24.04.2012

Wie lange wollen die verantwortlichen Politiker dem Treiben der Neofaschisten noch untätig zusehen? Müssen noch mehr Straftaten und Morde geschehen bevor reagiert wird?

Rede zur Wenzelnberg-Gedenkfeier am 22. April 2012 von Werner Faeskorn, VVN-BdA Remscheid

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde

Jedes Jahr im April findet hier am Wenzelnberg eine Gedenkfeier für die ermordeten 71 Opfer des Faschismus statt. „Wir werden euch nie Vergessen“, ist eine oft benutzte Redewendung bei Gedenkveranstaltungen. Dieses Versprechen allein reicht nicht. Die Tausenden, von Faschisten ermordeten Opfer, „nie Vergessen“, heißt alles zu tun, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen. Wer in unseren Tagen meint, so etwas gibt es bei uns nie wieder, übersieht die täglichen Medien-Meldungen über neofaschistische Aufmärsche und Straftaten, bis hin zu Brandstiftungen und Morden.

„Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ war 1945 die Forderung, der aus Gefängnissen und KZ - Lagern befreiten Häftlinge. Diese Forderung gilt auch heute noch. Sie ist Auftrag und Verpflichtung unserer jährlichen Treffen hier am Wenzelnberg.

Verehrte Anwesende

Die heute hier anwesenden jungen Menschen, veranlassen mich, über meinen Vater, Fritz Faeskorn, zu berichten. Sein Schicksal prägte unsere Familie, prägte mein Leben als Kind und Jugendlicher.


Werner Faeskorn, VVN-BdA Remscheid; r-mediabase.eu - jovofoto

In den Jahren vor 1933 war mein Vater in Hagen Mitglied der KPD und aktiver Gegner der faschistischen Gefahr für Deutschland. Er verteilte Flugblätter gegen die Nazis in einem Polizei Ausbildungslager. Ende 1932 wurde er dabei verhaftet und im März 1933 wegen Hochverrat, zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der „Strafverbüßung“, wurde er Ende 1934 aus der Haft entlassen.

Zu den Genossen der KPD in Hagen, hatte er wieder Kontakt und spendete eine Mark / fünfzig für die „Rote Hilfe“, einer Hilfsorganisation für inhaftierte Genossen und ihre Familien. Am 27. Mai 1935 wurde er mit vielen anderen Genossen, nachts erneut verhaftet.

Meine Mutter lag im Krankenhaus, meine ältere Schwester war bei Verwandten, mich ließ die Polizei mit 4 Jahren, nachts allein in der Wohnung zurück. Als Kind hatte ich viele Jahre Angst vor der Polizei.

Am nächsten Tag erfolgte die Überführung der Verhafteten nach Dortmund, in die berüchtigte „Steinwache“. Bei den Verhören konnte man meinem Vater nur die Spende für die - „Rote Hilfe“ - beweisen. Das reichte für ein neues Strafverfahren gegen ihn. September 1935 war der Prozess gegen 24 Angeklagte aus Hagen vor dem Oberlandesgericht in Hamm. Mein Vater wurde als „Wiederholungstäter“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Von Ende 1935 bis Dezember 1943 war mein Vater acht Jahre im Zuchthaus Münster in Haft. Auch Paul Claasen aus Solingen war dort lange inhaftiert. Kurz vor Weihnachten 1943 wurden sie mit einer großen Gruppe Häftlingen, mehrere Wochen mit unbekanntem Ziel, durch Deutschland transportiert. Mitte Januar 1944 kamen sie im KZ - Mauthausen bei Linz in Österreich an. In den Begleitpapieren der Häftlinge stand: „RU“, das hieß, - „Rückkehr unerwünscht“. Nach etwa acht Wochen wurden mein Vater und Paul Claasen in das Nebenlager KZ - Ebensee überführt. Das KZ war 1943, in einer schönen Landschaft am Traunsee bei Bad Ischl, auf Befehl der obersten SS-Führung, für die Raketen - und Rüstungsproduktion errichtet worden. Die Häftlinge mussten in kurzer Zeit riesige Stollen in die Berge treiben.

