. Juli 1908 die Zensur in der Türkei abgeschafft wurde. Sie würden die besten Journalisten ihres Landes einladen und mit Preisen für mutige Berichterstattung auszeichnen, anstatt sie an den Pranger zu stellen und ins Gefängnis zu werfen.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht genug Liebe zu Ihrem Land haben werden. Denn sonst wären Sie stolz auf die bald hundertjährige Geschichte der Zeitung, die sich den Namen »Republik« gab und die die älteste Zeitung in der modernen Türkei ist, Cumhuriyet. Seit 1924 hat die Zeitung fünf Militärcoups überlebt. Viele ihrer Journalisten wurden inhaftiert, gefoltert oder fielen sogar politischen Attentaten zum Opfer. Noch nie aber gab es eine solche konzertierte Anstrengung, die Zeitung gänzlich zu eliminieren. Dieser Angriff auf die Cumhuriyet ist ganz offensichtlich ein politischer Angriff und zielt direkt auf die Pressefreiheit und die säkulare Republik.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht die Größe haben werden. Denn sonst würden Sie für eine unabhängige Justiz sorgen, anstatt martialische Reden zu schwingen, in denen Sie Ihren angeblichen Feinden barbarische Aktionen androhen. Sie würden Ihren Kritikern mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen.

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