Im KZ -Ebensee waren von 1943 bis 1945 mehr als 27.000 Häftlinge aus vielen Ländern in Haft, ca. 8.400 von ihnen sind durch die schwere Arbeit beim Stollenbau, durch Unfälle, Hunger und Krankheit gestorben oder wurden von der SS direkt ermordet. Mein schwer erkrankter Vater hätte ohne die Hilfe von Paul Claasen, der im Krankenrevier arbeitete, das KZ nicht überlebt.

Am 6. Mai 1945 wurde das KZ - Ebensee von der amerikanischen Armee befreit. Paul Claasen und mein Vater sind nach der Befreiung aus dem KZ, von Ebensee bis Solingen und Hagen, zu Fuß in ihre Heimat zurückgekehrt.


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Als mein Vater 1933 zum erstenmal verhaftet wurde war ich drei Jahre, als er 1945 krank zurück kam, war ich 15 Jahre. Wurde ich als Kind gefragt, wo mein Vater war, hatte ich darauf keine andere Antwort, als zu sagen, er ist tot. Diese traumatischen Erlebnisse, die mein Leben mit prägten, möchte ich den nachfolgenden Generationen ersparen. Auch deshalb spreche ich heute hier.

Verehrte Anwesende

Die 1945 aus den KZ-Lagern, Zuchthäusern und andern Folterstätten befreiten Häftlinge, die Menschen vieler Länder, wollten ein neues Leben ohne Krieg und Faschismus. Ihre Forderung war eine harte Bestrafung der Verantwortlichen und der an den Verbrechen beteiligten Nazis. Die Nachkriegsgeschichte verlief leider anders. Viele SS-Offiziere und Naziverbrecher sind mit Hilfe der US-Geheimdienste und des Vatikan über die sogenannte „Rattenlinie“ ihrer Strafe entkommen. Sie fanden Unterschlupf in den USA oder in südamerikanischen Ländern.

Ihrer Ausbildung in der SS entsprechend wurden sie dort wieder tätig. Aber auch in der „alten Bundesrepublik“, waren nach 1945 Nazis führend tätig. Kein Richter, der in den Jahren der Nazidiktatur, Angeklagte zum Tode oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilte, wurde bestraft oder aus seinem Amt entfernt. Der in Hamm und anderen Gerichten bis 1945 verantwortliche Staatsanwalt Hubert Schrübbers war ab 1956 Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der SS -Offizier Reinhard Gehlen, war vor und nach 1945 Leiter der Auslandgeheimdienste, zum Beispiel des BND. In der Industrie, in Politik und Verwaltungen, in Schulen, Polizei und der Bundeswehr, waren SS-Leute, oder Offiziere der faschistischen Wehrmacht und Nazifunktionäre, in führenden Positionen beschäftigt. Ihre faschistische Überzeugung gaben sie an junge Menschen weiter.

Verehrte Anwesende

In der Endphase des faschistischen Krieges wurden, so wie hier am Wenzelnberg, Tausende Menschen ermordet. Von den vielen Mordstellen in Deutschland nenne ich nur zwei Orte: Dortmund, Rombergpark: Vom 7. März bis 12. April 1945 wurden dort 300 deutsche und ausländische Menschen erschossen. Hagen, Steinbruch -Donnerkuhle: Anfang April 1945 wurden 12 sowjetische Zwangsarbeiter, am 12 April 1945, 12 Häftlinge aus Hagener Gefängnissen, dort ermordet. Auch der Antifaschist August Schumacher aus Wermelskirchen wurde in der „Donnerkuhle“ von der Gestapo erschossen. Von den beteiligten Verbrechern dieser Endfasenmorde wurde nach 1945 fast keiner bestraft.

Verehrte Anwesende.

Wir verfolgen mit großer Sorge, dass neofaschistische Aufmärsche und Provokationen, zunehmend das Straßenbild unserer Städte bestimmen. Diese Aufmärsche werden mit großem Polizeiaufgeboten, unter Berufung auf Artikel 8/Absatz 1 (Versammlungsgesetz) und Artikel 5/Absatz 1 (freie Meinungsäußerung), gegen den erklärten Willen der Bevölkerungsmehrheit, gewaltsam durchgesetzt.

Sorge bereiten uns auch die Mordtaten der Neonazis. Nach aktuellen Berichten der Amadeu - Antonio - Stiftung gibt es seit 1990 über 200 Todesopfer in Deutschland. Von der Bundesregierung werden diese auf „nur 58“ herunter manipuliert.

Eine unhaltbare Situation ist, dass, anstatt gegen Neofaschisten wegen Verbreitung faschistischer Propaganda, zu ermitteln, gegen junge Menschen ermittelt wird, die sich den Neonazis in den Weg stellen.

Es ist nicht zu verstehen, dass am 8. 12. 2010 das Bundesverfassungsgericht ein Publikationsverbot für die „Verbreitung rechtsextremistischen oder nationalsozialistischen Gedankenguts“ ablehnte, und ein solches Verbot, als eine Verletzung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit, bezeichnete.

Fast unglaublich ist, dass das NRW-Innenministerium an Schulen eine Broschüre verbreiten lässt, in der die Losung der VVN-BdA „Der Faschismus ist keine Meinung - sondern ein Verbrechen!“ als Aufforderung zum Gesetzesbruch diffamiert wird. Damit würden wir dem politischen Gegner demokratische Rechte absprechen.

Ein Skandal ist, dass der gültige Artikel 139 des Grundgesetzes, wonach alle Nachfolge - und Tarnorganisationen der NSDAP zu verbieten und aufzulösen sind, keine Anwendung findet.

Wir verstehen nicht, dass Bemühungen die neofaschistische NPD zu verbieten, von der Bundesregierung sorgsam umgangen wird. 175.000 Unterschriften für ein NPD-Verbot vermodern seit Jahren im Keller des Bundestages.

Uns bereitet es große Sorge, dass Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Militarismus bereits in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind.

Wir haben kein Verständnis für die Zulassung neofaschistischer, rassistischer und ausländerfeindlicher Parteien zu den Landtagswahlen in NRW.

Deshalb möchten wir hier und heute, statt eines stillen Gedenkens, protestieren gegen die staatliche Duldung faschistischer Propaganda und dem Polizeischutz neofaschistischer Aufmärschen. Das sind wir den hier beigesetzten 71 Toten schuldig.

Verehrte Anwesende.

Wir übersehen nicht das der Widerstand gegen neofaschistische Aktivitäten bei uns, politisch und weltanschaulich, größer geworden ist. Viele, vor allem junge Menschen, beteiligen sich an Kundgebungen gegen Neofaschisten. In immer mehr Städten gibt es Bündnisse gegen rechtsradikale Gruppen. Aber: die rechtsradikale Gruppe Pro NRW will dieses Jahr am 1.Mai in Remscheid, Solingen, Wuppertal und anderen Städten mit ausländerfeindlichen, neofaschistischen Parolen demonstrieren. Die friedlichen Maikundgebungen der Gewerkschaften sollen gestört werden. Von den Behörden und der Polizei verlangen wir ein Verbot dieser provokativen Demonstrationen. Wie lange wollen die verantwortlichen Politiker dem Treiben der Neofaschisten noch untätig zusehen? Müssen noch mehr Straftaten und Morde geschehen bevor reagiert wird? Das können und wollen wir nicht weiter dulden.

Verehrte Anwesende.

Die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten“ fordert seit viele Jahre das Verbot der NPD und anderer neofaschistischer Organisationen. Gemeinsam mit allen Gegnern der Neofaschisten müssen wir diese Verbote erreichen.

Mit einem Zitat aus dem Schwur der befreiten Häftlinge des KZ - Buchenwald, möchte ich meine Ausführungen beenden:

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.

Von der Verwirklichung dieses Schwurs, sind wir in der Bundesrepublik Deutschland, noch weit entfernt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


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